Ein Poet?
Es war zu Mitte Februar, und es ging auf Mitternacht.
In den stolzen Zeitungspalast nah der Wiener Ringstrasse war endlich für kurze Weile ein Schweigen eingekehrt. Das rastlose Leben verstummte, das ihn sonst stossweise doch heftig bewegt. Aus den Fenstern des zweiten Stockwerkes, in dem sich die Redaktion befindet, brach noch ein einsames Lampenlicht in die Nebel und auf die öde Strasse. Auch das erlosch. Die elektrischen Bogenlampen über der Einfahrt gossen ihr weisses, fast schrilles Licht über ein harrendes Zweigespann aus. Auf dem Bocke sass der Kutscher mit nickendem Kopfe und bis zur Unkenntlichkeit eingemummelt, um sich vor dem rastlosen Winde zu schützen, der taumelnd und irre über der Grossstadt dahinfuhr. Das Haustor stand offen, aber nur selten huschte jemand hinein oder trat daraus. Wer dieses musste, der verhielt ein Weilchen schaudernd und kurzatmig, eh' er in die Winternacht mit ihrem wehenden, formlosen und frostigen Brodem sich wagte. Wenige Schritte, und ihn hatte das Dunkel verschlungen.
In der Nachtredaktion selbst brannten noch alle Lampen. Eben war der Metteur mit einem Stück Manuskript fortgegangen; nun stand das Blatt, und die Maschinen feierten, der letzten Nachrichten gewärtig, die ein spätes Telegramm oder ein säumiger Bote noch bringen konnten. In dem ziemlich grossen Raume roch es muffig: nach Firniss, nach Öl und nach Druckerschwärze. Nur noch drei Personen waren darin anwesend. Der Nachtredakteur spielte zerstreut mit einer grossen Schere; an einem Pulte sass im Frack ein Berichterstatter und feilte an seinem Ballbericht, den er offenbar gar nicht schön und farbig genug herausbekommen konnte. Endlich stand noch ein Mann, zum Fortgehen fertig, an einem Tischchen und überflog die jüngsten Depeschen, welche die Stunde gebracht hatte. Er sah dabei überlegt und überlegen aus, wie er so jedes Wort nach Wert und nach Gewichtigkeit abschätzte. Er war auch mit der letzten zu Ende gekommen; sorgfältig legte er das Blatt nieder und wandte sich zum Gehen. Da pochte es an die Türe: kräftig und dennoch ungleich, wie ängstlich. Der Schreibende sah auf; der Nachtredakteur klappte seine Schere hart zu. Die beiden blickten einander an, lächelten und sprachen in einem Atem: »Also – der Bernhofer«...
Der Eintretende, Josef Bernhofer, blieb an der Schwelle stehen und sah ein Weilchen wie geblendet in das helle Licht. Ein Ausdruck von rührendem Behagen glitt vor der Wärme über sein verhärmtes Gesicht. Er war offenbar sehr kurzsichtig; und wie er so mit blinzelnden Augen säumte und dabei mit den Fingern an den Gläsern seiner verbogenen Brille herumwischte, schaute er verträumt und ärmlich aus, trotz der Sauberkeit seines Anzuges, der dennoch, bis auf die lichten Beinkleider, der Jahreszeit gemäss war. Er hielt sich schlecht, mit vornübergezogenen Schultern; sein Haar war unordentlich, in förmlichen Büscheln ergraut. Den linken Fuss schleppte er ein wenig, aber so, dass es mehr die Folge einer lässigen Angewöhnung, als eines körperlichen Gebrechens erschien. Eine gewisse höfliche Schüchternheit lag über allem, was er begann; man findet sie nicht selten bei Menschen, die nur mit Leuten verkehrt haben, die über ihnen stehen, und die den Umgang mit Höheren doch nicht recht gewöhnen können – etwa bei von Natur bescheidenen Erziehern in adligen Häusern also. Und so näherte er sich dem Nachtredakteur und langte aus der Brusttasche seines Winterrocks sauber gelegt ein blau beschriebenes Blatt Papier: »Ich bin so frei, noch einen Bericht zu bringen. Hoffentlich passt es. Es ist ein Brand, Herr Doktor.«
»Ein Brand? Steht's jetzt noch dafür? Und hat ihn noch niemand gebracht?«
»Ich hoffe nicht. Es war vor kaum einer Stunde und ein ganz ansehnliches Feuer. Sie mussten mit der Dampfspritze ausrücken, und ein Löschmann wurde nicht unerheblich verletzt. Ich habe mich sehr beeilt, gerade auf dem Heimwege war ich, als die Flammen aufschlugen, und ich habe im Kaffeehause alles aufs gewissenhafteste notiert. Hierher«, er versuchte ein bescheidenes Lächeln, »kam ich allerdings nicht sofort. Ich wusste, dass die Herren hier am längsten offen haben.« Und damit legte er seinen Bericht auf das Pult und machte seine Verbeugung, um sich zu empfehlen.
»Sie, Herr Bernhofer«, hörte er sich plötzlich anrufen.
Er zuckte zusammen, blieb nicht ohne eine gewisse Ängstlichkeit stehen. Der Dritte – Dr. Ferdinand Wortmann seines Namens und erster Leitartikler des Blattes von Beruf – hatte den Bericht aufgenommen, und trat nun damit in der Hand auf Bernhofer zu. Er war ein kleiner Mann, fast einen Kopf kleiner als der andere; aber man begriff in diesem Augenblicke die Scheu Bernhofers vor ihm. Bewusste Kraft stand gegen Müdigkeit. Er sah ungemein klug und sehr heftig aus. Die Brille hatte er hoch auf die Stirne geschoben, und die tiefen Streifen, welche das Gestänge längs der Schläfen eingegraben hatte, leuchteten ganz rot. Seine raschen Augen funkelten, und die sehr schöne und bis auf den Ehering völlig schmucklose Hand fuhr über das kurzgeschorene Haupthaar und glättete am spitzgehaltenen Bart. »Sie, Herr Bernhofer!« rief er dabei noch einmal, und seine Stimme hatte einen hellen und nicht unangenehmen Ton. Die beiden andern aber stiessen sich an: »Es gibt etwas...« und lächelten dabei.
»Herr Doktor wünschen?« fragte Bernhofer befangen.
»Sie haben da einen Bericht geliefert, Herr Bernhofer«, es lag eine gänzlich vernichtende Höflichkeit in jeder Silbe, »der ja soweit ganz vortrefflich sein mag. Er geht mich auch eigentlich nichts an, und ich warf nur aus Neugierde und weil ich zufällig da war, einen Blick hinein; das Lokale«, er schüttelte es mit einer entschiedenen Bewegung von seinen Schultern, »das Lokale ist sonst durchaus nicht mein Ressort. Aber – auf eine Kleinigkeit haben Sie in Ihrer, sonst, wie bemerkt, vielleicht vortrefflichen Notiz vergessen – bitte: wo hat's gebrannt, Herr Bernhofer?«
»Aber steht das nicht darin?« stammelte Bernhofer ganz verdutzt... »Bei der Augartenbrücke, natürlich!«
»Erlauben Sie mir die Bemerkung: es ist gar nicht natürlich, dass es just bei der Augartenbrücke gebrannt hat. Und bei allem Scharfsinn, den Sie unseren Redakteuren zuzutrauen das Recht haben – und es ist dessen in der Tat ziemlich viel – Sie dürfen doch nicht verlangen, dass sie das erraten. Also: bei der Augartenbrücke. Gestatten Sie, dass ich das vermerke und Sie an die erste journalistische Regel erinnere: Wo, wann, wie – so geht's in der Welt, wenn's beliebt.«
»Es ist unglaublich, Herr Doktor! Erlauben Sie...« stotterte der andere.
