Offene
Antworten
(Leseprobe aus: Offene Antworten, 2003,
Transit-Verlag)
(Aus dem Vorwort)
Es begann im Jahr 1989. Volker
Ludwig vom Berliner Kinder-und Jugendtheater»Grips« besuchte mich in Tel-Aviv
und schlug mir vor, aus meiner Autobiographie »Ich trug den gelben Stern« ein
Theaterstück zu machen, das dann unter dem Titel »Ab heute heißt Du Sara«
mit großem Erfolg (inzwischen auch auf vielen Bühnen in ganz Deutschland
gespielt) uraufgeführt wurde.
Dieser Premiere folgten Einladungen von Schülern und Lehrern, um ihnen noch
genauer, als ein Theaterstück es kann, über die Nazizeit, so wie ich sie
erlebt und überlebt hatte, zu berichten. Begegnungen in Schulen waren mir nicht
neu – und ich hatte sie eigentlich in unguter Erinnerung. Es war Ende der
siebziger Jahre, und es bedurfte großer Überredungskunst eines befreundeten
Politikers, mir überhaupt die Türen von Schulen zu öffnen, und zweitens
erlebte ich, wie stark einige Schüler politisch noch von ihren Eltern geprägt
waren. »Mit welchem Recht verlangen die Juden von uns Wiedergutmachung?« war
nur eine der typischen Fragen, und wenn meine Antwort nicht gefiel, verließen
sie, die Tür hinter sich zuknallend, den Raum.
Mehr als zehn Jahre später war alles anders, ich konnte den vielen Einladungen
kaum noch folgen, Briefe erreichten mich zu Hunderten, und die Neugier, etwas über
die Nazizeit zu erfahren, war groß. »Wußte man damals schon, auf was das
hinausläuft, als Hitler an die Macht kam?« oder »Haben Sie sich manchmal gewünscht,
keine Jüdin zu sein?« Solche Fragen, nicht einfach zu beantworten, stürmten
auf mich ein, und ich antwortete so offen wie möglich.
Viele Kinder schrieben mir anschließend Briefe. Diese Briefe zeigen, wie
wichtig Berichte einer »Zeitzeugin« sein können, für Kinder viel wichtiger,
als drei Seiten Geschichtsbuch auswendig zu lernen. Und sie zeigen auch, daß
gerade für junge Menschen nichts überzeugender ist als eine genau und offen
wiedergegebene persönliche Erfahrung.
Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © Transit-Verlag