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Nach dem Krieg
(Leseprobe aus: Adolf Endler:
Dies Sirren, Gespräche mit Renatus Deckert,
2010, Wallstein-Verlag).
In »Nebbich« heißt es über die Zeit nach dem Krieg geradezu euphorisch: »Tage der Freiheit, und von dem vierzehnjährigen Jungen wirklich ‚Freiheit‘ genannt«. Wie sah diese Freiheit aus?
Das war ungeheuerlich! Das fing schon an, als ich aus dem Lager weglief, und dann diese Fahrt mit dem Zug am Rhein entlang! So ein Gefühl haben vielleicht die Tramps in Amerika gehabt, wenn sie von Küste zu Küste unterwegs waren.
Ich atmete auf. Die Nazizeit hatte ich als etwas Einengendes und Bedrückendes empfunden, das geht wahrscheinlich auf die Erziehung durch meine Mutter zurück. Mit dem Einmarsch der Amerikaner kam die Freiheit, das spürte ich ganz heftig. »Die Kirschen der Freiheit« heißt ein Buch von Alfred Andersch, das von dieser Zeit handelt, das trifft es. 1945 war ein Kirschenjahr, wie ich es nie wieder erlebt habe; und diese Freiheit empfand ich ganz intensiv. Hinzu kam eine Flut von neuem Wissen, von Literatur und Kunst, die von der breiten Bevölkerung gar nicht so wahrgenommen wurde, die ich aber aufsog. Musil oder Joyce: davon hatte ich noch nie gehört. Ich habe gelesen, bis mir die Ohren glühten. Ich hatte das Gefühl, von keinem mehr abhängig zu sein. Ich habe mich nie wieder so frei gefühlt wie in dieser Zeit. Das dauerte nicht lange, aber ein paar Jahre doch; dann spürte man schon wieder allerlei Zwänge. Aber damals fühlte ich mich wirklich frei.
Wie lange gingen Sie dann noch zur Schule?
Zwei Jahre, dann bin ich einfach nicht mehr hingegangen. Statt dessen fuhr ich Tag für Tag in die Innenstadt von Düsseldorf. Ab 1946 gab es dort ein englisches Kulturzentrum, das lag gleich gegenüber dem Hauptbahnhof und hieß: »Die Brücke«. Da lagen sämtliche Zeitschriften aus, die in den vier Besatzungszonen erschienen, Zeitschriften für Politik, für Kunst und Literatur. Ich erbettelte mir auch bei meiner Mutter Geld, um mir solche Zeitschriften zu kaufen; ich hatte eine ganze Sammlung. Das war meine Art von Studium. Vieles, was andere nie erfahren haben, weiß ich durch die Lektüre dieser Zeitschriften, die den Deutschen nach dem Krieg die Moderne nahe bringen sollten; die habe ich intensiv studiert. Ich weiß noch, wie ich aus der Zeitschrift »Bildende Kunst« einen langen Artikel über Pablo Picasso abgeschrieben habe. Das war das Andere, das mich schon angezogen hatte, als ich während des Krieges ausländische Sender hörte. Im Gegensatz zur Schule, die nur noch eine lästige Nebensache war. Der bin ich ja dann entronnen. Das alles, und dieses Herumstreunen in der Stadt, das habe ich als Freiheit empfunden.
Sie haben erzählt, daß sich nach dem Krieg ein SS-Mann bei Ihnen zu Hause versteckt hielt.
Das war ein Verwandter meines Stiefvaters: Max Sartori aus Dinslaken, ein SS-Mann, wenn nicht sogar Offizier, mit dem ich mir manche Kissenschlacht geliefert habe. Ich las ihm höhnisch Gedichte von Tucholsky vor. Er sagte immer: »Wartet nur! Die Nacht der langen Messer, die kommt schon.« Einmal rezitierte ich Verse aus einem Gedicht von Erich Kästner, das ich in einer Zeitschrift gefunden hatte: »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – / zum Glück gewannen wir ihn nicht!« Da haben wir uns richtig geprügelt. Er ging dann nach Bayern und hielt sich auch dort versteckt. Nach zwei oder drei Jahren tauchte er wieder auf; das war die Zeit, als in der Bundesrepublik die Verfolgung der Straftäter aussetzte und Leute, die eigentlich schwer belastet waren, als Mitarbeiter für den Wiederaufbau gewonnen wurden. Das habe ich selbst erlebt. Max Sartori ist ein paar Jahre später Stadtdirektor in Dinslaken geworden.
