Rudolf Damm

Zum 9. November 2013

Die Jahreslosung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lautet für das Jahr 2013 „Sachor“ das ist „Gedenke“ und „Der Zukunft ein Gedächtnis“.

Bertolt Brecht, Gedichte und Lieder, 1992 SuhrkampIn der 1962 im Suhrkamp Verlag erschienenen Gedichtsammlung Bertolt Brechts Gedichte und Lieder steht rechts eingerückt unter dem Titel des 1933 im Exil geschriebenen Gedichtes Deutschland  der eingefügte Satz      

           Mögen andere von ihrer 
           Schande sprechen, ich
           spreche von der meinen.

Dieses Gedicht mit dem Titel Deutschland des laut Marcel Reich-Ranicki „bedeutendsten Lyrikers deutscher Zunge der letzten 200 Jahre“ könnte prophetischer nicht sein: 1933 geschrieben, steht es für alle unvorstellbaren Verbrechen der kommenden 12 Jahre, die im Namen dieses Landes von seinen Bewohnern verübt worden sind:

O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.
Unter den Befleckten
Fällst du auf.

Von seinen Söhnen der ärmste
Liegt erschlagen.
Als sein Hunger groß war
Haben deine anderen Söhne
Die Hand gegen ihn erhoben.
Das ist ruchbar geworden.

Mit ihren so erhobenen Händen
Erhoben gegen ihren Bruder
Gehen sie jetzt frech vor dir herum
Und lachen in dein Gesicht.
Das weiß man.

In deinem Hause
Wird laut gebrüllt, was Lüge ist.
Aber die Wahrheit
Muß schweigen.
Ist es so?

Warum preisen dich ringsum die Unterdrücker, aber
Die Unterdrückten beschuldigen dich?
Die Ausgebeuteten
Zeigen mit Fingern auf dich, aber
Die Ausbeuter loben das System
Das in deinem Haus ersonnen wurde!

Und dabei sehen dich alle
Den Zipfel deines Rockes verbergen, der blutig ist
Vom Blut deines Besten Sohnes.

Hörend die Reden, die aus deinem Haus Hause dringen, lacht man.
Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer
Wie beim Anblick einer Räuberin.

O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie haben deine Söhne dich zugerichtet
Daß du unter den Völkern sitzest
Ein Gespött oder eine Furcht!
 

Mit diesem Gedicht erinnere ich am heutigen 9. November 2013 an das Geschehen in Hagen und in Deutschland vor 75 Jahren.

Dieser 9. Nov. 1938 war der vorläufige Höhepunkt in der 1933 mit Hitlers Kanzlerschaft beginnenden Verfolgung der Juden in Deutschland: ca. 30.000 Männer jüdischer Herkunft wurden in die Konzentrationslager verschleppt, mehrere hundert wurden ermordet oder in den Tod getrieben. Etwa 1.400 Synagogen und Bethäuser in Deutschland wurden niedergebrannt oder vollständig zerstört. Wie reagierte die Bevölkerung? Wir hören immer wieder vom Unverständnis der Augenzeugen dieser Verbrechen, ja von Empörung, dass „so etwas“ geschehen kann – aber fast niemand wagte einzugreifen. Der Historiker Peter Longerich zieht in seiner Untersuchung „Davon haben wir nichts gewusst! Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 – 1945“ erschienen bei Siedler 2006 folgenden Schluss:

„Die passive Hinnahme von Gewalt und Rechtlosigkeit durch die Bevölkerung wurde wiederum in der Propaganda als kollektive Zustimmung zu den

Gewaltaktionen ausgegeben. Nun, da es dem Regime gelungen war, den Pogrom ohne massiven Widerstand der Bevölkerung durchzuführen, machte es in seiner öffentlichen Darstellung der Ereignisse die Bevölkerung zu Komplizen des gewalttätigen Anschlags auf die deutschen Juden.“ ( S. 123 u. 124)

Basierend auf dieser Erfahrung konnten alle zukünftigen Maßnahmen des NS-Regimes geplant und durchgeführt werden, ohne dass zu erwarten war, dass es zu öffentlichen Protesten eines größeren Teils der deutschen Bevölkerung kommen würde. Der Beweis  für die Richtigkeit dieser Annahme ist der öffentliche Protest der Frauen in der Rosenstraße Ende Februar/Anfang März 1943 in Berlin, wo „arische“ Ehefrauen gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Ehemänner öffentlich protestierten und ihre Freilassung erreichen konnten. Unabhängig von der akademischen Diskussion, ob auch andere Gründe für diese Freilassung in Betracht kommen, zeigt doch dieses Ereignis, dass dem Regime öffentlicher, Aufsehen erregender Protest, unangenehm war und zu einer Rücknahme bereits durchgeführter Maßnahmen (Abtransport in Konzentrationslager) geführt hat und dass es nicht zu Vergeltungsmaßnahmen gegen die Protestierenden gekommen ist. 

