Die Flugschau von Brescia von Peter Demetz, 2002, ZsolnayPeter Demetz

Die Flugschau von Brescia
(Leseprobe aus: Die Flugschau von Brescia, 2002, Zsolnay)

Vor vielen Jahren, zu Herbstbeginn 1945, kehrten einige meiner ehemaligen Schulkollegen in den eleganten Uniformen des britischen Panzerkorps oder der Royal Air Force aus England nach Prag zurück und ließen mich unverzüglich wissen, daß meine Ansichten zur Literatur völlig wirklichkeitsfremd seien, da ich nicht einmal wisse, daß Franz Kafka, dessen Vater ein kleines Geschäft am Altstädter Ring besaß, der neue, wahre Titan der Weltliteratur sei. Ich kannte einige seiner Romane; meine Tante und ihr Mann hatten auf der Flucht von Berlin in das republikanische Spanien mehrere seiner Werke auf unseren Bücherregalen zurückgelassen. Mein Vater weigerte sich jedoch zu glauben, daß aus dem "talentierten Kafka Franzl", mit dem er oft an der Ecke der Celetná geplaudert hatte, plötzlich ein Dante oder ein Goethe geworden sei, und bestand darauf, daß mein Freund Ossi bloß übertreibe, um die gebildeten Mädchen im Café Slavia zu beeindrucken, als hätte dazu nicht schon seine britische Uniform ausgereicht.
Damals studierte ich an der Karlsuniversität und streifte durch die Stadt, um herauszufinden, wo Kafka gewohnt hatte. Seine Familie übersiedelte regelmäßig jedes Jahr, doch immer innerhalb der jüdischen Altstadt; 1947 veröffentlichte ich einen schmalen Band mit dem Titel "Franz Kafka a Praha" (Franz Kafka und Prag), der Photographien, Dokumente und Essays verschiedener Wissenschaftler versammelte. Ihm sollte kein langes Leben beschieden sein, denn die kommunistische Regierung sah in Kafka einen "bourgeoisen Existenzialisten", der nicht den konstruktiven Willen der Arbeiterklasse verkörperte. Was auch immer die Arbeiterklasse empfunden haben mochte, mein Verleger mußte seinen Betrieb schließen, und nur wenige Menschen erfuhren, wie stolz ich über meine Entdeckung von Kafkas Artikel "Die Aeroplane in Brescia" in einer alten Ausgabe der Bohemia gewesen war. Mir schien es nicht unwichtig, Kafkas Leserschaft daran zu erinnern, daß auch der neue Titan der Weltliteratur mit einem bescheidenen Zeitungsartikel - gleichsam einer Frühstückslektüre - angefangen hatte.
Der magische Name von Brescia prägte sich sonderbarerweise in mein Gedächtnis ein und blitzte wieder auf, als ich mich mit den italienischen Futuristen und ihrem avantgardistischen Interesse für die Anfänge der Luftfahrt befaßte. Ich mußte an Kafka und Italien denken - eine merkwürdige Kombination -, vor allem als ich entdeckte, daß auch Gabriele d'Annunzio, der seiner Lebensweise, nicht aber seinem Werk nach Futurist war, nach Brescia gekommen war, denn er wollte um jeden Preis fliegen, egal ob mit Blériot, Curtiss oder seinem italienischen Landsmann Calderara. Kafka und seine Freunde, die rechtzeitig eingetroffen waren, um d'Annunzio bei den Hangars zu erspähen, mußten schon wieder abreisen, als sich der große Dichter in die Luft erhob und vom italienischen Publikum laut akklamiert wurde. Ich war beeindruckt vom Mißverhältnis des Zufalls: Kafka mit seiner Zwei-Lire-Eintrittskarte für die den Zuschauern offene Wiese, d'Annunzio im Kreise der Berühmtheiten, und so fand ich mich eines Tages in der Bibliotheca Queriniana von Brescia, einem wunderbaren Palast aus der Spätrenaissance, wo ich Mikrofilme und alte Lokalzeitungen durchforschte. Ich wanderte auch auf den alten Landstraßen durch die flache Landschaft, in der einst die Flugschau stattgefunden hatte, auf halbem Wege zwischen Brescia und Montichiari, trank meinen Capuccino in der Trattoria Fascia d'Oro, einstmals ein kleines Hotel, wo die ersten Aviatiker abstiegen, als sie am Flugfeld eintrafen und die Hangars für ihre Flugmaschinen noch nicht fertig waren. Zufällig entdeckte ich das schlichte Monument zum Gedenken der Flugpioniere von 1909, das sich hinter einer kleinen Kapelle versteckte und von einigen Büscheln Gras und steinernen Bänken umgeben war. Ich hörte das Donnern der Lastwagen auf der Landstraße, die von Brescia nach Mantua führt, setzte mich auf eine der Bänke und betrachtete die Szene.
Zugegeben, dieses Buch ist als Entertainment gedacht, um Graham Greenes Wort zu verwenden, keineswegs als wissenschaftliche Monographie, ein Unterfangen, das ich gerne jemand anderem überlassen möchte. Was mich an der Flugschau so faszinierte, war das einzigartige Zusammentreffen von phantasiereichen Ingenieuren, waghalsigen Fliegern, Visionären aus den Provinzen sowie namhaften Künstlern und Schriftstellern, und so möchte ich meinen Lesern auch keine grauen Verallgemeinerungen präsentieren, sondern sie mit einzelnen Persönlichkeiten und ihren spezifischen Flugmaschinen, darunter auch einigen riesigen Museumsapparaten, vertraut machen. Als die wißbegierige Ninotschka in einer der Musicalversionen des alten Films ihren amerikanischen Verehrer Fred Astaire nach seiner Theorie von Liebe und Leben befragt, antwortet er ihr, daß es eine solche Theorie nicht gebe; und obwohl ich denke, daß jede moderne Ninotschka (die natürlich nicht in Moskau, sondern an einer amerikanischen Eliteuniversität ihren Doktortitel erworben hat, behaupten würde, keine Theorie zu haben sei auch schon eine Theorie und obendrein noch eine schreckliche), würde ich in diesem speziellen Fall eher Fred Astaires Meinung teilen und mich auf ein produktives Chaos von Details einlassen. Schließlich bin ich zur Überzeugung gelangt, daß die Art und Weise, in der ich meine eigenwilligen Geschichten komponiert habe, an meine verschwommenen Erinnerungen von Thornton Wilders "Die Brücke von San Luis Rey" anknüpft. Natürlich befasse ich mich mit mehr als fünf Charakteren, und doch habe ich etwas mit Bruder Juniper gemeinsam, der das Leben seiner Protagonisten vor einem schicksalhaften Schlüsselerlebnis erforscht, und noch etwas dazu. Ich wollte wissen, was aus meinen Protagonisten in späteren Jahren geworden ist und ob sich ihr Leben zum Besseren oder, mitunter, Schlechteren gewandelt hat.

Rezension I Buchbestellung IV02 LYRIKwelt © Zsolnay