Rudolf Damm

Zum 9. November 2012!

„Ihr alle, die ihr des Weges zieht,
schaut doch und seht,
ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz,
den man mir angetan…“ 

Das Alte Testament, Hebr.-Dtsch.: BD 4 [Ledereinband] Rita M. Steurer, 1999, Scm HänsslerMit diesen Worten aus der hebräischen Bibel, dem „Alten Testament“, den „Klageliedern“, hier dem 12. Vers aus dem 1. Lied in der Einheitsübersetzung der Bibel ins Deutsche, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger beginne ich meine Gedanken zur Erinnerung an den 74. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Das Pogrom, das von den Nazis verharmlosend, wegen der vielen glitzernden Glasscherben der zerschlagenen und zerborstenen Fenster der Wohnungen und Geschäfte jüdischer Bürger, die seit 1935 – laut NS-Gesetzgebung -  keine Bürger mehr waren, „Reichskristallnacht“ genannt wurde.

Zerschlagen die Fensterscheiben, angezündet die Synagogen, die Kultgegenstände und die Thorarollen in den Schmutz getreten und entweiht von einem von den Nazis organisierten Mob, Mitgliedern der NSDAP und ihren Unterorganisationen, Deutschen, Hagenern… Wohnungen wurden geplündert, Mobiliar aus dem Fenster geworfen. Der damals  achtjährige Wilhelm Knaup schreibt in seinen Erinnerungen an den 9. Und 10. November in Hagen (Quelle: Website des „Historischen Centrums Hagen“ mit dem Titel: „Das Klavier in der Volme“ mit einer historischen Zusammenfassung von Dr. Andreas Kunze):

„Auf dem Weg in die Stadt traf ich Freunde, die auch davon gehört hatten, dass man heute Nacht die Juden „vermöbelt“ habe. Jeder war sehr gespannt, wie es in der Stadt bei den Juden aussah.

Am Remberg war alles normal. Wir hatten dort schon etwas erwartet. An der Marktbrücke sahen wir das große Haus vom Pferdemetzger Cohn, der fast allen Hagenern bekannt war. Fenster und Schaufenster waren zerschlagen. Gardinenfetzen flatterten im Wind. Zerschlagene Möbel lagen auf dem Bürgersteig und in der Volme. Sie waren einfach aus dem Fenster geschmissen worden, Möbelteile und ein Klavier waren vom Wasser der Volme abwärts getrieben worden.“

Der  von den Nazischergen angerichtete Schaden im Wert von über einer Milliarde Reichsmark muss von den Geschädigten, den sogenannten „Judenlümmeln“, selbst bezahlt werden…

Und weiter heißt es im 1. Klagelied, den Versen 7 und 10:

„Die Feinde sahen sie an,
lachten über ihre Vernichtung…
Der Bedränger streckte die Hand aus
Nach all ihren Schätzen.
Zusehen musste sie,wie Heiden in ihr Heiligtum drangen…“

Das personifizierte „sie“ in dem 1. Klagelied ist Jerusalem, kurz nach dem Untergang des Südreichs und der Zerstörung des Tempels im Jahr 586 vor unserer Zeitrechnung.

Die Verfolgung, an die wir uns aber heute erinnern wollen, begann ab dem 30. Januar 1933 in Deutschland, dem Tag, an dem Hitler Reichskanzler wurde, von Hindenburg protegiert, und Tag für Tag sein Unrechtsregime festigte, zuerst seine politischen Gegner – Sozialdemokraten und Kommunisten – ermorden und verhaften ließ und dann den jüdischen Bürgern und Bürgerinnen Schritt für Schritt erst ihre Rechte als Staatsbürger, dann ihr Vermögen und zuletzt ihr Leben nahm. Als Ausweg blieb nur die Emigration, die häufig nicht gelang und nach dem Beginn des 2. Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen, die Selbsttötung -beispielhaft nenne ich nur die Witwe des bedeutenden Malers und ehemaligen Präsidenten der „Preußischen Akademie der Künste“ Max Liebermann , Martha Liebermann,  die vor dem Abtransport nach Theresienstadt am 10. März 1943 freiwillig aus dem Leben schied. Die Nazis nahmen ihren Opfern wortwörtlich alles ab – vor der Ermordung auch noch ihre Ehre:

„Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot,
Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.“

sagt schon der Barockdichter Andreas Gryphius in seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes, anno 1636“-

Wir wissen, dass dieses Pogrom vom 9. November 1938 erst der Anfang war: ca.30.000 Männer jüdischer Herkunft werden in die Konzentrationslager verschleppt, mehrere hundert (nicht nur 91 wie vielmals kolportiert wird) werden ermordet oder in den Tod getrieben. Etwa 1.400 Synagogen und Bethäuser in Deutschland werden niedergebrannt oder vollständig zerstört. Die Erschießung des Beamten in der deutschen Botschaft in Paris durch den siebzehnjährigen Herschel Grynspan, dessen Eltern mit ca. 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit  gewaltsam zur polnischen Grenze transportiert worden waren, ist der willkommene Anlass um gegen die Juden loszuschlagen.  Bereits im Juni war die Münchner Hauptsynagoge zerstört worden, im August die Nürnberger Synagoge, im September Teile der Dortmunder Alten Synagoge, am 1. Oktober war das „Sudetenland“ besetzt worden und ab dem 5. Oktober waren die Reisepässe jüdischer Deutscher eingezogen worden – die neu ausgegebenen Reisedokumente trugen das große „J“ aufgestempelt, eine Anregung der Schweiz. Um ungewollte Asylanten sofort an der Grenze zu erkennen…

Sicher auch der Grund für die Einreiseverweigerung einer Gruppe von 12 jüdischen Hagenerinnen und Hagenern durch die englische Mandatsverwaltung im damaligen Palästina im April 1939. Am 30. März 1939 hatte diese Gruppe auf dem Motorschiff „Belgrad“ der „Deutschen Levante-Linie“ in Bremen eine sogenannte „Mittelmeerrundreise“ angetreten, in der Hoffnung, in Palästina der Verfolgung der Nazis zu entkommen – vergeblich, denn sie wurden, durch das eingestempelte „J“ im deutschen Reisepass sofort als Juden erkannt,  nicht an Land gelassen, kehrten gezwungenermaßen nach Deutschland zurück und wurden dann – mit einer Ausnahme – im Rahmen der sog. „Endlösung“ deportiert und in den Vernichtungslagern  ermordet. Der einzige Überlebende war der Hasper David Gumprich, Jahrgang 1881, der während der Reise schwer erkrankte und deshalb in Alexandria/Ägypten in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Er überlebte den Krieg in Palästina. Seine Ehefrau Jenny Gumprich, geb. Levy, Jahrgang 1882, wurde mit den anderen Familienmitgliedern Herbert, geb. 1911, Erich, geb. 1910 und dessen Ehefrau Martha, geb. Gutreich, Jahrgang 1911 und ihrer Tochter Waltraud, geboren 1937, im Jahr 1942 ermordet.

Die sechs weiteren Namen dieser verzweifelten Reisegruppe aus Hagen, deren Hoffnungen so bitter enttäuscht wurden waren:

Moritz Rimpel, geb 1906 und seine Ehefrau Frieda, geb. 1911 mit ihrer Tochter Hanna, Geburtsdatum mir nicht bekannt, und seine Mutter Rosa Rimpel, geb. 1878. Außerdem das Ehepaar Max, geb. 1903, und Berta, geb. 1901, Marckus.

Der Grund, warum gerade diese bisher unbekannten Einzelheiten des Schicksals  ermordeter Hagener Bürger aufgetaucht sind, liegt an der Verlegung von „Stolpersteinen“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig zur Erinnerung an die vier ermordeten Gumprichs am 6. Dezember 2011 in der Voerderstraße 58a in Hagen-Haspe .

