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Ich war noch mit dem
Erwachsenwerden beschäftigt, als die Stadt begann, von den unaufhörlichen
Hammerschlägen widerzuhallen, die dem Leben auf dieser Seite des Ozeans ihren
Rhythmus aufprägen sollten, crescendo, wie eine Note, die etwas lauter gespielt
wird, als der Rest der Melodie. Wahrscheinlich hatte alles lange vor diesem
Abend begonnen. Wahrscheinlich hatte das Gehämmer eine lange Pause gemacht und
setzte wieder ein, so wie die Wellen sich zurückziehen, um sich dann mit
verstärkter Wut gegen den Rumpf eines zerbrechlichen Bootes zu werfen.
Jedenfalls begann ich sie in diesem Moment zu hören.
Ich erinnere mich noch genau an den trockenen, schüchternen Klang des ersten
Schlages, dann der zweite, der dritte schon entschlossener … Ich war aus dem
Bett gesprungen, war ans Fenster gegangen, das ich oft offen ließ, um die dem
Schlaf förderliche Brise einzulassen, und hatte gehorcht. Das seltsame Getrommel
hatte sich in der Nacht verstärkt und sich bis zum Morgen quälend durch sie
hindurchgezogen. Seither war es nicht mehr verstummt und hatte sämtliche
Geräusche ringsum übertönt: das Brummen der Autos, das Liebesgeheul, die Schreie
der ausgehungerten Kinder, die wütend brennende Sonne, die gedämpften Schritte
der Erinnerung …
Die Stadt gehörte damals dem Sohn des
Mannes-der-für-tausend-Jahre-die-Macht-ergriffen-hatte. Die Bevölkerung hatte
sich schließlich an den Gedanken gewöhnt, sah mit einem gewissen Wohlwollen zu,
wie er mit seinem gutmütigen Gesicht im Hof des Palastes herumspazierte, und
vergaß darüber die Terrorjahre, die die Herrschaft seines Vaters geprägt hatten.
Freilich war er, nachdem seine eigene Herrschaft bei Karnevalsfeierlichkeiten
besonders respektlos aufs Korn genommen worden war, im Fernsehen aufgetreten und
hatte gebrüllt, er sei der Sohn eines Tigers und könnte bei Gelegenheit
beweisen, dass er seine natürlichen Reflexe besaß, aber niemand hatte ihn ernst
genommen. Die Bevölkerung hatte lediglich die Gelegenheit ausgenutzt, ihm den
Namen Titig zu verleihen, einen der eher Zuneigung ausdrückenden Diminutive, wie
man sie in dieser Ecke der Welt häufig antrifft. In der Folge hatten die
Stadtbewohner seine Hochzeit mit einer ehemaligen Stripteasetänzerin und die
Geburt des jüngsten Mitglieds der Dynastie sogar mit Freudenfesten begangen. Und
so hätte nur ein Seher von hohen Gnaden ahnen können, was folgen sollte.
Eigentlich hätte beim plötzlichen Verschwinden Marie-Claires, die alles, was mit
Pickeln im Viertel herumlief, in die Wonnen des Fleisches eingeführt hatte,
zumindest den Jüngsten etwas dämmern müssen, denen, die sie allein durch die
Macht ihres Geschlechtsteils in Angst und Schrecken hielt. Aber wir lebten zu
sehr in der Erinnerung an ihre Lektionen, um an etwas anderes zu denken. Nicht
einmal an den rüden und eher frustrierenden Unterricht der um fünf Jahre
Älteren. Wir mussten so tun, als verstünden wir, wenn sie nach Kriterien, die
sich nur nach ihrer momentanen Laune richteten, einen von uns für einen Vor-
oder Nachmittag ausgewählt hatte. Der Erwählte folgte ihr dann stolz und
schäumend vor Ungeduld. Manchmal nahm sie sich noch am selben Tag einen anderen,
der ebenfalls stolz davonstolzierte, aber sofort den Schwanz einzog, wenn sie
ihn schräg ansah. Wir kamen oft auf ihre Reize zu sprechen und wetteiferten
verbal, wer ihr die größte Lust bereitet hatte. Die Wahrheit lag, wie wir alle
wussten, eher in dem gleichmütigen Gesicht, mit dem sie am Fenster aufpasste,
dass nicht unerwartet ein Störenfried auftauchte, während unser jugendliches
Alter sich hinter ihrem gerade einmal bis zum Hintern hochgeschobenen Kleid auf
der Suche nach jenem Schauer abmühte, der den Körper von den Zehen bis zu den
Haaren durchläuft, den wir in Handarbeit herbeizuführen pflegten und der mit ihr
immer schneller kam, als wir brauchten, um die Hose aufzuknöpfen, denn sie
gestattete uns niemals, sie ganz auszuziehen. Dann musste man sich eilig wieder
anziehen, während sie wie ein Wächter in lässiger Haltung regungslos vor uns
stehen blieb, das Gesicht verzerrt von einer eigenartigen Grimasse, den Ellbogen
aufs Fensterbrett gestützt. Ihre lückenlose Wachsamkeit hinderte im Übrigen ihre
Schwester nicht daran, uns eines Vormittags mittendrin zu überraschen. „Das ist
nicht wahr! So eine Unverschämtheit!“, zeterte sie. Ich konnte gerade noch die
Hose hochziehen und aus dem Zimmer laufen, verfolgt von der Stimme der jungen
Frau, die ihre jüngere Schwester zusammenschnauzte.
