Carmenoxid von Ana Mará del Río, FVA

Ana María del Río

Eins
(aus: Carmenoxid, Eine Erzählung, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Thomas Brovot)

Tante Malva wurde fuchswild, wenn ihr Mann, Don Pedro Bugeaut, französischer Physiker, uns mal wieder die Sache mit der Oberflächenspannung erklärte und dabei aus Unachtsamkeit den Wein verschüttete. Dann zog sie das Tischtuch weg, mit allem Drum und Dran, und hielt uns einen ellenlangen Vortrag über das Martyrium, Tag für Tag mit dem menschlichen Ungeschick unter einem Dach zu leben.

Aber Onkel Pedro Bugeaut war einfach wunderbar. Nie zupfte er an seiner Krawatte oder räusperte sich wie die anderen Leute. Von ihm habe ich gelernt, wie man eine Gottesanbeterin aus Papier faltet und dreidimensionale Drachen bastelt, und oft kroch er mit uns unter das Blumenarrangement aus riesigen Callas und Gladiolen in dem kleinen Zimmer mit den Regenschirmen, zweimal zusammengeknickt, denn Onkel Pedro Bugeaut hatte die Statur eines Schauermanns, sagte Tante Malva, wenn sie wütend war, und das war sie fast immer. Er war so zerstreut, daß er einmal ein hartgekochtes Ei in der Tasche seines Morgenrocks vergaß. Tante Malva steckte ein Vermögen in Rattengift, Seife für die Dienstmädchen und Desinfektionssprays, ehe sie es schließlich entdeckte.

Wir mochten Onkel Pedro Bugeauts Hände, die so groß waren, daß er selbst eine Steineiche hätte erwürgen können, mit Fingerkuppen wie Blütenblätter, dicke Blütenblätter.

Carmen und ich fanden, daß viel eher Onkel Pedro derjenige war, für den es allmählich zur Folter wurde, neben Tante Malva aufzuwachen. Sie quälte ihn mit winzigen Mahlzeiten, ohne Salz, und ließ ihn jeden Abend, komme, was wolle, im ganzen Haus nach dem Licht sehen: Hier wird kein Strom verschwendet, bloß damit der Schauermann es bequem hat, sagte sie.

Eines Tages machte Onkel Pedro Bugeaut einen Spaziergang zum Parque Forestal und kam nicht wieder zurück.

Zu unserer Strafe quartierte sich Tante Malva darauf im ersten Stock des Hauses meiner Großmutter ein, unter dem großen Oberlicht.

Eine Woche brauchte sie für ihren Umzug. Wir sahen sie hereinbrechen wie einen Gewittersturm aus schwarzen Koffern und Packpapierpaketen, verschnürt mit dicken Kordeln und festen Knoten, die über unseren Köpfen aufplatzten. Alle ihre Kisten und Schränke waren dunkel, dunkler noch als ihre Augenbrauen.

Auch wir wohnten dort. Papa hatte sich gerade von Mama getrennt, seiner zweiten Frau, nach einigen undeutlichen Szenen, die durch meine Alpträume ziehen, ohne wirklich greifbar zu werden: laute Wortwechsel, immer wieder Kniefälle mit ausgebreiteten Armen, irgendwelche Schwüre; Papa mit eingeseiftem Gesicht, den Pinsel schwingend wie einen Dolch, zertretene Fotos auf den Fliesen in der Küche; Mama, die sagt, wer mir das antut, der kann sehen, wo er bleibt.

Mein Vater wurde nach Chena versetzt. Die Armee war nicht der Meinung, daß sich ein emotional so labiles Wesen wie er in der Hauptstadt halten konnte.

Ich war kein ganz richtiger Bruder von Carmen, vor allem nicht, als ihre Mutter noch lebte, von der es heißt, sie hätte im hintersten Hof gewohnt, in einem verglasten Zimmer, damit man sie von weitem im Auge behalten konnte, während sie irgendeine Näharbeit machte, umsonst würden wir sie nämlich nicht durchfüttern, ihr Leben lang eingemauert, sagte Carmen, immer in einer Wolke von Auslassungspunkten, wenn sie von ihr sprach. Außerdem, hieß es, sei sie sehr dunkelhäutig gewesen, mit schlechten Neigungen, und sie hätte nicht richtig »Meche« aussprechen können.

