Sturmflut
(Leseprobe aus: Sturmflut, Roman, 2006, Hanser - Übertragung Helga van
Beuningen)
Aus den trichterförmigen Seegatts donnerte die noch immer steigende Flut überall
gegen die Küstenschutzwerke. Auf der Südseite der Insel waren diese niedriger
und ein ganzes Stück kümmerlicher als im Norden, wo man wegen des ewigen
Nordwestwinds die See nun mal am ernstesten nahm.
Der Citroën fuhr währenddessen nach Norden. Lidy, ganz über den Schlaf und
auch über ihre anfängliche Verwirrung hinaus, sah, daß Izak Hocke den Weg gut
kannte und sich, den Wind genau von vorn, nur auf das Fahren konzentrierte. Sie
spürte seine Anspannung, doch keineswegs Angst oder Panik. Aber er hatte es
eilig, genau wie Simon Cau, so etwas merkt man sogar, wenn man die Hand vor
Augen nicht sieht. Das heißt: Verärgerung, als das Auto plötzlich anhalten mußte.
Der Motor ging aus. Gefluche von Hocke. Quer über der Straße lag ein Strommast
und auch noch alles mögliche angewehte Zeug, darunter ein Stück orangerote
Plane, die sich darin verfangen hatte.
Schade, gerade jetzt, wo wir fast da sind, dachte sie.
Grell aufleuchtend in den Scheinwerfern, sprang die Plane ihnen entgegen. Wie
ein Hund an der Kette. Sie starrte in den Tumult. Sie wußte, daß irgendwo
dahinter, vielleicht zwanzig, dreißig Meter von hier, zwei Bauernhöfe einander
schräg gegenüberlagen. Links der von Simon Cau, von dem weder das Haus noch
eines der Nebengebäude zu sehen war, doch rechts von der Straße, wo Izak Hocke
mit Frau, Kindern und Mutter wohnte, entdeckte sie Licht. Ein Fenster im
Obergeschoß zeigte an, daß die alte Frau, allein zu Hause, noch wach war.
Sie beugte sich dem neben ihr Sitzenden zu, doch bevor sie ihn etwas fragen
konnte, war er bereits ausgestiegen, ebenso Simon Cau.
Was können sie denn tun? fragte sie sich. Die beiden Gestalten standen nach
einigem vergeblichen Gezerre an der Sperre da und beratschlagten. Simon Cau, das
Gesicht ihr zugewandt, nickte, während Hocke, den Kopf mit der tief
heruntergezogenen Mütze vorgestreckt, die Arme ausbreitete und dabei die
Schultern hochzog. Sie schaltete die Scheibenwischer aus. Es regnete kaum mehr.
Neugierig wanderte ihr Blick zu dem kleinen, leuchtenden Viereck in der Ferne,
und plötzlich wußte sie genau: Er läßt das Auto lieber mitten auf der Straße
stehen, als sie noch fünf Minuten länger allein zu lassen.
Von diesem Moment an spürte sie, daß sie in Gefahr war.
Sie hatte gesehen, wie Izak Hocke auf die andere Seite der Barrikade kletterte
und, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, im bodenlosen Dunkel verschwand.
Simon Cau war zum Auto zurückgegangen, er kroch hinters Steuer, startete und
schaltete, als der Motor ansprang, unbeholfen in den Rückwärtsgang.
"Was jetzt?" fragte Lidy, die meinte, auf einmal habe der Sturm
ordentlich zugelegt.
"Wir fahren hinter dem Entladehafen längs. Dort biegen wir nach rechts ab.
Dann kommen wir von der anderen Seite dorthin, wo wir hinmüssen."
"Wie lang wird das dauern?"
Sie bekam nicht gleich eine Antwort. Es war nicht leicht, auf einer unter Wasser
stehenden Straße mit Gräben auf beiden Seiten zu wenden.
"Zehn, zwölf Minuten."
Lidy warf einen Blick zur Seite. Eine schwer zu erkennende Gestalt. Simon Cau,
jetzt also ihre einzige Verbindung zu dem abstrakten Bett, das irgendwo inmitten
dieser Gewalt für sie bereitstand und ihr winkte, in zehn, zwölf Minuten warm
eingekuschelt schlafenzugehen.
Dämmerschwarze Landschaft unter der leicht aufreißenden Bewölkung. Hier und
da ein Hindernis, ein Haus oder eine Scheune. Lidy, noch immer an dieses Bett
glaubend, war nicht verrückt. Überall schliefen hier Menschen im vollsten
Vertrauen, obwohl sie wußten, obwohl sie als gegeben hinnahmen, daß dies ein
Gebiet sehr alter und damit sehr tiefliegender Polder war. Je älter die Deiche,
desto tiefer das Land. Rational oder irrational, im Laufe vieler Generationen
war bei den Menschen dieser Region die unerschütterliche Überzeugung
gewachsen, daß, wer hier lebte, in diesem triefend nassen, selbst angelegten
Terrarium, hier selbstverständlich wohnte und auch nie mehr fortgehen würde.
