Michael Starcke erhält den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2013, Foto (A): D.Gey (hf1113)Rudolf Damm

Die Laudatio auf Michael Starcke

Zum zweiten Mal nach 2012 wird heute der von dem 2007 verstorbenen Hagener Schriftsteller Alfred Müller-Felsenburg gestiftete und nach ihm benannte und undotierte – wenn man von der Flasche „ehrlichen Landweins“ absieht -  Literaturpreis für „aufrechte Literatur“ im Rahmen des Projekts „literaturland westfalen“ hier in den Räumen des „Westfälischen Literaturbüros“ in Unna vergeben. Der diesjährige Preisträger, der diese Auszeichnung erhält, weil er, wie es in der Verleihungsurkunde heißt, „In Worten zuhause ist“, ist der Lyriker Michael Starcke, in Bochum lebend, in der Stadt, in der der Hagener Alfred Müller-Felsenburg geboren wurde.

Hagen, Unna, Bochum – drei westfälische Städte. Aber nur Hagen und Unna spielen in der Geschichte der großen Literatur deutscher Sprache eine Rolle, gewiss, es ist nur eine Nebenrolle, aber, wie ich finde, ein gutes Omen für die an der Verleihung Beteiligten, wenn der große Heinrich Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ von 1844 in „Caput X“ schreibt:

Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.

Von Hagen nach Unna:  welch eine literarische Prophetie -  hier zu sein mit dem Segen dieses Dichters! Und vier Strophen weiter heißt es bei ihm:

Ich habe sie immer so lieb gehabt,
Die lieben, guten Westfalen,
Ein Volk so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.

Verschweigen will ich nun aber nicht, dass unser Preisträger aus Bochum ein gebürtiger Thüringer aus Erfurt ist und ich, sein Laudator aus Hagen, ein gebürtiger Nordhesse. So viel zur Definition von Heimat im „nachheinischen“ gegenwärtigen Deutschland.

Nach Heinrich Heine, „dem Spötter“, dem doch angeblich „nichts heilig war“ möchte ich noch einen weiteren deutschen Geistesheroen anführen: Goethe. Dazu muss ich etwas ausholen:

Die Vergabe des „Alfred Müller-Felsenburg-Literaturpreises“ ist eng mit dem Namen Hans-Werner Gey verbunden, dem Herausgeber des Internetportals „Lyrikwelt“, dem seit dem Jahr 2000 bestehenden Literaturportal (ein Jahr früher als „Wikipedia“!!), einer riesigen Literaturenzyklopädie mit tausenden alphabetisch aufgelisteter Dichter und Autoren aus aller Welt auf tausenden von Seiten –  genauer auf mehr als 30.000 Seiten mit Autorenbiographien, Rezensionen, Gedichten und Textproben, Hintergrundberichten, Fotos, Buchtitelabbildungen, Hörproben und wenigen Videos.

Jeder auf dieser Website angemeldete Autor, auch jeder „Gelegenheitsdichter“ kann seine eigenen Werke unter „Zugang“ auf diese Website setzen und stellt sie damit jedem Nutzer der „Lyrikwelt“ zur Verfügung. Eine wahrhaft demokratische Einrichtung, die es dem Leser – und nicht wie in einer gedruckten Anthologie – dem Herausgeber überlässt, „die Spreu vom Weizen zu trennen“. (Ein übrigens in Zeiten des Mähdreschers nicht mehr für alle Menschen nachvollziehbares Sprachbild, obwohl genau das auch diese Maschine tut!)

Dazu passt das Motto auf der Startseite der „Lyrikwelt“, das ein geradezu bösartiges Wort - auf jeden Fall für einen Lyriker - Johann Wolfgang von Goethes voranstellt, überliefert aus der Feder seines „getreuen“ Eckermann vom 29. Januar 1827:

„Um Prosa zu schreiben, muss man etwas zu sagen haben; wer aber nichts zu sagen hat, der kann doch Verse und Reime machen, wo denn ein Wort das andere gibt und zuletzt etwas herauskommt, das zwar nichts ist, aber doch aussieht, als wäre es was.“

Und natürlich ist auch Michael Starcke in dieser Internet-Anthologie mit Biographie und Gedichten aufgeführt, dieser Michael Starcke, der Preisträger, der „in worten zuhause“ ist, denn das ist der Titel eines seiner Gedichte, das aber ausreicht, um Sie, verehrte Zuhörer, entscheiden zu lassen, ob es zum „Weizen“ oder zur „Spreu“ gehört:

In worten zuhause

In worten zuhause
fällt mir immer
wieder der herbst ein,
seine botschaften,
die unbemerkt
auf bunten blättern stehen.

heimat fällt mir ein,
letzte süße des sommers,
das erinnern heißt,
vergessen.

nicht zufällig ist
die trauer beim wein,
widerspenstige hinterlassenschaft
der euphorie.

in worten zuhause
steht keines alleine für sich,
während sich die reihen
der gefährten lichten.

der herbst weiß,
dass er nicht das ende ist.
in seinen wurzeln grünt schon
unaufhörlich neue lebenszeit.

Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, hatte ich das Gefühl in einen Spiegel zu blicken, ich las Worte, Gedanken, Sätze eines fremden Menschen, die mich anrührten, die auch für mich gültig waren, aber nicht nur für mich, sondern für alle Menschen, die bereit sind die Botschaft aufzunehmen, mit anderen Worten: ich las Dichtung! Und damit war für mich, als Mitglied der Jury für den „Müller-Felsenburg-Preis“ die Entscheidung gefallen: Michael Starcke war der Preisträger 2013!