Sein Widersacher winkte mit einer Handbewegung ab: »Nicht wahr, jetzt finden Sie es selber unglaublich. Sie schildern da den Brand, sehr schön, will ich Ihnen zugeben, sehr poetisch und in einer Novelle auch wirklich wirksam. Aber, Herr! Unserem Publikum haben Sie keine Novellen zu erzählen – vorläufig wenigstens nicht, und die zu beurteilen wäre wieder nicht meine Sache. Unsere Leser wünschen alles zu wissen, was sich in der Welt begibt; aber nur die Tatsachen, Herr, merken Sie sich das, nichts als die Tatsachen!«
»Ich will mir's merken«, entgegnete Bernhofer demütig, »und man war auch bisher immer mit meinen Leistungen zufrieden, wie ich denn in Zeiten dringender Arbeit auch von der Redaktion aus verwendet wurde.«
»Man war!« unterbrach ihn Dr. Wortmann fast heftig; »ich weiss nicht, ob man's war. Und was heisst das überhaupt? Das heisst: man hat Ihre Notizen gedruckt, wenn sie brauchbar waren, und, wenn sie nichts taugten, hat man sie fortgeworfen. Gedruckt und mehr oder weniger redigiert; ich will in Ihrem Interesse hoffen, weniger. Aber gibt Ihnen das irgend ein Recht oder einen Anspruch? Durchaus nicht. Bei einer Zeitung gibt es kein: war; da gibt es nur ein: ist! In ihrem eigensten Interesse muss sie das so halten. Verstehen Sie das? Wir leben vom Augenblicke, heisst das, und nur wer ihm auch im Augenblicke gut dienen kann, der darf mit uns leben und ist unser Mann: nur der!«
»Ich verstehe«, antwortete Bernhofer ganz leise. Ein starkes Rot flammte dabei auf seinem Gesichte, und er atmete ruckweise und in Beschämung.
Dr. Wortmann setzte sich und sah langsam und prüfend an ihm auf: »Nicht wahr, Sie machen Verse oder Sie haben doch welche gemacht?«
»Ja!« hauchte der Reporter.
Ein vergnügliches Lächeln lag um den Mund des anderen; man sah, wie sehr er sich seiner Klugheit freute: »Ich habe nur den einen Bericht von Ihnen gelesen, und ich wusst' es sofort. Und nicht wahr: Sie sind verheiratet und zwar schon seit ziemlich langem?«
»Ja!« flüsterte der also Verhörte, »aber woher wissen Herr Doktor...«
Ein seelenvergnügtes Händereiben: »Man hat seine Augen, und man hat seinen Verstand. Eines will ich Ihnen sagen: Sie sind ein unpraktischer Mensch; also machen Sie Verse, und also sind Sie höchst wahrscheinlich verheiratet, und zwar, weil Sie arm sind. Ich weiss auch jetzt schon: Sie möchten mich in diesem Augenblicke am liebsten niederschlagen, und auch ich bin über Sie, den ich kaum kenne, eigentlich zornig. Sie hassen mich, weil ich Ihnen weh tue. Aber ich tu's nur, weil ich's mit Ihnen gut meine; weil Sie mir leid tun in Ihrer Dummheit. Ja wohl, in Ihrer Dummheit!« Er dehnte die Worte, er kostete jede Silbe aus. »Sie haben ein Weib zu Hause in Not und denken an das und vergessen darüber das Wichtigste. Und Sie haben's nicht im Kopfe – und nur dort darf's bei einem Journalisten sitzen. – Sie haben's vielleicht im Herzen. Und das taugt nichts, Herr! Verstehen Sie mich wohl, das taugt nichts, gar nichts!«
Er war in seiner Erregung aufgesprungen, er deutete mit den Händen, seine Stimme überschlug sich und gellte. Und dennoch wirkte er nicht einen Augenblick lang komisch. Dazu war ihm offenbar die Sache zu ernst, die er hier vertreten zu müssen meinte: sein Blatt und sein Beruf; dafür war die Empörung zu ehrlich, die er offenbar vor dieser wie jeder Torheit empfand, die irgendwer auf dieser närrischen Welt beging. Er stellte keine an; gewiss: er hatte nichts in seinem Leben begangen, was er ungeschehen wünschen musste. Ihm ging's gut, weil er klug war; und weil er dabei doch jedem das Beste gönnte, ereiferte er sich über allen Widersinn. Josef Bernhofer empfand das genau; und vor dieser Erkenntnis schwand ihm der kurze männliche Zorn, der sich in ihm zu heben begonnen; die Röte auf seinen Wangen wich, und er stand völlig fahl und farblos vor dem Zürnenden. Der bemerkte das und wurde weicher.
»Ich sagte Ihnen schon: ich mein' es gut mit Ihnen. Und darum rate ich Ihnen, Herr – nehmen Sie sich zusammen! Oder noch besser: geben Sie das Geschäft auf, wenn Sie können. Sie sind ein gebildeter Mann; beginnen Sie etwas anderes! Sie können sich auch anders forthelfen, besser, menschenwürdiger. Eines, bei dem Sie sich nicht von jedem heruntermachen lassen müssen. Eines, bei dem Sie nur einen Herrn haben. Und nun«, er brach hastig und ruckweise ab, »gute Nacht, meine Herren!« und behende und mit für seine Kleinheit grossen Schritten wischte er aus der Stube. Man hörte die Türe zufallen; dann Stille.
Josef Bernhofer stand immer noch auf demselben Flecke und starrte ins Leere. Er war so gänzlich niedergedonnert, dass der Spass, den die anderen anfangs mit der Geschichte gehabt, bald einem tiefen und ehrlichen Mitleiden wich. Der Nachtredakteur nahm das also schlecht gemachte Blatt, in das Dr. Wortmanns Feder die nötigen Änderungen gemalt, an sich und gab es in recht nachdrücklicher Weise einem Setzerjungen, mit dem Ballbericht, der endlich doch fertig geworden war. Sein »Gute Nacht« klang warm und fast tröstend; bis zur Türe ging er mit Bernhofer und drückte ihm dort noch einmal die Hand. Der Berichterstatter aber nahm rasch seinen Winterrock um und eilte dem Misshandelten nach. »Er hat's heute auch gar zu arg mit ihm getrieben«, flüsterte er. »Es geht aber auch wirklich zu schlecht mit dem Bernhofer. Er ist ein guter Mensch, er schreibt ein anständiges Deutsch, und er hat früher oft ganz schöne Sachen gehabt, so dass man sehen konnte, wie viel Mühe er sich gibt. Aber er vergisst jetzt immer irgend etwas.« »Ich weiss nicht, was das mit ihm geworden ist«, wurde ihm zur Antwort. »Ich will ihm nach. Ich habe mich heute beinahe vor dem Wortmann gefürchtet. Wie erst er? Und wir wohnen nicht gar weit von einander; ich will also mit ihm gehen.« Der Nachtredakteur nickte und nahm nachdenklicher als sonst seine gewohnte Beschäftigung wieder auf.
Wenige Schritte vom Hause – noch warf das elektrische Licht seinen ungewissen Schein bis dahin – holte Fritz Grätzer seinen alten Schulbekannten ein. Er legte ihm die Hand auf die Schulter, und Bernhofer sah sich verstört und mit ängstlichem Misstrauen um. Grätzer aber schob halb herablassend und halb gönnerhaft seinen Arm unter den des anderen: »Ich gehe noch ins Kaffeehaus; du kommst doch mit?« Bernhofer schüttelte verneinend den Kopf und hatte doch nicht die Kraft, ihm entschieden zu widersprechen; ärgerte sich über seine Schwäche und hatte hinwider eine geheime Freude über die Einladung. So kamen sie zum Ring, der ganz ausgestorben dalag; nur ein letzter Pferdebahnwagen rollte heimwärts. Das Geklingel seiner Schellen läutete tröstlich durch die Stille, und die blaue Laterne leuchtete hell und freundlich, ehe sie langsam davonzog und verblich. Es roch nach dumpfem Rauch in der Welt, und die Brust war beklemmt davon. So wallend zogen die Schwaden, dass man die gegenüberliegende Häuserreihe kaum mehr sah. Die Gasflammen brannten traurig, summend und mit rötlichem Licht. Man fühlte sich unsicher und ängstlich selbst für die wenigen Schritte. Gespenstig tauchte ab und zu ein rascher Fiaker auf; und so waren sie froh, als sie endlich das Lokal erreicht hatten. Die Helle und die Wärme taten wohl, und Grätzer freute sich seiner Klugheit, dass er den Verstörten nicht allein und nicht unmittelbar hatte heimgehen lassen.