Ganz in der Nähe würde der Seedeich in dieser Nacht an mehreren Stellen
brechen. Nicht nur Lidy, die hier fremd war, hatte diesbezüglich keinerlei
Vorahnung. Dieses Land war ein Land, das sich bereits seit Jahrhunderten
verschob und seine Form ständig, manchmal sehr drastisch veränderte, weil es
zwischen Meeresarmen eingebettet lag, die taten, was Arme gewöhnlich tun: sich
verlagern. Daß ihre Dörfer und Weiler etwas Flüchtiges hatten, wie die See
selbst, wurde von keinem der Bewohner so empfunden. Unbeirrt zogen sie die
Gemeindegrenze ihrer Polder bis weit über den Seedeich hinaus. Neere, Untiefen
und schwer befahrbare Rinnen zählten sie, zusammen mit den ertrunkenen Kirchtürmen,
Mühlen, Gehöften und Ställen auf dem Meeresboden konsequent weiter zum
Wohngebiet.
Der Umweg, den Simon Cau machte, führte sie jetzt direkt zum Seedeich, wo an
einer Bucht des Grevelingen ein paar kleine für die Landwirtschaft genutzte Häfen
lagen. Lidy, die schon längst nicht mehr wußte, wo sie war, und auch kein
Zeitgefühl mehr hatte, richtete sich irgendwann auf: Sie glaubte, links von der
Straße eine Spukerscheinung auftauchen zu sehen, die im Licht der Scheinwerfer
auf sie zugerannt kam. Simon Cau bremste. Er wußte genau, wo er war, und auch
den Jungen, der da angeirrt kam, kannte er, trotzdem brachte er das Auto in
einer Art Trance zum Stehen.
"Das Wasser kommt!"
Es war sein Neffe, Marien Cau, der nun den windzerzausten Kopf durchs offene
Wagenfenster streckte. Der Junge hatte eine höhere Landwirtschaftsausbildung
absolviert, doch das einzige, das für den kinderlosen, verwitweten Onkel zählte,
war, daß er sich als perfekter Pferdeknecht erwiesen hatte.
"Bist du auf dem Weg zu den Ställen?"
"Ja."
Die beiden beratschlagten kurz, wobei Cau, Opfer irgendeiner wachsenden,
rasenden Ungeduld, immer wieder durch die Frontscheibe in Richtung Deich
schaute, der hier, direkt am Grevelingen, noch immer eine Höhe von gut sechs
Metern über dem Amsterdamer Normalnull hatte. Der Junge, so sprachen sie sich
ab, sollte seinen Weg zum Hof des Onkels unverzüglich fortsetzen. Der
Mischbetrieb zählte außer den zehn Pferden, die die Freude sowohl des Onkels
als auch des Neffen waren, noch dreißig Kühe. Es ging auf halb drei zu, die
Flut hatte den Höchststand noch nicht erreicht, und Simon und Marien Cau hatten
beide das Wasser noch nicht über den Deich kommen sehen. Trotzdem sprachen sie
ab, daß der Junge die Kühe sicherheitshalber losbinden sollte. Der Stall lag
tief. Die Straße, zugleich auch Binnendeich, verlief etwa eineinhalb Meter höher.
Es war ein impulsiver Gedanke und auch keineswegs unlogisch, doch keiner der
beiden hatte diese Notmaßnahme je erprobt. Tatsächlich würde Marien die Kühe
in dieser Nacht auf den Deich treiben, und sein Onkel, der seinen Hof nicht mehr
hatte erreichen können, würde von einem Fenster auf der gegenüberliegenden
Seite feststellen können, daß er es getan hatte. Trotzdem würden die Tiere,
alle dreißig, einige Wochen später von ein paar Männern, die man das
Kadaverteam nannte, als aufgedunsene Leiber aus dem Schlamm gezogen werden. Sie
würden, im Kopf nichts anderes als den Stall, den sie kannten, in der
Dunkelheit zurückgeschwommen sein. Die Pferde ...
