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Kennen Sie Marseille?
(Leseprobe aus: Hüben und Drüben,
Betrachtungen eines eingedeutschten Franzosen, 2005, E. Goroncy Verlag).
Neben dem Ausüben eines wohlverdienten Nichtstuns und dem Ausgeben eines hartverdienten Geldes, stellt der Urlaub in Frankreich für den in Deutschland lebenden Franzosen eine wunderbare Gelegenheit dar, ungehemmt in seiner Muttersprache zu schwelgen. Ohne vorher groß über seine Sprechabsichten nachdenken zu müssen, plappert er einfach los, lässt sich über das Wetter aus, albert mit Hunden rum, gibt anderen Franzosen bereitwillig Wegauskünfte zu Orten, von denen er erst vor fünf Minuten gehört hat, kurz: er tobt sich aus. Dabei begleitet ihn immer die Sicherheit, verstanden zu werden, denn im Unterschied zu den Deutschen, die sich manchmal untereinander nicht verstehen (versuchen Sie mal, sich in Hannover auf Pfälzisch zu unterhalten!), sprechen die Franzosen eine im Großen und Ganzen einheitliche Sprache mit einer einheitlichen Grammatik. Die Bedingungen für eine parasitenfreie Kommunikation sind also gegeben. Denkt er. Da hat er aber nicht mit der Wirkung seines deutschen Nummernschildes sowie den voreiligen Schlüssen gerechnet, die dieses Nummernschild mit sich bringt. Zum Beispiel sitzt er im Fernsehraum der Villa, in der er seine Ferienwohnung gemietet hat, Seite an Seite mit der hübschen Frau aus Südfrankreich, die am Samstag mit ihrer Familie eintraf. Ihr Auto parkte neben seinem und er glaubte, von den Lippen der Frau die Worte „des Allemands“, also „Deutsche!“ abgelesen zu haben. Jetzt sitzen „les Allemands“ und die Frau aus Südfrankreich gemeinsam vor den Nachrichten, die über irgendeine Bluttat in Marseille berichten. Die Frau dreht den Kopf zu ihm und sagt sehr langsam, indem sie jede Silbe sorgfältig von den anderen trennt:
« Mar-seille. Vous connaissez Mar-seille ?
C’est-une-ville. C’est-la-ville-où-nous-ha-bitons.»
« Ach so, Sie wohnen in Marseille? Ja, sicher kenne ich Marseille, ich habe zwei Jahre lang in Arles gelebt, schließlich sind es nur 90 Kilometer Entfernung », antwortet „der Deutsche.“
„Ah!“
Die Frau versucht still, ihre Gedanken zu ordnen.
„Der Deutsche“ spricht aber weiter: „Meine Frau und ich mögen die Provence sehr.
Sollten wir einmal reich werden, möchten wir ein Haus dort kaufen.“
„Sie können aber gut Französisch.“
„Das ist kein Kunststück, ich bin nämlich Franzose. Aber ich lebe in Deutschland.“
Daraufhin unternimmt die Frau eine letzte Anstrengung, um ein Nummernschild mit einer unerwarteten Sprachfertigkeit in Einklang zu bringen:
„Das wundert mich nicht, ich habe Ihren deutschen Akzent sofort erkannt.“
Rezension I Buchbestellung I home II08 LYRIKwelt © J.Ph.Devise