Die gastlichen Räume waren ziemlich gefüllt, aber nicht so stark besucht, dass es unangenehm geworden wäre. Der schwarze Frack und das Ballkleid überwogen; man sah so den Fasching und die Nähe eines beliebten Ballsaales. Es wurde viel und hell gelacht, viel und laut gesprochen. Die beiden nahmen an einem Tischchen in einer Fensternische Platz; Grätzer nicht, ohne zuvor einen prüfenden Blick in einen der Spiegel geworfen zu haben. Er war mit sich zufrieden, und er konnte es sein: ein stattlicher Mann, mehr als mittelgross, mit so kurz gehaltenem Bart, dass die rosige Haut der Wangen durch das tiefe Schwarz durchleuchtete, wohlgenährt und tadellos gekleidet. Es ging ihm offenbar gut, so gut, dass er beinahe das Recht hatte, es für eine Beleidigung zu halten, wenn jemand die übliche Frage nach seinem Befinden an ihn stellte. Darüber musste doch schon der erste Blick Aufschluss geben! Ihm schlug alles an; ihm gedieh's. Er durfte sich sogar schon den Luxus gönnen, irgend einen armen Teufel zu bemitleiden. Das war sein einziger, und den leistete er sich gerne und häufig und auch dem gegenüber, der vor ihm sass und im vollen Lichte erst in seiner ganzen Dürftigkeit erschien. Vor ihm stand ein Glas Punsch; er umschloss es mit beiden Händen, um sie zu wärmen, und man sah so das mannigfache Netzwerk von Adern, die sich darauf verzweigten und so auf höhere Jahre hindeuteten, als Bernhofer eigentlich zählen konnte. Und seufzend rührte er dann mit einem Löffelchen das rötliche, stark und kräftig duftende Getränk um, seufzend hob er's an seine Lippen und tat einen schwachen Schluck. »Es ist eine unbillig grosse Ausgabe«, sprach er leise. »Ich gönne mir sie auch nicht oft. Heute sollt' ich's schon gar nicht. Aber, ich weiss nicht: ich hatte so sehr das Bedürfnis nach etwas Starkem, ich war so müde...«
Fritz Grätzer kostete gerade feinschmeckerisch den Kognak, den man ihm gebracht. Er nickte wohlwollend und befriedigt. »Du hast dir die Geschichte mit dem Wortmann zu sehr zu Herzen genommen. Eigentlich geht es ihn ja gar nichts an, was du bringst. Das ist Sache anderer.«
Bernhofer schüttelte den Kopf. »Er hat mir sehr weh getan. Aber – vielleicht am meisten dadurch, weil er so ganz recht hat. Ja wohl, ich tauge nicht für das Geschäft; ich weiss es. Aber ich habe kein anderes, bei Gott! und ich möchte gerne eines. In ein Amt oder sonst wohin. Nur nehmen sie mich nirgends; und ich bin bald auch schon in Besorgnis, ich tauge in keines mehr. Ich bin das stille Sitzen nicht mehr gewöhnt, noch die regelmässige Arbeit. Das lernt sich schwer wieder von neuem.«
»Ja, aber zusammennehmen könntest du dich doch, Mensch!« rief der andere und sass dabei da, wie die gehaltene Kraft und das selbstbewusste Streben in Person. Bernhofer sah ihn an; irgend eine alte Erinnerung musste ihm dabei durch den Kopf geschossen sein. Er lächelte fein, beinahe spöttisch und sah dabei wirklich klug und fast geistreich aus. Aber dies verirrte Licht schwand bald aus seinem Antlitz. Er langte in die Tasche und nahm ein fast völlig aufgebrauchtes Päckchen schlechten Tabaks heraus. Zerkrümelter Tabak, mehr schon Staub, bildete den Inhalt; er drehte sich davon eine Zigarette, verwahrte den Rest wiederum und sprach bekümmert:
»Ich weiss das: ich sollte mich zusammennehmen. Und ich gebe mir auch Mühe genug; das sieht Gott. Aber ich kann nicht! Es ist so eigen«, er dämpfte seine Stimme, »es ist so eigen! Und der Dr. Wortmann hat's bei aller seiner Klugheit nicht recht begriffen. Ich sehe nicht zu wenig; ich sehe zu viel, und ich denke mir dabei zu viel. Zum Beispiel: es ist ein Brand; und da steigen dir erst die Garben Funken aus dem Schornstein, und dann kömmt der Rauch, dick, ungefüg und so... so... qualmend, und dadurch kömmt's erst rötlich, dann gelb – noch im Rauch – und endlich kömmt's dir fast weiss. Und dann: die Feuerwehr, das Signal – du hörst es durch alles Lärmen der Strasse: mächtig, gebietend und so – so gewissermassen beruhigend. Oder, es springt einer ins Wasser. Was hat ihn hineingetrieben? Und die Leute stehen am Ufer, schwatzen, kreischen durcheinander, laufen ihm nach. Endlich – die Rettungsgesellschaft: erst das schrille, jammernde Pfeifchen, der rasende, grüne Wagen. Und das alles möcht' ich in den Bericht bringen, das soll alles darin stehen; und das geht nicht, das geht nicht!« Er legte seine Zigarette vorsichtig weg und sog wieder andächtig an seinem Glase.
»Aber das kennt ja schon jeder!« entgegnete Grätzer überlegen.
»Ich kenn's ja auch«, und er lächelte wieder. »Und dennoch möcht ich's schildern. Und das ist mein eines Unglück. Aber nicht das richtige. Das ist: ich bin so ganz vergesslich. Ich hab' so einen Druck im Kopfe, hinten, ganz hinten, und der schreitet dir langsam vor und presst dir die Stirne, dass du dich gar nicht mehr besinnen kannst. Mir ist immer, als habe ich noch was zu sagen, oder zu schreiben, oder zu tun, was wichtiger ist als alles sonst, und ich weiss das nicht. Es ist mir aus dem Gedächtnisse fort, fort und für immer weg, und ich such' darnach. Das drückt hernach und wird von Tag zu Tag stärker und ärger.« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar und starrte so verloren vor sich hin, dass selbst Grätzer begriff, wie er in diesem Augenblick wieder nach dem wesenlosen Scheinen suchte, der ihm so oft durch die Seele rauschte und verstob.
Er legte die Hände ineinander und liess die Gelenke hart knacken. Und dann, noch immer bedächtig an seiner Zigarette ziehend, fragte er ganz unvermittelt: »Du hast doch Raimund Förster gekannt?«
»Ja!« gab Grätzer äusserst entschieden zur Antwort, und zerstörte damit einen höchst kunstvollen Ring, den er in die Luft geblasen. »Er war ein sehr begabter und tüchtiger Mensch, glaube ich. Was ist aus ihm geworden, und wie kommst du gerade jetzt auf ihn?«
»Ein höchst tüchtiger und begabter Mensch. Ja. Immer der erste durch das ganze Troppauer Gymnasium. Und es ist auch nichts aus ihm geworden – das ›auch‹ geht natürlich auf mich«, schaltete er begütigend ein. »Er war gar zu arm von Hause und ist vor lauter Hunger nicht zum Studieren gekommen. Aber er war ein närrischer, ein ganz komischer Kerl. Da hatte er einen Dukaten, durch viele Jahre, ich glaube, es war sein Firmgulden oder ein Christgeschenk aus einer Stunde. Von dem hat er sich nicht getrennt, auch nicht, wenn es ihm noch so schlecht gegangen ist. Und einmal treff' ich ihn am Stefansplatz vor einer Wechselstube, wie er auf und abgeht, ganz nachdenklich, ganz kämpfend und betrübt. Das nimmt mich also Wunder, denn er war ein lustiger Bursch, wenn's ihm nur nicht gar zu schlecht gegangen ist oder wenn er nicht im Herzen das graue Elend gehabt hat, dass sich ihm so gar kein Vorwärtskommen, keine gute Stunde, kein Stipendium bieten wollte und er seinen Kummer vertrank – so billig, wie möglich, natürlich. ›Was treibst da, Förster?‹ frag' ich ihn. Und er: ›Meinen Dukaten hab' ich verkauft.‹ ›Und warum bist du so traurig?‹ Da legte er mir die Hand auf die Schulter – du weisst, er war Historiker und im Seminar ein Haupthahn – und gibt mir die Antwort: ›Bernhofer heut hab' ich Napoleon an der Moskwa verstanden. Man opfert nicht so weit von der Heimat seine letzten Reserven‹, und dreht sich rasch um und verschwindet mir in einem Durchhaus zur alten Universität.«
»Und nun? Was hat das mit dir zu schaffen?«
»Das verstehst du nicht?« Er sann eine Weile nach und versuchte dabei, sich eine Zigarette zu drehen. Es ging nicht, soviel er auch auf den Staub hauchte, er wollte sich nicht mehr formen lassen, und das Papier riss immer wieder. »Ich hab's gut gemeint«, sprach er endlich, »ich hab' damit nach den Worten der Bibel tun wollen: Staub bist du und zu Asche sollst du werden. Ich muss mir's nämlich einteilen. Acht Kreuzer im Tage darf ich verrauchen. Hast du vielleicht eine Zigarette?« Grätzer hatte keine, aber seinen grossmütigen Tag. Auch war die Neugierde seines Berufes in ihm rege geworden, und so liess er welche bringen.
