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Das Manuskript
(aus: Der Teufelsvogel des Salomon Idler,
Roman, 2000, Eichborn)
Der Kampf spielte sich in über
sechzig Fuß Höhe ab.
Idler folgte mit dem Blick dem Flug einer Taube, er kniff die Augen zusammen,
als sie mitten durch die Sonne hindurchzuschießen schien und ihm für einen
Augenblick außer Sicht geriet. Dann entdeckte er sie wieder, wie sie ruhig,
ohne ein einziges Mal mit den Flügeln zu schlagen, über die Dächer
hinwegglitt. Wie mühelos. Idler seufzte, als er an die Leichtigkeit dachte, mit
der sie die Luft durchschnitt, während er hier auf dem lehmigen Boden der
Vorstadt hockte und Schuhe besohlte. Sinnend sah er dem Vogel nach, als aus
heiterem Himmel ein Sperber direkt aus der Sonne auf die Taube niederstieß.
Erschrocken und neugierig, was geschehen würde, ließ Idler die Nähnadel auf
den Kloben sinken und hielt den Atem an.
Wie ein Stein stürzte der Sperber auf die Taube herab, breitete kurz vor dem
Zusammenstoß die Flügel auf und stieß einen heiseren Schrei aus, während er
sich um sich selbst drehte und die Taube zu fassen versuchte. Graue Federn
stoben. Die Taube legte die Flügel an den Körper und fiel beinahe senkrecht
zur Erde. Idler starrte auf das stürzende, fast flugunfähige Tier, das sich
rasend schnell seinem Verfolger entzog. Der Sperber stieß nach, taumelte hinter
der Taube her in die Tiefe, den Kopf zum Zuhacken gesenkt, spreizte und schloß
in schnellem Rhythmus die Schwingen. Idler erwartete, daß die Taube auf den
Vorstadtdächern zerschellen würde, aber kurz bevor dies geschah, breitete sie
ihre Flügel aus, glatt und schnittig, schlug zwei Haken, denen der Sperber
nicht gewachsen war, und landete vor dem Taubenhaus, in das sie scheinbar
sorglos spazierte.
Nur graue Federn schwebten langsam zur Erde. Salomon Idler stand auf, legte sein
Schusterzeug auf den Schemel und sah in die Luft, um dem Spiel der Federn folgen
zu können, die in der sich langsam erwärmenden Luft abwechselnd stiegen und
fielen. Nur langsam näherten sie sich dem Erdboden. Idler seufzte. Stundenlang
hätte er zusehen können, wenn die Vögel ihre Kunststücke in freier Luft
zeigten. Er aber war an diesen Erdboden gebunden. Die Lehmklumpen an den Füßen
zogen ihn abwärts, auch wenn er sich den Kopf frei machte.
Sanft segelten die Federn auf seine kräftigen, schwieligen Hände nieder. Idler
ließ sie auf seinen offenen Handflächen ruhen und betrachtete sie neugierig.
Wie genau sie gearbeitet waren, wie eng sich die einzelnen Fädchen ineinander
verzahnten und verwebten, bis ein dichtes, steifes und doch hauchdünnes
Geflecht entstand, das die Luft schnitt und imstande war, das Gewicht eines
Vogels zu tragen.
Über ihm schrie der Sperber heiser gegen den Wind. Er war auf der Suche nach
Beute und hatte noch nicht aufgegeben. Er kreiste mehrmals über dem Taubenhaus,
als suche er nach einem ausreichend großen Einschlupfloch. Doch dann zog der Räuber
mit wenigen Flügelschlägen davon.
Ohne daß Idler sie bemerkt hatte, war Maria aus dem Haus hinter ihn getreten.
Sie blickte über seine Schulter auf die Federn und blies sie ihm aus der Hand.
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