Rudolf Damm

9. November 2011!

Sehr verehrter Roman Kanarek,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dehm,
sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Heute erinnern wir an den 9. November 1938, den Tag an dem die Synagogen brannten, Menschen gequält und ermordet wurden, den Tag, der erst der Anfang war, der Anfang der barbarischen Verbrechen an den europäischen Juden, "dem Tiefpunkt der deutschen Geschichte" - so der deutsche Außenminister Joschka Fischer vor den Vereinten Nationen in New York im Januar des Jahres 2005 anlässlich des Gedenkens an die Opfer der Shoah.

Als Vertreter der "Deutsch-Israelischen-Gesellschaft" Arbeitskreis Hagen erinnere ich an die Pogromnacht 1938 und verneige mich vor den Opfern in aufrichtigem Respekt und tiefster Trauer.

Wir haben uns hier versammelt, weil uns der Satz des Baal Shem Tov, dem Begründer des Chassidismus vereint: " In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung!"

Ich erinnere aber auch an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der vor zwei Wochen den Iranern wieder einmal versprach, Israel ausradieren zu wollen.

Ich warne aber auch vor einer schnell ausgesprochenen Kritik an der Politik der Regierung des Staates Israel, die nicht nur die Regierung, sondern die Existenz des Staates in Frage stellt, eine Kritik, hinter der sich allzu oft das Gesicht des alten Antisemitismus verbirgt!

Walter Laqueur, geboren 1921 in Breslau, renommierter Historiker in England und den USA, heute in London und Washington DC lebend, hat sich in seinem 2006 erschienenen Buch "Die Gesichter des Antisemitismus von den Anfängen bis heute" Gedanken über die Geschichte des Antisemitismus gemacht.

U.a. beruft sich Laqueur auf den ehemaligen Präsidenten der "Harvard University", Lawrence Summers, der auf eine gegenwärtig starke Tendenz hinweist, dass sich die öffentliche Meinung - weltweit - unverhätnismäßig intensiv mit den Juden und dem jüdischen Staat beschäftige.

Summers befürchtet, dass mit einer solchen Konzentration auf Israel ein "funktionaler Antisemitismus" gefördert werde.

Ich zitiere: "Seit dem 2. Weltkrieg sind über 60 Jahre vergangen; die Schonzeit für Juden ist offenbar vorbei. Juden, so heißt es, hätten zu lange und zu intensiv über den Holocaust gesprochen, so als hätte die Menschheit im vergangenen Jahrhundert keine anderen Tragödien erlebt. "

Wie ist es hier bei uns? Trauer um die Opfer der Shoah ja, aber - so hört man immer öfter - wie verhält sich der Staat Israel gegenüber den Palästinensern?

Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht danach fragen, wie wir in Deutschland auf Selbstmordattentate und Beschuss durch Kasam-Raketen reagieren würden.

Erinnern wir uns an die Forderung der Straße im Europa der dreißiger Jahre?

Das Schlagwort hieß: "Juden, geht nach Palästina!"

Nach mehr als sechzig Jahren später fordert man: " Juden, raus aus Palästina!"

Dazu möchte ich einen Israeli zu Wort kommen lassen, Gil Yaron, geboren 1973 in Haifa, in Düsseldorf aufgewachsen, Arzt, Nahostkorrespondent und Publizist.

Er schrieb am 15. September 2011 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Artikel über die gegenwärtige Situation Israels mit dem Titel Isoliert und missverstanden. In der Unterzeile heißt es: "Israel ist als Sündenbock nützlicher, als es als Friedenspartner sein kann. Derweilen driften Europa und Israel immer weiter auseinander."

In diesem Artikel übt er massiv Kritik an der Aussage eines ranghohen Regierungsbeamten, des Ex-Generals Amos Gilad, der vor wenigen Tagen behauptet hatte: "Israels Sicherheitslage war noch nie besser als heute!"

Yaron weist demgegenüber auf die zunehmende Isolation Israel hin. Vor 63 Jahren habe der Staat besser dagestanden als heute: die Türkei und Persien als säkulare Staaten waren Verbündete und der Westen, insbesondere die USA, stellten Israels Existenzrecht nicht in Frage. Das habe sich geändert.

Zitat: "In Deutschland wird Israels Existenzrecht immer öfter nicht nur in Frage gestellt, sondern verneint. Manche fordern, dass Israelis wegen vermeintlicher Menschenrechtsverbrechen verschwinden oder als Untertanen der Palästinenser leben sollen. Aber selbst wenn Israel all die Schandtaten beginge, deren es bezichtigt wird, wirft das die Frage auf, seit wann das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes von dem Verhalten seiner Führung abhängt? Wenn dem so wäre, dürften weder China noch Saudi-Arabien existieren. Dieser Logik folgend, dürfte es nach zwei Weltkriegen auch keinen deutschen Staat mehr geben!"

Zur Türkei: "Besonders mutlos macht die Krise mit der Türkei, lange Zeit Beispiel für die Kooperation zwischen Israelis und Muslimen.

