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Die unsichtbaren Stimmen
Pajaritas Bruder Artigas erinnerte sich genau daran, wann Tía Tita zu ihnen gezogen war: Es war 1899 – als Pajarita das erste Mal geboren wurde, vor dem Baum, vor dem Wunder.
In jenem Jahr war Artigas vier geworden, und seine Mutter, La Roja, war bei der Geburt seiner Schwester gestorben. Sie ließ nichts zurück außer einem Meer aus Blut und einem neugeborenen Kind mit großen schwarzen Augen. Die vorige Geburt hatte auch zu einem Tod geführt, aber damals war es das Kind gewesen, das starb, und Mamá war noch eine Weile dageblieben, um zu kochen und zu singen. Diesmal hörte sie auf, sich zu bewegen. Ihr Blut durchtränkte den Stapel aus Fellen, auf denen die Familie schlief, und die Felle waren für immer ruiniert. Deshalb erschrak Artigas, als er sah, wie sein Vater, Miguel, sich damit das Gesicht rieb und weinte. Seine Haut war rot verschmiert. Das Neugeborene schrie. Miguel ignorierte es. In dieser Nacht konnte niemand schlafen. Am Morgen kam Tía Tita und blickte sich in der Hütte um. La Rojas Rinderschädelhocker stand nicht an seinem Platz am Tisch. Miguel hielt ihn mit beiden Händen fest, saß reglos da, zur Wand gedreht. Hinter ihm hockte Artigas auf den verschmierten Fellen, das zappelnde Neugeborene im Arm. Die Kochmulde war kalt und leer; Tía Tita füllte sie mit Holz. Sie schrubbte die Blutfl ecken von der Wand, machte tortas fritas, schleppte die blutgetränkten Felle nach draußen und rieb die Kleider sauber. Sie fand vier Hügel weiter eine junge Mutter, die das noch namenlose Kind stillen konnte. Esa bebita, dieses Baby, so nannte man die Kleine an den Brunnen von Tacuarembó.
Tía Tita blieb bei ihnen, und Artigas war froh darüber; seine Tante war wie ein Ombú-Baum, mit einem kräftigen Stamm und sehr lebendig, auch wenn sie schwieg. Artigas rollte sich in ihrem Schatten zusammen. Er schlief, an die warme Rinde ihres Körpers geschmiegt. Die Jahreszeit wechselte von kalt zu heiß und wieder zurück zu kalt. Miguels Herz wurde hart wie Rindfl eisch im Rauch. Er fasste die Kleine nicht an. Eines Abends – als der Winterwind durch die Ritzen in der Wand fegte und die Baumwipfel sich draußen vor dem klaren Himmel verbeugten und der Mond so riesengroß aussah, als würde er gleich ein Kalb zur Welt bringen – da weinte das Kind jämmerlich in Titas Armen.
»Mach, dass sie still ist, Tita«, sagte Miguel.
»Es ist der Wind. Und sie bekommt Zähne.«
»Dann bring sie um, die kleine Hure!«
Artigas kauerte im Schatten. Seine namenlose Schwester betrachtete ihren Vater mit großen Augen.
Tita sagte: »Miguel.«
»Halt den Mund.«
»Miguel. Beruhige dich.«
»Ich bin ganz ruhig. Ich habe gesagt, bring sie um.«
Tía Tita schlang die Arme fester um die Kleine und starrte ihren Bruder an, der das Kind anstarrte, welches den Blick nicht abwandte. Artigas verspürte den Drang, sich zu übergeben. Er konnte den Gesichtsausdruck seines Vaters nicht ertragen, diesen Blick, der einen Menschen in Stücke hätte zerschneiden können.
Das Feuer wurde schwächer, es knackte und knisterte. Sein Vater drehte sich um und zwängte sich durch den Ledervorhang nach draußen. Artigas stellte sich vor, wie er dort stand, allein, unter der gewölbten Sternenkuppel. Dann hörte er, wie Miguel auf sein Pferd stieg und über die fl ache Ebene davonritt.
Am nächsten Morgen war die Kleine verschwunden. Obwohl sie alle auf denselben Fellen schliefen, hatte die Familie Torres nichts bemerkt. Eine ausgiebige Suche in der Umgebung brachte kein Ergebnis: keine Krabbelspuren, keine Indizien, keine winzig kleine Leiche. Eine Woche nach ihrem Verschwinden erklärte der allgemeine Tratsch von Tacuarembó das kleine Mädchen für tot – oder, wie die fromme Doña Rosa sich ausdrückte, man glaubte, sie sei von den Engeln in den Himmel getragen worden. Sie war verhungert. Sie war gestorben, weil niemand für sie sorgte. Sie war in den Klauen einer Eule gestorben, unbenannt, unerwünscht. Miguel sagte nichts dazu, er stimmte nicht zu, widersprach aber auch nicht, er weinte nicht, er lächelte nicht.