»Ich danke. Sie sind gut«, fuhr Bernhofer ganz vergnügt nach einer Weile fort, in der er den Rest seines Punsches ausgetrunken. »Aber – es wundert mich –, dass du das nicht begriffen hast, wie sich der meinetwegen schlechte Spass vom Förster auf mich bezieht. Das ist doch sehr einfach und heisst so viel wie: wir verstehen, so klug wir uns halten mögen, eigentlich doch alles erst, wenn wir's am eigenen Leib erfahren. Dem sein armseliger Dukaten – aber ich rede, als hätt' ich sie nur zu Haufen liegen! – also dem sein Dukaten und die alte Garde Napoleons waren für beide dasselbe. Und so – du weisst, ich war Mathematiker, aber ich habe überall herumgenascht – hab' ich mir viel Nachdenken gemacht über den Kampf zwischen Maschine und Handarbeit...«
»Derlei hat mich nie interessiert«, rief Grätzer dazwischen.
Wieder das kluge, doch traurige Lächeln. »Du hast es eben nie nötig gehabt, dich um derlei zu kümmern. Du hattest etwas Zuschuss vom Hause, hast rechtzeitig, nach Bismarck, deinen Beruf verfehlt, nahmst dich um nichts an, was dich nicht anging, und es ist dir dabei immer gut gegangen. Anders ich. Und so sag' ich dir: jetzt, seitdem er mir auf die Nägel brennt, versteh' ich den Kampf. Denn ich selber führe ihn. Die Zeitung ist eine Maschine, die Korrespondenzen sind Maschinen. Da arbeiten bei euch viele, alle für dasselbe: Neuigkeiten wollen sie bringen. Und dann hat jede Korrespondenz ihre Reporter, und jeder findet was, und jeder nimmt mir was weg. Verdien' ich und erfahr' ich in gewöhnlichen Zeiten überhaupt was, dann ist es Zufall und reines Wunder. Das aber ist selten und wird immer seltener; und so läuft man denn Gass' auf und Gass' ab; so hat man keine Ruhe, nicht eine Minute lang, nicht zu Hause oder sonst wo, denn gerade in dem Augenblicke kann etwas geschehen, was sonst niemand weiss und was also viel trägt, und – dann hat man nichts davon, als Kummer und Kränkung.« Seine Stimme brach; er schlug heftig an sein Glas: »Ich lasse mir noch einen Punsch bringen?« sagte er fragend.
»Wie du willst«, gab Grätzer grossmütig zurück.
Sie mussten warten. Eine neue Gesellschaft kam. Eine brach auf. So war ein ziemliches Lärmen vom Schliessen der Türen, von den Zurufen der Kellner, die alle um die Ankömmlinge oder um die Scheidenden bemüht waren. Endlich wurde der Punsch gebracht, und Bernhofer trank hastig davon. »Du musst mich für keinen Lumpen oder Trinker halten«, sprach er entschuldigend, »aber ich habe heute fast noch nichts gegessen. Ich bin früh fort vom Hause, und mir war immer, als jagte mich etwas. Jetzt – aber das tut besser!« er rieb sich die Hände.
»Fast noch nichts gegessen?« rief Grätzer, zum erstenmale wirklich bewegt. »Aber, das ist ja schrecklich! Und ist da nicht auch deine unbedachte Ehe daran schuld, wenn es dir, einem Menschen, der doch manches kann, so schlecht geht?«
Bernhofer schüttelte den Kopf: »Meine Ehe war keine unbedachte. Und meine Frau« – ein stilles friedliches Licht lag in seinen Augen – »mein liebes Weib ist brav und gut und auch zufrieden. Freilich, jetzt nicht mehr so, wie sie's einmal war. Mir kömmt manchmal vor, sie hat sich gegen früher verändert. Aber, das wäre kein Wunder, gar kein Wunder. Nun ja, wenn alles anders wird, wie es war, wenn's immer und immer schlechter wird, warum soll sie allein bleiben, wie sie war? Das wäre zuviel verlangt, und man muss nur gerecht sein – gerecht gegen das Leben und gerecht gegen sich.«
»Und wenn du's schon bist – was kömmt dabei heraus?«
»Mehr, als du glaubst, Grätzer. Vor allem: du trägst leichter, was dir zustösst, wenn du dir sagst: addieren und subtrahieren; Böses und Gutes und immer eines vom anderen, darauf kömmt's an. Tu's nur gehörig, und die Rechnung wird stimmen.«
Fritz Grätzer fühlte das Bedürfnis, einen Scherz zu machen: »Aber besser ist es doch, man muss sich nicht auf Rechenkünste einlassen«, sagte er und lachte gehörig darüber.
Bernhofer lachte mit, aus Höflichkeit. »Es gibt solche, die es nicht müssen. Ich aber hab's lernen gemusst, und obzwar ich vom anderen auch weiss, ich kann dir sagen: ich bin jetzt dreiunddreissig Jahre, und es geht bei mir auf. Vielleicht bleibt noch ein bisschen Gutes für mich übrig, ich weiss es so genau nicht. Aber, ich kann dir's gestehen: ich habe viel Glück im Leben gehabt; viel Glück...«
Es zuckte um die Mundwinkel des anderen; aber er hielt an sich. »Und trotzdem geht es dir so schlecht?«
Bernhofer winkte ab: »Ich habe mich ja nicht beklagt. Auch ist das eine lange Geschichte.«
»Wir haben ja noch Zeit. Erzähle!«
Der Reporter hob sein Glas. Hinter ihnen war ein Zutrinken und ein Jubeln; und im gleichen Augenblicke, in dem die anderen mit einander anklangen, leerte er seine Neige. Dann fuhr er fort: »Es ist eine lange und eine ganz gewöhnliche Geschichte. Ich will sie knapp abtun und so ehrlich, wie man's nur kann. Ich habe zuviel Glück gehabt. Ich habe meine Eltern lange behalten, so lang, dass ich ihr Stolz war und bleiben konnte, denn ich war immer ein stiller Mensch und habe für mich viel gearbeitet. Ich bin nie auf den Kneipen gelegen, immer nur auf der Bibliothek, und habe gelesen, was mir dort unterkam. Und so haben sich meine Eltern über mich gefreut; und wenn einmal wo ein Gedicht von mir erschienen ist, so waren sie stolz und glücklich und haben geträumt, ich werde einmal mein Denkmal haben. Jedes haben sie ausgeschnitten und sauber auf ein blankes Blatt Papier in ein Büchlein geklebt; so hab' ich's dann gefunden. Was aber sonst mit mir werden will, darum fragten sie nicht. Ich studierte ja immer, und das musste doch zu etwas führen. Ich glaube auch, sie haben immer etwas mystische Begriffe von meinem künftigen Beruf gehabt. Etwas hab' ich auch immer verdient; ich gab Stunden und hatte so mein Taschengeld. Endlich – ein kleines Vermögen war da; und so hätt' ich denn, meinten sie, mein Leben wohlbehütet fortspinnen können, solange es mir gefiel und mir bestimmt war.
Nun, sie sind gestorben. Beide ziemlich rasch hintereinander, im gleichen Monat. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mir da war; aber, ich habe seitdem Mitleid mit jedem verlaufenen Hund, und mit einem Schosshund gar, und ich füttere ihn, wenn ich kann. Man soll ein Kind nicht zu weich gewöhnen, hat meine Grossmutter immer gesagt. Ich war zu weich gewöhnt. Ich wusste mit mir nichts anzufangen. Zum Lehramt taug' ich nicht. Es geht noch mit einem, wie man's in Privatstunden hat; und selbst da muss ich mich sehr zusammennehmen, damit der Junge nicht merkt, dass ich mich eigentlich vor ihm fürchte. Aber – viele Kinder sind mir schrecklich; da – entweder sie haben Angst vor mir, oder sie machen sich lustig über mich. Keines von beiden soll sein. Und mir fehlt das Sichere, dass sie sofort spüren: da gibt's keinen Spass, da heisst es folgen. Also, ich habe mein Probejahr gemacht und war sehr glücklich, als ich's hinter mir hatte. Aussicht auf eine Anstellung gab es bei meinem Fach so nicht. Und ich wurde und werde leicht verlegen, und mein Gedächtnis ist auch nicht so ganz willig. Auch war ich ja so sehr nicht aufs Verdienen angewiesen. Was mir meine Eltern hinterliessen, das war genug für mich, und es hat mich oft gerührt, wenn ich so in ihren Büchern blätterte und sah, wie sie Monat für Monat etwas zurückgelegt haben – für den Einzigen, und wie meine Mutter vorgesorgt hatte für alles nach ihrem besten Können. Ich glaube, ich sehe sie jetzt wieder; gehört hat sie kein Mensch, solange sie lebte. Ihre Tränen hat sie verschluckt, und gelacht hat sie nur ganz heimlich und in sich hinein; aber wer sie dabei sah, dem musste ganz weich und froh ums Herz werden. Und so schöne Hände hatte sie und die sauberste Schrift, die man nur denken kann.
