Privatsachen von Josep Maria de Sagarra, 2009, Elfenbein

Josep Maria de Sagarra

Privatsachen
(Leseprobe aus: Privatsachen, Roman, 2009, Elfenbein - Übertragung Felice Balletta und Sven Limbeck).

»Die äußere Moral wurde in diesen Familien so streng überwacht, dass man es oft schon anstößig fand, wenn eine berühmte Schauspielerin oder Tänzerin, der Titel eines Romans oder der Name eines intelligenten Autors erwähnt wurden. Niemals kam bei Besuchen bei der Dame des Hauses ein Gesprächsthema über die Lippen, das auch nur im Entferntesten als freizügig hätte ausgelegt werden können. In den Unterhaltungen konnte man nur über Religion, Krankheiten, die Erziehung der Kinder oder Fragen des Personals oder Besitztums sprechen. Politik wurde nur sehr vage und unter malerischen Gesichtspunkten kommentiert.
Die moralische Strenge war rein äußerlich und verhinderte keineswegs, dass nicht im Herzen der am besten dastehenden Familien heimlich jede nur denkbare sexuelle Armseligkeit vorkam, dass sich Fälle schändlicher Degeneration verzeichnen ließen, dass ein angesehener Herr mit weißem Haar, Träger von Baldachinen und Kerzen, ein Homosexueller war, mit allen Folgen, die das hatte, oder ein Sadist, der seine Neigungen feige versteckt in der Mitwisserschaft niedersten Volks pflegte.
In einer Zeit, da das galante Leben unserer Stadt noch nicht das Ausmaß und die Schamlosigkeit von heute angenommen hatte, gingen manche dieser Aristokraten ihren sexuellen Neigungen im Umfeld von Plebs und Gosse nach. Es war nichts Besonderes, wenn sich aller Reiz in den Strümpfen einer Köchin oder in der Leibesfülle einer ausländischen Amme verdichtete. Ein Aristokrat, der einer Tänzerin am Liceu ein Diamantkollier schenkte oder einer Modistengehilfin einen Hut kaufte, der mit Stoffkamelien oder dunkelblauen Vogelfedern verziert war, der galt als skrupellos, als Mann, der seine eigene Klasse öffentlich beleidigte.«

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