aus: Der Fluch der bösen Tat
Tagesen zog an seinem
Schnurrbart und lachte. Er sah jung aus, wenn das schiefe Grinsen über sein Gesicht ging.
Lise fand ihn sehr ansprechend und war froh, ihn als Verbündeten zu haben. Bündnisse
sind wichtig in einem Zeitungshaus. Mit Tagesen war sie das richtige eingegangen. Sie
hatte sich an ihm orientiert, als er Redaktionschef bei der Konkurrenz gewesen war, und
war ihm ohne Zögern zur Politiken gefolgt. Natürlich war ihre Karriere dadurch auch in
gewisser Weise an seine gebunden.
"Nun setz dich doch, Lise", sagte er.
Lise entfernte einen Haufen Zeitungen von einem Stuhl und setzte sich. Tagesen setzte sich
hinter seinen Schreibtisch und hantierte mit einem Kugelschreiber. Er hatte auch
aufgehört zu rauchen. Dafür fummelte er an allem herum, an Brieföffnern, Bleistiften,
Kugelschreibern, und knickte Eselsohren in Papierbogen.
"Hör zu! Ich hab hier die Geschichte deines Lebens für dich. Sara Santanda will aus
der barbarischen Dunkelheit heraus. Hinaus an die Öffentlichkeit. Ans Licht!"
Lise spürte Freude aufkommen, das schwindelnde Gefühl von etwas Großem. Sie wußte, was
kommen würde.
"Ja, Lise. Sie kommt nach Dänemark. Eingeladen von uns. Präsentiert von uns. An der
Hand geführt von uns. Beschrieben und bewundert von uns!"
"Aber ich habe gerade erst heute morgen... in den Nachrichten... Iran hat
eben..."
"Das Todesurteil. Erhöhung des Kopfgelds. Ich weiß, ich weiß, aber Sara will sich
nicht mehr mit diesem Schicksal abfinden, ständig im Untergrund zu leben. Sie will
raus!"
Lise mußte aufstehen. Sie trat ans Fenster und schaute auf den Platz. Die Fußgänger
schlängelten sich an aufgetürmten Pflastersteinen vorbei. Die nackten braunen Arme und
die Beine in kurzen Hosen waren auch heute wieder vorherrschend.
"Warum wir? Warum Dänemark?" sagte sie dann.
Tagesen fing an, einen Zettel in Fetzen zu reißen.
"Dänemark ist ein friedliches Land. Wir haben keinen Terrorismus."
"Wir sind nicht sehr groß."
"Die Geschichte hier wird trotzdem um die Welt gehen."
"Aber warum Politiken?"
"Also, in aller Bescheidenheit, für Rushdie haben wir eine Menge getan. Ich habe.
Für die Kurden. Wir sind eine aktivistische Zeitung. Außerdem habe ich Sara Santanda
durch gewisse Beziehungen mehrmals getroffen... und du hast sie ja ein paar Mal
interviewt. Sie hat sich an dich erinnert. Und dann ist da noch die Kleinigkeit, daß du
die Vorsitzende des dänischen PEN bist. Der arrangiert das und wir. Aber vor allem wir,
nicht? Sie freut sich, dich wiederzusehen."
"Wo ist sie jetzt? Hat sie England verlassen?"
"Sie versteckt sich immer noch irgendwo in London. Sie hat die Nase voll, wie im
Gefängnis zu leben. Sie will in die Freiheit. Sie möchte auch gern ein paar bürgerliche
Worte zum sogenannten kritischen Dialog mit Iran sagen, den unsere Regierung da unten in
Brüssel pusht."
"Keine Ansprachen, Tagesen", sagte sie.
"Nein, das kommt später", sagte er zufrieden.
"Wann kommt sie?"
"In einem knappen Monat."
Lise setzte sich wieder. Sie konnte sich die Komplikationen vorstellen. Für die
Vorbereitung war nicht lange Zeit. Es gab zwei Dinge zu bedenken. Tagesen und
wahrscheinlich auch Sara wünschten größtmögliche Öffentlichkeit. Das war an und für
sich der Sinn und Zweck ihres Entschlusses, aus ihrem Versteck zu kommen. Die
Sicherheitsleute vom Polizeilichen Nachrichtendienst und von der Kopenhagener Polizei
würden größtmögliche Geheimhaltung und Isolation verlangen. Das würde ihre Arbeit
erleichtern. Sie kannte sie noch vom Rushdie-Besuch. Sie waren steif, aber sehr
professionell. Und sie wollten nichts riskieren. Sie nahmen ihre Arbeit sehr ernst. Sie
benutzten seltsame Wörter. Statt eine konspirative Wohnung, die sie KW abkürzten,
auszukundschaften oder als mögliches Versteck zu prüfen, sagten sie, sie wollten das
Terrain beschnüffeln. Sie würden sicher mit dem größten Vergnügen sowohl die
Vertreter des PEN als auch andere Autoren oder Journalisten, die mit dem Besuch zu tun
hatten, herumkommandieren. Da wären einige Konflikte vorprogrammiert. Aber Lise mußte
widerstrebend zugeben, daß sie am längeren Hebel saßen. Es war schwer, dagegen zu
argumentieren, daß das, was sie sagten, über Leben und Tod entscheiden konnte, aber sie
mochte die Art und Weise nicht, in der sie es sagten.
"Hast du mit dem PND gesprochen?" fragte sie.
"Ja, er will, daß wir die Sache geheimhalten, bis sie ihre erste Pressekonferenz
gibt. Dann lassen wir die Bombe hochgehen..."
"Bist du darauf eingegangen?"
"Ich fand das fair. Wir haben die Geschichte immer noch exklusiv."
"Okay."
"Ich hab heute nachmittag für dich einen Termin mit dem Sicherheitsoffizier
vereinbart, der sich der Sache annimmt. Er heißt Per Toftlund. Sie sagen, er sei gut. In
deinem Alter. Sprich mit ihm. Work something out! Die Geschichte gehört dir."
"Yes, sir", sagte sie mit gespielter Ergebenheit.
"Ich habe auch Svendsen im Staatsministerium informiert, aber im übrigen bleibt die
Sache unter uns, nicht wahr, Lise?"
"Selbstredend."
"Okay... grüß Ole, ja?"
"Ja", sagte sie, aber sie wußte, daß Tagesen gedanklich schon bei der
nächsten Sache war. Es wäre vergebliche Liebesmüh, ihm erklären zu wollen, wie es mit
ihr und Ole stand. Im Grunde war Tagesen auch gar nicht daran interessiert. Er
interessierte sich für Ideen und die Zeitung, nicht für Menschen. Vielleicht war das ein
bißchen zu hart, dachte sie. Aber er kriegte nun mal gern den abwesenden Blick, wenn man
zu persönlich wurde. Ein Freund war er wohl trotzdem irgendwie. Aber jetzt hatte er eine
Story in Gang gesetzt und ging davon aus, sie werde sie zu Ende führen und nur dann zu
ihm kommen, wenn es Probleme gäbe.
Er vertraute ihr. Diese Art Chef mochte sie, andere Chefs wollten den ganzen Fall über
gepflegt und gehätschelt wer-
den. Nurses, wie das mit einem der Anglizismen genannt wurde, die im dänischen
Journalistenmilieu so gang und gäbe waren. Sie wollte es lieber allein machen.
Rezension IV01 LYRIKwelt © Zsolnay