Jetzt aber war es schlimm. Ans Wirtshaus habe ich mich nicht gewöhnen können. Ja, so lange ich manchmal, als Fest, hingekommen bin, da war's schön. Aber jetzt und täglich! Mir war so traurig, und da hat sich keiner darum gekümmert. Sie lärmten und zechten, als wäre nicht einer da, der nicht lustig ist. Und das tut wehe. Verwandte habe ich keine und mit vierundzwanzig Jahren so als Waisenknabe herumlaufen und jedem sein Elend vorweinen, das ist doch komisch.
Es hat aber im selben Haus, überm Gang, eine Witwe mit einer Tochter gewohnt. Ich habe das Mädchen manchmal gesehen; sie hat so was Helles an sich gehabt, dass es mir gefiel. Wir haben auch verkehrt, wie Nachbarsleute das müssen. Da kann eines den Schlüssel zur Wasserleitung nicht finden oder es braucht den zum Boden, der gerade bei der anderen Partei ist, kurz, es gibt schon immer Anlass. Meine Mutter hat die beiden ganz gut können leiden und manchmal von ihnen gesprochen, und besonders hat sie das Mädchen gelobt. Und das hiess etwas; sie hat mit Lob sehr gespart. Weil ich aber meine Wohnung nicht beibehalten wollte – sie war mir zu gross und für mich allein auch zu teuer – so steh' ich einmal im Haustor und schau' mir die Zettel an, damit ich nicht aus dem Hause fort muss, in dem ich mich so wohl gefühlt hatte. Und da hängt richtig einer, ganz orthographisch geschrieben, dass ein besserer Herr ein schönes Zimmer, allenfalls mit ganzer Verpflegung, bei gebildeter Familie haben könne. Es waren wirklich meine Nachbarsleute; ich tummele mich wieder hinauf, und wir machen's in aller Schnelligkeit ab. Sie waren auch in Trauer; der Sohn war ihnen gestorben. Ich habe sein Zimmer übernommen und bald mit ihnen gelebt, ganz wie wenn wir uns nahe stünden.
Sie waren stille Leute, und sie haben also zu mir gepasst. Besonders das Mädchen, die Helene; die war wie ein Schrat, wie so ein kleines Hausgeistchen, das alles tut und nur nicht will, dass man's dabei sieht oder darum lobt. Den ganzen Tag hat sie gearbeitet, und es war eine Freude, ihr zuzusehen, wenn sie gestickt hat. Unglaublich schnell war sie dabei; und im Haus ist nichts geblieben. Ich hab's bald heraus gehabt, dass sie die Arbeiten dann verkauft hat. So, und mit dem, was ich gezahlt habe, ist es im Hause ganz schön und glatt zusammen gegangen. Ich wenigstens hätt' mir's nie besser gewünscht, und«, er seufzte tief, »ich wollte nur, ich hätt' es noch einmal so gut im Leben, wie ich's damals gehabt. Wenn ich etwas fertig geschrieben hatte und ich las es vor, dann hat sie hübsch und achtsam zugehört. Kurz, ich konnte sie nicht mehr wegdenken aus meinem Leben, und...«
»Und so haben sie dich eingefangen«, ergänzte Fritz Grätzer roh und rücksichtslos.
Bernhofer sah ihn zornig an. »Eingefangen! Das ist ein hässliches und ich möchte fast sagen ein gemeines Wort. Aber du hast es nicht so gemeint, nicht wahr? Das Glück, das sie mit mir gemacht hat! Ein hübsches Mädchen und gebildet und eine Sparmeisterin – und was war ich? Ich hab' meine Dekrete gehabt und meine Zeugnisse – verhungern können wir damit; nicht den Stempel, der darauf klebt, haben sie mir noch getragen. Sie hätte leicht einen Besseren finden können. Aber – sie hat mich eben auch gern gehabt.«
»Du hast eines vergessen, Bernhofer. Du hattest Vermögen.«
Der andere wurde unruhig, begann zu stottern und nach Worten zu suchen: »Vermögen! Sie hat doch auch etwas gehabt! Nicht viel, aber immerhin, die Bettlerin war sie nicht, o nein, das ist sie nicht gewesen, die man vielleicht nur aus Mitleiden heiraten muss. Aber du willst mir weh tun; sonst nichts willst du mir tun, nur weh. Alle Leute haben's auf mich. Warum? Bin ich zuviel auf der Welt? Ich hab' dir nichts getan. Und wenn ich mir jetzt denke: sie sitzt zu Hause und härmt sich und hat vielleicht nichts zum Brot, und ich tue mir da gütlich und schlemme Punsch – dann muss sie sich noch solches nachsagen lassen, dann könnt' ich mich an mir vergreifen. Ja, das könnt' ich!« Und ganz unvermittelt und hart liess er den Kopf auf die Tischplatte aufschlagen und stöhnte dabei: »Ich fürcht' mich, nach Haus zu gehen; ich fürcht' mich, bei Gott! vorm Nachhausgehen. O! das ist ein Leben!«
»Um Gotteswillen! Du wirst doch keine Szene machen?« flüsterte ihm Grätzer zu.
Bernhofer sah ihn mit roten, schwimmenden Augen an. »Nein«, antwortete er und lächelte, »ich weiss auch noch, was sich gehört. Man macht an öffentlichen Orten keine Szenen. Man benimmt sich ordentlich und lässt seine Sorgen und seine Hunde draussen. Aber – gehen wir?«
Mit eigentümlichen und streitenden Empfindungen hatte Fritz Grätzer der Erzählung des Verkommenden gehorcht. Der tat ihm aufrichtig leid; aber das stiess in ihm die Überzeugung nicht um, dass es eigentlich auf der Welt kein Unglück gebe; dass zumeist dasjenige, was man so nennt, nichts als die Folge von Unverstand und Übereilung sei. Mehr: ihm weckte das Elend des Genossen selbst einen dumpfen und unbestimmten Kitzel; er sah, wie schlimm es einem gehen konnte, und somit auch, wie gut es ihm geworden war, der nun in behaglichen Verhältnissen lebte und eine schöne Zukunft vor sich hatte. Auch war er begierig, noch mehr zu vernehmen; das waren Bruchstücke, und über das Entscheidende, darüber, wie es eigentlich so weit gekommen war, gaben sie keinen Aufschluss. Aber er wollte nicht fragen. Jede Frage schliesst eine gewisse Verpflichtung ein, und auf dem Heimwege mochte noch manches aus der gequälten Seele Bernhofers sich losreissen. So zahlte er denn seine Zeche, und Bernhofer schaute ihm neugierig und hoffend zu. Als sich aber Grätzer ruhig anzukleiden begann, da wallte etwas wie Hass in dem armen Teufel auf. Wollte der sich bitten lassen? Nein, die Freude sollte er nicht haben! Und so suchte er denn sein weniges Geld zusammen. Es reichte gerade; und als sich Grätzer umwendete und, wie sich besinnend, sagte: »Die Zigaretten...« da wehrte er mit zitternder Hand und bebenden Lippen ab: »Nein, nein, alles!«
Es ist vielleicht das zur Nachtzeit düsterste Stück der Ringstrasse von Wien, dem vorüber die beiden nach Hause schritten. Ihnen zur Rechten lag verworren und schwarz die Fläche des Stadtparkes mit dem gedehnten und eintönigen Gegitter davor; ihnen zur Linken ragten, nunmehr eine graue und wenig gegliederte Masse, die stolzen Paläste des Parkrings. Ab und zu durchbrach ihre Reihen eine Gasse, um ins Geheime zu verrinnen. Dann am Eingange zum dritten Bezirke vorbei; vom Bahndamm, der dorten die Strasse überspannt, klang ein dumpfes Brausen und ein fernes Klirren herüber, so unbestimmt, dass man nicht wusste, war es ein Nachtgeräusch, das der Wind da herantrug, oder wälzte sich wirklich ein Zug ins Weite.
