Cosmopolis
(Leseprobe aus: Cosmopolis,
Roman, 2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Frank Heibert)
Der Schlaf ließ
ihn jetzt öfter im Stich, nicht ein oder zwei Mal die Woche, sondern vier Mal,
fünf. Was tat er, wenn das passierte? Er machte keine langen Spaziergänge in
die aufziehende Abenddämmerung hinein. Kein Freund war ihm so nah, dass er ihn
mit einem Anruf belästigen wollte. Was hätte er sagen sollen? Es ging um
Momente des Schweigens, nicht um Worte.
Er versuchte, sich in den Schlaf zu lesen, wurde aber nur ruheloser. Er las
Wissenschaftliches und Lyrik. Er mochte karge Gedichte, die minuziös ins Weiße
platziert waren, ins Papier gebrannte Reihen alphabetischer Anschläge. Gedichte
machten ihm bewusst, dass er atmete. Ein Gedicht legte Dinge im jeweiligen
Augenblick offen, auf deren Wahrnehmung er normalerweise nicht vorbereitet war.
Darin lag die Nuance jedes Gedichts, zumindest für ihn, nachts, in diesen
langen Wochen, ein Atemzug nach dem anderen im rotierenden Raum ganz oben in der
dreigeschossigen Maisonnette.
Eines Nachts versuchte er im Stehen zu schlafen, in seiner Meditationszelle,
aber er war bei weitem nicht geschickt genug, nicht Mönch genug. Er umging den
Schlaf und steuerte die Gegenstellung an, eine mondlose Stille, wo jede Kraft
durch eine andere ausbalanciert ist. Dies war eine äußerst kurze Linderung,
eine kleine Pause im Aufruhr der rastlosen Identitäten.
Es gab keine Antwort. Er versuchte es mit Sedativa und Hypnotika, wurde aber abhängig
davon, sie schickten ihn in engen Spiralen nach innen. Noch der blasseste
Gedanke trug einen Schatten von Angst. Was tat er? Er konsultierte keinen
Analytiker im hohen Ledersessel. Freud ist passé, Einstein als nächster dran.
Heute Nacht las er die spezielle Relativitätstheorie, auf Englisch und Deutsch,
legte das Buch aber schließlich beiseite und lag vollkommen reglos da,
versuchte den Willen für das eine Wort aufzubringen, um das Licht abzuschalten.
Ringsum existierte nichts. Nur das Geräusch in seinem Kopf, der Geist in der
Zeit.
Mit seinem Tod würde nicht er zu Ende gehen. Die Welt würde zu Ende gehen.
Er stand am Fenster und beobachtete den Anbruch des großen Tages. Die Aussicht
reichte über Brücken und Meeresengen und Wasserarme hinweg, über Stadtteile
und Zahnpastasuburbs hinaus, bis zu den Weiten von Landmasse und Himmel, die man
nur als tiefe Ferne bezeichnen konnte. Er wusste nicht, was er wollte. Unten auf
dem Fluss war immer noch Nacht, halb Nacht, und aschige Dunstschwaden wogten über
den Schornsteinen am jenseitigen Ufer. Die Huren waren inzwischen wohl,
spekulierte er, mit wackelnden Entenpopos aus ihren laternenhellen Ecken
geflohen, und andere älteste Gewerbe kamen gerade in Gang, Warenlaster rollten
aus den Märkten, Zeitungslaster von den Laderampen. Bestimmt durchquerten
Brotlieferanten die Stadt, und vereinzelte Heimkehrer aus dem Tollhaus der Nacht
kurvten Sound hämmernd über die Avenues.
Nichts Edleres als eine Flußbrücke und die aufbrüllende Sonne dahinter.
Er beobachtete hundert Möwen, die eine schwankende Schute flußabwärts
verfolgten. Sie hatten große, starke Herzen. Das wusste er, unverhältnismäßig
zur Körpergröße. Er hatte sich mal für die filigranen Details der
Vogelanatomie interessiert und sie gemeistert. Vögel haben Röhrenknochen. Er
meisterte die unwahrscheinlichstefl Themen an einem halben Nachmittag.
Er wusste nicht, was er wollte. Dann wusste er es. Er wollte sich die Haare
schneiden lassen.
Er blieb noch etwas stehen, beobachtete eine einzelne Möwe, die sich erhob und
in einem Luftkräusel trudelte, und bewunderte den Vogel, dachte sich in ihn
hinein, versuchte ihn zu ergründen, den robusten, redlichen Schlag seines
gierigen Aasfresserherzens zu erfühlen.
Er trug Anzug und Krawatte. Ein Anzug milderte die Wölbung seiner überentwickelten
Brust. Nachts trainierte er gern, in metallischen Rudermaschinen mit
Gegengewichten, er machte stoisch immer wieder Bizepscurls und Bankdrücken, was
alle Wallungen und Zwänge des Tages abbaute.
Er ging durch die Wohnung, achtundvierzig Zimmer. Das tat er, wenn er sich
zaudernd und deprimiert fühlte, schlenderte am Sportschwimmbecken entlang, dem
Spielsalon, dem Fitnessraum, vorbei am Haifischbecken und dem Vorführsaal. Er
blieb am Barsoi-Zwinger stehen und sprach mit seinen Windhunden. Dann ging er in
den Nebentrakt, wo es Währungen im Auge zu behalten und Hintergrundberichte
auszuwerten galt.
