Sturmflut von Margriet de Moor, 2006, HanserMargriet de Moor

Sturmflut
(Leseprobe aus: Sturmflut, Roman, 2006, Hanser - Übertragung Helga van Beuningen)


Aus den trichterförmigen Seegatts donnerte die noch immer steigende Flut überall gegen die Küstenschutzwerke. Auf der Südseite der Insel waren diese niedriger und ein ganzes Stück kümmerlicher als im Norden, wo man wegen des ewigen Nordwestwinds die See nun mal am ernstesten nahm.

Der Citroën fuhr währenddessen nach Norden. Lidy, ganz über den Schlaf und auch über ihre anfängliche Verwirrung hinaus, sah, daß Izak Hocke den Weg gut kannte und sich, den Wind genau von vorn, nur auf das Fahren konzentrierte. Sie spürte seine Anspannung, doch keineswegs Angst oder Panik. Aber er hatte es eilig, genau wie Simon Cau, so etwas merkt man sogar, wenn man die Hand vor Augen nicht sieht. Das heißt: Verärgerung, als das Auto plötzlich anhalten mußte. Der Motor ging aus. Gefluche von Hocke. Quer über der Straße lag ein Strommast und auch noch alles mögliche angewehte Zeug, darunter ein Stück orangerote Plane, die sich darin verfangen hatte.

Schade, gerade jetzt, wo wir fast da sind, dachte sie.

Grell aufleuchtend in den Scheinwerfern, sprang die Plane ihnen entgegen. Wie ein Hund an der Kette. Sie starrte in den Tumult. Sie wußte, daß irgendwo dahinter, vielleicht zwanzig, dreißig Meter von hier, zwei Bauernhöfe einander schräg gegenüberlagen. Links der von Simon Cau, von dem weder das Haus noch eines der Nebengebäude zu sehen war, doch rechts von der Straße, wo Izak Hocke mit Frau, Kindern und Mutter wohnte, entdeckte sie Licht. Ein Fenster im Obergeschoß zeigte an, daß die alte Frau, allein zu Hause, noch wach war.

Sie beugte sich dem neben ihr Sitzenden zu, doch bevor sie ihn etwas fragen konnte, war er bereits ausgestiegen, ebenso Simon Cau.

Was können sie denn tun? fragte sie sich. Die beiden Gestalten standen nach einigem vergeblichen Gezerre an der Sperre da und beratschlagten. Simon Cau, das Gesicht ihr zugewandt, nickte, während Hocke, den Kopf mit der tief heruntergezogenen Mütze vorgestreckt, die Arme ausbreitete und dabei die Schultern hochzog. Sie schaltete die Scheibenwischer aus. Es regnete kaum mehr. Neugierig wanderte ihr Blick zu dem kleinen, leuchtenden Viereck in der Ferne, und plötzlich wußte sie genau: Er läßt das Auto lieber mitten auf der Straße stehen, als sie noch fünf Minuten länger allein zu lassen.


Von diesem Moment an spürte sie, daß sie in Gefahr war.

Sie hatte gesehen, wie Izak Hocke auf die andere Seite der Barrikade kletterte und, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, im bodenlosen Dunkel verschwand. Simon Cau war zum Auto zurückgegangen, er kroch hinters Steuer, startete und schaltete, als der Motor ansprang, unbeholfen in den Rückwärtsgang.

"Was jetzt?" fragte Lidy, die meinte, auf einmal habe der Sturm ordentlich zugelegt.

"Wir fahren hinter dem Entladehafen längs. Dort biegen wir nach rechts ab. Dann kommen wir von der anderen Seite dorthin, wo wir hinmüssen."

"Wie lang wird das dauern?"

Sie bekam nicht gleich eine Antwort. Es war nicht leicht, auf einer unter Wasser stehenden Straße mit Gräben auf beiden Seiten zu wenden.

"Zehn, zwölf Minuten."

Lidy warf einen Blick zur Seite. Eine schwer zu erkennende Gestalt. Simon Cau, jetzt also ihre einzige Verbindung zu dem abstrakten Bett, das irgendwo inmitten dieser Gewalt für sie bereitstand und ihr winkte, in zehn, zwölf Minuten warm eingekuschelt schlafenzugehen.