Hatten Sie nicht Lust, diesen SS-Mann anzuzeigen?
So etwas konnte einem gar nicht einfallen, nachdem in der Nazizeit die Spitzelei und Denunziation so verbreitet gewesen war. Natürlich war mir das unangenehm und widersprach völlig meinen Vorstellungen. Trotzdem hatte ich nicht vor, diesen Menschen anzuzeigen; das hätte mir prinzipiell widerstrebt. Ich weiß auch gar nicht, wie die Behörden reagiert hätten. Es gab ja viele solcher Leute, die sich nach dem Krieg versteckt hielten. Irgendwann sind sie wieder aufgetaucht, wenn sie nicht allzu viel Dreck am Stecken hatten. Es war diese Zeit, in der mein Stiefvater, der nicht in der Partei gewesen war, ständig Entlastungspapiere für irgendwelche Leute schrieb: »Er war zwar in der Partei, hat sich aber liberal verhalten und niemandem geschadet.«
Haben Sie den Nürnberger Prozeß verfolgt?
Den habe ich sehr engagiert verfolgt. Es gab Rundfunksendungen darüber, und die Zeitungen berichteten. Ich saß vorm Radio, als die Urteile verkündet wurden. Dieses »death by hanging« geht mir nie aus den Ohren. Das ertönte ja mehrfach. Die Angeklagten wurden einzeln aufgerufen: »Hermann Göring«, und dann hieß es: »death by hanging«. Und dann Keitel: »death by hanging«. Und Ribbentrop. Das höre ich heute noch. Und ich war vollkommen einverstanden.
Wie wurde der Prozeß von der Bevölkerung aufgenommen?
Der ganze Krieg und die Nazizeit wurden binnen kurzem von den Zeitwinden aus den Gehirnen geblasen; das alles war auf einmal wie weggewischt! Bis heute ist das für mich ein unbegreifliches Phänomen. Es war ja sensationell, daß Göring da auf der Anklagebank saß. Aber das wurde gar nicht als so gravierendes Ereignis wahrgenommen. Das war nichts, was durch die Gesellschaft ging. Erst später ist mir klar geworden, daß der Nürnberger Prozeß von Teilen der Bevölkerung abgelehnt wurde; da spielte der Begriff Siegerjustiz eine Rolle. Das begriff ich erst, als ich Jahre später in der Bibliothek meines Stiefvaters auf Zeitungsausschnitte stieß, in denen Zweifel an dem Verfahren in Nürnberg geäußert wurden. Ich selber hatte solche Zweifel nicht. Ich stand als Kind auf Seiten der Ankläger, und in meinem Umfeld wurde der Prozeß eindeutig begrüßt. Und das war auch die Haltung der Reporter, denen ich am Radio zuhörte.
Hatte denn Ihr Stiefvater Zweifel an dem Verfahren?
Das war mir nie ganz deutlich. Ich halte es für möglich. Mir gegenüber hat er solche Zweifel aber nicht geäußert. Ich nehme an, daß er zwischen verschiedenen Einsichten hinund- hergependelt ist. Er besaß allerdings Bücher, die den Rußlandfeldzug auf schönfärberische Weise darstellten; solche Bücher waren in den fünfziger Jahren in Westdeutschland weit verbreitet. Als er tot war, stieß ich darauf. Und darin lagen Zeitungsausschnitte, in denen ein paar Jahre nach dem Nürnberger Prozeß gefragt wurde, ob dieser denn überhaupt rechtmäßig gewesen sei. Das wurde offensichtlich bezweifelt.
Aber diese Stimmen meldeten sich erst später, als in der Bundesrepublik auf einmal rechte Parteien auftauchten und revanchistische Forderungen laut wurden. Als der Nürnberger Prozeß stattfand, haben viele Deutsche einfach abgeschaltet, nicht hingehört oder weggeschaut.
Aber wie konnte es sein, daß der Krieg und die Nazizeit, wie Sie sagten, plötzlich »wie weggewischt« waren? Allerorten erinnerten doch noch Ruinen an die Bombennächte.
