Rudolf Damm

Zum zum 9. November 2014!

„Denn nicht lassen wird der EWIGE sein Volk
Und sein Erbe verlässt ER nicht.“

Unter dieser Aussage aus der hebräischen Bibel, dem Psalm 94, Vers 14

sehr geehrter, lieber Hagay Feldheim, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schulz, sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,                                                                   

steht unsere heutige Gedenkveranstaltung anlässlich der 76. Wiederkehr der Gräuel der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Hagen. Der Glaube an diese göttliche Verheißung an sein auserwähltes Volk wurde den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern in Hagen und dem übrigen Deutschland in den Zeiten des 3. Reiches wahrlich nicht leicht gemacht, half ihnen aber womöglich das ihnen bis dahin angetane schreiende Unrecht und das Unglaubliche, noch auf sie Zukommende, ihre absolute Rechtlosigkeit bis hin zur qualvollen Ermordung, zu ertragen.

Das den Juden im 3. Reich durch Gesetze, Erlasse und Verordnungen vor den Augen ihrer nichtjüdischen Mitbürger in aller Öffentlichkeit, in Rundfunk und Zeitungen verkündet und immer wieder wiederholte Unrecht begann am 7. April 1933, nur zwei Monate nach der von Reichspräsident von Hindenburg ermöglichten Übernahme der Regierungsgewalt durch Hitler und seine NSDAP mit dem Erlass, dass „alle nichtarischen – sprich jüdisch stämmigen, ohne Berücksichtigung ihrer Religionszugehörigkeit – Beamte (ausgenommen jüdische Soldaten im 1. WK) in den Ruhestand versetzt werden.

-Ebenfalls im April 1933 wird das rituelle Schächten von Schlachttieren durch jüdische Metzger verboten und die Neuaufnahme von Nichtariern an Schulen und Hochschulen eingeschränkt.

-Noch 1933 kann, so wörtlich, „Unerwünschten“ die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt werden.

-Im September 1935 wird der Verkauf jüdischer Zeitungen im Straßenhandel verboten und es treten die sogenannten „Nürnberger Rassegesetze“ in Kraft:

-Nur Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes können „Reichsbürger“ werden.

-Juden dürfen Staatsangehörige deutschen Blutes nicht heiraten.

-Juden dürfen deutsche Hausangestellte unter 45 Jahren nicht beschäftigen.

-Außerdem werden alle jüdischen Beamten beurlaubt.

-1936, dem Jahr der Olympischen Spiele in Deutschland, verlieren alle Juden das Reichstagswahlrecht.

-1937 wird die Zahl der jüdischen Schüler weiter eingeschränkt und Juden erhalten nur noch in besonderen Fällen Auslandspässe.

Im Schreckensjahr 1938 häufen sich die antijüdischen Gesetze und Erlasse:

-Juden müssen ihr Vermögen angeben

-Juden wird die Ausübung bestimmter Gewerbe untersagt: z.B. Makler, Heiratsvermittler, Fremdenführer

-Juden müssen ab 1939 Kennkarten (Ausweise) bei sich führen

-jüdische Ärzte gelten ab Oktober nur noch als „Krankenbehandler“

-alle „jüdischen“ Straßennamen werden entfernt

-Juden dürfen ab 1939 nur noch jüdische Vornamen haben. Wenn sie deutsche Vornamen haben, müssen sie zusätzlich den Namen „Israel“ bzw. „Sara“ annehmen

-Reisepässe von Juden werden auf Wunsch der Schweiz mit einem großen gestempelten „J“ versehen.

- am 28.Oktober 1938 werden rd. 17.000 „staatenlose“ Juden zwangsweise nach Polen abgeschoben – auch viele in Hagen lebende Familien sind davon betroffen, u.a. der neunjährige Arno Neumann mit seinen Eltern

Das Attentat des Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftsangehörigen vom Rath in Paris am 7.11.1938  steht im direkten Zusammenhang mit diesem Ereignis.

Von der NSDAP gesteuert, kommt es schon vor dem Tod vom Raths am 9. November zu Ausschreitungen gegen Juden. Die eigentliche Pogromnacht ist die vom 9. auf den 10. November, die sogenannte „Reichskristallnacht“, in deren Zusammenhang 30.000 Männer jüdischer Herkunft in Konzentrationslager verschleppt werden, mehrere Hundert werden ermordet oder in den Tod getrieben.

Etwa 1.400 Synagogen und Bethäuser in Deutschland werden niedergebrannt oder vollständig zerstört, tausende von Wohnungen werden gestürmt, die Einrichtung zerstört oder geplündert – kein Deutscher konnte das übersehen!

Schon am 12. November wird die Situation der deutschen Juden weiter verschärft:

-Der Gesamtheit aller deutschen Juden wird eine Sühneleistung von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt, zusätzlich müssen alle Schäden des Pogroms auf eigene Kosten sofort beseitigt werden.