Am 24. Oktober 2012 erhielt der Verein „Stolpersteine e.V. Hagen“ eine e-mail aus Berlin von Frau Efrat Yahel mit folgendem Wortlaut (von mir aus dem Englischen übersetzt):

„Liebe Stolpersteine Hagen,

ich bin die Urenkelin von Jenny Gumprich. Ich möchte Ihnen zuallererst dafür danken, dass Sie ihrer gedacht haben. Ich bin sicher, dass ihr Sohn, mein Großvater diese Geste der Erinnerung sehr bewegt hätte. Er verstarb 2006.

Ich weiß, dass es zu spät ist, aber ich wollte doch erwähnen, dass Jenny eine geborene Levy war und nicht, (wie auf dem Stolperstein fälschlicherweise geschrieben)“ Leney“ hieß.

Außerdem würde ich gerne die Adresse dieses Steins erfahren, ich lebe nämlich zurzeit in Berlin und ich möchte so gerne nach Hagen kommen und mir den Stein ansehen.

Nochmals Danke! Mit herzlichem Gruß aus Berlin

Efrat Yahel“

In seiner Antwort bat der Schriftführer des Hagener Stolpersteine-Vereins die Urenkelin für die falsche Schreibweise des Geburtsnamens ihrer Urgroßmutter um Entschuldigung und wies darauf hin, dass er den Fehler auf der Website des Vereins sofort korrigiert habe. Gleichzeitig fragte er nach weiteren Informationen, möglicherweise auch Fotos, über die Ermordeten.

Daraufhin schickte Frau Yahel die Passagierliste mit dem Namen der Hagener Reisegruppe mit den Informationen, die ich Ihnen gerade berichtet habe und dem Versprechen, sich nach dem Vorhandensein weiterer Lebenszeichen innerhalb ihrer Familie zu erkundigen.

Ich weiß, dass die Aktion der „Stolpersteine“ in jüdischen Gemeinden aus unterschiedlichen, durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht unumstritten ist, aber ohne den Stolperstein für Jenny Gumprich, geb. Levy aus Hagen-Haspe wären diese Fakten nie bekannt geworden.

Aber meines Erachtens geben gerade diese Kenntnisse den Ermordeten Ihre Identität und ihre Ehre zurück: aus einem Namen wird das lebendige Schicksal einer ganzen Familie! Vielleicht wird auch für uns hier, die wir des 9. Novembers 1938 gedenken, die ganze  Tragweite des Nazi-Terrors bewusst, die zwölf Menschen zu diesem verzweifelten Ausbruchsversuch aus dem riesigen Gefängnis Deutschland, denn das war es für die jüdischen Deutschen nach diesem Datum endgültig geworden, antrieb. Vielleicht berührt uns auch das Schicksal der beiden kleinen Mädchen Waltraud Gumprich, geboren 1937 und Hanna Rimpel, deren Geburtsdatum bisher nicht bekannt ist, die nicht erwachsen werden durften, weil eine kranke Ideologie ihre Existenz als „nicht lebenswert“ eingestuft hat! Eine Ideologie, die immer noch in Köpfen spukt, wie die erst seit einem Jahr wahrgenommenen Morde an Menschen ausländischer Herkunft durch die NSU-Terrorzelle beweist.

Seien wir wachsam, der Schoß ist wahrlich noch fruchtbar, aus dem das Ungeheuer kroch!

Lassen Sie mich schließen mit den Schlussworten der großen Rede zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1995 unseres damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, die er an die Jugend richtete, die aber allgemeingültig sind:

„Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass

-gegen andere Menschen

-gegen Russen oder Amerikaner

-gegen Juden oder Türken

-gegen Alternative oder Konservative,

-gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander!“

(8.November 2012)

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