Ballade vom
Absturz der Zeit
Traum Velims
›Wir waren ein häuflein Wartender
auf unsren abflug,
schon abgefertigt – die lesend, andere nickend.
Vor wänden aus glas lag zur einen die startbahn mit rampen
und hallen; zur andren ein baumgelände, das umfeld der stadt.
Erde- und ohrenerschütternd rollten die flüge
an,
brausten sie auf – bedrohlich anfangs,
im maass der gewöhnung: beinahe verlässlich, vertraulich.
So beschlich uns die langeweile, quälende ungeduld.
Wir wurden ein puppenspiel an drähten nach
unterhalb
die schwer an unseren lidern und kiefern zerrten.
Ein senklot ins bodenlose schien an unsre lahmenden glieder
gebunden, das sie und den kautschuk der stunden überdehnte –
auf ein zerreissen zu überspannte. Zerriss! Die
Einen
durchfuhr es heftig, Andere horchten verdrossen auf – so
zuckte ein kalter schlag von fremdesten energien,
ein riss wie durch glas oder eis als sei die bläue gesprungen.
Zugleich brach ein namenloses tosen – es war
kein schall –
von wellen anderer art aus, das nur unser innres gehör
wahrnahm: ein anstrom wie riesenhafter turbinen und sturm-
geheul taubstummer sirenen föhnte die schläfen.
Das raummeer – es war nicht die luft – schien
von einem
unsichtbaren planeten gehoben und brach
in sich überstürzenden flutwellen auf uns herein,
die gegenstände entwurzelnd verformend verschwankend.
Wir griffen uns an das herz – es schlug nicht:
ein fliegen und jagen das anwuchs
zu rüttelnden vibrationen bedrohlicher
spannung fieberte an seiner stelle.
Da schrie wer: »Die uhren!« Alle minutenzeiger
schienen sekunden – nein kürzere, zehntelsekunden
zu weisen; auch die der stunden gingen den augen durch
und wurden zur stundenschleuder, alsbald zum graufilm verwischt.
»Ein komet hat die sanduhr des himmels
gerammt und zertrümmert: nun schiessen die körner –
sandmeere, milchstrassen aus zeit – in einem
bergsturz und dammbruch auf uns herab!«
»Unsinn (lallte ein Andrer) ein satellit
ist in das uhrwerk der welt geflogen und hat
den anker zerschlagen: nun rasen die jahre, jahrhunderte
-tausende in ein paar augenblicken herunter!«
»Ihr Ahnungslosen – Gott selber hat selbstmord
begangen:
wir waren sein stolz und haben sein paradies zum müllplatz
verschandelt!« – »Selbstmord? er hat uns die weile, unser verweilen
entzogen und presst ihre dauer zum strich seiner uhr zusammen!«
Und wirklich, es gab keinen tag keine nacht mehr:
ein jagender wechsel schwang unwetterschwärzen
und hellungen über die aussicht,
die zu einer zuckenden dämmerung verschmolzen.
»Die bäume!« Sie schossen gespenstisch auf:
fleckfiebernde schüttel-
fröste in keimgrün und welkbraun färbten die winde, das land..
Mein eichener wiegenbaum (tausend jahr warst du alt!)
ich sah ihn schaudern, stürzen – zu wurmmehl vermorschen.
Wir starrten uns in die gesichter, entsetzt –
und sahen uns vor unsren augen ergrauen, vergreisen
zu beinahe totenköpfen verfallen
und hoben die knittrigen hände vor zahnlose münder.
Die decken blätterten ab, wände bröckelten,
dächer
senkten sich, hingen durch; ein kriechender steinfrass
zersetzte die pfeiler, die fliesen. Unsere stühle zerbrachen –
weiche moder stiegen um unsere füsse.
Die schwere schwoll an und zog uns zur erde –
ein aschenregen
immer dichterer massen von totzeit
verkrustete auf meinen zügen, die eins
mit der lehmigen tenne wurden, mit dieser verkarstend.
In meine augenhöhlen
schneiten die sterne in ungeheuren
schwärmen der schwärze entstrudelnd anwachsend, kometen-
schweife beschreibend in mir mit sich selber zusammenstürzend.
Durch mich hindurch ging ein raumschacht aller
gebündelten
fallwege – sachte und immer rascher in drehungen
um sich selber beschleunigt. Eine quirlende
milchstrasse wirbelte auf meine mitte zu:
In einem alles verschlingenden seh-
oder hörsturz (denksturz zugleich!) schossen die längen
und breiten zu einem einzigen fluchtpunkt zusammen –
schlug das aussen sich selber durchschlagend nach innen um.
Es war der lautlose lichtlose spurlose
einsturz des endes, der heimkehr alles
gewesnen in Gottes brust,
Gottes wort – sein nichts – –
*
War es ein letztes aufsprühn versprühn meines lichtsinns? Ich spürte
ein glimmkorn – das schlupfloch alles verschwindens in meiner stirn.
Es wurde zum lichtjuwel – ich erkannte den Culhinoor*
der welt und sank in das funkelnde schluchtwerk seiner facetten.
Das weltall – denn alles gewesene,
seiende, werdende waren eines –
spielte zu lichtstrahl und farbenblitzen
geworden in einem kristall:
Ein hin- und herüberwerfen
von lichtsignalen durchsprühte den zwischen-
raum, den ein strahlengerüst
prismatischer knotenpunkte durchnetzte.
Es gab keine stelle an der nicht bei winzigstem
weiterrücken ein sprühkamm von marsrot
zu ultramarin, ein gefächertes spektrum
diamantener feuer entspringen konnte.
Ich stürzte von eisklamm zu weissglut
durch endlos verwinkelte spiegel-
schluchten und wusste nicht: waren es höllen
paradiese, astrale sphären?
Mein zuckendes pünktchen, verlorenes
sonnenstäubchen
tollte und trubelte in dem gefunkel und schrieb seine tanzspur
alles gelebten erlittnen darein, in deren erregung
sein lieben und zürnen, erträumen und bangen nachschwang.
Es witterte jagte verfolgte und wusste nicht was
–
nun von einem giftstrahl smaragdener schlangenaugen
zurückgeworfen und wieder vom blendenden aufwind
in saphirene ränge gerissen. Ich kannte sie wieder:
was je mich ansah – liebend, Geliebtes – war
zu einem blauenden
lichtquell versammelt, zu licht geworden. Aus diesem
träumte und sog mich das auge, in allem erhoffte
auge des Engels an. In einem azurenen taumel
für ein erlöschen – war es eine ewigkeit? –
durchsank ich ein weltmeer aus immer dichterem
lichtstoff, das meinen sturz in tiefen der brechung
auffing – ihn sachte in einen auftrieb wandte.
Dies heben, gebären des quellgrunds (als kehre
das sammeln, verdichten
sich um) schwoll an: ein singendes fünkchen im funkenschwarm
des vulkanischen ausbruchs der räume und welten
war das meinige – so begann ich von neuem – – ‹
(2003)
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