Rudolf Damm

Die Laudatio auf Kirsten Niesler und Martin Cern!

Kirsten Niesler, Foto: privat (hf1011)Martin Cern Foto: privat (hf0911)Der "Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur" ist 2011 an Frau Kirsten Niesler (Foto links) und Herrn Gerd H. Dörken, als dem Lyriker Martin Cern (Foto rechts), beide aus Gevelsberg, vergeben worden. Als Laudator möchte ich versuchen, Ihnen zu zeigen, dass diese Wahl richtig ist, dass beide Ausgezeichneten die "Flasche ehrlichen Landweins" - so der Auftrag des Namensgebers dieser Auszeichnung Alfred Müller-Felsenburg - verdient haben. Das möchte ich wörtlich nehmen: entferne ich die Vorsilbe "ver", bleibt das Verb "dienen" zurück und Frau Niesler als auch Herr Dörken "dienen" ganz im Sinne des Namensgebers dieser Auszeichnung: sie schaffen einen Wert für andere Menschen, sie dienen dem Menschen, schaffen Kunst oder entreißen Kunst dem Vergessen, ganz im Sinne des unverbesserlichen Pädagogen und" Weltverbesserers" Müller-Felsenburg. "Ich liebe die Menschen, die Welt, das Um-mich-Herum, Gott---und mich selbst" (aus dem Vorwort seines 2004 von ihm herausgegebenen Werkverzeichnisses, S.8 )

In einem seiner Kurztexte zwei Seiten weiter heißt es dazu: "Wir nennen Kunst, was der Mensch kreativ artikuliert. Sei es optisch, akustisch, haptisch. Immer dann, wenn er seine Sinnenträchtigkeit einsetzt, gewinnt er neue Bezirke und übersteigt sich selbst. Dann malt, schreibt, singt, spielt, baut, filmt er und wendet zu Tiefe oder Höhe, was gleichförmig und steril schien. 11 (Aus: Alfred Müller-Felsenburg, Werkverzeichnis 2004 mit Werkproben, Hagen 2004, S. 10)

Doch genug der Worte über den Preisstifter - ich wende mich nun den Geehrten zu und beginne mit der Journalistin Kirsten Niesler, der Lyriker Martin Cern kann warten ...

Frau Niesler wird geehrt für ihren Beitrag im "Heimatbuch Hagen und Mark 1989" "Die lyrische Ader der Westfälin, eine kleine Galerie heimischer Dichterinnen-Porträts". In diesem Artikel erinnert sie an so unterschiedliche Dichterinnen wie Henriette Davidis, heute noch allgemein im Gedächtnis als Kochbuchverfasserin, Gertrud Bäumer, die "kämpferische Frauenrechtlerin aus Hohenlimburg, die einen großen Teil ihrer Schaffenskraft dem Schreiben von Romanen und Biographien widmete" (Kirsten Niesler). Ellen Soeding, geborene Liebe-Harkort "veröffentlichte vor ihrer erfolgreichen Familienchronik (über die Familie Harkort) Romane und Erzählungen." (Kirsten Niesler) Minna Schmidt-Idar aus Milspe und Ida Hesse aus Hohenlimburg als regionale und teilweise Mundartdichterinnen und die zwar in Minden geborene, aber mit Haus Villigst bei Schwerte eng verbundene Dichterin Gertrud von le Fort.

In der Verleihungsurkunde der heutigen Auszeichnung heißt es: "Mit der Aufarbeitung dieses umfangreichen Kapitels westfälischer Frauenliteratur beweist sie Weitsicht und Aufrichtigkeit im kulturpolitischen und journalistischen Sinne"

Als Laudator kann ich diese Aussage nicht nur bestätigen, ich muss sie geradezu verstärken. Bis dato war mir, als gebürtigem Nicht-Westfalen, der von Jahr zu Jahr mehr von der kulturellen Vielfalt in Geschichte und Gegenwart Westfalens fasziniert ist, nur der Name einer einzigen Dichterin präsent: die Münsterländerin Annette von Droste-Hülshoff.

Henriette Davidis durchaus als Kochbuchautorin von Rang, aber als Dichterin?

Sicher auch Gertrud Bäumer, die Frauenrechtlerin, deren Porträt mir aus der Dauerbriefmarkenserie der Post bekannt war, aber nicht als Autorin von Rang, geschweige denn die anderen Namen einschließlich der Harkortschen Familiengeschichte und ihrer Verfasserin.

Dafür möchte ich mich persönlich bei Frau Niesler bedanken: sie hat mich im wahrsten Sinne des Wortes "eines besseren belehrt"!

