Horst W. Nägele, AMF-Preisträger 2010, 11/2008, Foto: www.lyrikwelt.deRudolf Damm

Die Laudatio auf Horst W. Nägele!

Ich stelle Ihnen des diesjährigen Preisträger des „Alfred Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte LiteraturHORST W. NÄGELE vor.

Bevor ich damit beginne, möchte ich Sie teilhaben lassen an den Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, nachdem ich zugesagt hatte, die Laudatio für Herrn Nägele zu halten:
Was heißt eigentlich „aufrecht“? Das Bedeutungslexikon sagt dazu, dass „aufrecht“ 22 Bedeutungen und 436 Synonyme hat. Die Bedeutungen will ich Ihnen nicht vorenthalten: Es handelt sich bis auf das Objekt „beständig“ ausnahmsweise um Adjektive:

-         anständig

-         aufrichtig

-         bieder

-         ehrbar

-         ehrenhaft

-         fest

-         gerade

-         großmütig

-         honorig

-         rechtschaffen

-         redlich

-         selbstbewusst

-         senkrecht

-         sportlich

-         steif

-         straff

-         unbeugsam

-         unnachgiebig

Nicht alle diese Bedeutungen kann man mit dem Begriff  Literatur verbinden, ohne den Sinn ins Gegenteil zu verändern: biedere, senkrechte, steife oder straffe Literatur kann ich mir z.B. schwerlich vorstellen.

Die Ethik der Nassrasur von Ulrich Schödlbauer, Manutius-Verlag 1997In der Erzählung „Die Ethik der Nassrasur“ von Ulrich Schödlbauer, erschienen 1997, die unsere Preisverleihung in satirischer Form zum Thema hat, wird in dichterischer Freiheit aus dem Begriff „ aufrecht“ der Begriff „standhaft“ – sicher auch ein Synonym, das in seiner Verbindung mit dem Begriff  Literatur nicht weit von aufrecht entfernt ist.

Der Laudator in dieser Erzählung, Resch, beginnt wie folgt: „… konzentrieren Sie sich auf das, was ist, weil es so ist, wie man es Ihnen gesagt hat, und denken Sie zusammen mit mir darüber nach, dass der Preis, den wir hier und heute vergeben, ein Preis für standhafte Literatur ist, für Literatur also, denn das Epitheton (gleich „Zusatz“ oder „Beiwort“/Attribut) standhaft ließe sich mit sozusagen leichter Mühe als Epitheton naturalis qualifizieren, als natürliche Mitgift gewissermaßen, denn Literatur ist entweder standhaft, oder sie ist gar nicht, zumindest nicht zu rechtfertigen.“

Soweit das Zitat aus der Erzählung, die ich in soweit übernehme, als dass für mich  Literatur, die ich vertreten kann, aufrecht sein muss – „oder“ – wie Schödlbauer sagt – „sie ist gar nicht, zumindest nicht zu rechtfertigen.“ Und  aufrecht ist die Literatur, die Horst Nägele verfasst – so aufrecht, dass man sie nicht in den Bestsellerlisten finden kann.

Ich lese  Ihnen jetzt einen Beweis für meine These vor – aus der Lyriksammlung „schmiegende brecher – unbescholtene gedichte aus weiten gärten“, erschienen 2004. Es basiert auf einer Notiz des deutsch-dänischen Dichters Jens Baggesen, einem Zeitgenossen Goethes, über den Nägele u.a. geforscht hat

Das Gedicht trägt den Titel

verdiente ehrung
hund
gekrönt
im lande der hasen

Ich wiederhole: …

Eine politische Aussage oder eine vorweggenommene ironische Stellungnahme zum heutigen Tag?
Ich überlasse Ihnen die Interpretation…

Jetzt ist es an der Zeit, etwas genauer auf die Biographie unseres Preisträgers einzugehen, der sich auf dänische Dichter bezieht und der seinen Wohnsitz auf Fünen in Dänemark und teilweise im Rheinland hat und damit auch als ein deutsch-dänischer Dichter bezeichnet werden kann, der auf Deutsch, aber auch auf Dänisch schreibt, u.a. den Roman Spidstegt Lam – etwa „Gebratenes Lamm“ habe ich mir sagen lassen.

Im Folgenden übernehme ich teilweise den Wortlaut aus Nägeles selbstverfasster Biographie Kurzvita Horst Nägele auf seiner Internet-Website.

Horst Waldemar Nägele, geboren am 29. Mai 1934 in Stuttgart, war zunächst Verwaltungsbeamter und Betriebsmanager – bei der Post, wie ich im persönlichen Gespräch mit ihm erfahren habe – und begann erst mit 28 Jahren, also 1962 ein Universitätsstudium in Kiel, Newcastle upon Tyne/England und Aarhus/Dänemark. Nägele promovierte 1969 in Kiel und arbeitete dann als Sprachwissenschaftler, Philosophie- und Literaturhistoriker mit Schwerpunkt Semiotik (griechisch = Lehre von den Zeichen, besonders ihrer Struktur und Nachrichtenfunktion. Semiotik ist u.a. ein wichtiges Instrument der Informationstheorie und Kommunikationsforschung), deutscher Idealismus (eng verbunden mit den Namen der Philosophen Fichte, Schelling und Hegel im 19. Jhdt.), mit dem sich der schon erwähnte Jens Peter Jacobsen kritisch auseinandergesetzt hat.

So lautet dann auch ein Hörfunkbeitrag von Nägele aus dem Jahr 1974: Wider die germanische Idealität. Jens Baggesen, ein ketzerischer Poet der Goethezeit. Außerdem forschte er über Jens Peter Jacobsen, dänischer Dichter von 1847 – 1885.

Ich wage zu behaupten, dass diese kritische Auseinandersetzung mit deutschem Geist und Selbstverständnis, nach den Erfahrungen des Kindes in Nazideutschland und des Heranwachsenden und jungen Erwachsenen in den Frühjahren der adenauerischen Bonner Republik, Nägele u.a. dazu bewogen hat, den Lebensmittelpunkt in ein Nachbarland zu verlegen, in dem der Blick auf Deutschen Geist geschärft war, durch die Erfahrungen fünfjähriger deutscher Besetzung…

Doch zurück zum curriculum vitae Nägeles, in dem es fortführend heißt: War Mitinitiator des Kieler Sonderforschungsbereichs „Skandinavien“ und war zuletzt am „ Institut für Literaturwissenschaft und Semiotik der Odense Universität“ tätig. Für seine Untersuchungen und Editionen zu Jens Baggesen wurde ihm 2006 von Korsör, der Geburtsstadt des Dichters der gleichnamige Preis zuerkannt. Nägele ist außerdem Mitglied der Internationalen Schelling-Gesellschaft e.V. Leonberg und der Jens Peter Jacobsen Selskabet in Dänemark.

Auf diesen Dichter möchte ich ein klein wenig ausführlicher eingehen, sehe ich doch in aller Bescheidenheit in ihm das Bindeglied zwischen mir und dem Wissenschaftler und Autor Nägele.

Horst Nägele wird im Anschluss an meine Ausführungen eine Auswahl aus seinem schriftstellerischen Werk selbst lesen – es umfasst Lyrik, Roman und Sachbuch.

Zwei Werke habe ich ja schon erwähnt: den in Dänisch geschrieben Roman Spidstegt Lam von 1985 und den Gedichtband schmiegende brecher von 2004, aus dem ich ein Gedicht zitiert habe. Dazwischen und danach liegen noch weitere Veröffentlichungen, so z.B. der Roman Lebenslanges Suchen – Zwischen Europa 1912  und immer wieder Afrika , erschienen 2007, in dem das ungewöhnliche Leben einer 1892 in Hamburg geborenen Frau geschildert wird, die ihr Herz an Afrika verliert und durch die Schrecken der beiden Weltkriege zwischen den beiden Kontinenten hin- und hergerissen wird, bis sie dann im endlich selbständig gewordenen Namibia ihre Ruhe findet.

Der Lyrikband zeitlos zeit von 2008, auf den ich im Zusammenhang mit Jacobsen noch eingehen werde, die fortlaufende Geschichte – so Nägele selbst – Schwimmzüge in dem er vom Überleben erzählt: als Zehnjähriger in den Bombennächten von 1944, in einer widersprüchlichen Nachkriegszeit und in der Gewalt eines Ebbstroms im Atlantik: Überleben ins Leben… eine Geschichte mit stark autobiographischen Zügen. 2010 erschien der Band Liebe leben. Meditationen für ein umsichtiges Miteinander, das sicherlich auch durch buddhistisch orientierte Gedankengänge geprägt ist.

In dem Lyrikband zeitlos zeit stieß ich auf ein Gedicht, das nach einem Prosatextabschnitt des dänischen Dichters J.P. Jacobsen in der Novelle Mogens entstand:

beschäftigung

als ob sie so verschieden seien
verschiedener meinung wären

was man da nicht alles
kann verkünden was man nicht meint
das gegenteil sagen
das wieder nicht gemeint
das sie alle vereint

Ein entlarvendes Gedicht über die Doppeldeutigkeit von Kommunikation.

