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aus: Meine Väter
Als ich in
Basel auf das Flugzeug nach London wartete, las ich in der Zeitung von einem
seltenen Verbrechen: Ein Junge hatte seinen Vater getötet. Nachdem er mit einer
Eisenstange auf den Schlafenden eingedroschen und ihn dann mit einigen gezielten
Messerstichen verwundet hatte, erstickte er ihn mit einem Kissen. Die
Stiefmutter des Jungen kam hinzu und wurde Zeugin der Bluttat. Die ganze
Wohnung, die Wände und auch das weisse Bettlaken, sagte sie aus, seien voller
Blut gewesen, nachdem der Sohn endlich vom Vater gelassen habe. Der Sohn habe
sofort ein Geständnis abgelegt.
In den meisten Fällen können Söhne ihre Väter nicht von Angesicht zu
Angesicht angreifen. Kaum ein Mordversuch am Vater findet in der direkten
Konfrontation statt. Da der Vater in der Nähe als unbezwingbar erscheint,
erfolgt der Angriff meist im Schlaf, von hinten, aus der Ferne oder mit Gift.
Welche Strafe steht auf Vatermord?
Ich habe meinen Vater erst jetzt, im Alter von vierzig Jahren, gefunden. Ich
wusste fast nichts von ihm. Vierzig Jahre lang war ich der Meinung gewesen, er
sei eine Art Märchenprinz mit einem silbernen Stöcklein.
Vor einer Woche versicherte mir der in London ansässige Hochkommissar von
Trinidad & Tobago am Telefon, dass mein Vater noch lebe, ja, dass er sogar
mit ihm bekannt sei. Sofort buchte ich einen Flug von Basel nach London
Stanstead.
»Ihr Vater Ray hat dreissig Jahre lang auf Ihren Anruf gewartet«, hatte der
Hochkommissar gesagt. »Er stammt aus einer der angesehensten Familien
Trinidads. Die Randeens gehören fast zu den indischen Gründerfamilien. Aber
Sie sind spät dran.«
Sofort stellte ich mir einen einflussreichen alten Mann mit einem gegerbten
Faltengesicht vor, der irgendwo in einem Seemannshaus an der Themse residiert
und weltweit seine Geschäfte führt.
Ray?
In all den Jahren und Jahrzehnten habe ich ihn mir immer wieder anders
vorgestellt. Mal hellhäutig, dann wieder eher dunkel, mal schmächtig – oder
dann gross und überwältigend wie ein Baum. Mit europäisierten Zügen, was für
einen Trinidader indischer Abkunft durchaus denkbar ist.
Ich bin auf dem Weg zum Hochkommissar von Trinidad & Tobago. Mein linkes
Auge ist geschwollen und tränt. Und meine Nase so verstopft wie die Strassen
von Belgrave, durch die sich der Cab-driver im Rhythmus von Stop and go
voranbewegt. Seit vierzehn Tagen schon leide ich an Stirnhöhlenkatarrh.
Deutlich sehe ich noch das Röntgenbild mit meinen gegen die Stirnhöhle sich
verengenden Nasenlöchern, in denen mein Atem stockt und steckenbleibt. So dass
ich zuweilen fast zu ersticken drohe. Keine Panik, pflegt mein Arzt in Basel zu
sagen, no panic, it’s the normal rush-hour, meint auch der Cab-driver.
Wenn ich krank werde, sagt mir meine Frau Leonie, was los ist. Meine Krankheiten
sind unauffälliger Natur, sie unterscheiden sich nicht von denen meiner Freunde
und Bekannten. Mal eine Verzerrung des Nackenmuskels
da, eine Magenverstimmungen dort oder ein Nierenstein. Hypochondrische
Kapriolen. Vor allem aber Fieber, Fie-ber seit meinem achtzehnten Lebensjahr.
Immer wieder schnellt meine Körpertemperatur nach oben und wirft mich ins Bett.
Meine Zunge und mein Hals schwellen an, und meine Wahrnehmung wird trübe. Ich
kann nicht mehr unter die Leute gehen und muss tagelang das Bett hüten. Leonie
weiss dann sofort, dass ein neues Loch in mir aufgegangen ist. Eigentlich siehst
du gesund aus, sagt sie, wenn man dich sieht, bemerkt man nicht, dass du so
viele Löcher mit dir herumträgst. Vielleicht wärst du gesünder, wenn du
deine Geschichte kennen würdest. Aber auch Leonie weiss nicht, wie mir zu
helfen ist. Die Ärzte wissen es nicht. Wenn ich mit hohem Fieber im Bett liege,
bin ich für die Umwelt nicht mehr erreichbar. Bin abgeschnitten von allem. Wie
viele Verpflichtungen und Termine habe ich deswegen versäumt. Das halbe Leben
habe ich verpasst. Aber meine eigentliche Krankheit ist in keinem Lehrbuch zu
finden, sagt Leonie. Vielleicht nennen wir sie einfach »Vatermangel«. Mit
dieser Krankheit »Vatermangel« wirst du in die medizinischen Lehrbücher
aufgenommen und berühmt werden.
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