Als Poesie gut von Günter de Bruyn, 2006, S. Fischer

Günter de Bruyn

Als Poesie gut
(Leseprobe aus: Als Poesie gut, Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786-1807, 2006, S. Fischer).

Die Kinder der Aufklärung

Henriette war zwölf Jahre alt, als ihr eine Tante, die sie im Nähen

unterrichtete, insgeheim anvertraute, daß sie bald Braut werden sollte,

auch den Namen des Bräutigams und den Tag der Verlobung verriet

sie ihr schon. Henriette war glücklich darüber, nun bald schön

gekleidet am Arm des Bräutigams spazierengehen zu dürfen, mehr

Taschengeld als zwei Groschen im Monat zu erhalten und vielleicht

sogar von den besseren Gerichten mitessen zu dürfen, die der Vater

immer erhielt. Sehnlich wurde der angegebene Tag also erwartet,

doch verstrich der Vormittag wie jeder andere, und erst beim Mittagessen

kündigte sich durch eine Frage des Vaters das große Ereignis

an. Er wollte von ihr nämlich wissen, ob sie lieber einen Rabbiner

oder einen Doktor heiraten möchte, und sie entgegnete, wie es sich

gehörte: jeder väterliche Entschluß sei ihr recht. Am Nachmittag verriet

ihr die Mutter des Bräutigams Namen und ermahnte sie, sich

ihm gegenüber gut zu benehmen. Am Abend mußte sie im Vorzimmer

warten, bis man den Kontrakt aufgesetzt und unterschrieben

hatte. Vor dem Notar und zwei Zeugen mußte sie ihre Zustimmung

geben, worauf der Bräutigam ihr die Hand küßte und mit ihr in die

Festgesellschaft ging.

Enttäuschend für sie waren die anderthalb Jahre, die sie bis zur

Hochzeit noch warten mußte. Zwar erhielt sie nun sechs statt zwei

Groschen im Monat, aber von schöneren Kleidern und besserem Essen

war so wenig wie von Spaziergängen des Brautpaares die Rede,

und jeden Abend mußte sie Stunden von entsetzlicher Langerweile

durchleiden, wenn der Bräutigam kam, um mit dem Vater Karten zu

spielen, denn sie mußte neben ihm sitzen, obwohl sie vom Kartenspiel

nichts verstand. Allein war sie mit dem Versprochenen niemals.

Nur abends beim Abschied im Hausflur kam es manchmal zu Zärtlichkeiten,

die ihr angenehm waren, aber in ihrer Bedeutung nicht

klar. Als jemand ihr weismachte, die Kinder entstünden dadurch, daß

man zu oft an einen bestimmten Mann denke, fürchtete sie, durch

vorzeitige Niederkunft in Schande geraten zu können, weil ihr Künftiger

doch dauernd in ihren Gedanken war. Denn dem Hochzeitstag

fieberte sie mit Ungeduld entgegen, und zwar nicht nur der schönen

Kleider wegen, sondern auch weil sie hoffte, danach soviel essen zu

dürfen, wie sie nur wollte, und ausgehen zu können, wenn ihr danach

zumute war.

Am Tage der Hochzeit, dem 1. Dezember 1779, lag Schnee auf dem

Hofe der elterlichen Wohnung in der Spandauer Straße. Dort stand

der Baldachin, unter dem nach altem jüdischen Brauch das Paar getraut

wurde. Das festliche Mittagessen war erst am Abend zu Ende.

Von Freunden begleitet ging das Paar einige Häuser weiter in die

eheliche Wohnung. Zuvor aber empfing die junge Frau den Segen

ihres Vaters – über den sie als alte Frau in ihren Erinnerungen sagte:

er sei von Gott erhört worden, denn reich und schön sei ihr Leben von

diesem Tag an tatsächlich gewesen – wenn sie sich auch in den ersten

Jahren oft darüber ärgern mußte, daß ihr Mann es für richtig hielt,

sie wie ein Kind zu behandeln, also als das, was sie war.