Ab und zu begegnete ihnen ein Nachtschwärmer; dann kam das traurige Exerzierfeld vor der Franz-Josefs-Kaserne, das einen Eindruck ungeheurer Grösse machte; dahinter massig und drohend, mit Terrassen, mit Freitreppen, mit Vorsprüngen, in denen sich die Finsternis eingehaust hatte, der riesenhafte Bau selber. Endlich und heller die Aspernbrücke mit den Schild haltenden Löwen davor und dem Strom, der sehr seicht und unruhig dahinfloss und von dessen Fläche Eisschollen weisslich heraufblinkten. Hier blieb Bernhofer stehen und deutete auf das Gewässer: »Hier hab' ich meinen ersten Bericht gefunden. Ich wollte, ich hätt's nie. Aber es war ein schöner Fall, und alle Blätter brachten die Geschichte ganz so, wie ich sie niedergeschrieben, und ich war damals auch glücklich und meinte, nun wär' ich endlich auf etwas gestossen, wovon ich und mein Weib leben könnten. Zumeist ihretwegen freute ich mich so; ich hätt' es so gern gehabt, wenn ihr endlich bessere Zeiten gekommen wären!«
»Ja, aber wie seid ihr dann so heruntergekommen, wenn ihr doch Vermögen hattet? Schlechte Wirtschaft, was?«
»Wie? Das ist doch ganz einfach! Wenn's so reicht, dass es eben nur so lange ausgeht, als nichts geschieht, dann kann es einmal nicht ausgehen. Denn etwas geschieht immer – das ist ja eben das Leben. Da ist meine Schwiegermutter gestorben; ihre Pension hat aufgehört, ihre Krankheit gekostet, und der erste Gulden, den man vom Kapital nimmt, der reisst den zweiten mit, und so geht's weiter. Dann ist kein Halten mehr. Sie ist auch zur rechten Zeit fort; sie hat uns noch glücklich, so glücklich gesehen, dass ich sagen muss: ich und für mich bereu's keine Stunde, dass ich geheiratet habe. Dann sind Kinder gekommen; sie sind fort, Gottlob, sie sind fort! Aber, was die kosten, was die kosten! Und wenn man sie dann doch nicht behalten kann – das tut doppelt weh! Und die Frau war mir lange krank nach dem zweiten, und ich habe da das Herz nicht, zu sparen, wenn es vielleicht ums Leben geht. Und man sieht so langsam, wie man sich aufisst, ganz unmerklich, und kann berechnen, wie lang das noch vorhalten wird, was man noch besitzt: Monate, Wochen, Tage. Und man sucht nach einer Stellung oder nur nach Stunden und gibt wieder Geld aus: für Inserate, für Vermittler; denn man wird dumm, man verliert den Kopf, wenn man das Elend so kommen sieht, so langsam, so Schritt für Schritt, immer näher, immer näher. Und auf einmal steht's vor einem und starrt einem ins Gesicht: voll, ruhig und mit gläsernen Augen. Ah!« Er schrie auf in Pein.
»Und dann kömmt's, dass man auf der Strasse steht. Der Wind pfeift um einen, als wär' man ihn gewöhnt von Jugend auf. Und wenn du dann einen Erwerb suchst und die Leute merken, dass du darauf anstehst, so tun sie rein, als wenn sie Gnaden austeilten, wenn sie dich überhaupt einen Kreuzer verdienen lassen, und drücken und zwacken dich, dass du schreien möchtest. Und anfangs war ich noch stolz und hatte so mein Gefühl, dass ich immer noch besser sei als die, welche so an mir herumhudelten. Aber – man wird irr an allem, man wird froh mit allem, was sich nur findet, man duckt sich in alles, nur damit einem nicht das Stückchen Brot wieder aus der Hand fällt, das man kaum gefunden hat. O! sie bekommen einen schon klein, man wehre sich, so stark man nur immer will, und wann sie das erst haben, was sie wollten, dann lassen sie's einen schon spüren. Duck' unter, und gib das letzte bisschen Selbstvertrauen auf und leist' besseres als früher, oder lass dich schuhriegeln, wenn du was von uns willst«, immer schlug das Erinnern an die Kränkung durch, die er kaum erduldet, »und vergiss, was war und was du wolltest. Aber – vielleicht, wenn ich erst tot bin, wird man doch einsehen, ich hätte es besser verdient und leicht höheres leisten können, als die alle, die auf mich so herabgesehen haben. Vielleicht, vielleicht! Und das drückt auf mich und nimmt mir die Besinnung und macht mich so vergessen und krank, wie ich bin, und wenn ich nichts tauge, ich bin nicht mehr schuld daran.«
Es war unbehaglich für Fritz Grätzer, so neben dem verstörten Menschen zu stehen, der unablässig in das Dringen und Treiben der Schollen hinabsah, und er wandte sich ab und schritt schneller. Bernhofer aber ging neben ihm und sprach weiter, Hülle nach Hülle von seiner zerrütteten Seele reissend, im dunkeln, doch übermächtigen Gefühl, einem, und sei es auch dem teilnahmlosesten Menschen, müsse er die tiefen und ungezählten Wunden zeigen, aus denen sein Leben Tropfen um Tropfen, sickernd, doch ungehemmt, verrieselte:
»Ohnedies, es geht mir so immer im Kopfe herum: mit einem Selbstmorde habe ich meine Tätigkeit als Journalist eingeleitet. Das hat etwas zu bedeuten. Das war nicht umsonst so. Aber mein Weib! Und ich weiss bestimmt: sie ist noch wach und stickt noch fort, bis ich nach Hause komme, damit sie doch nach ihren Kräften etwas verdient. Und dann lügt sie mir vor: sie kann nicht schlafen, ehe sie mich nicht zu Hause weiss; und sie klagt nicht und sie weint nicht und sie spricht nichts über unser Elend. Und das halt' ich nicht aus und das vertrag' ich nicht; denn das geht gegen die Natur. Obendrein – sie ist noch stolz auf mich; und wie das sein kann, bei so viel Herzeleid, in das ich sie gebracht hab', und wie sie immer noch achtgeben mag auf mich, dass ich nicht gar zu heruntergekommen ausschau', das ist mir wieder ein Rätsel. Und wie das alles endigen wird und was dann wird, das beschäftigt mich immer. Dann sollen mir meine Notizen geraten! Und dann soll ich nicht immer irgend etwas vergessen! Zu viel im Kopf und zu viel im Herzen; und nicht einmal den Mut zu einer Aussprache, wenn die, welche eigentlich noch mehr leidet, als ich, nicht einmal murrt! Tät's sie nur einmal und ich wüsste, was geschehen muss. Wär' ich nur fromm! Sie ist's, und ich glaube, das hilft ihr in vielem. Aber ich bin's nicht; ich war's nie, und wie könnt' ich's jetzt sein?«
Grätzer hatte das Empfinden, etwas sagen zu müssen: »Dass sich doch auch niemand findet, der sich deiner annimmt!«
»Und du? Der du dich immer deiner hohen Verbindungen rühmst und mir gegenüber den alten Freund spielst, tust du's denn? Würdest du denn nur ein Wort für mich sprechen?« schoss es durch Bernhofers Kopf. Aber er war kein Freund von Vorwürfen: »Es tut's eben keiner. Und wozu?« antwortete er einfach und ergeben.
Sie machten Halt. Fritz Grätzer zog die Glocke am Haustor. »Gute Nacht; man muss nicht gleich verzagen«, sprach er mit seiner wohlgeölten und etwas näselnden Stimme und verschwand hastig im Flur. Drinnen mässigte er seine Schritte und stieg langsam die breiten und bequemen Stufen empor, die ins zweite Stockwerk und zu seiner Wohnung führten. Halbwegs oben blieb er stehen und schwankte sogar eine kurze Weile, ob er nicht doch umkehren solle. Ein Gedanke zog ihm durch die Brust: so wie Bernhofer eben zu ihm gesprochen, so redet nur ein Verzweifelnder, einer, der mit dem Leben abgeschlossen hat und es noch einmal überschaut. Aber – er schlug sich das aus dem Sinn. Was konnte er denn, selbst im schlimmsten Falle, noch tun? Wer weiss, wo der schon war, und endlich: in wenigen Stunden musste man ja näheres erfahren haben. Wozu also sich unnütz aufregen und in Auslagen stürzen? Und so setzte er seinen Weg gemächlich fort.
Auf der Strasse aber weilte noch immer Bernhofer. Eine dumpfe Betäubung hatte ihn nach den Aufregungen der letzten Stunden überkommen. Er sah sich um und fand sich in einer fremden Gegend; die Nacht narrte ihn, und durch ein Winkelwerk von Gassen fühlte er sich beirrt. Und mühsam und suchend strebte er dem Strome zu. Er war weit von seiner Behausung und musste doch heimkehren, so sehr er sich davor gefürchtet, Mit ungleichen, aber raschen und fördernden Tritten ging er längs des Wassers und sah auf das Eis, das sich manchmal staute. Dann knirschten die Blöcke vernehmlich, rieben sich aneinander, ehe sie sich nach einer Weile wieder mit leisem, mahlendem Geräusche weiter schoben. Ihn zog ihr Spiel übermächtig an. Dazu fielen Lichtstreifen in die dunkle Flut, liefen über die schneebedeckten Böschungen und teilten das Gewässer in schwarze, hellgesäumte Felder; wechselnd leuchteten die Schollen fast farbig auf, wenn sie so ins Licht trieben und abwärts weiter trifteten. Er blieb einmal sogar stehen, um dies Spiel besser zu beschauen. Plötzlich wandte er sich; ihm war ein Schauer durch die Seele gelaufen, zuckend, unwiderstehlich. Ihm fiel der Aberglaube ein: wem das grundlos geschieht, der ist in diesem Augenblicke über sein Grab geschritten. Aber nein – den Tod nicht. Ein schwarzer Gedanke, der bis dahin im tiefsten Grunde seiner Seele in sich gekauert gewesen, erhob sich machtvoll und überschattete Bernhofers ganzes Sein...