In überzeugender Art und Weise hat die Geehrte ein literaturhistorisch und sprachlich bleibendes Werk geschaffen, das nicht nur dem kulturhistorisch interessierten Bewohner unserer Landschaft, der mit offenen Augen durch unsere westfälische Geschichte geht, ein neues Kapitel der Sicht auf dichtende Frauen eröffnet, sondern auch dem Literaturwissenschaftler eine Grundlage für zwingend weitere Beschäftigung mit dem literarischen Vermächtnis dieser Dichterinnen an die Hand gegeben.

Auf die große Bedeutung dieses Artikels von Frau Niesler neben ihrer unermüdlichen journalistischen Tagesarbeit u.a. als Kultur- und Literaturkritikerin der "Westfalenpost" in Hagen in den 80er Jahren verweise ich mit einem Zitat aus dem Gedicht "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Lotse in die Emigration" von Bertolt Brecht im 13. und letzten Vers:

"Aber rühmen wir nicht nur den Weisen,
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen,
..."

Genau diese Aufgabe hat Kirsten Niesler erfüllt!

Kirsten Niesler, geboren 1949 in Lübeck, studierte Germanistik und Geschichte in Bochum. Danach war sie, wie schon erwähnt, in den 80ern Literatur- und Kulturkritikerin der WP in Hagen, dann 14 Jahre lang Redaktionsleiterin im Ennepe-Südkreis {das sind die Städte Gevelsberg, Schwelm und Ennepetal}.

Nach der Umstrukturierung der Mediengruppe WAZ 2009 ging sie nach Menden, 2010/11 nach Hagen-Hohenlimburg. Zu ihrer Verabschiedung aus dem aktiven Berufsleben heißt es in der" Westfälischen Rundschau" vom 6. Januar 2011: "Denn einmal Journalistin heißt vielfach immer Journalistin. Deshalb sucht die Gevelsbergerin, die mehr als 20 Jahre für unsere Zeitung arbeitete, nach weiteren Herausforderungen. In Hohenlimburg, wo sie in den zurückliegenden 15 Monaten arbeitete, hinterließ sie insbesondere auf dem kulturellen Sektor Spuren, schließlich liegt ihr Kultur besonders am Herzen.
Gestern schloss sich für sie der berufliche Kreislauf. Deshalb fanden sich u.a. mit Bezirksbürgermeister Hermann-Josef Voss ( ... ) und weiteren Vertretern aus der Politik und den heimischen Vereinen zahlreiche Honoratioren ein. Sie alle dankten Kirsten Niesler für ihre engagierte Arbeit in den zurückliegenden Monaten."

Neben diesem wichtigen literaturwissenschaftlichen Text über die westfälischen Dichterinnen aus unserem Raum gehörte ja das Verfassen von rein journalistischen Arbeiten zu ihren täglichen Aufgaben. Ich finde es aber in unserem Zusammenhang sehr wichtig, auf die Verbindung Kirsten Nieslers mit dem Namensgeber unseres Literaturpreises, Alfred Müller-Felsenburg, hinzuweisen:

Neben dem von ihr verfassten Nachruf auf den Verstorbenen in der "Westfalenpost" vom 1. Januar 2007, in dem eine über das rein journalistische Interesse hinausgehende Kenntnis an leben und Werk des Schriftstellers deutlich wird, erschien in derselben Zeitung ein Jahr später, am 1. Januar 2008 ihr in den letzten Lebensmonaten mit Müller-Felsenburg geführtes Gespräch über seinen letzten noch im Todesjahr 2007 erschienenen Roman "Selbstbezichtigung: Mord! Die seltsam-schizophrenen Träume des Zeno Hanuman",

Zum besseren Verständnis ein Zitat aus der Einleitung des besagten Artikels: "In den Roman hat der Autor mitunter - auch augenzwinkernd - Autobiographisches gelegt.

So ist die Hauptfigur - der hinduistische Affengott Hanuman - er steht für die animalische Ursprünglichkeit des Menschen - wie der Autor am 26. Dezember 1926 zur Welt gekommen. Auch das Äußere Hanumans trifft auf den Autoren zu."

So schließt sich der Kreis zwischen Kirsten Niesler und Alfred Müller-Felsenburg - ich bin überzeugt, nicht nur in meinem und im Namen der Auswahljury dieses Literaturpreises zu sagen: Kirsten Niesler hat diese Auszeichnung verdient!

Lieber Herr Dörken, oder besser lieber Martin Cern? Der Herr Gerd Helmut Dörken muss heute hinter seinem dichterischen "Ich", dem Martin Cern, der für sein Lebenswerk als Lyriker, dem Verfasser heiterer Prosa - das sind Erzählung, Roman, Glossen, Tagebuch und der dichterischen Übersetzung des türkisch-zypriotischen Autors Nevzat Yalcin zurückstehen. Übrigens Nevzat Yalcin war der Träger des Müller-Felsenburg-Preises 1989 - Sie sind es in diesem Jahr. Jetzt muss der Dichter Martin Cern wieder warten, denn ohne Gerd Helmut Dörken gäbe es ihn ja gar nicht!