Nur Tía Tita fahndete weiter nach ihr, im unermüdlichen Trott. Überall suchte sie: auf den grünen Feldern, den fl achen Hügeln, im dichten Gebüsch, bei den hohen oder niedrigen oder schattigen Bäumen, auf den sonnigen Abhängen, die zur Stadt führten, auf der Plaza, in der Kirche, in den drei Steinbrunnen und in den Häusern – den Ranchitos, die über die Landschaft verstreut waren, kleine Würfel mit ausgeschnittenen Fenstern, und die Frauen drinnen schnalzten mit der Zunge und antworteten gestikulierend mit einem Nein. Am Abend braute Tía Tita einen Tee aus Ombúund Ceibo-Blättern. Sie starrte auf die heißen, nassen Formen der Teeblätter und suchte nach einer Botschaft, die ihr den Aufenthaltsort der Kleinen verriet oder wenigstens ihren Tod bestätigte. Es gab keine Botschaft. Die Suche ging weiter.
Manchmal nahm sie Artigas mit. Eine dieser Unternehmungen veränderte ihn für immer (und viele Jahre später, als er, schon ein älterer Mann, Gewehre durch den Urwald transportierte, fragte er sich, ob er vielleicht ganz normal in Tacuarembó geblieben unddort alt geworden wäre, wenn es diesen Tag nicht gegeben hätte). Es geschah an einem Sonntag, der mit einer Messe in der Stadtkirche begonnen hatte, diesem Ort, den Artigas hasste, weil er ihn immer daran erinnerte, wie er seine Mutter das letzte Mal gesehen hatte, aufgebahrt, in schwarze Tücher gehüllt und mit Blumen bedeckt. Der Priester sprach mit so viel Leidenschaft, dass sich in seinen Mundwinkeln die Spucke sammelte, und Artigas taten die Knie weh. Auf dem Heimweg zog die Tante an den Zügeln und änderte ihre Route, ohne Vorwarnung und ohne Erklärung. Artigas schaute auf die Wiesen und Felder, auf die hohen Eukalyptusbäume, die Schafe in der Ferne. Nirgends eine Spur von seiner Schwester. Sie ritten schweigend weiter, durch die brütende Sonnenhitze. Eine Stunde verging. Artigas wurde unruhig.
»Tía«, rief er, »wie lange wollen wir noch suchen?«
Sie antwortete nicht, verlangsamte auch nicht das Tempo. Ihr Rock zischelte mit seinem leisen Swisch, swisch über das Fell des Pferdes. Vielleicht diente der Umweg ja auch dazu, ein spezielles Kraut, ein seltenes Blatt oder eine bittere Wurzel für einen ihrer Heiltees oder für eine Salbe zu fi nden. Tía Tita sammelte immer und überall. In der Stadt war sie bekannt dafür, dass sie ihre Röcke raffte bis übers Knie, um die Kräuter tragen zu können, die sie auf fremden Grundstücken gerupft hatte. Die Gardel-Jungen verspotteten Artigas und riefen: Wir haben die Beine deiner Tante gesehen, verschmiert mit Matsch, deine Tante ist verrückt, sie sucht nach toten Kindern. Artigas war zerkratzt und blutverschmiert und als Sieger nach Hause gekommen.
Als Tía Tita endlich anhielt, glitt sie vom Pferd und rührte sich nicht von der Stelle. Artigas rutschte ebenfalls auf den Boden. Da standen sie nun auf einem unbekannten Feld. Es gab hier weder Kühe noch Schafe noch Menschen und auch kein kleines Mädchen, das vom Himmel gefallen war, es gab überhaupt nichts, nur Gras und ein paar Ombú-Bäume. Leer. Leer. Schwestern fi ndet man nicht auf leeren Feldern. Kleine Mädchen überleben nicht in der Wildnis. Selbst wenn sie das Kind fi nden würden, wäre es verstümmelt, nur noch weiße Knochen und angefressenes Fleisch, wiedas Gerippe eines gerissenen Schafes. Artigas setzte sich hin und starrte auf Tía Titas Rücken, mit dem langen dunklen Zopf, der wie ein Saum zwischen den Schulterblättern nach unten führte. Sie stand so still da, dass es fast unwirklich schien. Er wartete. Nichts geschah. Die Sonne brannte auf sie herunter. Artigas schwitzte, und am liebsten hätte er auf irgendetwas eingeprügelt. Dieses leere, dumme Feld. Diese sengende Sonne. Dieser komisch reglose Rücken von Tante Tita. Er sprang auf.