Dämmerschwarze Landschaft unter der leicht aufreißenden Bewölkung. Hier und da ein Hindernis, ein Haus oder eine Scheune. Lidy, noch immer an dieses Bett glaubend, war nicht verrückt. Überall schliefen hier Menschen im vollsten Vertrauen, obwohl sie wußten, obwohl sie als gegeben hinnahmen, daß dies ein Gebiet sehr alter und damit sehr tiefliegender Polder war. Je älter die Deiche, desto tiefer das Land. Rational oder irrational, im Laufe vieler Generationen war bei den Menschen dieser Region die unerschütterliche Überzeugung gewachsen, daß, wer hier lebte, in diesem triefend nassen, selbst angelegten Terrarium, hier selbstverständlich wohnte und auch nie mehr fortgehen würde. Ganz in der Nähe würde der Seedeich in dieser Nacht an mehreren Stellen brechen. Nicht nur Lidy, die hier fremd war, hatte diesbezüglich keinerlei Vorahnung. Dieses Land war ein Land, das sich bereits seit Jahrhunderten verschob und seine Form ständig, manchmal sehr drastisch veränderte, weil es zwischen Meeresarmen eingebettet lag, die taten, was Arme gewöhnlich tun: sich verlagern. Daß ihre Dörfer und Weiler etwas Flüchtiges hatten, wie die See selbst, wurde von keinem der Bewohner so empfunden. Unbeirrt zogen sie die Gemeindegrenze ihrer Polder bis weit über den Seedeich hinaus. Neere, Untiefen und schwer befahrbare Rinnen zählten sie, zusammen mit den ertrunkenen Kirchtürmen, Mühlen, Gehöften und Ställen auf dem Meeresboden konsequent weiter zum Wohngebiet.

Der Umweg, den Simon Cau machte, führte sie jetzt direkt zum Seedeich, wo an einer Bucht des Grevelingen ein paar kleine für die Landwirtschaft genutzte Häfen lagen. Lidy, die schon längst nicht mehr wußte, wo sie war, und auch kein Zeitgefühl mehr hatte, richtete sich irgendwann auf: Sie glaubte, links von der Straße eine Spukerscheinung auftauchen zu sehen, die im Licht der Scheinwerfer auf sie zugerannt kam. Simon Cau bremste. Er wußte genau, wo er war, und auch den Jungen, der da angeirrt kam, kannte er, trotzdem brachte er das Auto in einer Art Trance zum Stehen.

"Das Wasser kommt!"

Es war sein Neffe, Marien Cau, der nun den windzerzausten Kopf durchs offene Wagenfenster streckte. Der Junge hatte eine höhere Landwirtschaftsausbildung absolviert, doch das einzige, das für den kinderlosen, verwitweten Onkel zählte, war, daß er sich als perfekter Pferdeknecht erwiesen hatte.

"Bist du auf dem Weg zu den Ställen?"

"Ja."

Die beiden beratschlagten kurz, wobei Cau, Opfer irgendeiner wachsenden, rasenden Ungeduld, immer wieder durch die Frontscheibe in Richtung Deich schaute, der hier, direkt am Grevelingen, noch immer eine Höhe von gut sechs Metern über dem Amsterdamer Normalnull hatte. Der Junge, so sprachen sie sich ab, sollte seinen Weg zum Hof des Onkels unverzüglich fortsetzen. Der Mischbetrieb zählte außer den zehn Pferden, die die Freude sowohl des Onkels als auch des Neffen waren, noch dreißig Kühe. Es ging auf halb drei zu, die Flut hatte den Höchststand noch nicht erreicht, und Simon und Marien Cau hatten beide das Wasser noch nicht über den Deich kommen sehen. Trotzdem sprachen sie ab, daß der Junge die Kühe sicherheitshalber losbinden sollte. Der Stall lag tief. Die Straße, zugleich auch Binnendeich, verlief etwa eineinhalb Meter höher. Es war ein impulsiver Gedanke und auch keineswegs unlogisch, doch keiner der beiden hatte diese Notmaßnahme je erprobt. Tatsächlich würde Marien die Kühe in dieser Nacht auf den Deich treiben, und sein Onkel, der seinen Hof nicht mehr hatte erreichen können, würde von einem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite feststellen können, daß er es getan hatte. Trotzdem würden die Tiere, alle dreißig, einige Wochen später von ein paar Männern, die man das Kadaverteam nannte, als aufgedunsene Leiber aus dem Schlamm gezogen werden. Sie würden, im Kopf nichts anderes als den Stall, den sie kannten, in der Dunkelheit zurückgeschwommen sein. Die Pferde ...

