Andrea Röpke, anläßlicher der AMF-Preisverleihung in Unna, 2015, Foto (A): Birgitta NicolasRudolf Damm gratuliert Andrea Röpke, Foto: hwg (hf1115)Rudolf Damm

Die Laudatio auf Andrea Röpke

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iss und trink du! Sei froh, dass du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
Ìn den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Bertolt Brecht, Biografie (2006, Rowohlt, von Reinhold Jaretzky)Mit diesem ersten Teil des Gedichtes „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht, entstanden in den Jahren 1934 bis 1938, habe ich meine Laudatio auf Frau Andrea Röpke begonnen.
 

Sehr verehrte Frau Andrea Röpke,

meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Thorsten Trelenberg als neuer und lieber Hans-Werner Gey als bisheriger, langjähriger Leiter des Sekretariats für den „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis“,

Frau Röpke, wird heute mit diesem Literaturpreis für „aufrechte Literatur“ 2015 ausgezeichnet. Frau Röpke ist weder Lyrikerin noch hat sie – meines Wissens – einen preiswürdigen Roman verfasst.

Die Titel ihrer Publikationen lauten:

- Braune Kameradschaften. Die neuen Netzwerke der militanten Neonazis. (2004)

- „Wir erobern die Städte vom Land aus!“ Schwerpunktaktivitäten der NPD und Kameradschaftsszene in Niedersachsen. (2005)

- „Retterin der weißen Rasse“. Rechtsextreme Frauen zwischen Straßenkampf und Mutterrolle. (2006)

- Stille Hilfe für braune Kameraden. Das geheime Netzwerk der Alt- und Neonazis. (2006)

- Ferien im Führerbunker. Die neonazistische Kindererziehung der „Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)“. (2007)

- zusammen mit Andreas Speit: Neonazis in Nadelstreifen: Die NPD   auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. (2008)

- mit Andreas Speit: Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene. (2011)

- mit Andreas Speit: Blut und Ehre. Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland. (2013)

Hinzu kommen Online-Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung, Filme und Beiträge in namhaften deutschen Zeitungen – „Die Welt“ und die FAZ scheinen aber nicht darunter vertreten zu sein…

Ich ordne diese Werke aus der Feder von Andrea Röpke der „Gebrauchsliteratur“ zu, die laut Wikipedia „… der Oberbegriff (ist) für Bücher und Schriften, die zu einem bestimmten Zweck ohne künstlerischen Anspruch verfasst werden und an diesen Zweck gebunden bleiben. Gebrauchsliteratur umfasst sowohl Fach- als auch Sachliteratur. Im weiteren Sinne wird damit die gesamte nicht-fiktionale Literatur bezeichnet. ( … ) In dieser literarischen Form werden Gegenstände des Alltags behandelt, wie es auch in der Publizistik geschieht. Reportagen, Porträts und Essays sind Gebrauchsliteratur.“

Das Deutsche Textarchiv führt 270 Werke in der Kategorie Gebrauchsliteratur. Dazu zählt u.a. auch „Politik“.

Meines Erachtens sind die literarischen Werke Röpkes zu den „Reportagen“ zu zählen: „ Dem Reporter ist es“ (laut Wikipedia) – im Gegensatz zum Verfasser von Nachrichten oder Berichten – erlaubt, Fakten durch eigene Eindrücke zu ergänzen, die er“  (oder sie) „ – oft bei Anwesenheit am Ort des Geschehens – gesammelt hat. Idealerweise erzählt er oder sie, ohne dabei zu werten oder zu kommentieren, auch nicht durch Weglassen…“

Hinzu kommt, dass Andrea Röpke zu den investigativen Journalistinnen gehört,  die sich trotz aller Gefahren für Leib und Leben vor Ort des Geschehens kundig machen.

Sinn und Zweck ihrer Arbeit sehe ich in einer dauernden Warnung vor dem Rechtsradikalismus der Nazis und Neonazis in all seinen Erscheinungsformen: vor der der brutalen körperlichen Gewalt, die selbst vor Mord nicht zurückschreckt – siehe die Morde der NSU - ,  aber auch vor den „Nazis in Nadelstreifen“, die sich als Wölfe im Schafspelz auf den Weg in die Mitte unserer Gesellschaft gemacht haben und aktuell die Ängste vor einer Überfremdung unserer Gesellschaft durch die Flüchtlinge aus dem Nahen- und Mittleren Osten und aus Afrika schüren und sicher mit zweifelhaftem Erfolg die jüngsten schrecklichen Attentate des sich selbst so nennenden „Islamischen Staates“ in Paris für ihre Ziele instrumentalisieren werden, obwohl doch die Menschen, die zu uns kommen gerade vor diesem Terror des IS geflohen sind! – und sie waren doch bisher schon erfolgreich, wie die Statistik flüchtlingsfeindlicher Vorfälle deutschlandweit im Jahr 2015 – und das Jahr ist noch nicht zu Ende! -  (erstellt von der „Amadeu Antonio Stiftung“ und „PRO ASYL“, im Internet auf der Seite „Mut gegen rechte Gewalt“, aktualisiert am 30. Oktober 2015) ausweist:

Angriffe auf Unterkünfte:   422

davon Brandanschläge:      93

davon sonstige Angriffe auf Unterkünfte (Stein-, Böllerwürfe, Schüsse, rechte Schmierereien  etc.) :  329

Tätliche Angriffe (Körperverletzung):       106

Körperverletzte:                                          198

Flüchtlingsfeindliche Kundgebungen/Demonstrationen:   254

Aber, so kann man einwenden, die meisten der angeführten Taten passieren in den östlichen Bundesländern, nicht hier bei uns in NRW.

Das ist schon richtig, aber auch bei uns im Bundesland NRW ist die Zahl der Vorfälle erschreckend und nicht zu übersehen:              

Angriffe auf Unterkünfte:                 54

davon Brandanschläge:                  16                                         

davon sonstige Angriffe auf Unterkünfte (Stein-, Böllerwürfe, Schüsse, rechte Schmierereien etc.): 38

Tätliche Übergriffe:                              4

Körperverletzte:                                  11

Flüchtlingsfeindliche Kundgebungen/Demonstrationen: 23

Um Orte zu nennen:

am 1.11.15  Brandanschlag in Dortmund

am 31.10.15  Brandanschlag in Castrop-Rauxel

am 25.10.15  Brandanschlag in Hagen-Hohenlimburg
(Die zwei Täter wurden gefasst, darunter ein Feuerwehrmann, und nach einem Geständnis vom Staatsanwalt aus der U-Haft entlassen, da sie aus einem gesicherten sozialen Umfeld stammen und deshalb keine Fluchtgefahr bestehe)

am 18.10.15 Brandanschlag in Winterberg

Hinzurechnen muss man 101 registrierte antisemitische Vorfälle  2015 in Deutschland, die bis Anfang November von der Antonio-Amadeu-Stiftung aufgelistet worden sind – ohne die Dunkelziffer, der nicht gemeldeten Vorfälle, einschließlich der nicht erfassten täglichen verbalen antisemitischen Äußerungen an deutschen Schulen, wo „Du Jude“ zum schulischen Alltag gehört.

Deshalb müssen wir uns bei Andrea Röpke für ihre Arbeit als „Kassandra“, der antiken Warnerin vor dem Untergang Trojas, bedanken und dafür sorgen, dass ihre Warnungen vor der drohenden Gefahr diesmal nicht unbeachtet bleiben!

Wir müssen Sorge dafür tragen, dass wir uns  nicht als „Biedermänner“ wie die gleichnamige Hauptfigur in Max Frisch´ gleichnamigen Drama „Biedermann und die Brandstifter“ verhalten und den Brandstiftern nicht auch noch die Streichhölzer für die Zündschnur reichen! Das ist dem deutschen Bürgertum im Falle des aufhaltbaren Aufstiegs Adolf Hitlers und seiner NSDAP erfolgreich gelungen! Erinnern wir uns und lassen Sie uns diesmal wachsamer sein!

Und so reihen wir uns mit unserem „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2015“ ein in die Reihe ihrer Auszeichnungen der letzten Jahre als „Journalistin des Jahres“, den „Alternativen Medienpreis“ und die Ehrung für „Das unerschrockene Wort“ und den „Paul-Spiegel-Preis“, den sie im Sommer diesen Jahres in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf für ihre Zivilcourage erhalten hat.

Wir danken Ihnen, verehrte Frau Röpke, dass Sie unseren Preis annehmen, von dem die Stifter um Alfred Müller-Felsenburg festgeschrieben haben, dass ihre Träger nur sein können, „… wenn gleichzeitig Menschenrecht- und Würde bei den zu ermittelnden Preisträgern zu den unverzichtbaren Gütern gehörten und gehören. Rassisten, Chauvinisten, religiöse Fanatiker etc. kommen also nicht in Betracht. Das Ganze, gewissermaßen ein Antipreis, lässt deutlich werden: Nicht die Höhe einer ausgesetzten Geldsumme ist erforderlich, um berufliche und charakterliche Qualität eines Menschen im Raume des literarischen Tuns zu loben und zu ehren!“

(November 2015)

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