Dieses Jahr fand auf dem Beyazit-Platz in Istanbul am Ende des Ramadan anlässlich des "AI Ouuds'<Tages wieder eine Demonstration statt: Für Weltfrieden muss Israel vernichtet werden, hieß es auf den Plakaten derjenigen, die zum Wählerkreis Tayip Erdogans gehören. Sie glauben tatsächlich, dass die Probleme von rund dreihundert Millionen Arabern von 7,7 Millionen Israelis herrühren. Warum wird Erdogan in Ägypten heute als neuer Saladin (der Eroberer des Kreuzfahrerstaates mit Hauptstadt Jerusalem im MA) gefeiert? Weil er Israel angreift! Wenn Erdogan zum Moralapostel der Araber wird, steht es nicht nur um Israel schlecht."

Yaron sieht die unterschiedliche Entwicklung Israels und der Europäer aus den unterschiedlichen Schlüssen, die beide aus den Folgen des 2. Weltkriegs gezogen hätten. "Das Dogma der Nachkriegsdeutschen lautete: Wir wollen nie wieder Täter sein! ... Die Anwendung von Gewalt galt grundsätzlich als verwerflich. Nationalismus galt als verpönt. Für Deutschland war das richtig. Die EU schaffte Frieden und Wohlstand.

Wie enttäuscht ist man deswegen (und ich ergänze: insbesonders in Deutschland, dem Land der Täter), dass die Opfer des Holocaust andere Schlüsse zogen! Israels Parole lautet: Nie wieder Opfer!

Wer auf Hilfe von außen hofft, ist verloren. Nicht nur Juden in Auschwitz warteten vergeblich auf ein Bombardement der Gleise zum Vernichtungslager. Sechzig Jahre später verhinderten weder UN, EU noch NATO Völkermorde in Ruanda, Srebrenica oder Darfur.

Anwendung von Gewalt im Alleingang ist aus israelischer Sicht Garant des eigenen Überlebens. (...) Aus europäischer Sicht sind das Gründe für Kritik. Gewiss sind israelische Alleingänge manchmal falsch. Dennoch haben sie die Welt vor Problemen bewahrt. Israels militärische und politische Macht basiert auf dem Zusammenhalt der jüdischen Bevölkerung Israels als Nation. Aber dieses Zusammengehörigkeitsgefühl gilt Europäern, die gerade ihre Nationalstaaten in eine pannationale, europäische Souveränität verwandelt, als rückschrittlich, gar rassistisch. Sie vergessen, dass das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes nur im Rahmen israelischer Staatlichkeit gewährleistet ist.

Das Selbstbestimmungsrecht sollte unantastbar sein, auch das der Palästinenser. Die Nahost-Politik Netanjahus hat zu wenig dafür getan, Verhandlungen voran zu treiben. Trotzdem wird er zu Unrecht als Radikaler verunglimpft. Immer wieder ertönt die Forderung, er solle mit der Hamas sprechen.

Dabei sind es doch die Islamisten, die nicht verhandeln wollen. Sie erkennen nicht einmal Israels Existenzrecht an. Der Vorwurf, Netanjahu eskaliere mit den Angriffen auf Terroristen in Gaza die Lange, ignoriert, dass die Hamas Vorladungen israelischer Gerichte nicht zustellt und Israel diejenigen, die Raketen abfeuern, nicht verhaften kann.

Gilads Aussagen ("Israels Sicherheitslage war noch nie besser als heute!") sind aus vielen Gründen besorgniserregend. Nicht nur, weil Israels Feinde stärker, seine Kritiker lauter und die Reihen seiner Freunde lichter werden. Die Beklemmung rührt von der Schockstarre einer Führung, für die militärische Abschreckung Ersatz für ideenreiche Diplomatie ist. Netanjahu hat vergessen, dass das Überleben seiner rechtslastigen Koalition nicht mit dem Überleben Israels gleichzusetzen ist. Die Sorge rührt daher, dass Israel und Europa ideologisch und kulturell auseinandertreiben. Und daher, dass Demokratie in Arabien nicht gleichbedeutend mit Toleranz, Frieden und Wohlstand ist."

Yaron geht abschließend auf den friedlichen Protest von Hunderttausenden in Israel in diesem Sommer ein, bei dem keine einzige Fensterscheibe zu Bruch gegangen und kein Auto zerkratzt worden sei.

Zitat: "Israelis sind eigentlich ein friedliches Volk, das die Größe besitzt, das Verhältnis zu Deutschland nach der Shoah zu normalisieren und nach der Auslöschung seiner geistigen Elite eine neue hervorzubringen. Wenn das möglich ist, kann Frieden mit Arabern weder zu kompliziert noch emotional fordernd sein."

An diesem 9. November 2011, anlässlich unseres ehrlichen Gedenkens an den Beginn der Shoah, ist mein Fazit: Israel braucht Verbündete um in Frieden und Freiheit mit seinen Nachbarn leben zu können und um einen neuen Holocaust zu verhindern ...

(November 2011)

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