Er sah nach der Uhr – einer wertvollen, altertümlichen Uhr, die er sich bisher erhalten hatte, die das letzte Erbstück seiner Eltern war, das sich noch in seinen Händen fand. Sonderbar; ihm kam's dabei, dass sein Weib sie verkaufen könne, wofern er etwa – er deutete sich's so – unversehens stürbe. Denn es war eigen, und es befremdete ihn, wie sich ihm alle seine Gedanken plötzlich auf den Tod bezogen. Und inmitten dieser Erwägungen, so unklar, dass sie nur, ein unfassliches Schattenspiel, durch sein vom Punsch und von Erinnerungen an seine Leiden erhitztes Gehirn huschten, kam ihm ein Zorn über sich selbst, dass er seine Seele und sein Grämen vor solch einem windigen Gesellen ausgeschüttet hatte, den er nicht mochte, noch je gemocht. Warum nur? Er betraf sich plötzlich auf einem Grunde, der seine Wangen mit starker Schamröte färbte. Nein, das war doch nicht möglich... Er konnte nicht so tief gesunken sein, sein Geheimstes einem ihm widerwärtigen Menschen zu offenbaren, nur damit ihn der – zechfrei halte. Es war widersinnig, toll; und dennoch presste er die Stirne in beide Hände, als könne er so das Hämmern in seinen Schläfen niederzwingen, dennoch keuchte er und rang nach Luft. Und ein Hass gegen jenen, vor dem er sich nutzlos so ungeheuerlich erniedrigt, und gegen sich selbst wachte in ihm auf. Dazu aber schnob ein herber Wind, der sich kaum aufgemacht, stromabwärts und stetig ihm entgegen. Der fegte die Nebel fort; man sah weithin die lichterhellen Bogen der Brücken über die finstere Donau gespannt; er sah Dirnen, die aus einem Bezirke in den anderen wechselten, – ihm fiel, er wusste nicht wie, das Jägerwort ein. Eine davon trat ihm hart und frech in den Weg, schaute ihm unter den Hut, lachte und wendete sich mit einem kurzen Pfiff. Sonst war ihm eine solche Begegnung immer ein Ekel gewesen; an jenem Tage war er weich und wehleidig. Immer den Fluss aufwärts ging er; noch an zwei Brücken vorbei; einer anderen Kaserne vorüber, deren roter Ziegelbau mit seinen Zinnen und Türmchen phantastisch in das Dunkel stach. Die hohen Häuser jenseits des Donaukanals waren verschwunden, man sah fast kein Gebäude mehr. Dann kamen Holzplätze nach Holzplatz; ihr scharfer Geruch füllte die Luft. Endlich war er zu Hause; er trat, bevor er die Stiege erklomm, in den Hofraum und lugte aufwärts. Turmhoch überm Pflaster wachte noch ein Licht. Er sah dazu auf und seufzte.
Müde, aber ohne Spur von Schläfrigkeit kam er oben an. Im Vorzimmer legt er vorsichtig die Schuhe ab, um die Leute nicht zu wecken, von denen sie ein Zimmer zur Untermiete hatten. Sein Weib war noch wach; sie kam ihm bis zur Tür entgegen, und sie begrüsste ihn mit einem Kusse, wie ihn Gewohnheit in der Maske der Herzlichkeit gibt und empfängt. Das Bett war aufgemacht und sauber und wohlgehalten; auch ein Ruhebett war schon für die Nacht hergerichtet. Aber die Stube war sehr kahl; man roch den schweren Dunst der Petroleumlampe, die möglichst tief niedergedreht worden war. Der Raum erschien gross, so wenig er eigentlich für zweie genügen mochte; ein Schönheitssinn, der allenthalben an der Unzulänglichkeit seiner Mittel krankte, hatte an seinen Wänden und an den Fenstern herum geschmückt. Er setzte sich an den Tisch, und sie stellte wortlos einen Teller mit etwas Essen vor ihn hin. Der Stickrahmen mit einer fast fertigen Arbeit lag auf ihrem Schoss; schweigend sah sie ihm zu. Ihm aber war, als glömme ein unruhiges, hungriges Licht in ihren Augen, die sonst sehr schön, still und braun waren. Sie hatte sich's schon zur Nachtruhe bequem gemacht; in allem, wie sie sich benahm, war Ruhe, eine gewisse Sicherheit und Anmut, aber auch eine lasse Müdigkeit, die schlecht zu ihren gewellten, glänzenden und eigenwilligen Haaren und der unversieglichen Lebenslust passte, die auf dem Grunde ihrer Augen schlief und träumte. Er schob mit einer fast heftigen Geberde den Teller von sich. »Ich mag nicht mehr. Hast du schon gegessen?«
Sie lächelte unmerklich und wurde viel hübscher dabei, gewann einen Abglanz ihrer Jugend wieder: »Natürlich! Ich konnte doch nicht warten! Weiss ich denn, wann du in die Wolfsaugasse kömmst?«
»Und du hast bis jetzt gestickt?«
»Nicht immer. Ich muss freilich dazusehen, dass ich etwas verdiene. Aber dazwischen hab' ich gelesen. Auch in deinen Sachen, Josef!«
»Nun, haben sie dir gefallen?«
Sie sah ihn ruhig und schlicht an: »Du weisst ja – ich hab' sie lieb. Und es ist etwas darin, was mir so ans Herz greift. So ein Dämmern, so ein Klingen; ich hab's gern. Mich ergreift's, es ist mir so, wie der Zug der Wolken; jetzt haben sie Form und, sieht man zu, so haben sie wieder keine. Und ich weiss auch: Dein Herz hängt an den Sachen und ist in ihnen. Dein gutes Herz, das sich ausklagt.«
»Ausklagt – und kein Ohr hört darauf«, stöhnte er tonlos.
»Man wird's schon noch. Nur Geduld!«
»Das glaubst du selber nicht mehr«, kam's jäh zurück.
Sie zuckte zusammen, blinzelte zu ihm hinüber, und Tränen schossen ihr in die Augen: »Aber, Josef!«
»Ja, du glaubst es nicht mehr. Ich glaub's nicht mehr. Aber – wir belügen uns. Es geht uns so schlecht, dass wir Komödie mit uns spielen, damit wir nicht gar zu sehr haltlos sind und nicht völlig an einander verzagen. Aber das hilft nichts, und es geht nicht mehr. Wir haben kein Vertrauen mehr...«
Sie sah ihn entsetzt an: »Aber das wäre ja schrecklich. Du hast wieder nichts gefunden heute? Es ist dir wieder schlecht gegangen?«
»Wie immer«, antwortete er bitter, »und so wird's fortgehen. Bis zum Ende...«
»Aber, Josef... Man muss... Man muss doch...«
Ihm gefiel seine Unerbittlichkeit. »Man muss wahr sein und die Augen offen halten...«
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirne: »Man muss auch an Gott denken. Freilich, mir kömmt vor, er hat uns vergessen oder ich bin ihm unleidlich geworden, weil ich gar zu oft und gar zu inständig komme. Aber ich kann's kaum mehr erwarten, dass es besser wird, ich kann nicht, ich kann nicht!«
Da war's! Die Klage, die er zu hören gewünscht, da quoll sie heiss und ungestüm aus ihrem Tiefsten! Sie aber fuhr fort:
»Und bekämst du nur eine Stelle! Und wär's die kleinste, nur als Schreiber! Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas wünschen müsste, niemals! Ich war zu stolz auf dich...«
»Du warst?«
»Ach, ich weiss nicht, was ich rede. Aber ich bin's noch. Wie wollt' ich sparen! Wie alles zu Rat halten! Ich war nie leichtsinnig, und ich möchte weiter sticken und so auch beisteuern. Und du bliebest auch nicht so klein, wie du anfangen möchtest; ein Mann, der so viel gelernt hat! Nur dass man etwas Gewisses hätte; dass man nicht so leben müsste: fällt wer vom Dach, wenn du vorbeigehst, oder hörst du's zuerst, wenn sonst wo ein Unglück geschieht? Es ist so schrecklich, eigentlich nur vom Schlechten leben zu sollen, was auf der Welt geschieht. Und es ist so traurig, immer rückwärts gehen, ohne vorwärts zu kommen, auch nur einmal, auch nur einen Schritt. Ich sterbe daran, Josef, ich hab' den Tod davon. Ich werde wahnsinnig vor solchen Gedanken! Und ich bin so gar viel allein; und ich mag die Leute nicht, bei denen wir wohnen, dass ich bei ihnen meine Ansprache hätte.«
»Und du hast noch vorhin anders gesprochen...«
»Weil ich nicht denken will, das soll immer so sein. Ich will nicht. Eher...«
Er stand auf und trat ans Fenster: »So nahe dem Himmel, und man sieht keinen Stern!« raunte er.