Pferde, das ist etwas anderes. Fest steht, daß Simon Cau mit dem Neffen, der sein Nachfolger werden sollte, absprach, daß dieser gleich, sobald er den Bauernhof erreicht hatte, als erstes zu den Pferden gehen, beruhigend auf sie einreden und bei ihnen Wache halten sollte, bis sein Onkel von seiner Mission zurückkam. Es sollte alles anders laufen. Zwei der Pferde, die schönsten und schwersten, würden ein paar Tage später von einem Boot aus von einem Journalisten fotografiert werden. Sie würden dann mehr als fünfzig Stunden im Wasser gestanden haben, zunächst bis zu den Nüstern, später immerhin noch bis zum Widerrist. Das Foto, das sehr gut werden sollte, sollte am Tag darauf in die Zeitung kommen. Die beiden Tiere stehen, zwanzig Meter voneinander entfernt, vom Objektiv abgewandt im grauweißen Viereck einer endlosen See. Daß sie intelligent genug waren, auf dem Deich zu bleiben, ist an einigen vor ihnen aus dem Wasser ragenden Zweigen und einem Brückengeländer zu erkennen. Die beiden Pferde scheinen sich auf rätselhafte Weise in Harmonie mit der aussichtslosen Situation zu befinden. In genau derselben Haltung, Köpfe in Windrichtung etwas nach links, starren sie aufs Wasser, unabhängig voneinander von denselben Gefühlen bewegt, von derselben tiefen Trauer, die letzten Überlebenden zu sein.

"Bis gleich!" "Bis gleich!"

Als der Citroën weiterfuhr, hing in der Atmosphäre in seinem Inneren nichts, das noch nach der Absicht aussah, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren und ins Bett zu gehen. Das Auto mit dem Ziel Entladehafen wurde von einem Mann gesteuert, der fieberhaft über praktische Dinge nachdachte. Neben ihm eine junge Frau, die, nochmals, hier nichts zu suchen hatte. Dennoch spürte auch sie die eigenartige oder vielleicht nicht so sehr eigenartige als vielmehr konzentrierte Atmosphäre der Gefahr, in der Menschen wissen, daß sie etwas tun müssen. Nach etwa fünf Minuten tauchte der Deich auf, sich bucklig gegen das Mondlicht abzeichnend. Bog man hier nach rechts, kam man einen knappen Kilometer weiter zum Entladehafen, nicht mehr als eine Anlegestelle, wo der Deichdurchgang zum Kai den Vorschriften zufolge bei Hochwasser mit Flutbrettern geschlossen werden mußte.

Doch das Auto bremste und stoppte bereits hier. Noch einen Augenblick, und Simon Cau rannte gebückt auf den Deich zu, um zu versuchen, auf Händen und Füßen nach oben zu klettern. Ein unmöglicher Anblick. Was wollte er, sich am Unkraut des armseligen, aus Kostengründen so steil wie möglich angelegten Deichs hochziehend? Immer wieder in den mit Wasser vollgelaufenen Maulwurfgängen einsackend, die die gesamte Konstruktion von innen her aushöhlten, erreichte er die Krone. Stehen konnte man, den Orkan direkt von vorn, auf diesem kaum einen halben Meter breiten Katzenbuckel nicht. Cau drückte den Bauch an den Boden, hielt mit beiden Händen seine Mütze fest und hob den vom durch die Luft fliegenden Wasser klatschnassen Kopf ein wenig. Was sind Angstvisionen? Unwahre Dinge vor einer unwahren Kulisse? Simon Cau sog den Atem laut ein. Was er, nahezu auf Augenhöhe, sah, war eine anrollende Wassermasse, die kein Ende nahm.

Auch Lidy war kurz ausgestiegen. Da stand sie, neben der Böschung, aus deren Innerem ein sonores Brummen drang. Man konnte es durch den Wind hören. Sie lauschte einen Augenblick, ohne zu wissen, was da brummte: eine Sandanhäufung mit einer dünnen Kleischicht darüber, die infolge des schon seit Jahren überschwappenden Seewassers keinen Pfifferling mehr wert war. Auf der äußerst schmalen Krone ein paar Mäuerchen, die nach der Überflutung von 1906 hier und da errichtet worden waren, mit Durchlassen für die Schafe. Die Innenseite war auch damals schon so brüchig gewesen, daß man es eigentlich als Wunder bezeichnen kann, daß sie sich erst in dieser Nacht, in eineinhalb Stunden, unter dem gewaltigen hydraulischen Druck auf der anderen Seite losreißen und einfach in den Binnendeichgraben sacken wird. Die unterhöhlte Außenseite wird der See danach noch rund eine Viertelstunde Widerstand leisten können und dann endgültig brechen.

Lidy zog ihre Füße aus dem Schlamm und rannte zum Auto zurück. Sogar auf der befestigten Straße konnte man noch spüren, wie der Boden bebte.

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