Geboren war sie als Henriette de Lemos am Berliner Neuen Markt,

nahe der Marienkirche, in der Gegend der Spandauer Straße also, wo

viele jüdische Familien wohnten, unter anderen die Mendelssohns

auch. Ihr Vater, ein Arzt, dessen Vorfahren im späten Mittelalter vor

der Inquisition aus Spanien und Portugal nach Preußen geflohen waren,

gehorchte mit der frühen Verheiratung seiner ältesten Tochter

nur den orthodox-jüdischen Sitten, die auch der Aufklärungsphilosoph

Moses Mendelssohn noch befolgte, als er seine mit Henriette

gleichaltrige Tochter Brendel (die sich später Dorothea nannte) an

den Bankier Veit verheiratete und so einen Ehebund stiftete, der

dann am Glücksanspruch der neuen Generation zerbrach.

Henriettes kinderlos bleibende Ehe dagegen war beständig. Sie

selbst charakterisierte sie im Alter, fünfundzwanzig Jahre nach dem

Tod ihres Mannes, so: »Meine Ehe darf ich ein glückliches Verhältnis

nennen, wenn auch vielleicht nicht eigentlich eine glückliche

Ehe. Die Ehe bildete für meinen Mann nicht den Mittelpunkt seines

Seins. Und außerdem war die unsere nicht durch Kinder gesegnet.

Wäre mir dies Glück vergönnt gewesen, ich weiß, ich wäre eine gute

Mutter geworden, wie ich eine gute Gattin war. Denn das Zeugnis

darf ich mir geben: Mein Mann wurde durch mich so glücklich, als

er es überhaupt durch eine Frau werden konnte.« Von ihrem eigenen

Glück aber sagt sie damit wenig. Vielleicht hat es darin bestanden,

immer von vielen bedeutenden Männer umgeben gewesen und von

manchen begehrt worden zu sein.

Im Gegensatz zu Dorothea Mendelssohn, ihrer intimsten Freundin,

und der etwas jüngeren Rahel Levin, mit der sie auch früh bekannt

wurde, ohne daß sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt

hätte, galt sie von Kindheit an als bedeutende Schönheit. Nicht ohne

Stolz erzählt sie im Alter von einem Laubhüttenfest der Berliner Juden,

das die Prinzessin Amalia, die jüngste Schwester Friedrichs des

Großen, mit einem Besuch beehrte und dabei von der kleinen Henriette

begrüßt wurde, die ihrer Schönheit wegen dazu auserwählt worden

war. Die Schwärmerei für ihr Aussehen begann also früh, und

sie währte lange. Zu den Erfolgen ihrer Geselligkeiten, für die man

erst später den Ausdruck Salon benutzte, hat sie sicher viel beigetragen.

Für uns aber ist es nicht einfach, sie bei Betrachtung der überlieferten

Bildnisse nachzuempfinden, weil wir heute, nicht weniger als

Henriettes Bewunderer damals, vom Zeitgeist befangen sind. Weder

die Henrietten-Büste Schadows noch die Porträts der Dorothea Therbusch

und des Anton Graff können uns zur Bewunderung hinreißen,

eher schon Beschreibungen in Worten, weil mit denen nämlich unsere

eigne Vorstellung von attraktiver Schönheit zu verbinden ist.

Sie war von »hohem Wuchse«, so schreibt zum Beispiel der Berliner

Autor Joseph Fürst, der sie im Alter zum Verfassen ihrer Erinnerungen

animierte, und stellt sie in dieser Hinsicht mit der Königin

Luise gleich. »Bis zum Eintritt des Alters«, heißt es dann weiter, »gesellte

sich zu diesem ausgezeichneten Wuchse eine höchst gefällige

Fülle der Formen, welche scharf das Maß innehielt, das erforderlich

war, um der ganzen Gestalt nicht den Eindruck des Schlanken zu rauben.

« Imposant sei also ihre Gestalt gewesen, ihr Gesicht aber von

»der reinsten und mildesten weiblichen Schönheit«, mit einem der

»griechischen Kunst« vergleichbaren klassischen Profil. »Dem kleinen

Munde, dessen perlengleiche Zahnreihen von feingezeichneten

und vollen Lippen umsäumt wurden, war das anmutigste Lächeln

eigen. Der Glanz der dunklen, von feinen schwarzen Brauen überwölbten,

in mildem Feuer leuchtenden Augen wurde durch einen frischen,

aber durchaus zarten Teint gehoben, und dieser wieder durch

das reichste dunkle Haar.« Ihr Kopf, der Laien im Verhältnis zum

Körper zu klein erschien, entsprach, wie Fürst abschließend meint, in

den Augen von Kunstsachverständigen genau den kanonischen Verhältnismaßen

der klassischen Zeit.

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