Gerd Helmut Dörken wurde am 3. Juli 1928 in Gevelsberg geboren und lebt auch heute noch in Gevelsberg. Er war Unternehmer und Handelsvertreter. Das heißt, er war beruflich immer unterwegs - anscheinend mit der Bahn, denn Martin Cern greift diese Reisetätigkeit mit Gedichten über "Eilzüge", "D-Züge" und "Intercitys" immer wieder auf. Die berufsbedingte Reisetätigkeit schlägt sich also in der Themenauswahl seines "Alter Ego" nieder. Ich weiß nicht in welchem Jahr denn nun Martin Cern, der Dichter, geboren wurde, aber es muss doch schon recht lange her sein, denn sein erster selbständiger Gedichtband erschien 1967 unter dem Titel "Wartestand". Dörken war 39 und Martin Cern war da! Seit 39 Jahren, also seit 1972 gehört Gerd Helmut Dörken dem "Autorenkreis Ruhr-Mark" an, der in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen feiert. Da hat es also Martin Cern schon gegeben und er wurde zum Weggefährten von Müller-Felsenburg! Dörken schreibt schon seit seiner Jugend Gedichte - wie es so viele romantische Jugendliche durchaus tun, die dann, wenn der Liebeskummer durch Liebesfreud ausgetauscht wurde, noch ein, zwei, drei Betroffenheitsgedichte verfassen und dann mangels Stoff mit der Dichterei wieder aufhören - der poetische Quell versickert im Sand...

Anders bei unserem Preisträger, seine Quelle versiegte nicht, seine dichterischen "Ergüsse" suchten sich ihren Weg, fanden ein "Bachbett" in das sich "Zuflüsse" ergossen und das "Rinnsal" zum respektablen "Wasserlauf" anwachsen ließen - der dichterische "Fluss" versiegte nie, das leben ließ ihn nicht "austrocknen", sondern neue "Quellen" finden - ich habe bereits auf die "Züge" in seinen Gedichten hingewiesen.

In seinen Gedichten geht es häufig um die Dinge des Alltags: um Hund und Katze und nicht zuletzt um den Menschen, um Leib und Seele, um die Liebe zu den Dingen, die ihn umgeben - dabei kommt auch der Eros nicht zu kurz, denn wie sagt sein Weggefährte Müller-Felsenburg in dem Gespräch mit Kirsten Niesler kurz vor seinem Tod:" ... , denn ohne das Animalische könnte kein neues Leben entstehen."

In diesem Jahr ist ein dünnes Bändchen mit 21 Gedichten aus Martin Cerns Lebenswerk erschienen. Es trägt den Titel "Auflösung". Herausgegeben von "dörkendesign werbeagentur" in Offenbach am Main, hinter der sich der Sohn Dörkens verbirgt, der auch die Auswahl der Gedichte vorgenommen hat. Eine liebevolle und beeindruckende Auswahl, in der all die oben erwähnten Elemente in der Lyrik Cerns Beispiele finden. Zwei ganz kurze Gedichte, zwei Aphorismen haben es mir angetan - ich muss sie zitieren:

Zuerst den Dreizeiler

Schlafen

Erst wenn wir schlafen und uns selbst entgleiten,
gelingt uns das: Die eig' ne Art ertragen,
auf Wolken dann auch himmelan zu reiten.

Können Sie ansatzweise nachvollziehen, wie tief mich diese Zeilen berührt haben? Bitte erwarten Sie keine schulmäßige Interpretation dieses tiefen Gedankens von mir, aber ich bin überzeugt, Dichtung spricht für sich. So spricht kein eitler, nur sich selbst bespiegelnder Narziss!

Wir wollen aber nicht in Ehrfurcht erstarren, das entspricht nicht der Intention des humorvollen Martin Cern-Dörken, deshalb gleich die ironischen Gedanken in dem zweiten kurzen Gedicht

Logisch

Es gibt keinen guten Grund,
um nicht einen treuen Hund
neben Herrchen zu bestatten,
außer dieser gute Hund
wäre selbst ein Treuegrund
für die Witwe jenes Gatten.

Zum Schluss muss ich Martin Cern über sich selbst sprechen lassen mit dem Gedicht

Dichter

Ob nun dieser alles richtig machte,
der die Leute gern zum Lachen brachte?
Oder hält Gelegenheit, sich auszureimen,
den gemeinen Menschen länger auf den Beinen?

Besser ist es in den meisten Fällen,
dunkle Mienen wieder aufzuhellen.
Seltsam wollen mir die Dichter scheinen,
die, was sie erfühlen, wirklich meinen,
das, obgleich oft der erdachte Mist
überhaupt nicht ernstzunehmen ist.

Meine Damen und Herren, erkennen Sie nun, dass Martin Cern ein würdiger Preisträger ist?

(November 2011)

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