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Privatsachen
(Leseprobe aus: Privatsachen, Roman, 2009, Elfenbein - Übertragung Felice Balletta und Sven Limbeck).
»Die äußere Moral wurde in diesen Familien so
streng überwacht, dass man es oft schon anstößig fand, wenn eine berühmte
Schauspielerin oder Tänzerin, der Titel eines Romans oder der Name eines
intelligenten Autors erwähnt wurden. Niemals kam bei Besuchen bei der Dame des
Hauses ein Gesprächsthema über die Lippen, das auch nur im Entferntesten als
freizügig hätte ausgelegt werden können. In den Unterhaltungen konnte man nur
über Religion, Krankheiten, die Erziehung der Kinder oder Fragen des Personals
oder Besitztums sprechen. Politik wurde nur sehr vage und unter malerischen
Gesichtspunkten kommentiert.
Die moralische Strenge war rein äußerlich und verhinderte keineswegs, dass nicht
im Herzen der am besten dastehenden Familien heimlich jede nur denkbare sexuelle
Armseligkeit vorkam, dass sich Fälle schändlicher Degeneration verzeichnen
ließen, dass ein angesehener Herr mit weißem Haar, Träger von Baldachinen und
Kerzen, ein Homosexueller war, mit allen Folgen, die das hatte, oder ein Sadist,
der seine Neigungen feige versteckt in der Mitwisserschaft niedersten Volks
pflegte.
In einer Zeit, da das galante Leben unserer Stadt noch nicht das Ausmaß und die
Schamlosigkeit von heute angenommen hatte, gingen manche dieser Aristokraten
ihren sexuellen Neigungen im Umfeld von Plebs und Gosse nach. Es war nichts
Besonderes, wenn sich aller Reiz in den Strümpfen einer Köchin oder in der
Leibesfülle einer ausländischen Amme verdichtete. Ein Aristokrat, der einer
Tänzerin am Liceu ein Diamantkollier schenkte oder einer Modistengehilfin einen
Hut kaufte, der mit Stoffkamelien oder dunkelblauen Vogelfedern verziert war,
der galt als skrupellos, als Mann, der seine eigene Klasse öffentlich
beleidigte.«
Rezension I Buchbestellung I home III09 LYRIKwelt © Elfenbein Verlag