Mit Kriegsende begann etwas völlig Neues. Die Vergangenheit war im Nu aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden, das betraf sogar die früheren Nazis. Die Häuser waren zerstört, aber keiner wollte mehr wissen, wie es dazu gekommen war. Man redete nicht über den Krieg, auch ich habe mit meiner Familie nicht darüber geredet. Diese ganze Zeit samt Judenverfolgung und Bombenkrieg war restlos verschwunden. Weder in der Öffentlichkeit noch zu Hause war das ein Thema. Man stürzte sich in das Neue. Zunächst jedoch hatte man dafür zu sorgen, daß es etwas zu essen gab. Dieses plötzliche Verschwinden dessen, was gerade erst zu Ende gegangen war, ist mir erst später zu Bewußtsein gekommen. Man hing die weiße Fahne heraus, und damit hatte sich das erledigt. Als die Amerikaner einmarschierten, gab es keinerlei Rachegefühle, die wurden begrüßt und zu einem Wein oder Schnaps in die Wohnung eingeladen. Es war ein völlig unbelastetes Verhältnis zwischen den besiegten Deutschen und denen, die bis vor kurzem als schreckliche Feinde gegolten hatten; und mit den Engländern war es genauso. Es gab keine Empörung über die Luftangriffe. Erst heute heißt es bei Jörg Friedrich, daß die Zerstörung der deutschen Städte ein Verbrechen war. So habe ich das nicht gesehen. Jeder wußte, daß die Engländer in dieser Hinsicht nur von den Nazis gelernt hatten. Hitler wollte ja die englischen Städte ausradieren. Ich erinnere mich an einen Artikel über die Zerstörung kultureller Güter, den ich kurz nach dem Krieg in der Zeitschrift »Merkur« las. Es gab auch ein dickes amerikanisches oder englisches Buch, in dem dargestellt wurde, welche großartigen Kunstschätze der Krieg in ganz Europa vernichtet hatte. Das wurde in beiden Fällen ganz sachlich abgehandelt und nicht als Kriegserlebnis; ohne diesen Unterton, der bei Jörg Friedrich mitschwingt. Man führte auf, was alles zerstört worden war, aber ohne irgendeinen Vorwurf gegen jemanden. Diese einseitige Sicht von heute finde ich verlogen, auch wenn mir der Angriff auf Dresden durchaus als etwas ganz Unbegründetes und Sinnloses im Kopf ist.
Hat Sie der Abwurf der Atombombe bewegt?
Das hat mich erst später umgetrieben. Zu der Zeit, als es
geschah, ging es mir nicht so nahe, wie man denken könnte; da hat einen anderes bewegt. Der Krieg war gerade erst vorbei, da mußte man schauen, daß es weiterging. Die Atombombe wurde auch nicht heftig diskutiert. Allerdings erinnere ich mich, daß sie eher kritisch gesehen wurde. Da hieß es dann: »Nicht nur wir haben schreckliche Dinge getan, sondern auch die Amerikaner.« Auf dieser Ebene wurde argumentiert.
Mich hat die Atombombe dann über die Jahre hin immer wieder beschäftigt, wie sie ja auch den alten Erich Arendt nicht mehr losgelassen hat. Sie taucht bei mir als
Schreckensvision in Gedichten auf, die nicht offenkundig etwas damit zu tun haben. Ich habe die Atombombe sozusagen verinnerlicht. Für mich war sie, wie überhaupt diese Untergangsgefahr, mein ganzes Leben über anwesend, und hat meinen Pessimismus nur noch verstärkt.
Wie erfuhr die Bevölkerung von den Ausmaßen der deutschen Verbrechen?
Sehr langsam, das sickerte so allmählich durch. Die Bevölkerung nahm diese Nachrichten allerdings sehr unwillig zur Kenntnis. Es war ja bekannt, daß es Lager gab, in denen Schreckliches geschah. Ich hatte davon schon während des Krieges durch den Londoner Rundfunk erfahren, und andere sicher auch. Aber diese Ausmaße sind eigentlich erst mit den Auschwitz-Prozessen bekannt geworden. Nach dem Krieg wollte von all dem keiner mehr etwas wissen. Auch in meiner Familie war das kein Thema, und das hat mich sehr gequält. Das Thema war: Durchkommen. Man mußte schauen, woher man etwas zu essen bekam. Allerdings hat diese Not mich weniger berührt als die Freiheit, vieles kennenzulernen, von dessen Existenz ich in der Nazizeit nichts gewußt hatte, als ich da sehr einsam in meiner Rundfunkwelt lebte. Nach dem Krieg lebte ich dann in dieser Zeitschriftenwelt, die mit der Währungsreform zugrunde ging. Ich versuchte, mich abzuschotten von dieser kollektiven Amnesie und von meinem Vater, der als Unternehmer schon bald wieder mit früheren Nazi-Offizieren Geschäfte machte.
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Rezension I Buchbestellung I home III10 LYRIKwelt © R.D./Wallstein-Verlag