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Die
Fakultät
(Leseprobe aus:
Die Fakultät,
Roman, 1998/2002, Unionsverlag - Übertragung
Claudia Wuttke).
Im vierten Stock angekommen, waren
die Massen Papier, die Stille und die Finsternis so vollkommen, dass Novario der
Mut verließ.
»Ich glaube, sie haben die Sachen weggeräumt.«
»Brauchten Sie nicht gerade die Dunkelheit, um sich zu
orientieren?«, fragte Granados provokant.
»Die Dunkelheit verändert sich mit den Jahren.«
Während Novario sich auf der Suche nach Anhaltspunkten
ein Stück vorwagte, redete Selva leise auf mich ein.
»Und wenn er die Papiere findet und uns nichts sagt?
Dann kommt er später noch einmal her, holt sie und nimmt sie mit in den Süden
...«
»In diesem Fall bringen wir ihn um.«
Selva Granados, die die Angewohnheit hatte, alles wörtlich
zu nehmen, lächelte mir zu. Erleichtert, auf dieser Welt jemanden gefunden zu
haben, der genauso dachte wie sie.
Nach einer halben Stunde des Zweifelns traf Novario
eine Entscheidung. Wir marschierten zuerst nach rechts, dann nach links, bis wir
in einen beängstigend kleinen Raum stolperten. Für ein paar Momente waren die
Wände wie Würgeeisen. Der Staub brachte mich zum Niesen.
»Sie bleiben hier in der Nähe der Säule«, befahl
mir Novario. »Hier hat sich die Gruppe damals versammelt, bevor es losging. Und
Sie, Frau Professor, müssen dort hinüber.«
Er zeigte auf etwas, was wie ein in die Papiere
gegrabener Tunnel aussah.
»Warum soll ich da rein?«
»Das ist ein Experiment. Sie müssen einfach zu einem
bestimmten Zeitpunkt, sagen wir in einer halben Stunde, aus dem Tunnel laufen,
so wie jene Studentin vor zwanzig Jahren. Vielleicht bringt mir das schlagartig
die Erinnerung zurück.«
Selva Granados zögerte. Entweder verstand sie Novarios
Plan nicht, oder ihr missfiel die Vorstellung, in besagten Schacht zu kriechen,
der voll hing mit Spinnweben.
»Ich muss diese Nacht wie in einem Theaterstück
wiederholen. So erwacht mein Gedächtnis. Einverstanden?«
Nach einigem Nachdenken erklärte Selva Granados sich
bereit. Novario verschwand mit Kurs auf ein unbekanntes Ziel.
»Ich bin sicher, das ist eine Falle.«
»Was sollen wir tun? Er hat uns in der Hand.«
»Immerhin bin ich es, die sich zwischen die Spinnweben
legen soll. Nicht, dass ich Angst vor Insekten hätte, aber der Jogginganzug ist
neu.«
Ich überließ sie ihren Zweifeln.
»Ich werde dort drüben suchen. Schreien Sie, wenn Sie
Hilfe brauchen.«
Schier endlose Minuten fuhr ich mit dem Strahl meiner Lampe
die Wände aus Papier entlang, immer auf der Suche nach einem blauen Zipfel. Es
war nicht leicht, unter der grauen Staubschicht eine Farbe zu erkennen. Eine
blaue Mappe fand ich, doch sie enthielt eine Arbeit über Jesuitenmissionen. Als
sich meine Augen endlich an den minimalen Farbunterschied der Dokumente gewöhnt
hatten, fand ich noch ein paar mehr blaue Mappen, gefüllt mit Statistiken,
einer Doktorarbeit über Parmenides, einer Monografie zu Thot, dem ägyptischen
Gott, über das Verhalten der Vulkane, den Gebrauch der Zwölfsilbentechnik im
Werk eines vergessenen Poeten.
Eine Mappe zu sichten war schwierig genug. Entweder lag
sie unter Kilos von Papier begraben und man musste sie mit einem schnellen Griff
herausziehen, oder sie lag ganz oben und man musste wahre Gebirge erklimmen, um
sie zu fassen zu bekommen. Hinzu kam, dass einige der Dokumente in
verschlossenen Metallkästen eingelagert waren. Wenn wir sie nicht aufbrechen
konnten, um den gesamten Bestand zu inventarisieren (was Jahre dauern würde),
kamen wir nie an sie heran.
Ich hatte schon allen Mut verloren, als ich ganz oben
auf einer Säule ein blaues Heft entdeckte. Da es nur wenige davon gab, wollte
ich mir die Mühe machen. Ich kletterte auf einen Bücherstapel, aber es reichte
noch nicht. Ich stieg auf einen riesigen Papierblock, von dem aus ich mit einem
Sprung das Heft zu erwischen versuchte. Diesmal funktionierte es. Die Seitenränder
waren vergilbt, doch in der Mitte waren die Blätter weiß. Auf der ersten Seite
stand in winzigen Buchstaben und mit großem Abstand zwischen den Wšrtern
warnend geschrieben:
»Dieses Heft ist leer.«
Die restlichen Seiten waren unbeschrieben. Als ich mit dem
heiklen Abstieg begann, spürte ich den Block unter mir erzittern. Ich
versuchte, mich festzuhalten. Die Taschenlampe fiel gegen die Papierkanten
prallend zu Boden und erlosch. Die Dunkelheit war absolut und gleichzeitig in
Bewegung. Mir war, als würde eine glibberige Bestie unter dem Papierberg
entlangrobben, und ich stürzte wie noch eine Mappe mehr hinunter. Ein
verlorenes Blatt unter Tausenden.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Unionsverlag