Carmen sagte zu mir, ja, ganz bestimmt, ihre Mutter sei Tänzerin und Spionin gewesen, und das seien zwei Berufe, bei denen die Erwachsenen es nicht ertragen könnten, daß es so etwas außerhalb des Kinos gebe. Ich bekam von ihr nur die Haare zu sehen, die leuchteten wie ein lautes Lachen, pechschwarz, ohne ein rötliches Schimmern.

»Und hat sie gut spioniert?« fragte ich Carmen. Sie nickte mit dem Kopf, wie abwesend, und dachte längst an etwas anderes.


Carmen saß da und schwieg, ein bebendes Schweigen. In ihr wuchs dieses stolze Bäumen, das ich nie wieder, bei niemandem auf der Welt gesehen habe. Dieses Drängen, das sie ihr Schicksal dem Ende entgegenpeitschen ließ. Ich sprang zum Klavier, um sie aufzuhalten, aber zu spät. Mit den Füßen den Donner pumpend, stürzte sie sich auf sämtliche Akkorde. Ihre schwere Stimme einer Frau voll Schmerz, voll Überdruß lähmte Tante Malva für einen Augenblick.

»Bluuu... muuun...«, den Mund offen, ein roter Tunnel, durch den der Ton kam. Das ganze Weideland ihrer strahlenden Modulation breitete sich aus, war ein geschmeidiger, riesiger Panther, der unversehens in den Salon eindrang

Das Lied pulsierte, wir alle pulsierten, folgten ihrer Ekstase im tiefen Flug, der längst nichts Klassisches mehr an sich hatte, einem Gesang, den jemand sehr viel Mächtigeres beflügelt hatte. Die erste, die eine Reaktion zeigte, war Großmutter.

»Schluß mit dem Krach«, sagte sie. Tante Malva rannte zum Klavier und klappte den Deckel zu.

»Erbärmlich«, fuhr Großmutter fort. »Das hat weder Rhythmus noch Stil. Sie spielt wie eine Schlagersängerin.«

»Aber...« Ich stand auf. Tante Malva blitzte mich an, und ich setzte mich wieder hin.

»Gar nichts kann sie.« Großmutter hatte die Mundwinkel heruntergezogen.

»Klavier muß man üben, mit Fleiß und Begabung«, zwitscherte Tante Malva. »Und was dieser Komponist verlangt, all diese finanziellen Opfer, Mutter, wo wir uns schon den Zucker vom Mund absparen, um...«

»Jetzt hechel nicht wieder los«, sagte Großmutter und schnaubte. »Man hat mir diesen Herrn empfohlen, aber wie es scheint, ist er genau so ein Pinscher wie alle anderen.«

Der Präsident sah uns an, aß seinen Nachtisch, langsam wie eine Schleimschnecke. Darauf trat Tante Malva vor und legte Großmutter ein kleines, in blaues Papier eingeschlagenes quadratisches Paket auf den Schoß. Carmen wurde bleich.

»Stinkgemeiner Verräter«, murmelte sie.

Es waren ihre geheimen Tagebücher, die sie weit weg von den offiziellen Tagebüchern aufbewahrte, in denen sich Zitate von lateinischen Schriftstellern und langweilige Versprechen der Besserung aneinanderreihten. Die offiziellen lagen gebührlich verstreut in den Schubladen, zwischen Unterwäsche und »Damenbinden«, wo sie nur darauf warteten, bei der ersten Durchsuchung entdeckt zu werden.

Ich weiß nicht, wie Tante Malva die geheimen Tagebücher hatte finden können, vermute aber, daß der Präsident der Republik ihr dabei mächtig geholfen hat, der immer mit einem Buch mit leichten Klavierstücken umherstolzierte, auf den Fluren Tonleitern sang, gekämmt wie mein verstorbener Großvater, und alles mögliche versuchte, um sich seinen Platz im Herzen ihrer Launen zurückzuerobern.

Carmen wurde auf ihr Zimmer verbannt. Die Tagebücher, eine einzige Sammlung von Schweinereien, wie um Himmels willen, wie konnte dieses Kind nur, wenn sie schon als Säugling angezogen war wie wir und dasselbe ißt wie wir, das ist das Blut, Mutter, ein Jammer, aber das ist das Blut, du siehst doch, wie es immer wieder durchbricht.

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