-Juden dürfen keine Geschäfte und Handwerksbetriebe mehr führen.

-Juden dürfen keine Theater, Kinos, Konzerte und Ausstellungen mehr besuchen.

Bis Ende November kommen folgende Erlasse noch hinzu:

-Alle jüdischen Kinder werden aus deutschen Schulen entfernt

-Alle jüdischen Betriebe werden aufgelöst, im Jargon der Nazis heißt das, sie „werden arisiert“

-Juden dürfen sich ab sofort zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gebieten nicht mehr bewegen

Im Dezember geht es weiter:

-Juden werden Führerscheine und Zulassungspapiere für Kraftfahrzeuge entzogen

-Juden müssen ihre Wertpapiere und Schmucksachen abliefern

Das Jahr 1939 bringt weitere Einschränkungen:

-der Mieterdschutz für Juden wird eingeschränkt, sprich aufgehoben

-alle Juden müssen sich in einer „Reichsvereinigung der Juden“ zusammenschließen

-Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 dürfen  Juden im Sommer nach 21 Uhr und im Winter nach 20 Uhr ihre Wohnungen nicht mehr verlassen

-alle Juden müssen ihre Radiogeräte bei der Polizei abliefern

(-am 23.11.39 wird in Polen der „Judenstern“ eingeführt)

-Ab  1940 erhalten Juden keine Kleiderkarte mehr – das heißt sie können keinerlei Kleidungsstücke mehr kaufen.

-Am 12. Februar 1940 erfolgt die erste Deportation deutscher Juden

-Ab Juli 1940 dürfen Juden keinen Telefonanschluss mehr besitzen

-Ab Juni 1941 dürfen Juden sich nur noch als „glaubenslos“ bezeichnen

-Am 31. Juli 1941 beginnt die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“, d.h. die planmäßige Ermordung aller europäischen Juden.

-Ab dem 1. September 1941 müssen alle Juden in Deutschland einen „Judenstern“ tragen. Ohne polizeiliche Erlaubnis dürfen sie ihren Wohnbezirk nicht mehr verlassen

-Am 14. Oktober 1941 beginnen die allgemeinen Deportationen aus Deutschland in die Vernichtungslager

-Juden dürfen öffentliche Telefonzellen nicht mehr benutzen

-Im Januar 1942 müssen Juden alle Woll- und Pelzkleidungsstücke in ihrem Besitz abliefern

Und es geht Schlag um Schlag weiter:

-Juden dürfen keine Zeitungen und Zeitschriften mehr beziehen

-jüdische Wohnungen müssen mit einem „Judenstern“ neben dem Klingelschild      kenntlich gemacht werden.

-Juden ist die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln verboten

-Juden ist das Halten von Hunden, Katzen, Vögeln und anderen Haustieren verboten

-Juden ist der Besuch von Friseurgeschäften verboten

-Juden müssen alle entbehrlichen (??) Kleidungsstücke abliefern

-Juden erhalten keine Raucherkarten mehr

-Juden müssen alle elektrischen und optischen Geräte, sowie Schreibmaschinen und Fahrräder abliefern

-alle jüdischen Schulen werden geschlossen

-blinde und schwerhörige Juden dürfen keine Armbinden zur Kennzeichnung im Verkehr mehr tragen

-Juden erhalten kein Fleisch, keine Eier und keine Milch mehr

-alle Juden in deutschen KZs werden nach Auschwitz verlegt

1943 und 1944 gab es nur noch zwei Erlasse:

-straffällige Juden werden nach Verbüßung ihrer Haftstrafe den KZs Auschwitz und Lublin „zugeführt“

-Juden ist die – nach den Bombardements deutscher Städte durch alliierte Bomber eingeführte – Benutzung von Wärmeräumen verboten

Und als am 8. Mai 1945 der 2. Weltkrieg und damit das 3. Reich durch die bedingungslose Kapitulation gegenüber den Alliierten endete waren sechs Millionen europäischer Juden von den Deutschen und ihren Helfern ermordet worden, nachdem man sie vorher aller ihrer Rechte beraubt und ihnen ihre Ehre genommen hatte.

Und jetzt stelle ich die immer wieder gestellte Frage, wie so etwas in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, einer christlichen europäischen Kulturnation im 20. Jahrhundert, unter den Augen der Bevölkerung, mit ihrer aktiven Mithilfe und der passiven Duldung der Mehrheit von ihnen geschehen konnte.

