Arno Neumann, 2007, Foto: hwg 0707Rudolf Damm

Erinnerung an den Menschen Arno Neumann
(Anläßlich der Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof in Hagen-Eilpe am 25.06.2015)

„...Er hat mich beschimpft, mir' ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt.
Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude!
Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften?
Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ?
Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun.
Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache.
Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache.
Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muss schlimm hergehen, oder ich will ich es meinen Meistern zuvortun.“

Mit diesen Worten aus dem Monolog des Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ erinnere ich an Arno Neumann,  geboren am 19. Oktober 1929 in Hagen, verstorben am 22. Juni 2015 in Hagen. Der Vater, ein in der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie geborener Jude, Weltkriegsteilnehmer, in Hagen ansässig. Die Mutter, als Hagener Christin geboren, war 1924 zum Judentum konvertiert.

Ein langes Leben – in vier Monaten wäre er 86 Jahre alt geworden, man ist versucht zu sagen, ein erfülltes Leben – wenn da nicht die Zeitumstände wären, in die er hineingeboren wurde.

1933, Arno war im dritten Lebensjahr als das 3. Reich begann, in der der latente Antisemitismus zur Staatsräson wurde. Wegen Anfeindungen konnte Arno nicht auf der Straße spielen, den Rodelhang konnte er nur abends benutzen, wenn die anderen Kinder schon zu Hause waren. Die Mutter brachte ihn ab 1937 in die jüdische Schule und holte ihn auch wieder ab, um ihn vor den antisemitischen Pöbeleien der anderen Kinder auf der Straße zu schützen.

1938 erfolgte die Ausweisung der Familie, weil der Vater nach der Auffassung der Nazis Pole war. Sie lebten bei einem Onkel bis dann im September 1939 die Deutsche Wehrmacht kam und die Pogrome und später der Holocaust begannen.

Darauf Flucht in den von den Russen besetzten Teil Polens.

1941 kamen die Deutschen auch dahin. Die Familie fand Unterschlupf bei einem polnischen Hausbesitzer, zu Gute kam nun der Familie, dass die Mutter nach den Rassegesetzen der Nazis „Arierin“ war, auch wenn sie den jüdischen Glauben angenommen hatte.

Vater und Sohn überlebten mit viel Glück im Versteck und die Befreiung kam im Herbst 1944 durch die Rote Armee.

Nach dem Krieg machte Arno in Polen sein Abitur.

1950 übersiedelte die Familie nach Israel. Arno leistete seinen Wehrdienst ab.

1956 kehrten die Neumanns nach Hagen zurück – Flucht vor dem nahöstlichen Klima, Heimweh – wer weiß, was ausschlaggebend war? Vater und Mutter sind auf diesem Friedhof begraben.

Arbeit im Stadtschulamt, Betreiber einer Bar, Immobilienverwaltung -  Arno versuchte sich in vielen Berufen. Reich wurde er nicht…

Arno Neumann initiierte u.a. die Städtefreundschaft Hagen – Modiin.

Von 1994 bis 2014 war er der 1. Vorsitzende der Deutsch-Israelischen –Gesellschaft in Hagen und Umgebung. Er wäre es so gerne bis zu seinem Tod geblieben…

Er gründete den Hagener Verein „Stolpersteine e.V.“, der mit den pflastersteingroßen Gedenkplatten des Gunter Demnig u.a. an die von den Nazis ermordeten Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens erinnert  und war von 2007 bis 2010 der erste Vorsitzende.

Die Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Geschichte und der Kampf gegen das Vergessen war seine Lebensaufgabe. Er war vielen ein unbequemer Mahner. Für die Öffentlichkeit und die Presse war er lange Zeit einfach der Vertreter der Juden in Hagen…

Er war dreimal verheiratet, er hat einen Sohn aus 1. Ehe und seine hier anwesende Tochter Naomi aus der letzten, die ihn in den Tod begleitet hat.

Arno war ein schwieriger Mensch, ich denke, keiner der Anwesenden wird das bestreiten. Er war in vielen Fällen beleidigend und ungerecht – er verletzte, weil er selbst zutiefst verletzt war – er war wahrlich keine Lichtgestalt wie Lessings Titelfigur Nathan der Weise in dem gleichnamigen Drama, der alles und Allen vergeben konnte. Der anfangs zitierte Kaufmann von Venedig erscheint mir eher vergleichbar mit Arno Neumanns Verhalten. Er konnte und wollte nicht alles und Allen vergeben. Arno Neumann war unbequem. Und er wird uns fehlen.

Werden wir denn einem solchen Anspruch gerecht?

Für meinen Freund Arno appelliere ich mit den Worten des Juden Jesus von Nazareth um Verständnis für sein Verhalten, der die Gerechten bei der Steinigung der Ehebrecherin ermahnt: „Wer von Euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein!“

Und die Gerechten, übrigens gesetzestreue Juden, ließen die Steine fallen…

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