|
|
Im Garten der sieben Dämmerungen
(Leseprobe aus: Im Garten der sieben
Dämmerungen, Roman, 2007, Aufbau
- Übertragung Theres
Moser, © Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 1999 (diese Ausgabe erschien 1999
erstmals im Aufbau-Verlag; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe Gmbh)
Mehr als einmal unternahm ich den
Versuch, das Haus zu verlassen, obwohl mir Freunde und Nachbarn davon abrieten.
Am vierten Tag waren die Vorräte aufgebraucht, die der Lebensmittelhändler
unter den Kunden des Viertels verteilt hatte, bevor ihm ein halbes Dutzend
vermummter Gestalten Geschäft und Schädel zertrümmerten. Es war an der Zeit,
alles auf eine Karte zu setzen; die Wohnungen waren auch nicht sicher, und die
Übel wurden nicht geringer, wenn man den Kopf in den Sand steckte und auf den
Gnadenstoß wartete. Meine Mutter lebte in einem anderen Stadtteil, in dem es
angeblich keine nennenswerten Verwüstungen gegeben hatte. In der Hoffnung, ihr
möge nichts zugestoßen sein, beschloß ich, sie zu besuchen; ich überredete
einen Nachbarn, den wir Peiritó nannten, mich zu begleiten. Wir brachen im
Morgengrauen auf und fürchteten eher ein Zusammentreffen mit Heer oder Polizei
als einen Überfall durch bewaffnete Banden. Wir durchquerten die halbe Stadt
und machten einen großen Bogen um den Eixample, die am ärgsten betroffene und
schutzloseste Zone. Auf den Straßen lag alles mögliche herum: zertrümmerte Möbel,
aufeinandergetürmte, stinkende Menschen- und Tierkadaver, umgekippte Autos und
ausgebrannte Fahrgestelle. Wir hatten Glück: Wir wurden von niemandem
attackiert, und die einzigen, denen wir begegneten, ergriffen, als sie uns
erblickten, wie vom Teufel besessen die Flucht. Wir nahmen die Diagonal
stadtauswärts; es war ein grauer und kalter Tag. Als wir uns dem Haus meiner
Mutter näherten, fühlte ich mich unweigerlich beklommen, den Anblick eines
weiteren rauchenden Trümmerberges hätte ich nur schwerlich verkraftet. Zum Glück
war es nicht so; als wir am Gitter ankamen, richteten zwei Männer den Lauf
ihrer Sturmgewehre auf uns. Wir zeigten unsere Ausweise; einer der beiden blieb
mit dem Finger am Abzug stehen, während der andere hineinging und uns gleich
darauf den Weg freigab. Eine Hand hinter der Fensterscheibe im ersten Stock ließ
den Vorhang fallen.
Im Innern des Hauses waren sieben oder acht Personen, die meisten bewaffnet. Ich
bat Peiritó, zu warten.
»Claudia Miranda ist auf ihrem Zimmer«, teilte mir mein Begleiter mit.
Die Mutter empfing mich ohne Überschwang. Ihre Gesten waren zurückhaltend,
aber ihre Augen verrieten die Freude, mich unverletzt zu sehen.
»Es müssen eine Reihe Entscheidungen getroffen werden«, kündigte sie an.
»Wir müssen jedenfalls weg von hier, einen sicheren Ort suchen und sofort
aufbrechen«, erwiderte ich.
»Es gibt keinen völlig sicheren Ort, aber ich kenne einen, der im Vergleich zu
anderen einigermaßen abgeschirmt ist.«
»Gut, dann fahren wir noch heute nacht dorthin. Wo liegt er?«
»Es ist ein Zufluchtsort hoch in den Bergen, den Pierre Gimellion vor einiger
Zeit errichtet hat; du mußt einstweilen ohne mich dorthin.«
»Ich gehe nicht ohne dich«, erwiderte ich mit Nachdruck, und sie lächelte
melancholisch, aber unerbittlich.
»Das ist lieb von dir, aber es geht nicht anders. Jemand muß unser Erbe
retten, und ich benötige noch ein paar Wochen, um einiges zu regeln; ich würde
es mir nie verzeihen, nachlässig gewesen zu sein.«
»Was kann denn wichtiger sein als das eigene Leben?« fragte ich, und wir
begannen eine Diskussion, von der ich wußte, daß sie zwecklos war. Ich kannte
meine Mutter nur zu gut: Wenn sie einmal eine Entscheidung gefällt hatte,
konnte nichts auf der Welt sie davon abbringen. Ich gab mich geschlagen und
setzte mich.
Ich weiß nicht, ob Grenzsituationen prinzipiell alle Menschen dazu bringen, über
ihr Leben nachzusinnen; ich jedenfalls mußte an die Ungewißheit denken, in der
fast jeder seine Wurzeln hat: an die entferntesten Winkel, die dem Ursprung am nächsten
sind und sich plötzlich als die Erinnerung einer Erinnerung entpuppen, die
durch Erklärungen jener beeinflußt ist, die glauben, all das weitaus besser zu
kennen als du; oder als ein Foto von dir, auf dem du von lächelnden Gesichtern
umgeben bist: Von manchen weißt du nicht einmal, wer sie sind, von anderen hat
man dir erzählt, zwei oder drei sind schwer wiederzuerkennen, weil die Zeit das
Ihre getan hat … Ich dachte an Freunde aus meiner Kindheit, erwog, ob ich es
bedauern sollte, Barcelona zu verlassen, und ob es ungehörig wäre, diesen
Umstand zu preisen. Schließlich dachte ich an meinen Vater, der für mich wenig
mehr als eines dieser Gesichter auf den Fotos war, nur daß auf ihn öfter und
nachdrücklicher hingewiesen wurde, wodurch sein Bild in meiner Phantasie zu
einer liebevollen Erinnerung geworden war, die sich ohne Ironie als romantisch
bezeichnen ließe. Ich betrachtete meine Mutter, die ebenfalls die Vergangenheit
bewußt verschleierte. Sie war mir noch so viele Erklärungen schuldig! Das
Leben beginnt mit dem Einsetzen der Erinnerungen, dort, wo sich der Faden der
Vernunft abzeichnet; meines begann mit etwa drei Jahren, genau zu dem Zeitpunkt,
als das meines Vaters zu Ende ging.
»Mach nicht so ein Gesicht«, sagte sie lachend. »Wir werden uns früher, als
du denkst, wiedersehen.«
Selbst das unbedeutendste Leben einzelner Individuen ist ein winziges
Spiegelbild der gesamten Menschheit, also versuchte ich, in meinem Inneren den
Ursprung des kriegerischen Wahns zu finden. Über lange Zeit hinweg war
behauptet worden, daß derartiges nicht geschehen könnte! Und noch immer gab es
einige, die es nicht fassen konnten. Ich sah zum Fenster hinaus: Rauchschwaden
oder Wolken? Vielleicht war das einerlei.
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin