Rudolf Damm gratuliert Udo Weinbörner, Fot (A)o: Werner Kieber (hf1114)Rudolf Damm

Die Laudatio auf Udo Weinbörner

Verleihung des „Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur“ an den Schriftsteller Udo Weinbörner für seinen Roman „Georg Büchner – Das Herz so rot“ am 23.November 2014 in den Räumen des „Westfälischen Literaturbüros“ in Unna

Der diesjährige „Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur“, dotiert mit einer „Flasche ehrlichen Landweins“ geht in diesem Jahr an den in Meckenheim bei Bonn lebenden Schriftsteller, Romancier und Lyriker, Udo Weinbörner.

Udo Weinbörner, 1959 in Plettenberg/Sauerland geboren, war als Jurist bis 2013 Referatsleiter im Justizministerium, verfasste zahlreiche viel beachtete  juristische Fachbücher und seit 1984 immer wieder Literatur: „Debüt“ Kurzgeschichten, 1986 „Goethe ade“, Gedichte und 1988 sein erster veröffentlichter Roman „Der Froschkönig“, 1989 der Roman „In Sachen Eva D.“ über die Lebensgeschichte einer im 3. Reich zwangssterilisierten Frau im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre, in Berlin auch als Theaterstück aufgeführt.

Von 1986 bis 1996  hat Weinbörner die „Bonner Literarische Zeitung“ herausgegeben, er schrieb Kurzhörspiele und dann erschien 2005 „Schiller/Der Roman“, 2010 „Der General des Bey/Das abenteuerliche Leben des Amrumer Schiffsjungen Hark Olufs“, 2012 der nun preisgekrönte biographische Roman über Georg Büchner und – „last, but not least“ – in diesem Jahr eine Auswahl seiner Gedichte aus den letzten 30 Jahren „Zart will ich dich berühren“. Und dazu macht er auch noch Musik mit seinem Trio: „Selbstkomponiertes zu eigenen und klassischen Lyriktexten, vornehmlich im Jazz- und Bluesstil“ wie es auf seiner Website heißt. Dort verrät er auch, dass ein neuer Roman seit dem 4. Oktober fertig auf seinem Schreibtisch liegt und er an einem neuen Roman – soweit ich es verstanden habe über ETA Hoffman, den Dichter und Titelfigur der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach, bereits wieder arbeitet.

Ich habe Udo Weinbörner bisher leider nicht persönlich kennenlernen können, und  Sie mögen entscheiden, ob mir eine wichtige Facette des Gesamtwerks entgangen ist – ich weiß aber aus einem seiner Interviews, die ich gelesen habe, dass er nicht mehr gesund ist – inwieweit ihn das in der Vergangenheit beeinflusst hat, oder in jüngster Zeit beeinflusst, wage ich nicht zu beurteilen, aber ich kann mich an ein Gespräch mit Alfred Müller-Felsenburg erinnern, in dem er in einem ähnlichen Zusammenhang das Bibelzitat aus dem 2. Korintherbrief des Paulus, Kapitel 12  benutzte: „Gott ist in den Schwachen mächtig.“ - ein bemerkenswerter humaner Ansatz gegen das klassisch-antike Verständnis vom „mens sana in copore sano“ – „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“, das z.B. von den Machthabern des 3. Reiches pervertiert proklamiert und menschenverachtend umgesetzt wurde. Ich glaube bei Udo Weinbörner erkennen zu können, dass ihn menschliches Leid und Leiden nicht unbeeindruckt lässt – sein Parzival hätte Amfortas durch sein „Mitleiden“ von seiner Krankheit sicher erlöst! Denn so ein „Mitleidender“ ist auch sein Georg Büchner.

Georg Büchner, chGeorg Büchner vonUdo Weinbörner, 2012Und damit bin ich beim eigentlichen Thema meiner Laudatio kommen, dem preiswürdigen Roman über Georg Büchner. Dieser biographische Roman über einen außergewöhnlichen, aufrechten Menschen im Sinne Alfred Müller-Felsenburgs: Dichter, Arzt, Revolutionär und Liebenden, der, als er im Februar 1837 mit nur 23 Jahren in Zürich an Typhus starb, schon Doktor der Philosophie, Privatdozent und Schöpfer unsterblicher Werke der Weltliteratur und der Verfasser einer revolutionären Flugschrift, des „Hessischen Landboten“ war.

Dazu schreibt Ulrich Greiner, Journalist und Literaturkritiker am 3. Oktober 2013 in „Zeit-Online“ unter der Überschrift „Kurzes Leben, großes Werk“:
Eben hatte er (Büchner) seine Dissertation über das Nervensystem der Barbe veröffentlicht, war zu einer Probevorlesung an die frisch gegründete Universität Zürich eingeladen worden und hätte in Kürze mit einem medizinischen Lehrstuhl rechnen können. Er hatte noch einiges vor sich, etwa die Heirat mit seiner Verlobten Wilhelmine (Jaeglé), und leicht kann man sich vorstellen, er wäre Professor geworden mit einem Haus voller Kinder.
Und doch ist das Wort „vollendet“ nicht ohne Sinn, wenn man das Werk betrachtet. „Dantons Tod“, ein Höhepunkt deutscher Dramenkunst, schrieb er in fünf Wochen. Da war er 21 Jahre alt. Und rasch folgten die Erzählung „Lenz“, die Komödie „Leonce und Lena“, schließlich der „Woyzeck“. Eine Steigerung scheint da kaum möglich.
Um zu begreifen, was dies bedeutet, muss man sich die die geringere Lebenserwartung vor Augen halten. Ein heute geborener Junge kann mit 77 Jahren rechnen. Um 1700 betrug die Lebenserwartung etwa 30 Jahre. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts stieg sie stark an.
Die Zeit war auch aus anderen Gründen knapp. Als Büchner, der wegen seiner Flugschrift „Der Hessische Landbote“ steckbrieflich gesucht wurde, nach Straßburg floh, brauchte er für die knapp 200 Kilometer von Darmstadt aus vier Tage. (…) Das heißt: Das Leben der Menschen zu Büchners Zeit war grob geschätzt halb so lang, die Kommunikation (Brief statt Telefon oder Email) unendlich viel länger. Wir Heutigen haben objektiv viel mehr Zeit, subjektiv viel weniger. Die Menschen damals hatten objektiv viel weniger Zeit. Und doch hatten einige von Ihnen die Muße, die innere Freiheit zum großen Werk.

Bei den letzten Zeilen habe ich gestutzt, denn passen diese Worte nicht auch etwas in abgewandelter Form auf unseren heutigen Preisträger und sein umfangreiches Oeuvre? Noch etwas ist mir im Zusammenhang mit ihm und dem literarischen Werk Büchners aufgefallen: beide beziehen sich auf reale Vorbilder, nehmen ihre literarischen Vorlagen aus dem wirklichen Leben: so sind Büchners Titelhelden Danton, Lenz und Woyzeck,  aber auch Weinbörners Eva D., sein Schiller ebenso wie Hark Oluf  und vor allem Georg Büchner historische Personen.

Hier endet aber auch die Parallelität zwischen unserem Preisträger und seiner Romanvorlage, denn während  Büchners Werk von den Zeitgenossen verkannt und verrissen wurde und erst im Schatten des heraufziehenden 20. Jahrhunderts Anerkennung fand, hat Weinbörner doch viele Leser und Rezensenten beeindruckt, so eine Leserin im Internet: Der Autor hat die wenigen Überreste Büchners mit Fleisch besetzt, dem man seine Beseeltheit einfach glauben möchte. Ein Leser: Allein für die Anfangskapitel mit der Ankunft des 18jährigen Büchner in Straßburg und die zu Herzen gehenden Schlusskapitel mit dem Ende der großen Liebesgeschichte zu Minna gebührt dem Roman eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Und eine weitere Leserin schreibt: Der Roman ist eine detektivische Meisterleistung. Die vielen Puzzlestücke von Büchners Leben werden zusammengefügt, es entsteht das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit. Der Autor fügt alles zusammen, es bleibt viel Raum für eigene Gedanken des Lesers über den Menschen Georg Büchner. Soweit Leserstimmen.