»Tía, was tun wir hier?«
»Wir horchen. Auf die Vögel.«
Artigas machte den Mund auf, um diesem Unsinn zu widersprechen, aber er brachte keinen Ton heraus. Denn in der Sekunde, die er brauchte, um Luft zu holen, war es schon geschehen. Es war zu spät, die Geräusche des Feldes überfl uteten seinen Körper, Vögel sangen in der Luft und in den Zweigen, in seinen Knochen sangen die Vögel, und sie sangen, fein und laut und zart, verborgen unter der Haut, verborgen im Laub, sie sagten das Unsagbare mit ihrem Zwitschern und Schluchzen und Rufen, kaum auszuhalten war es, das Feld, die wilden kleinen Kehlen, die offene Welt, die seinen Verstand überstieg. Die Töne taten sich auf, sie leuchteten und verströmten eine geheime Musik, die ihn davontragen konnte und ihn nie wieder zurückbringen würde. Er war erfüllt von Angst und Schrecken und von noch etwas anderem, er hatte das Gefühl, gleich müsste er pinkeln oder weinen, aber es ging nicht. Deshalb vergrub er sein Gesicht im duftenden Gras und horchte auf die Vögel.
Sie fanden kein Kind an jenem Tag. Auch am Neujahrstag war es nicht Tía Tita, und es war auch nicht Artigas, sondern die kleine Carlita Robles, die mit der Neuigkeit auf die Plaza galoppiert kam. Artigas sah ihren nussbraunen Zopf, der hinter ihr her fl og und der die gleiche Farbe hatte wie ihr Pferd und auch genauso glänzte, als wären sie beide in denselben Farbtiegel gefallen. Der Zeitpunkt passte genau. Das Jahrhundert war neun Stunden alt. Die Pflastersteine der Plaza glitzerten in den Strahlen der Morgensonne. Müde Gestalten klammerten sich noch an den Ort des Feierns: schnarchende Trinker, junge Liebende, streunende Hunde, Artigas mit seiner alten Gitarre. Die fromme Doña Rosa war noch nicht wieder aus der Kirche gekommen. Seit Mitternacht war sie dort. Sie fastete seit Weihnachten, damit Gott nur ja kein böses Wunder schickte, ein Massaker oder die Cholera oder eine Flut von Untreue (allerdings nahm niemand ihre Bemühungen allzu ernst, denn drei Jahre zuvor war ihr Sohn mit den Rebellentruppen von Aparicio Saravia verschwunden, und seither war sie wie besessen vom Fasten und Beten. Wenn ihr Mann sie nicht finden konnte, ritt er zur Kirche, dort traf er seine Frau immer an, wie sie kniete und betete, und dann nahm er sie mit nach Hause, damit sie ihm sein Essen kochte. So ein geduldiger Mann, sagten die Leute. Kein leichtes Schicksal, wenn man ausgerechnet von Gott die Frau weggenommen bekam).
»Ich hab’s gefunden – das Wunder!«, rief Carlita. »Im Baum sitzt ein Kind!«
Artigas hörte auf, Gitarre zu spielen, die Paare hörten auf, sich zu küssen, und Alfonso, der Ladenbesitzer, hob seinen besoffenen Kopf von der Bank.
»Bist du dir sicher?«
»Natürlich bin ich mir sicher.«
»Dann wollen wir es uns mal ansehen.«
Sie gingen zuerst in die Kirche, um Doña Rosa Bescheid zu
sagen. Bunte Lichttupfer tanzten über ihre Köpfe, über Kirchenbänke
und Gänge und über Doña Rosas fromm gebeugten Rücken.
Carlita tauchte die Finger ins Weihwasser und machte das
Kreuzzeichen. Artigas tat es ihr nach, um ihr zu gefallen (sie war
so hübsch).
»Doña Rosa«, fl üsterte Carlita. »Das Wunder. In einem Ceibo-
Baum sitzt ein kleines Kind!«
Doña Rosa blickte von ihrem Rosenkranz auf. »Ein kleines
Kind?«
»Ja.«
»Ach.« Sie runzelte die Stirn. »Was für ein Segen.«
(...)
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