Von Liebe, Reichtum, Tod und Schminke von Eva Demski, 2004, Schöffling

Eva Demski

Textilekel
(Leseprobe aus: Von Liebe, Reichtum, Tod und Schminke, Essays, Erzählungen, 2004, Schöffling&Co.)

Nicht, daß es nicht schon tausendfach bemerkt, beklagt und verachtet worden wäre – nur geholfen hat bisher keine Schelte, und so darf man sie wiederholen und vielleicht vertiefen. Wie wir wissen – um mit dem Anfang anzufangen –, hat Gottvater mit großem Aufwand in die Wege geleitet, daß dieses nach Seinem Bilde erschaffene Paar sich bedeckte. Ohne in irgendeine exegetische Falle gehen zu wollen, meine ich, in diesem göttlichen Befehl zu erkennen, daß ihm plötzlich aufgefallen sein muß: Das mit dem Bilde hatte nicht recht geklappt. Sie waren an manchen Stellen nicht wirklich hübsch. Und die reich angelegte Natur bot Möglichkeiten, etwas zum Bedecken und Verstecken zu finden. Nun muß man bedenken, daß Adam und Eva mit Sicherheit gesund lebten und sich viel bewegten, es genügten also ein paar anmutige Blätter. Seither versuchen die Menschen, ihren Leib hübscher, wehrhafter, erotischer oder jünger aussehen zu lassen, zum Teil haben sie sich merkwürdiger Materialien und Formen bedient, jedes Lexikon der Mode rührt den Betrachter, weil hinter den bizarrsten Auswüchsen immer noch diese Absichten erkennbar sind. Was aber hat dazu geführt, daß die so gründlich aufgegeben worden sind?
Die sogenannte Jogginghose und ihre arschkonturierende Schwester Leggin sowie die dazugehörigen namenlosen Oberteile sind nichts anderes als ein großes Sichaufgegebenhaben. Wie gesagt, meine Klage und mein Schauder werden von manchen geteilt, auch öffentlich. Aber die da in Meersburg oder auf Föhr, in Garmisch oder Rostock herumwandern, hören es nicht, sie hören es nicht, und sehen tun sie sich ganz offenbar auch nicht. Jenes zerflossene wamperte Monster, das mit einem grünlichen Doppelsack als Beinkleid und der Aufschrift California Dream Boy auf seinem lila Bierranzen in einer Schaufensterscheibe oder im Spiegel eines Schuhgeschäfts aufscheint, kann sich als Ich ganz offenbar nicht wahrnehmen, er müßte doch sonst weinend im Rinnstein zusammensinken. Und die Frau neben ihm, deren Beine von Leopardenmuster so eng umhüllt sind, daß man deutlich die kleinen Säckchen an den Kniekehlen und weiter oben die Kimme sehen kann, die ist sich selber offenbar genauso unsichtbar. Oder sind sie alle so resigniert, so mit sich selber zerfallen, so -titanisch unglücklich über die Unzulänglichkeit des Menschen an sich, daß sie so was anziehen?
Der Jugend sehen wir viel nach und gedenken zärtlich jener Schrecknisse, die wir den eigenen Eltern bereitet haben (weißgekalkte Lippen und Metallreifen um die Mitte). Daß die Mädels für eine schöne Zeit ihres Lebens aussehen, als hätte man sie unter einem nassen Stein gefunden und ihnen dann Zement um die Füße gegossen – macht nichts. Das gibt sich, und wenn man Kinder davon abhalten kann, sich an allzu sichtbarer Stelle ein Tattoo anbringen zu lassen (»Schätzchen, wie glaubst du, daß ein Drachen auf der Stirn aussieht, wenn du vierzig bist?« Antwort: »Das werd ich nie! Eher erschieß ich mich!«) – also wenn es einem gelingt, das zu vermeiden, dann steht einer attraktiven modischen Entwicklung abseits des Freizeitkleidungsstammes, dieser Troglodyten, nichts im Weg.
