aus:Im Garten der sieben Dämmerunge von Miquel de Palol, 2007, Aufbau

Miquel de Palol

Im Garten der sieben Dämmerungen
(Leseprobe aus: Im Garten der sieben Dämmerungen, Roman, 2007, Aufbau - Übertragung Theres Moser, © Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 1999 (diese Ausgabe erschien 1999 erstmals im Aufbau-Verlag; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe Gmbh)

Mehr als einmal unternahm ich den Versuch, das Haus zu verlassen, obwohl mir Freunde und Nachbarn davon abrieten. Am vierten Tag waren die Vorräte aufgebraucht, die der Lebensmittelhändler unter den Kunden des Viertels verteilt hatte, bevor ihm ein halbes Dutzend vermummter Gestalten Geschäft und Schädel zertrümmerten. Es war an der Zeit, alles auf eine Karte zu setzen; die Wohnungen waren auch nicht sicher, und die Übel wurden nicht geringer, wenn man den Kopf in den Sand steckte und auf den Gnadenstoß wartete. Meine Mutter lebte in einem anderen Stadtteil, in dem es angeblich keine nennenswerten Verwüstungen gegeben hatte. In der Hoffnung, ihr möge nichts zugestoßen sein, beschloß ich, sie zu besuchen; ich überredete einen Nachbarn, den wir Peiritó nannten, mich zu begleiten. Wir brachen im Morgengrauen auf und fürchteten eher ein Zusammentreffen mit Heer oder Polizei als einen Überfall durch bewaffnete Banden. Wir durchquerten die halbe Stadt und machten einen großen Bogen um den Eixample, die am ärgsten betroffene und schutzloseste Zone. Auf den Straßen lag alles mögliche herum: zertrümmerte Möbel, aufeinandergetürmte, stinkende Menschen- und Tierkadaver, umgekippte Autos und ausgebrannte Fahrgestelle. Wir hatten Glück: Wir wurden von niemandem attackiert, und die einzigen, denen wir begegneten, ergriffen, als sie uns erblickten, wie vom Teufel besessen die Flucht. Wir nahmen die Diagonal stadtauswärts; es war ein grauer und kalter Tag. Als wir uns dem Haus meiner Mutter näherten, fühlte ich mich unweigerlich beklommen, den Anblick eines weiteren rauchenden Trümmerberges hätte ich nur schwerlich verkraftet. Zum Glück war es nicht so; als wir am Gitter ankamen, richteten zwei Männer den Lauf ihrer Sturmgewehre auf uns. Wir zeigten unsere Ausweise; einer der beiden blieb mit dem Finger am Abzug stehen, während der andere hineinging und uns gleich darauf den Weg freigab. Eine Hand hinter der Fensterscheibe im ersten Stock ließ den Vorhang fallen.
Im Innern des Hauses waren sieben oder acht Personen, die meisten bewaffnet. Ich bat Peiritó, zu warten.
»Claudia Miranda ist auf ihrem Zimmer«, teilte mir mein Begleiter mit.
Die Mutter empfing mich ohne Überschwang. Ihre Gesten waren zurückhaltend, aber ihre Augen verrieten die Freude, mich unverletzt zu sehen.
»Es müssen eine Reihe Entscheidungen getroffen werden«, kündigte sie an.
»Wir müssen jedenfalls weg von hier, einen sicheren Ort suchen und sofort aufbrechen«, erwiderte ich.
»Es gibt keinen völlig sicheren Ort, aber ich kenne einen, der im Vergleich zu anderen einigermaßen abgeschirmt ist.«
»Gut, dann fahren wir noch heute nacht dorthin. Wo liegt er?«
»Es ist ein Zufluchtsort hoch in den Bergen, den Pierre Gimellion vor einiger Zeit errichtet hat; du mußt einstweilen ohne mich dorthin.«
»Ich gehe nicht ohne dich«, erwiderte ich mit Nachdruck, und sie lächelte melancholisch, aber unerbittlich.
»Das ist lieb von dir, aber es geht nicht anders. Jemand muß unser Erbe retten, und ich benötige noch ein paar Wochen, um einiges zu regeln; ich würde es mir nie verzeihen, nachlässig gewesen zu sein.«
»Was kann denn wichtiger sein als das eigene Leben?« fragte ich, und wir begannen eine Diskussion, von der ich wußte, daß sie zwecklos war. Ich kannte meine Mutter nur zu gut: Wenn sie einmal eine Entscheidung gefällt hatte, konnte nichts auf der Welt sie davon abbringen. Ich gab mich geschlagen und setzte mich.
Ich weiß nicht, ob Grenzsituationen prinzipiell alle Menschen dazu bringen, über ihr Leben nachzusinnen; ich jedenfalls mußte an die Ungewißheit denken, in der fast jeder seine Wurzeln hat: an die entferntesten Winkel, die dem Ursprung am nächsten sind und sich plötzlich als die Erinnerung einer Erinnerung entpuppen, die durch Erklärungen jener beeinflußt ist, die glauben, all das weitaus besser zu kennen als du; oder als ein Foto von dir, auf dem du von lächelnden Gesichtern umgeben bist: Von manchen weißt du nicht einmal, wer sie sind, von anderen hat man dir erzählt, zwei oder drei sind schwer wiederzuerkennen, weil die Zeit das Ihre getan hat … Ich dachte an Freunde aus meiner Kindheit, erwog, ob ich es bedauern sollte, Barcelona zu verlassen, und ob es ungehörig wäre, diesen Umstand zu preisen. Schließlich dachte ich an meinen Vater, der für mich wenig mehr als eines dieser Gesichter auf den Fotos war, nur daß auf ihn öfter und nachdrücklicher hingewiesen wurde, wodurch sein Bild in meiner Phantasie zu einer liebevollen Erinnerung geworden war, die sich ohne Ironie als romantisch bezeichnen ließe. Ich betrachtete meine Mutter, die ebenfalls die Vergangenheit bewußt verschleierte. Sie war mir noch so viele Erklärungen schuldig! Das Leben beginnt mit dem Einsetzen der Erinnerungen, dort, wo sich der Faden der Vernunft abzeichnet; meines begann mit etwa drei Jahren, genau zu dem Zeitpunkt, als das meines Vaters zu Ende ging.
»Mach nicht so ein Gesicht«, sagte sie lachend. »Wir werden uns früher, als du denkst, wiedersehen.«
Selbst das unbedeutendste Leben einzelner Individuen ist ein winziges Spiegelbild der gesamten Menschheit, also versuchte ich, in meinem Inneren den Ursprung des kriegerischen Wahns zu finden. Über lange Zeit hinweg war behauptet worden, daß derartiges nicht geschehen könnte! Und noch immer gab es einige, die es nicht fassen konnten. Ich sah zum Fenster hinaus: Rauchschwaden oder Wolken? Vielleicht war das einerlei.

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