Der Yen war entgegen den Erwartungen über Nacht gestiegen.
Er fuhr mit dem Fahrstuhl, in dem Satie erklang, in die Marmoreingangshalle.
Seine Prostata war asymmetrisch. Er ging nach draußen und überquerte die
Avenue, dann drehte er sich um und betrachtete das Gebäude, in dem er wohnte.
Er empfand Übereinstimmung. Es war neunundachtzig Stockwerke hoch, eine
Primzahl, hinter einer unauffälligen Oberfläche aus rauchigem bronzefarbenen
Glas. Sie hatten eine Kante oder Grenze gemeinsam, Wolkenkratzer und Mann. Das
Haus war dreihundert Meter hoch, der höchste Wohnturm der Welt, ein länglicher
Gemeinplatz, dessen einzige Aussage in seinem Format bestand. Der Wolkenkratzer
hatte die Art von Banalität, die sich mit der Zeit als wahrhaft brutal
herausstellt. Aus diesem Grund mochte er ihn. Er mochte es, dazustehen und ihn
anzuschauen, wenn er in dieser Stimmung war, argwöhnisch, benommen und
belanglos.
Der Wind wehte schneidend vom Fluss her. Er holte seinen Palm Organizer heraus
und piekte sich eine Notiz über das Anachronistische des Wortes Wolkenkratzer
hinein. Kein jüngeres Gebäude sollte mit diesem Wort bezeichnet werden.
Es gehörte zu dem althergebrachten Geist der Ehrfurcht, zu den pfeilförmigen Türmen,
die eine Erzählung waren, lange bevor er auf die Welt gekommen war.
Auch der Handcomputer war ein Gegenstand, dessen Ursprungskultur so gut wie
verschwunden war. Er wusste, er würde ihn ausrangieren müssen.
Er setzte seine Sonnenbrille auf. Dann kehrte er über die Avenue zurück und näherte
sich den Wagenschlangen aus weißen Limousinen. Da standen zehn Wagen, fünf in
einer Reihe am Rinnstein, vor dem Turm in der First Avenue, und fünf in der
Querstraße Richtung Westen. Auf den ersten Blick sahen die Autos identisch aus.
Vielleicht waren einige dreißig oder fünfzig Zentimeter länger als andere,
was von Details der jeweiligen Verlängerung und den Extras, die der Besitzer
verlangt hatte, abhing.
Die Fahrer rauchten und plauderten auf dem Bürgersteig, in dunklen Anzügen und
barhäuptig, alle auf dem Sprung, doch das würde man erst rückblickend merken,
wenn sie heiße Augen kriegten, ihre Zigaretten wegwarfen und ihre uneingeübten
Haltungen verließen, nämlich sobald sie die Objekte ihrer Aufmerksamkeit erspähten.
Doch vorläufig plauderten sie, Stimmen mit Akzent bei einigen, Muttersprachlertöne
bei anderen, und sie warteten auf den Investmentbanker, den Baulöwen, den
Venturekapitalisten, den Software-Unternehmer, den globalen Obermufti von
Satellit und Kabel, den Diskontmakler, den hakennasigen Medienboss, den
exilierten Staatschef irgendeiner zermalmten Landschaft aus Hunger und Krieg.
In dem Park auf der anderen Straßenseite standen stilisierte schmiedeeiserne
Lauben und Bronzespringbrunnen, auf deren Grund ein Streufeuer aus schillernden
Pennymünzen. Ein Mann in Frauenkleidern ging mit sieben eleganten Hunden Gassi.
Ihm gefiel die Tatsache, dass sich die Autos nicht voneinander unterscheiden ließen.
Er hatte auch so ein Auto haben wollen, weil er es für eine platonische Replik
hielt, schwerelos trotz der Größe, weniger Gegenstand als Vorstellung. Aber er
wusste, das stimmte nicht. So etwas sagte er nur der Wirkung halber und glaubte
keine Sekunde daran. Er glaubte eine Sekunde daran, aber mehr auch nicht. Er
hatte das Auto nicht nur wegen der Übergröße haben wollen, sondern weil es
aggressiv und verächtlich war, metastasierend, dieses unmäßige Mutantending,
das sich breitbeinig gegen jedes Argument behauptete.
Sein Sicherheitschef mochte das Auto wegen der Anonymität. Lange weiße
Limousinen waren zu den unauffälligsten Fahrzeugen der Stadt geworden. Er
wartete gerade auf dem Bürgersteig, Torval, kahl und halslos, ein Mann, dessen
Kopf aussah, als ließe er sich für Wartungsarbeiten abnehmen.
»Wohin?«, fragte er.
»Ich will mir die Haare schneiden lassen.« »Der Präsident ist in der Stadt.«
»Uns doch egal. Wir müssen uns die Haare schneiden lassen. Wir müssen einmal
quer durch die Stadt.«
»Da stoßen Sie auf Verkehr, der sich in halben Zentimetern äußert.«
»Nur damit ich Bescheid weiß. Von welchem Präsidenten ist die Rede?«
»Vereinigte Staaten. Straßensperren werden errichtet«, sagte er. »Ganze Straßen
vom Stadtplan getilgt.«
»Zeigen Sie mir meinen Wagen«, sagte er zu dem Mann.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © KiWi