Die Jungen sind also nicht das Thema, sondern wir, in den uns auferlegten Stadien der Verwitterung, der wir mit Anmut und Würde begegnen wollen und nicht mit diesen Kapitulationsklamotten, die das sowieso schon gräßliche Wort Freizeit um weiteres Grauen angereichert haben. Insonderheit gehören dazu auch jene Hauben, über die ich mich an anderer Stelle schon völlig erfolglos ausgelassen habe, jene aus Amerika importierten Baseballkappen, unter denen jedes, absolut jedes Gesicht debil aussieht, ein von Natur schon doofes wird furchterregend. Man müßte auch über die bevorzugten Farben nachdenken, als erstes ist da ein in der Natur nirgends vorkommendes Violett zu nennen, ein gewisses Grün und ein Spülmittelblau. Sodann müssen überall Streifen auf der Kleidung angebracht werden, aus unerfindlichen Gründen werden die mit Sportlichkeit identifiziert. Sportler lassen sich ihr unsägliches Erscheinungsbild von der Industrie teuer bezahlen, die Freizeitkleidungsfraktion läuft kostenlos so herum, schändet alte Innenstädte und schöne Parks, schaut sich ohne Scham heilige Stätten und edle Säulen an und merkt nichts. Warum nicht? Aus Hochmut? Aus Mut? Oder aus Wut über die Schönheit, die sich nicht um sie schert? Zwanzig Jahre Pommes rotweiß haben sich an Gottes Ebenbild abgelagert, und die hüllt es nicht in zurückhaltende Mode, sondern in ärmellose T-Shirts, auf denen Katzen abgebildet sind, und wadenlange Hosen aus glänzendem Stretchstoff. Etwas, wo Stretch draufsteht, sollte kein Mensch, der sich einen Rest von Würde und Selbstachtung bewahrt hat, tragen.
Nun werden immer wieder zwei Behauptungen aufgestellt, die bei den Kritikern dieser weltweit betriebenen Selbstverstümmelung für schlechtes Gewissen und darauf folgendes Schweigen sorgen sollen. Erstens sei das Zeug billig und zweitens bequem. Warum nun Kleidung eigentlich billig sein soll, ist mir unerfindlich. Ein gutes Wohnstück, Jacke oder Hose, hat man gern zehn, fünfzehn Jahre, man kann mal eine oder zwei Saisons aussetzen und wird feststellen, daß die Patina es hübsch macht. Das mag der Markt natürlich gar nicht, der Markt läßt lieber arme philippinische Jugendliche in heißen Schuppen den billigen Dreck zusammennähen, der dann bei schwedischen Klamottenvertreibern hunderttausendfach auf dem Boden unter den Ständern rumliegt, weil er niemandem was wert ist, oder höchstens für zweimal anziehen. Der einzige Vorteil der Billigkeit ist also, daß man jeden dritten Tag andere Abscheulichkeiten anziehen kann. Notabene: ich mache mich anheischig, für das gleiche Geld eine stille und schmeichelhafte Garderobe zusammenzusuchen, zur Not auch aus der Sozialhilfekleiderkammer. Aber sie wollen ja nicht still und wohlgekleidet sein, sondern trotzig -alles herzeigen in trostloser Buntheit. Für die Bequemlichkeit gilt im Grund das gleiche, wobei die wahre Bequemlichkeit doch nicht darin bestehen kann, in einer Art ganztägigem Schlafanzug mit dem Hintern auf den Kniekehlen und einem Kördelchen über dem Gemächt herumzulaufen. Oder mit XXL-Bermudas, auf denen etwas wie die Seeschlacht bei Trafalgar abgebildet zu sein scheint. Oder mit Unterhemden, grauem Werg im Decolleté, Windjacken in Lila ohne Wind, Sportpullis ohne Sport, -Figurbetontem ohne Figur... Und dann die Schuhe – aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

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