Und die „Bonner Rundschau“ schreibt am 1.März 2013: Man muss den Menschen kennenlernen, um sein Werk zu verstehen. Weinbörner hat seine Begeisterung für den vielseitigen Büchner in einen Roman verpackt.

Und der „ General Anzeiger“ bemerkt am 2./3. März: Der Roman besticht durch historische Detailkenntnisse des vorrevolutionären Deutschland und eine bilderreiche, kraftvolle Sprache.

Renate Schattel schreibt im April im ekz.bibliotheksservice: … Das Ringen um die Triebkraft der Freiheit erzählt Udo Weinbörner mit großer Empathie, schlüpft überzeugend in Büchners Denkweise und weicht ihm erzählerisch nicht von der Seite. Eine große Verbundenheit mit dem gescheiterten Revolutionär zeichnet Weinbörners bewegendes und bedrückendes Buch aus, das ebenso die aufgeregte Zeit vielschichtig schildert…

Und auch ich muss gestehen, dass mich Weinbörners Roman beeindruckt und gefangen hat. Als ich am 1. November diesen Jahres, einem wunderbaren sonnigen Herbsttag durch die engen Straßen der historischen Altstadt Straßburgs Richtung Münster ging, erwartete ich jeden Moment den jungen, liebenden Büchner zu sehen, der seine geliebte Minna an sich drückt. Diese Wilhelmine Jaeglé, Geliebte und Braut Büchners, die ihm bis zu ihrem Tod im Dezember 1880 treu blieb und für sich das Recht in Anspruch nahm, über seinen literarischen Nachlass zu bestimmen! Durch sie wurden sicherlich persönliche Briefe und Tagebucheinträge Büchners der Nachwelt vorenthalten, die ihr, einem Kind ihrer Zeit, möglicherweise zu verfänglich erschienen – Weinbörner musste aber keine Rücksicht mehr auf ihre Bedenken nehmen und hat sie dadurch nur noch liebenswerter dargestellt.

Natürlich war und ist mir, als gebürtigem Hessen und dazu noch in Offenbach/Main zur Schule gegangen, Georg Büchner und seine Werke, vor allem aber der „Hessische Landbote“ ein fester Begriff mit seinem Anfangssatz „Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Das Leben der Reichen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker…“. Er war Thema im Deutschunterricht der Oberstufe und wie könnte ich vergessen, wie ich an der Rolle des „Leonce“ aus seiner gleichnamigen Komödie „Leonce und Lena“ bei den Proben der Mainzer Studentenbühne laut Aussage meines Regisseurs Hans-Peter Renfranz gescheitert bin – ich hatte als 23jähriger noch keinen Zugang zum melancholischen, tiefen Menschenverständnis des Dichters, der beim Verfassen seines Schauspiels eher noch jünger war…

Vielleicht hätte mir der Danton damals eher gelegen…

Büchner, der Dichter des Vormärz, gehörte zum festen Repertoire meines literaturwissenschaftlichen Studiums und dann hatte ich ihn zur Seite gelegt, ärgerte mich gelegentlich über eine Inszenierung seines „Woyzeck“ in der die Titelfigur des gequälten Menschen auch noch barfuß durch auf die Bühne gebrachten Schnee stampfen musste – so im Schauspiel Dortmund. Er hatte seinen festen Platz in meiner literarischen Inventarliste, abgelegt…