Sie stellte sich neben ihn. »Worüber denkst du nach?« Sie sprachen ganz leise, und es lag etwas furchtbar Verstörendes und Aufreizendes in diesem Austausch von Worten, so hingehaucht und abgerissen, als graute den beiden vor sich selber und vor den Gedanken, denen sie Laut gaben.
»Über das Letzte.«
»Und was ist das Letzte?«
Er bog sich zu ihr, sein heisser Atem hauchte ihr ins Ohr: »Der Tod...«
»Um Jesus und alle Barmherzigkeit! Josef!«
Seine Hand lag an ihrer Hüfte: »Ja! Wir können nicht zusammen leben. Mein Revolver hat sechs Schüsse. Willst du mit mir sterben, Leni?«
Sie taumelte von ihm fort; mit weitaufgerissenen Augen. Auf das Bett setzte sie sich und faltete ganz rührend die Hände: »Nein, nein, Josef...«
»Und warum nicht? Ist's nicht besser?«
»Nein, nein! Ich tu's nicht. Ich will nicht noch ums andere Leben kommen, nachdem ich um das gekommen bin.«
»Durch mich, Leni?«
»Hab' ich so was gesagt? Nein, nein, ich tu's nicht. Ich bin zu jung dazu. Und bin ich denn so verloren? Es kann besser werden. Ich könnt' mich schon noch fortbringen, allein. Ich könnt' am End' in Dienst gehn. Und ich kann ja manches. Nur etwas Geld, wenn ich's hätte. Nur so viel, dass ich den Zins für eine Zeit hätte und mir eine gute Nähmaschine kaufen könnte, und nicht aufs Abzahlen, dass man sich nicht erholen kann. Und da soll ich sterben? Nein, nein, ich tu's nicht!«
So sehr verstörte sie der Gedanke an den Tod durch eigene Hand, dass sie fast schrie. Er fühlte, wie sie sich nach zehnjähriger Gemeinschaft von ihm loslöste und trennte in diesem entscheidenden Augenblick. Er kniete vor ihr nieder und umschlang sie fast leidenschaftlich: »Gute Nacht, Leni!« Sie streichelte ihm den Kopf, der in ihrem Schosse lag, fuhr ihm durch das Haar: »Nicht wahr, Pepi, nein, nein!«
Die Lampe war erloschen. Nur von den beschneiten Dächern drang noch ein fahles Blinklicht in die Stube. Auf seinem Ruhebette lag Josef Bernhofer und starrte in das Dunkel und nach seinem Weibe hinüber. Das konnte offenbar keinen rechten Schlaf finden, kehrte sich häufig um und flüsterte im halben Schlummer. Er verhielt sich ganz regungslos und dachte viel und verworren. Manchmal nickte er ein: dann schrak er nach einem Weilchen immer wieder in jähem Entsetzen auf, das noch lange in ihm nachzitterte, bis ihn eine Müdigkeit übermannte für Augenblicke. So verging der Rest der Nacht. In der ersten, bangen Frühe erhob er sich. Sein Weib hörte ihn im Zimmer herumrumoren, dann einen Stuhl an den Tisch rücken. Er wollte also arbeiten, und sie war längst gewöhnt, sich dabei ganz still zu verhalten; auch konnte sie sich vor Übermüdung kaum regen. Dann fühlte sie einen Kuss auf ihrer Stirne und hörte die Türe gehen. Es schien ihr, als bleibe er zu lange fort, der sonst niemals vor dem Frühstück ausgegangen war, und sie erhob sich und sah sich um. Auf dem Tische fanden sich einige Briefe, schon in ihren Umschlägen und mit der Aufschrift versehen. Sie sprang auf, Verstörung im Blick und in der Seele. Da sah sie seine Uhr, von der er sich noch nie getrennt, auf ihrem Platze hängen. Ihr Herzschlag setzte aus; sie stiess einen gellenden Schrei aus und stürzte in Ohnmacht zu Boden...
Es war um die zweite Stunde nach Mittag. Dr. Wortmann hatte eben seine Arbeit für das Abendblatt vollendet und freute sich nun der hellen Sonne, die über dem Ring lag und die einen angenehmen Spaziergang vor Tische verhiess. Da brachte ihm der Diener einen Brief. Eine fremde Frau, die sehr verweint, aber sonst noch jung und hübsch aussehe, habe ihn abgegeben. Er öffnete ihn misstrauisch, ein loses Blatt fiel heraus. Und nun las er:
"Hochverehrter Herr Doktor!
Es ist meine Absicht nicht bei weitem, Euer Wohlgeboren Zeit lange und in unnützlicher Weise in Anspruch zu nehmen. Es ist nur mein Wille, Ihnen meinen besten und ehrlichsten Dank für den grossen Dienst, den Sie mir gestern zu Nacht erwiesen, geziemend abzutragen. Ich war ein verzagter Mensch geworden; so sehr, dass ich nicht einmal den Mut mehr aufzubringen vermochte, den Kelch der Leiden mit einem kräftigen Zug zu leeren, sondern ihn Tropfen um Tropfen leerte. Nun und durch verschiedene Umstände fand ich ihn; ich klammere mich nicht mehr an ein trauriges, man könnte fast sagen, an ein gänzlich zerstörtes Leben, nicht mehr an einen Beruf, für den ich keinerlei Begabung zu besitzen fürchten muss. Heute schliesse ich ab, und zur Stunde, wenn dies vor Ihre Augen kommt, bin ich nicht mehr, und mein Weib ist eine gänzlich verlassene und aller Mittel entblösste Waise. Ich habe, wie Sie in Ihrem Scharfsinn, obzwar ich meinen Ehering als verkauft nicht mehr trug, dennoch richtig erkannten, ein solches besessen. Ich habe das Vertrauen, sie werde sich allein leichter in der Welt fortbringen als mit mir, und hoffe nun von Euer Wohlgeboren Güte, dass Sie ihr entweder durch Ihre vielvermögende Empfehlung bei der Konkordia, oder vielleicht im Wege einer Sammlung unter Euer Wohlgeboren Kollegen und durch Überweisung dessen, was mir noch an Honorar zusteht, einigermassen dazu behilflich sein werden, dass sie sich eine Nähmaschine kaufen könne, mit der sie sich das Notwendigste, etwa nur die Notdurft des Lebens erwerben zu können hofft. Wer streng ist, ist auch gut. Dies ist meine Hoffnung, und mit diesem Troste verharrt und stirbt
Ihr unglücklich gewesener
Josef Bernhofer."
In starker Bewegung hatte Dr. Wortmann diese Zeilen gelesen. Nun nahm er die zweite Zuschrift auf. In aller Form einer Notiz stand darauf:
"(Selbstmord.) Heute morgen wurde im Prater nächst der Krieau der Leichnam eines etwa vierzigjährigen Mannes gefunden. Der Unglückliche, der sich durch einen Revolverschuss in die rechte Schläfe getötet hatte, wurde durch die bei ihm vorgefundenen Papiere als der Dr. phil. Josef Bernhofer, der zuletzt ab und zu als Berichterstatter bei hiesigen Journalen Verwendung gefunden hatte, agnosziert. Nahrungssorgen und die Furcht vor der Zukunft mögen den verheirateten Mann in den Tod getrieben haben."
Mit dem Rotstift in der Hand durchflog er diesen Bericht, der so klar war, wie der Brief verworren gewesen. Dann warf er ihn fast zornig hin: »Es ist schrecklich – jetzt, wo der Mensch schreiben kann, jetzt erschiesst er sich«, nahm einen Bogen Papier und schrieb überlegend: »Für die Witwe des« – er strich das »des«, »für die Frau von« – auch das gefiel ihm nicht, endlich: »für die Witwe unseres armen Kollegen Josef Bernhofer«, und zeichnete sich als erster und mit einem ansehnlichen Betrage ein.
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