Die Notwendigkeit des Zufalls in Fragen der Liebe von Rudolph Delson, 2007, Nagel&Kimche

Rudolph Delson

Die Notwendigkeit des Zufalls in Fragen der Liebe
(Leseprobe aus: Die Notwendigkeit des Zufalls in Fragen der Liebe, Roman, 2007, Nagel & Kimche - Übertragung Dirk van Gunsteren).

JOAN TATE legt, leicht beduselt nach einem weiteren
aufschlussreichen Mittagessen mit ihrem Sohn, ihren Standpunkt dar
(Anfang August 2000):
Ich erzähle Ihnen jetzt eine berühmte Geschichte. Und vergessen Sie
nicht: Ich bin die Mutter. Die Tatsache, dass ich diejenige bin, die
Ihnen diese Geschichte erzählt, sagt schon einiges. Es ist eine
berühmte Geschichte, und sie zeigt, was für eine Art von Mensch
Manny ist.Das war … Also, Scott und ich hatten gerade die
Wohnung in der 72nd Street verkauft, daher muss es 1973 gewesen
sein, und Manny war neun. Wir lebten in einer Vierzimmerwohnung
an der West 10th. Sie war mietpreisgebunden und hatte drei Meter
fünfzig hohe Decken, und was wir dafür bezahlt haben, darf ich
Ihnen gar nicht sagen.
Hundertfünfzehn im Monat. Als wir dort wohnten, wartete Manny
immer an der 6th Avenue auf den Schulbus, genau vor Balducci’s.
Die Schule lag im Norden und hatte eigene Schulbusse. Manny und
Dave Fowler und die anderen Kinder, die im Village lebten, war teten
also an dieser Ecke auf den kleinen, bulligen, gelben Schulbus. Bei
Balducci’s gab es einen Ventilator, der warme Luft auf den
Bürgersteig blies, und an kalten Wintermorgen rangelten die Kinder
um einen Platz unter diesem Ventilator. Dave Fowler stand mit
seinem kleinen Rucksack da, sah auf seine Armbanduhr und
bestimmte, wie lange jeder unter dem Ventilator stehen durfte, damit
jeder mal drankam. Jeder außer Manny. Er wollte nicht unter dem
Ventilator stehen, und er trug nie eine Mütze, und er wollte lieber
drei Meter entfernt auf den Bus warten, zitternd in Kälte und
Schnee.Ich fragte ihn nach dem Grund, und er sagte: «Die Luft
kommt aus der Käseabteilung. Sie riecht wie das, was Dad isst.»
Scott aß nämlich gern einen bestimmten unpasteurisierten
Camembert, und der roch … also, das muss man gerochen haben, um
es zu glauben. Und Manny sagte: «Gerüche kommen von
mikroskopisch kleinen Teilchen in der Luft, und ich will nicht, dass
mir mikroskopisch kleine Käseteilchen wie Meteore an den Kopf
knallen.» Ich riet ihm, wenn er den Geruch nicht in den Haaren haben
wolle, dann solle er doch eine Strickmütze aufsetzen. Und er sagte:
Die Notwendigkeit des Zufalls in Fragen der Liebe | Rudolph Delson
Also, ich war seine Mutter und wusste, dass es sinnlos war, mit ihm
darüber zu streiten, aber ich fragte ihn, ob es irgendwelche
Kopfbedeckungen gebe, die er nicht würdelos fand. Irgendwas, das er
aufsetzen würde, wenn es kalt war. Er sagte: «Eine Melone.» Und
darauf haben wir uns dann geeinigt. Ich habe Scott gesagt, er soll mit
Manny losgehen und ihm eine Melone kaufen. Da sehen Sie also,
was für ein Junge Manny mit neun war. Und Sie können mir glauben,
dass er damals schon genau war wie heute: Er hat wegen der
sonderbarsten Sachen ein Theater gemacht, und er war wählerisch
und dick … äh … dickköpfig und spielte beim geringsten Anlass den
Märtyrer. Und wenn er mir jetzt beim Mittagessen sagt, dass er sich
ändern will … also, dann bin ich als seine Mutter natürlich froh und
stolz. Er hat gesagt, dass es ihm wie Staub, äh … wie Schuppen von
den Augen gefallen ist. Er hat gesagt, er ist es leid, es sich immer so
schwerzumachen und immer Schulden zu haben – das war übrigens
das erste Mal, dass ich was von Schulden gehört habe, aber jedenfalls
ist er es leid, welche zu haben. Er hat sogar gesagt, dass er seine
kleinen Affären ernster nehmen will. Könnte es sein, dass ich jetzt,
wo er sechsunddreißig ist, tatsächlich mal eine seiner Freundinnen
kennenlerne? Zu was für einer Art von Frauen fühlt er sich überhaupt
hingezogen?

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