Pferde, das ist etwas anderes. Fest steht, daß Simon Cau mit dem Neffen, der
sein Nachfolger werden sollte, absprach, daß dieser gleich, sobald er den
Bauernhof erreicht hatte, als erstes zu den Pferden gehen, beruhigend auf sie
einreden und bei ihnen Wache halten sollte, bis sein Onkel von seiner Mission
zurückkam. Es sollte alles anders laufen. Zwei der Pferde, die schönsten und
schwersten, würden ein paar Tage später von einem Boot aus von einem
Journalisten fotografiert werden. Sie würden dann mehr als fünfzig Stunden im
Wasser gestanden haben, zunächst bis zu den Nüstern, später immerhin noch bis
zum Widerrist. Das Foto, das sehr gut werden sollte, sollte am Tag darauf in die
Zeitung kommen. Die beiden Tiere stehen, zwanzig Meter voneinander entfernt, vom
Objektiv abgewandt im grauweißen Viereck einer endlosen See. Daß sie
intelligent genug waren, auf dem Deich zu bleiben, ist an einigen vor ihnen aus
dem Wasser ragenden Zweigen und einem Brückengeländer zu erkennen. Die beiden
Pferde scheinen sich auf rätselhafte Weise in Harmonie mit der aussichtslosen
Situation zu befinden. In genau derselben Haltung, Köpfe in Windrichtung etwas
nach links, starren sie aufs Wasser, unabhängig voneinander von denselben Gefühlen
bewegt, von derselben tiefen Trauer, die letzten Überlebenden zu sein.
"Bis gleich!" "Bis gleich!"
Als der Citroën weiterfuhr, hing in der Atmosphäre in seinem Inneren nichts,
das noch nach der Absicht aussah, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren
und ins Bett zu gehen. Das Auto mit dem Ziel Entladehafen wurde von einem Mann
gesteuert, der fieberhaft über praktische Dinge nachdachte. Neben ihm eine
junge Frau, die, nochmals, hier nichts zu suchen hatte. Dennoch spürte auch sie
die eigenartige oder vielleicht nicht so sehr eigenartige als vielmehr
konzentrierte Atmosphäre der Gefahr, in der Menschen wissen, daß sie etwas tun
müssen. Nach etwa fünf Minuten tauchte der Deich auf, sich bucklig gegen das
Mondlicht abzeichnend. Bog man hier nach rechts, kam man einen knappen Kilometer
weiter zum Entladehafen, nicht mehr als eine Anlegestelle, wo der Deichdurchgang
zum Kai den Vorschriften zufolge bei Hochwasser mit Flutbrettern geschlossen
werden mußte.
Doch das Auto bremste und stoppte bereits hier. Noch einen Augenblick, und Simon
Cau rannte gebückt auf den Deich zu, um zu versuchen, auf Händen und Füßen
nach oben zu klettern. Ein unmöglicher Anblick. Was wollte er, sich am Unkraut
des armseligen, aus Kostengründen so steil wie möglich angelegten Deichs
hochziehend? Immer wieder in den mit Wasser vollgelaufenen Maulwurfgängen
einsackend, die die gesamte Konstruktion von innen her aushöhlten, erreichte er
die Krone. Stehen konnte man, den Orkan direkt von vorn, auf diesem kaum einen
halben Meter breiten Katzenbuckel nicht. Cau drückte den Bauch an den Boden,
hielt mit beiden Händen seine Mütze fest und hob den vom durch die Luft
fliegenden Wasser klatschnassen Kopf ein wenig. Was sind Angstvisionen? Unwahre
Dinge vor einer unwahren Kulisse? Simon Cau sog den Atem laut ein. Was er,
nahezu auf Augenhöhe, sah, war eine anrollende Wassermasse, die kein Ende nahm.
Auch Lidy war kurz ausgestiegen. Da stand sie, neben der Böschung, aus deren
Innerem ein sonores Brummen drang. Man konnte es durch den Wind hören. Sie
lauschte einen Augenblick, ohne zu wissen, was da brummte: eine Sandanhäufung
mit einer dünnen Kleischicht darüber, die infolge des schon seit Jahren überschwappenden
Seewassers keinen Pfifferling mehr wert war. Auf der äußerst schmalen Krone
ein paar Mäuerchen, die nach der Überflutung von 1906 hier und da errichtet
worden waren, mit Durchlassen für die Schafe. Die Innenseite war auch damals
schon so brüchig gewesen, daß man es eigentlich als Wunder bezeichnen kann, daß
sie sich erst in dieser Nacht, in eineinhalb Stunden, unter dem gewaltigen
hydraulischen Druck auf der anderen Seite losreißen und einfach in den
Binnendeichgraben sacken wird. Die unterhöhlte Außenseite wird der See danach
noch rund eine Viertelstunde Widerstand leisten können und dann endgültig
brechen.
Lidy zog ihre Füße aus dem Schlamm und rannte zum Auto zurück. Sogar auf der
befestigten Straße konnte man noch spüren, wie der Boden bebte.
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