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I. Blutige Anfänge
(Leseprobe aus: Ungarn
in der Nußschale, Seite 13-17, 2004, Beck)
Phantombilder und Eigenbild. Die Landnahme
Eine der frühesten schriftlichen Erwähnungen
der Ungarn bezieht sich auf die Jahre um 870 unserer Zeitrechnung. Der persische
Chronist Dshaihani berichtet über sie Folgendes: „Die Ungarn sind eine Art
der Türken. Ihr Anführer reitet mit 20 000 Kriegern aus. Der Name ihres Anführers
lautet Kende. Dies ist jedoch nur der nominelle Titel ihres Königs, da
derjenige, der als König über sie herrscht, Gyula genannt wird. (...) Die
Ungarn haben Zelte (gewölbte Jurten) und ziehen mit dem sprießenden Gras und
der grünen Vegetation. Ihr Reich ist ausgedehnt (...) Eine Grenze ist das Meer
von Rum [das Schwarze Meer], in das zwei Flüsse münden. Ihre Wohngebiete
liegen zwischen diesen beiden Flüssen [gemeint sind vermutlich die Wolga und
der Don]. Nahen sich die Wintertage, ziehen sie näher an jenen Fluß, in dessen
Nähe sie sich gerade befinden. Dort bleiben sie den Winter über und fischen.
Der Winteraufenthalt ist dort für sie angenehmer.“
Die als Feueranbeter geschilderten „Türken“ – sie werden erst später als
„Oguren“, „Ugren“ oder „Magyaren“ identifiziert – sind zu dieser
Zeit, wie alle Stämme des Ostens, unterwegs. Sie kommen aus dem Gebiet zwischen
der nördlichen Wolga und dem Ural, lassen sich zunächst in der geographisch
oben umrissenen Lebedia nieder und ziehen bald nach Etelköz (Zwischenstromland)
am Dnjepr und Prut weiter, um von dort aus endgültig in das Karpatenbecken zu
gelangen.
Die Schilderung des Persers Dshaihani ist ebenso eine Momentaufnahme wie
diejenige des Arabers Ibn Rusta, der die Ungarn allerdings auf einer höheren
Stufe der Zivilisation sieht: „Wenn die Ungarn in Kertsch ankommen, halten sie
mit den ihnen entgegenkommenden Byzantinern einen Markt. Sie verkaufen ihnen
Sklaven und kaufen byzantinischen Brokat, Wollteppiche und andere byzantinische
Waren. Die Ungarn sind ansehnlich und schön anzusehen. Ihre Kleidung ist aus
Brokat. Ihre Waffen sind mit Silber beschlagen und mit Perlmutt ausgelegt.“
Merken wir uns diese Worte, denn sie bleiben für lange Zeit die letzten, in
denen das kleine Nomadenvolk halbwegs lobend erwähnt wird.
Die Ungarn gehörten damals zu den zahlreichen Volksstämmen der Region, die
sich ständig auf der Flucht befanden. Sie flüchteten voreinander, vor dem
Hunger, vor der Kälte, der Hitze und dem Untergang. Der letztere holte dann die
meisten doch ein. Fast alle Protagonisten der Völkerwanderung – Chasaren,
Kabaren, Sawarden, Petschenegen sowie die damaligen Bulgaren – überlebten
diesen dramatischen „struggle for life“ nicht und haben sich bestenfalls in
der historischen Überlieferung – wohl in den Namen einiger Siedlungen –
erhalten. Die Vertreter der großen Kulturnationen – Araber, Perser und
Byzantiner – blickten auf sie mit einer Mischung aus Neugier und Befremdung
herab.
Für den byzantinischen Kaiser Leo den Weisen verkörperten die Ungarn anno 904
den Inbegriff der militärisch organisierten Barbarei. In seiner Taktik widmet
er ihnen ein ganzes Kapitel: „Die Stämme der Ungarn sind Späher und
verhehlen ihre Absichten, sind unfreundlich und unzuverlässig, und da sie einen
ständigen Drang nach Reichtümern verspüren, brechen sie den Eid, halten auch
keine Verträge, geben sich auch mit Geschenken nicht zufrieden, sondern bevor
sie das Gegebene annehmen würden, zerbrechen sie sich den Kopf über Arglist
und Wortbruch. (...) Geschickt kundschaften sie die geeignete Gelegenheit aus
und sind bemüht, ihre Feinde nicht so sehr mit ihrem Arm und ihrer Streitkraft
zu besiegen, sondern eher durch Arglist, Überfall und Raub des
Lebensnotwendigen.“
Wir haben keinen Grund, an der Charakterisierung durch den weisen Herrscher
(886–912) zu zweifeln. Vielmehr stellt sich die Frage: Wieso konnten die
Ur-Ungarn, diese heimtückischen Regelverletzer und Spielverderber, anders als
die ihnen ebenbürtigen Nomaden zwischen der Wolga und der Donau, Wurzeln
schlagen? Wie ist es ihnen gelungen, letztendlich das hochzivilisierte
persische, arabische und byzantinische Reich zu überleben? Steckt dahinter eine
göttliche Fügung, die Genialität der Stammesführer oder eine historische
Notwendigkeit? Die Antwort auf diese Frage macht einen noch heute – wie
Kleider die Leute – zum Christen, Nationalisten oder (horribile dictu!)