Nur eine Minderheit hat sich aktiv gegen das mörderische Treiben des NS-Staates gestellt. Warum? Diese Frage stellt der streitbare und deshalb auch umstrittene Freiburger Geschichtsprofessor Götz Aly in seiner häufig angefeindeten Untersuchung Warum die Deutschen? Warum die Juden? Und gibt eine in meinen Augen schlüssige Antwort auf diese Frage:

Neid und Versagensangst, Missgunst und Habgier trieben den Antisemitismus der Deutschen an – Gewalten des Bösen, die der Mensch seit Urzeiten fürchtet und zivilisatorisch einzuhegen versucht. Die an christliche und juridische Tradition durchaus gebundenen Deutschen waren sich der niederen Beweggründe ihrer Judenfeindschaft bewusst. Sie schämten sich dafür. Das machte sie für die Rassentheorie empfänglich. Die biopolitische Wissenschaft veredelte den Hass zur Erkenntnis, das eigene Manko zum Vorzug und begründete gesetzliche Maßnahmen. Auf diese Weise delegierten Millionen Deutsche ihre verschämten, aus Minderwertigkeitsgefühlen herrührenden Aggressionen an den Staat. So konnten staatliche Akteure jeden Einzelnen entlasten und individuelle Bosheit in die überpersönliche Notwendigkeit zur „Endlösung der Judenfrage“ verwandeln.

Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. Das zwingt zum Pessimismus: Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen.

Dazu eine kurze Meldung der „Westfälischen Rundschau“ von Mittwoch, dem 5. November 2014 mit der Überschrift: US-Tourist beleidigt und verprügelt. Es heißt darin weiter: Eine Gruppe Jugendlicher mit rasierten Köpfen hat im Kölner Hauptbahnhof einen amerikanischen Touristen überfallen und ihn als „Jüdischen Bastard“ beleidigt.

Am 31. Oktober diesen Jahres fand ich auf der Seite 2 der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Meldung aus Offenbach am Main, eine Stadt, die mir, wie heute Hagen, früher in meinem Leben Heimat war, dass der Offenbacher Gymnasiast und Stadtschulsprecher Moses Bonifer, der als bekennender Jude auch in der Öffentlichkeit eine Kippa getragen hat, sie jetzt nur noch verborgen unter einer Baseballkappe zu tragen wagt. Auf dem belebten Offenbacher Wilhelmsplatz hatten ihm und zwei Begleiterinnen im Vorbeigehen mehrere junge Muslime zugerufen: Wir spucken auf dein Volk, wir finden dich und wir bringen dich um. Und für mich erschreckend heißt es weiter

„Weil sich der Vorstand des Stadtschülerrats laut Bonifer nicht mit ihm solidarisierte, will er Ende November vom Amt des Stadtschulsprechers zurücktreten.“ In einer Gesellschaft, in der das Tragen von Kopftüchern aus religiösen Gründen selbstverständlich ist, muss das auch für das Tragen einer Kippa gelten. Auf der anderen Seite frage ich mich betroffen, warum solidarisiert sich der Vorstand des Stadtschülerrates nicht mit dem bedrohten Mitschüler?

In Hagen ist 2014 bei einer pro-palästinensischen Demonstration öffentlich durch ein Polizeimegaphon „Israel – Kindermörder“ skandiert worden. Hagener Juden, die von islamistischer Seite telefonisch bedroht und beleidigt werden und deshalb Angst um ihre Sicherheit haben und in einer interkonfessionellen Gesprächsrunde auf den Artikel 7 der Charta der Hamas, die den Staat Israel mit Gewalt beseitigen will, verweisen, in dem es heißt „Das jüngst Gericht wird nicht kommen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten;…“ schlägt ihnen eine Welle des geballten Unverständnisses von Seiten der Vertreter der Hagener Muslime, aber auch der der Christen, entgegen. Die muslimischen Vertreter sind über die Unterstellung von islamischer Gewalt im Zusammenhang mit Hagen zutiefst beleidigt und ziehen sich zurück.

Seltsam, in der „Westfälischen Rundschau“/“Westfalenpost“ vom letzten Freitag, dem 7.11. beruft sich der Chefredakteur Malte Hinz in seinem Kommentar auf Seite 1 auf eine Forderung des scheidenden EKD-Vorsitzenden Nikolaus Schneider. Wörtlich heißt es: So verlangt Schneider von den Islamverbänden eine offene Debatte über die Rolle der Gewalt im Islam.

Und weiter sagt Hinz: Dabei verschweigt er nicht die unselige Gewaltgeschichte der christlichen Kirchen. Wohl auch deshalb ist Schneider schwer enttäuscht, dass die Islamverbände heute nicht energischer gegen Hassprediger in den eigenen Reihen zu Felde ziehen. Denen gelingt es nämlich mit wachsendem Erfolg, junge Menschen für die IS-Terrorbanden zu rekrutieren und Gewaltanwendung mit Verweis auf den Koran zu legitimieren.

Davon müssen sich Moslems, die für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen sind, energisch abgrenzen. Fordert Schneider. Und er hat Recht.

Soweit Malte Hinz in der „Westfälischen Rundschau“.

Ich hoffe, dass sich die Vertreter der Hagener Muslime unter diesem Aspekt ihre Absage an einen Dialog der Religionen doch noch einmal überlegen und zu einer Gemeinsamkeit mit den Hagener Juden und Christen zurückkehren.

(9.November 2014)

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