Und dann die Begegnung mit Weinbörners „Georg Büchner“ als Jury-Mitglied des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für dieses Jahr: ich glaubte, alles zu wissen, erwartete keinerlei Überraschung, ich begann zu lesen und ich konnte nicht mehr aufhören: das war ein ganz neuer, menschlicher Büchner, nicht nur der Dichter, sondern der Mensch mit seinen Plänen, Hoffnungen, politischen Überzeugungen, für die er seine Freiheit, ja sein Leben aufs Spiel setzte, seinen Träumen und der Liebe seines Lebens, die Weinbörner am Anfang des 15. Kapitels so beschreibt: Himmel und Hölle. Zurück in der Rue St. Guillaume No.66, links eine Treppe hoch, in dem etwas überzwergen Zimmer mit der grünen Tapete, zurück in der Normalität des Studentenalltags in der Akademie, in der mit Schwielen am Hintern ersessenen Gelehrsamkeit. Zurück aber auch bei den nicht uninteressanten Diskursen und Experimenten jenseits der allzu trockenen Buchgelehrsamkeit, die den Studenten Büchner kaum auszufüllen vermochte und wieder zum Studium der französischen Revolution trieb. Zurück in der vagen Hoffnung. Das entschlüsseln zu lernen, was das Rad der Geschichte antrieb. Zurück aber vor allem zu all den süßen Heimlichkeiten, in die Arme der Geliebten, auf dass ihre Körper in jeder gestohlenen Stunde nicht voneinander lassen konnten, sie sich in einem fort liebkosten, streichelten und übereinander wälzten, getrieben von dem Verlangen zu verschmelzen und den Lauf der Zeit, der sie am Ende dieses Semesters unweigerlich trennen würde, vergessen zu machen. Sie erlebten ihre Leidenschaft wie einen Rausch. Minna war zu Traum von seinem Lebensglück und zu einer heiteren Zukunft geworden, nach der sich die ganze Seite seines dunklen zweifelnden Wesens sehnte.

Abschließend möchte ich Rotraud Pöllmann, die Leiterin des Büchnerhauses in Goddelau, das heute zur Gemeinde Riedstadt gehört, zu Wort kommen lassen. Sie schreibt am Schluss ihres einfühlsamen Begleitworts zu Weinbörners Roman: „Das Herz so rot“, der Büchner-Roman von Udo Weinbörner, erzählt aus Büchners Perspektive im historischen Rückblick ein spannendes und bewegendes Leben. Der Autor ist seinem Protagonisten ganz nah, weicht ihm in keinem Kapitel von der Seite. So entsteht ein Spannungsbogen, der weit über den Revolutionär Büchner ins Private hineinreicht, ein Epos vom Leben und Überleben, ein historischer Roman, der Hoffnungen und Enttäuschungen, der Liebe und des Verrats. Weinbörners Roman ist eine literarische Liebeserklärung mit tragischem Ende.
Den Revolutionär und Schriftsteller Georg Büchner kennt man – man kennt ihn nicht zuletzt, weil der wichtigste Literaturpreis Deutschlands seinen Namen trägt – dem Menschen Georg Büchner, dem großen Liebenden, dem Suchenden und tragisch Scheiternden hingegen, kommt der Roman auf wunderbare Weise näher. Auch wenn ein Roman kein Sachbuch über Büchner ersetzen vermag, dieses Buch ist für mich ein Glücksfall und es war längst überfällig.
20.000 Gäste haben das Büchnerhaus bislang besucht: Jetzt kann jeder Besucher auch „seinen Büchner“ mit nach Hause nehmen.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen – sehr verehrter Udo Weinbörner, ich verneige mich vor Ihnen, „dessen Bücher und Romane neue Maßstäbe setzen“ – so formuliert in der Begründung der Jury des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises und danke Ihnen, dass Sie ihn annehmen!

Übrigens, den Preis hätten Sie auch schon für Ihren Schillerroman 2005 verdient gehabt…

(November 2014)

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