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Die Minute mit
Paul MacCartney
(Leseprobe aus: Die
Minute mit Paul
McCartney, Memo-Arien, 2005, Transit-Verlag)
Eilmeldung
London, 9. 3. 1967, 4.09 p.m. Hund von Paul McCartney beißt zwei junge Männer im Regent's Park. Beatle flieht, ohne Ankunft des Notarztes abzuwarten. Junge Mädchen verfolgen den Täter und fordern McCartney auf, sich zu stellen. Bei den Opfern des Beatle-Hundes soll es sich um deutsche Studenten handeln.
Memo
An einem Londoner Samstagnachmittag im Frühjahr, Anfang bis Mitte März 1967,
fuhren mein Freund Bruno und ich von unserer Wohnung in der Victoria Road in
Kilburn zum Regent‘s Park. Das Auto, einen alten Fiat 500, stellte ich an der
östlichen Parkseite ab, Bruno trug den Lederball, und wir liefen zu den Fußballfeldern,
mittelgroße Plätze mit einfachen Torstangen ohne Netze. Wir schossen und
kickten den Ball hin und her, mal ging der eine ins Tor, mal der andere. Auf
einmal kam uns ein Hund dazwischen, ein großes, zotteliges, weißes Vieh, und
schnappte nach dem Ball vor meinen Füßen, wollte mitspielen, und ich, kein
Freund dieser Tiere, wich zurück, der Hund blieb am Ball. Nun trat ein junger
Mann auf zu uns, dessen Mantel ähnlich zottelig war wie das Fell seines Hundes,
rief einen Namen und sagte, sich mit einem freundlichen Lächeln entschuldigend,
„Don‘t be afraid, she‘s a coward!“ Unsere Sprachkenntnisse waren mäßig,
wir verstanden die Bedeutung von „coward“ nicht.
Erst in diesem Augenblick, als er schon abdrehte, erkannte ich das Gesicht, es
war Paul McCartney. Auch Bruno hatte den Beatle identifiziert. Aber selbst ihm
gelang keine Antwort, nicht einmal ein Gruß oder ein „Good luck, Paul!“.
Der hatte es eilig weiterzugehen, der Hund folgte ihm. Denn neben uns, hinter
Rhododendronbüschen (oder Haselnussbüschen?), war ein Schwarm junger Mädchen
aufgetaucht, die juchzend und kichernd hinter McCartney und seinem Hund
herjagten. Auf dem gewundenen Weg zwischen Bäumen und Zierbüschen sahen wir
den Beatle immer schneller werden, auf der Flucht vor den aufdringlichen
Verehrerinnen, die auch schneller wurden, aber ihn, soweit mein Auge reichte,
doch nicht erreichten und dafür umso lauter kreischten.
Es dauerte also ein wenig, bis wir begriffen: Das war wirklich Paul McCartney!
Und wir setzten das Gekicke noch eine Weile fort. Zu Hause schauten wir ins
Lexikon: coward heißt Feigling! Sie ist ein Feigling, hatte er gesagt! Eine
Anekdote, nichts weiter, aber genau aus den Wochen, in denen nebenan in der
Abbey Road die LP „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“ produziert
wurde. Auch das ahnten wir nicht.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Transit-Verlag