Aber die meisten Deutschen haben aktiv nichts gegen das mörderische Treiben des NS-Staates unternommen. Götz Aly hat in seiner häufig angefeindeten Untersuchung Warum die Deutschen? Warum die Juden? Eine für mich sehr schlüssige Antwort auf diese Frage gegeben:

Neid und Versagensangst, Missgunst und Habgier trieben den Antisemitismus der Deutschen an – Gewalten des Bösen, die der Mensch seit Urzeiten fürchtet und zivilisatorisch einzuhegen versucht. Die an christliche und juridische Traditionen durchaus gebundenen Deutschen waren sich der niederen Beweggründe ihrer Judenfeindschaft bewusst. Sie schämten sich dafür. Das machte sie für die Rassentheorie empfänglich. Die biopolitische Wissenschaft veredelte den Hass zur Erkenntnis, das eigene Manko zum Vorzug und begründete gesetzliche Maßnahmen. Auf diese Weise delegierten Millionen Deutsche ihre verschämten, aus Minderwertigkeitsgefühlen herrührenden Aggressionen an den Staat. So konnten staatliche Akteure jeden Einzelnen entlasten und individuelle Bosheit in die überpersönliche Notwendigkeit zur „Endlösung der Judenfrage“ verwandeln.

Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. Das zwingt zum Pessimismus: Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen.

28% der Deutschen glauben, Juden hätten in der Welt zu viel Einfluss.

36% finden, Juden zögen aus der Vergangenheit Vorteile und ließen die Deutschen dafür zahlen.

61% finden, man sollte endlich einen Schlussstrich unter die Diskussion der Judenverfolgung ziehen.

(Forsa Umfrage vom November 2003)

Hier nun einige Anschläge auf Synagogen und Personen:

Im September und im Dezember 1998 wurden auf das Grab des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden In Deutschland, Heinz Galinski auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße in Berlin-Westend zwei Sprengstoffanschläge von unbekannten Tätern verübt. Dabei wurde der Grabstein völlig zerstört. Daraufhin haben die Angehörigen seinen Leichnam nach Israel überführen lassen – Emigration eines Toten aus Deutschland!

28. August 2012: Der Berliner Rabbiner Daniel Alter wird von vier Jugendlichen vor den Augen seiner Tochter beleidigt und angegriffen. Die Jugendlichen sprechen den 53jährigen nach Erkenntnissen der Ermittler wegen seiner Kippa an und fragten, ob er Jude sei. Einer der Jugendlichen schlägt darauf mehrfach zu und verletzt den Mann am Kopf. Seiner Tochter drohen die Jugendlichen mit dem Tod.

26. September 2012: Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, wird nach dem Besuch einer Synagoge in Berlin bedroht. Der Täter erkannte Kramer anhand eines mitgeführten Siddur, eines Gebetbuches, als Juden und forderte ihn auf „dahin zurückzukehren, wo er herkomme“ und drohte ihm Gewalt an. Kramer war in Begleitung seiner beiden Kinder unterwegs.

Wie sagt doch Götz Aly so treffend: wir „sollten nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen.“

Eine beachtenswerte Filmdokumentation zu dieser Problematik lief am vorletzten Montag, dem 28. 10.2013 in der ARD von 22.45 – 23.30 Uhr mit dem Titel Antisemitismus heute - wie judenfeindlich ist Deutschland?

Natürlich gibt es Antisemitismus heute: von der extremen Rechten, über die israelfeindlichen Muslime bis zur antikapitalistischen Linken, die zum Boykott israelischer Waren, bzw. zur Kennzeichnung israelischer Produkte aus dem Westjordanland aufruft.

Erschreckend, ist nicht nur, dass es in Berlin „inzwischen eine No-Go-Area für Juden in Berlin gibt“, so Rabbiner Daniel Alter in diesem Film, sondern die Erkenntnis einer Linguistin, die über 100.000 E-Mails, Leserbriefe und Texte aus dem Internet mit antisemitischen Inhalten und anti-jüdischen Klischees untersucht hat und dabei feststellen musste, dass die überwiegende Mehrheit der Verfasser keinem extremen Lager angehört, sondern in der „Mitte der Gesellschaft“ zu finden ist.

Der Bielefelder Professor Andreas Zick warnt denn auch in diesem Film: „Antisemitismus, auch wenn er nur latent ist, bleibt immer Wegbereiter vom Wort zur Tat.“

Ich wünsche uns allen den Mut, immer und überall gegen Unrecht anzugehen und es nicht sprachlos geschehen zu lassen.

(9.November 2013)

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