Meine Väter von Martin R. Dean, 2003, Hanser

Martin R. Dean

aus: Meine Väter

Als ich in Basel auf das Flugzeug nach London wartete, las ich in der Zeitung von einem seltenen Verbrechen: Ein Junge hatte seinen Vater getötet. Nachdem er mit einer Eisenstange auf den Schlafenden eingedroschen und ihn dann mit einigen gezielten Messerstichen verwundet hatte, erstickte er ihn mit einem Kissen. Die Stiefmutter des Jungen kam hinzu und wurde Zeugin der Bluttat. Die ganze Wohnung, die Wände und auch das weisse Bettlaken, sagte sie aus, seien voller Blut gewesen, nachdem der Sohn endlich vom Vater gelassen habe. Der Sohn habe sofort ein Geständnis abgelegt.
In den meisten Fällen können Söhne ihre Väter nicht von Angesicht zu Angesicht angreifen. Kaum ein Mordversuch am Vater findet in der direkten Konfrontation statt. Da der Vater in der Nähe als unbezwingbar erscheint, erfolgt der Angriff meist im Schlaf, von hinten, aus der Ferne oder mit Gift.
Welche Strafe steht auf Vatermord?
Ich habe meinen Vater erst jetzt, im Alter von vierzig Jahren, gefunden. Ich wusste fast nichts von ihm. Vierzig Jahre lang war ich der Meinung gewesen, er sei eine Art Märchenprinz mit einem silbernen Stöcklein.
Vor einer Woche versicherte mir der in London ansässige Hochkommissar von Trinidad & Tobago am Telefon, dass mein Vater noch lebe, ja, dass er sogar mit ihm bekannt sei. Sofort buchte ich einen Flug von Basel nach London Stanstead.
»Ihr Vater Ray hat dreissig Jahre lang auf Ihren Anruf gewartet«, hatte der Hochkommissar gesagt. »Er stammt aus einer der angesehensten Familien Trinidads. Die Randeens gehören fast zu den indischen Gründerfamilien. Aber Sie sind spät dran.«
Sofort stellte ich mir einen einflussreichen alten Mann mit einem gegerbten Faltengesicht vor, der irgendwo in einem Seemannshaus an der Themse residiert und weltweit seine Geschäfte führt.
Ray?
In all den Jahren und Jahrzehnten habe ich ihn mir immer wieder anders vorgestellt. Mal hellhäutig, dann wieder eher dunkel, mal schmächtig – oder dann gross und überwältigend wie ein Baum. Mit europäisierten Zügen, was für einen Trinidader indischer Abkunft durchaus denkbar ist.
Ich bin auf dem Weg zum Hochkommissar von Trinidad & Tobago. Mein linkes Auge ist geschwollen und tränt. Und meine Nase so verstopft wie die Strassen von Belgrave, durch die sich der Cab-driver im Rhythmus von Stop and go voranbewegt. Seit vierzehn Tagen schon leide ich an Stirnhöhlenkatarrh. Deutlich sehe ich noch das Röntgenbild mit meinen gegen die Stirnhöhle sich verengenden Nasenlöchern, in denen mein Atem stockt und steckenbleibt. So dass ich zuweilen fast zu ersticken drohe. Keine Panik, pflegt mein Arzt in Basel zu sagen, no panic, it’s the normal rush-hour, meint auch der Cab-driver.
Wenn ich krank werde, sagt mir meine Frau Leonie, was los ist. Meine Krankheiten sind unauffälliger Natur, sie unterscheiden sich nicht von denen meiner Freunde und Bekannten. Mal eine Verzerrung des Nackenmuskels
da, eine Magenverstimmungen dort oder ein Nierenstein. Hypochondrische Kapriolen. Vor allem aber Fieber, Fie-ber seit meinem achtzehnten Lebensjahr. Immer wieder schnellt meine Körpertemperatur nach oben und wirft mich ins Bett. Meine Zunge und mein Hals schwellen an, und meine Wahrnehmung wird trübe. Ich kann nicht mehr unter die Leute gehen und muss tagelang das Bett hüten. Leonie weiss dann sofort, dass ein neues Loch in mir aufgegangen ist. Eigentlich siehst du gesund aus, sagt sie, wenn man dich sieht, bemerkt man nicht, dass du so viele Löcher mit dir herumträgst. Vielleicht wärst du gesünder, wenn du deine Geschichte kennen würdest. Aber auch Leonie weiss nicht, wie mir zu helfen ist. Die Ärzte wissen es nicht. Wenn ich mit hohem Fieber im Bett liege, bin ich für die Umwelt nicht mehr erreichbar. Bin abgeschnitten von allem. Wie viele Verpflichtungen und Termine habe ich deswegen versäumt. Das halbe Leben habe ich verpasst. Aber meine eigentliche Krankheit ist in keinem Lehrbuch zu finden, sagt Leonie. Vielleicht nennen wir sie einfach »Vatermangel«. Mit dieser Krankheit »Vatermangel« wirst du in die medizinischen Lehrbücher aufgenommen und berühmt werden.

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