Nägele zeigt in wenigen, knappen Zeilen, den menschenfernen Träumer Jacobsen, der überzeugt davon ist, dass das Glück des Menschen allein in seiner Einsamkeit beschlossen liegt. (Sinngemäß zitiert nach  Ernst Ludwig Schellenberg) Es ist der Schluss eines Dichters, der als Naturwissenschaftler die Gesellschaft durchschaut hat und erkennt, dass die Seele stets allein ist – eine Verschmelzung mit einer anderen gibt es für Jacobsen nicht.

Als heranwachsender machte mich ein belesener Freund auf die Novelle Mogens des dänischen Dichters aufmerksam. In dieser Novelle gibt es zu Beginn eine Schilderung eines sommerlichen Regens – unbestritten die schönste Regenschilderung der Weltliteratur – bei der die naturwissenschaftliche Genauigkeit von der dichterischen Kraft noch übertroffen wird. Ich kann und will sie Ihnen nicht vorenthalten:

Es war drückend heiß, die Luft flimmerte von Wärme, und dann war es so still; die Blätter hingen und schliefen in den Bäumen, da war nichts weiter, was sich rührte, als die Marienkäferchen dadrüben auf den Nesseln und ein wenig welkes Laub, das im Gras lag und sich aufrollte, mit kleinen, plötzlichen Bewegungen, als krümme es sich unter den Strahlen der Sonne. Und dann der Mensch unter der Eiche; er lag und schnappte nach Luft und sah wehmütig, hilflos zum Himmel empor. Er trällerte ein wenig und gab es auf, pfiff, gab dann auch das auf, drehte sich um, drehte sich wieder um und ließ die Augen einen alten Maulwurfshügel betrachten, der vor Dürre ganz hellgrau geworden war. Plötzlich kam da ein kleiner runder, dunkler Fleck auf die hellgraue Erde, noch einer, drei, vier, viele, noch mehr, der ganze Maulwurfshügel war über und über dunkelgrau. Die Luft bestand aus lauter langen, dunkel Strichen, die Blätter nickten und schwankten, und da kam ein Sausen, das in ein Sieden überging: Wasser strömten herab.

Alles schimmerte, blitzte, sprühte, Blätter, Zweige, Stämme, alles glitzerte von Feuchtigkeit; jeder kleine Tropfen, der auf Erde, auf Gras, auf den Zauntritt oder auf irgend sonst etwas fiel, zersplitterte und zerstäubte in tausend feinen Perlen.

Kleine Tropfen hingen hier ein wenig und wurden zu großen Tropfen, tröpfelten dort herab, vereinigten sich mit anderen Tropfen, wurden kleine Ströme, verschwanden in kleinen Furchen, liefen in große Löcher hinein und aus kleinen heraus, segelten fort mit Staub, mit Spänen, mit Laubfetzen, setzten sie auf Grund, brachten sie wieder flott, wirbelten sie herum und setzten sie wieder auf Grund. Blätter, die nicht zusammen gewesen waren, seit sie in der Knospe lagen, wurden von der Nässe vereint; Moos, das in der Dürre zu nichts geworden war, brauste auf und wurde weich, gekräuselt, grün und saftig; und graue Flechten, die beinahe zu Schnupftabak geworden waren, breiteten sich in zierlichen Zipfeln aus, strotzend wie Brokat und mit einem Glanz wie Seide. Die Winden ließen ihre weißen Kronen bis an den Rand füllen, stießen miteinander an und gossen den Nesseln das Wasser auf den Kopf…

Durch diesen J.P. Jacobsen fühle ich mich mit Horst Nägele und seiner Dichtung verbunden…

Abschließen möchte ich mit einem sinngemäßen Zitat aus dem deutschen Film Goethe!, der z.Zt. in unseren Kinos läuft und sehr frei Bezug nimmt auf die Entstehung von Goethes berühmtesten Roman zu seinen Lebzeiten, Die Leiden des jungen Werther, der seine hoffnungslose Liebe zu Charlotte Buff in Wetzlar thematisiert. Gegen Ende des Films fragt der Verleger, der von Charlotte das Manuskript der Leiden zugeschickt bekommen und mit Begeisterung gelesen hatte: „Ist das, was in dem Manuskript steht, die Wahrheit?“ und Charlotte Buff antwortet: „Es ist viel mehr als die Wahrheit, es ist Dichtung!“

Und das gilt auch für Ihr Werk, sehr verehrter, lieber Herr Nägele!

Herr Nägele, es ist eine Ehre für den „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis“, dass Sie ihn annehmen!

Ich danke Ihnen…

(November 2010)

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