Das wir, als Jury, richtig entschieden hatten, wurde mir im Mai diesen Jahres bewusst, als ich wie jeden Morgen, an dem ich die Zeit dazu habe, auf der sogenannten Kulturseite meiner Tageszeitung, der noch so genannten „Westfälischen Rundschau“ in Hagen nach dem täglichen Gedicht sah, es las und meine Frau bat, es ihr vorlesen zu dürfen:

Heute, am 18. Mai

heute, am 18. Mai
hätte ich mit der bahn
unterwegs sein können
auf dem weg in eine
andere gegend.
ich hätte ein-
tauchen können
in den fluss der ereignisse
an einer beliebigen stelle.
irgendeinen faden
hätte ich aufnehmen können,
ohne nach seiner bedeutung
zu fragen. Stattdessen
schaue ich in den regen,
als hätte ich meine arbeit getan,
ohne abgelenkt zu werden,
als hätte ich jemanden
gehört, der mit mir
sprechen will durch
die geschlossene tür
über das geheimnis
der schritte.

Sie bat mich das Gedicht zu wiederholen, was ich tat und sie bat dann um die Seiten, um es noch einmal selbst zu lesen. „Hast du den Namen des Verfassers gelesen?“ fragte sie mich – nein, hatte ich natürlich nicht! „Es ist der Michael Starcke, den ihr für den Preis ausgesucht habt!“ Es war der 18. Mai 2013! Da waren sie wieder, diese allgemeingültigen Gedanken, in Worte gefasst, die mich tief berührten: Poesie, Dichtung!

Tröstlich die grüne Decke von Michael Starcke, 2012, früher vogelErst ein paar Wochen später habe ich Michael Starcke persönlich kennengelernt, im Garten der Geys unter einem Sonnenschirm, den 1949 in Erfurt geborenen, der jetzigen Landeshauptstadt des Bundeslandes Thüringen, damals in der gerade geschaffenen DDR. Zwillingsbruder, von Kinderlähmung betroffen, deshalb der Stock. Der Zwillingsbruder Peter Starcke illustriert mit seinen Bildern die Gedichte Michael Starckes: Kopf und Hand ergänzen sich, schaffen gemeinsam ein Ganzes – in Büchern und Kalendern, immer wieder seit 1995.

Die Familie wechselte 1959 in die Bundesrepublik, ab 1961 nach Bochum. Brotberuf Apotheker, aber schon in der Kindheit schrieb er Gedichte, der Neffe des thüringischen Heimatdichters Hans Huckebein = Hans Starcke.  Also, der Lyriker Michael Starcke mit, wenn ich richtig gezählt habe, 23 Gedichtbänden, dessen Werk in „Wikipedia“ folgendermaßen beschrieben wird: „Der Grundton der meisten Werke Michael Starckes wird als melancholisch oder nachdenklich beschrieben. Kritiker heben die Erkundung des Alltags und eine daraus resultierende über den Alltag hinausgehende eigene Gedankenwelt hervor.“

Nein, fröhlich sind seine Gedichte nicht unbedingt zu nennen, aber auf keinen Fall depressiv. Ich lasse ihn für sich selbst sprechen mit dem Gedicht meine poesie aus dem 2012 im Verlag Früher Vogel erschienenen Lyrikband tröstlich die grüne decke:

meine poesie hallt wider

von der rauen stimme

der klingenden see,

ist echo auf alles,

was ich erlebe.

meine poesie ist

wie ein flacher stein,

geklaubt aus dem sand.

vielleicht werde ich ihn

in ein ruhiges gewässer

werfen, geschickt

und gezielt, damit

er aufsetzend springt

und schöne kreise zieht.

Meine poesie ist herbstlich

von anfang an,

ein keil,

wie ihn zugvögel bilden

im flug.

meine poesie bin ich,

sanft und melancholisch,

aber auch verzweifelt wie der schrei,

mit dem man hochschreckt

aus visionen und träumen

Ich schließe meine Laudatio mit den Worten des Bochumer Journalisten und Schriftstellers Werner Streletz, eines Altersgenossen von Michael Starcke, der in seinem Beitrag der 2009 erschienenen Hommage „ In Worten zuhause- der Lyriker Michael Starcke – Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter gratulieren zu seinem 60. Geburtstag am 19. Dezember 2009“ über ihn geschrieben hat:

„Michael Starcke ist ein Poet, der konsequent seinen Weg gegangen ist und geht. Mehr noch: Er hat nie nach dem Literaturmarkt geschielt und sich durch dort gerade grassierende Moden beeinflussen lassen. Und darüber hinaus: Wer sich einmal auf den poetischen, anscheinend nie versiegenden Sprachfluss von Michael Starcke eingelassen hat, dem wird schon bald klar, wie eng die Person des Dichters mit den wie monomanisch hintereinander gesetzten Reflexionen, Bildern und sorgsam gewählten Metaphern verbunden ist. Sonnenschein ist selten, eher prägt leichte Melancholie die dem eigenen Ich abgelauschten Verse. Michael Starcke ist sicherlich keiner von denen, die durchs Leben tanzen. Doch wer wäre dazu schon in der Lage, dem das Dasein bestenfalls als Tragikkomödie beschreibbar scheint! Ironische Distanz hilft da manchmal, doch nicht immer…“

Soweit ein Weggefährte des von uns Geehrten, dem ich danken möchte, dass er die Ehrung annimmt!

(November 2013)

Rezension I Buchbestellung I home III15 LYRIKwelt © R.D.