Marxisten. Meinerseits neige ich als Historiker am ehesten zur letzteren
Weltdeutung, doch möchte ich sie keineswegs als endgültige Wahrheit
bezeichnen.
Am wenigsten glaube ich daran, daß bei der Rettung der Magyaren die von
Dshaihani apostrophierten 20 000 Krieger, überhaupt Kriegslust oder -list eine
relevante Rolle gespielt haben. Imperien, die weitaus besser mit allen damals
modernen Mitteln der Verteidigung und des Angriffs ausgestattet waren, sind
heute nur noch Tradition. Vielmehr waltete über das Geschick des kleinen
Nomadenvolkes der Zufall.
Genauer gesagt handelte es sich um zweierlei Zufälle. Erstens wurden die Ungarn
durch die rivalisierenden Stämme mehrere tausend Kilometer westwärts von ihrem
ursprünglichen Standort vertrieben. Zweitens erreichten sie das Karpatenbecken
zu einer Zeit, als weder das Frankenreich noch die Lombardei oder Byzanz
aufgrund ihrer inneren Probleme imstande waren, die ehemalige römische Provinz
Pannonia unter Kontrolle zu halten. Zwischen Donau und Theiss lebten damals
schwach strukturierte awarische und slawische Volksgruppen, die den
Eindringlingen keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen konnten. Dies ist
wichtig zu erwähnen, denn besonders im stürmischen 20. Jahrhundert zweifelten
die Ungarn nicht ohne Grund daran, ob die Auswahl des neuen Heimatortes exakt am
Kreuzweg zwischen Ost und West wirklich optimal gewesen ist.
Den ethnisch und sprachlich verwandten Finnen schob man eine ironische Legende
in den Mund, der entsprechend die beiden Völker während der gemeinsamen
Wanderung in der Steppe plötzlich zwei Wegweiser mit der Inschrift „Ungarn“
und „Finnland“ erblickt hätten und die Magyaren, die, ganz anders als die
gebildeten Kinder von Suomi, Analphabeten gewesen seien, sich für die erste Lösung
ausgesprochen hätten.
Diese skeptische Auffassung reflektierte jedoch eine viel spätere
Konstellation. Die Chronisten des Mittelalters bezeichneten die Tiefebene im
Donautal vielmehr als ein Kanaan, in dem Milch und Honig flossen, und auch das
Volk, das dieses Paradies erobert hatte, als eines von ganz edler Herkunft.
Simon von Kézai, der Hoferzähler des 13. Jahrhunderts, führte den Stammbaum
der Ungarn direkt auf die Hunnen zurück – einer der populärsten Männernamen
in Ungarn ist bis heute Attila. Abenteuerlichere, um nicht zu sagen, dümmere
Theorien entdecken im Eifer der Ahnenforschung das Sumererreich, Japan oder gar
direkt den Garten Eden.
Der Notar von König Béla III., Anonymus, dessen sitzende Statue mit den unergründlichen
Gesichtszügen im Budapester Stadtpark besichtigt werden kann, suchte in seinen
Gesta Ungarorum die Wurzeln der Nation bei den Skyten und sogar beim Geschlecht
Magogs, einem Urenkel des Japhet. Auch die Schulbücher des romantischen 19.
Jahrhunderts sparen nicht mit biblischen Parallelen. So führt der hochbetagte Fürst
Álmos das Volk, wie seinerzeit Moses die Juden, nur bis zur Grenze des Gelobten
Landes und überläßt das Werk der „Landnahme“ seinem Sohn Árpád:
„Die Reise unserer Vorfahren“ – lesen wir in einem Lehrbuch aus dem Jahre
1845 – „dauerte lange und war reich an Verwicklungen; da sie aber an Mühen,
Kälte und Hitze gewöhnt waren, trugen sie jedwede Last leicht. (...) So
erreichten sie die Karpaten, über die sie Árpád hinwegführte, und im Jahre
896 ließ er sie vierzig Tage lang in Munkács [heute Mukačevo, Ukraine]
ausruhen. 896 war jenes heilige Jahr, als Árpád (...) zum ersten Mal die vor
seinen Füßen liegende lächelnde Niederung, die zukünftige süße Heimat
erblickte. Endlich hatte das umherirrende ungarische Volk eine eigene Heimat.“
Kurz vor Álmos´ Tod sollen die Fürsten der sieben Stämme ihm und seinen Nachfahren ewige Treue geschworen haben. Dies geschah in der Form eines sogenannten Blutvertrags, in dem die Häuptlinge – so lesen wir bei Anonymus – ihr Blut in ein Gefäß rinnen ließen und einstimmig erklärten: „Vom heutigen Tag an wählen wir dich zu unserem Anführer und Befehlshaber, und wohin dich dein Glück führt, dorthin folgen wir dir.“ Zu demselben Legendenkreis gehören noch die Versammlung von Pusztaszer, bei der das Land „in schöner Eintracht“ unter den Fürsten verteilt worden ist, sowie die von den Malern ebenfalls bevorzugte Szene von Árpáds „Schilderhebung“, das heißt, seine rituelle Wahl zum Großfürsten der Magyaren.
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