Nach diesem Missgeschick, das mich zum Gespött aller Freunde machte, hatte
Marie-Claire sich von uns entfernt. Sie ging kaum aus dem Haus. Man sah sie nur
zum Einkaufen gehen, bevor sie sich wieder in dem Zimmer einschloss, das sie mit
ihrer älteren Schwester teilte. Ich spähte so lange durch dieselben Fensterläden
nach ihr, durch die sie eventuelle Störenfriede im Auge zu behalten pflegte, bis
ich sie eines Tages auf ihrem Bett liegen sah. Nackt wie am Tag ihrer Geburt.
Ihr nackter Körper, den ich zum ersten Mal erblickte, erregte jedoch weniger
meine Aufmerksamkeit als ihr Gesichtsausdruck: abwesend, aufgelöst. Vielleicht
hatte man ihr eine Katastrophennachricht überbracht: den Tod ihrer Eltern oder
das Ende der Welt in den nächsten vierundzwanzig Stunden, ohne dass sie den
eigentlichen Sinn der Botschaft begreifen konnte, so wie die Heranwachsende, die
nach einer überzeugenden Predigt des protestantischen Pastors über die nahe
bevorstehende Rückkehr des Herren heimlich zu ebenjenem Herren betete, damit er
seine Rückkehr noch so lange aufschob, bis auch sie von den Mysterien der Ehe
gekostet hatte. Marie-Claire trällerte ein altes Lied, das die Familien in der
Stadt von Generation zu Generation weitergaben, so dass am Ende niemand mehr
Ursprung und Autor kannte. Das Lied tönte tief, während Tränen über ihr
Mondgesicht liefen:
Weh, Wind, weh!
Meine Mutter fuhr zur See
Mein Vater fuhr zur See
Weh, Wind, weh!
Dass ich sie wiederseh.
Marie-Claire verschwand eines Morgens spurlos. Manche sagen, dass sie durch den
Massakerfluss gewatet und in die Kleinstadt an seinem Ufer zurückgekehrt sei,
aus der sie stammte. Andere behaupten, sie hätte eines der Boote bestiegen, die
versuchten, die Ufer dort drüben zu erreichen, blinder Passagier eines
Schicksals, in dem sie von Anfang an auf der Ersatzbank saß. Andere wiederum
ließen das Gerücht umgehen, dass sie während einer Zeremonie gestorben sei, in
der sie sich anschickte, Luzifer im Austausch für eine Stelle als Bordellwirtin
und das damit verbundene Renommee ihre Seele zu verkaufen. Als der Teufel
erschien, konnte sie trotz der Warnung des Zeremonienmeisters der Versuchung,
ihm ins Gesicht zu sehen, nicht widerstehen. Sie öffnete die Augen und starb wie
vom Blitz getroffen, noch bevor sie sie wieder schließen konnte. Was mich
betrifft, so spukt mir nur eine Frage weiterhin im Kopf herum: Warum gab sie
sich unerfahrenen vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen wie uns hin, obwohl sie
genug Reize hatte, um weit reifere Männer zu verführen? Lange habe ich gehofft,
ihr zu begegnen, irgendwo zufällig in den Straßen einer Stadt mit Millionen
Anonymen, ich hätte sie eingeladen, in einem Hotelzimmer mit mir zu schlafen, an
einem Strand, hinter Büschen, ich hätte sie für ihre Großzügigkeit geliebt und
für die Heranwachsenden des Viertels, all jene, denen sie in der Schlucht ihrer
Lenden die Hölle und das Paradies zugleich geschenkt hatte. Die Hoffnung hat
mich noch nicht verlassen.
[…]
II
Marie-Claires Verschwinden war der einzige Anhaltspunkt, mit dem ich die
Hammerschläge zeitlich eingrenzen konnte. Von diesem Datum an und vor allem ab
der Nacht, in der ich auf dem Bett lag und an ihre verlorenen Reize dachte, war
es, als hätte ein bösartiger Geist der Bevölkerung im Traum die baldige
Zerstörung der Stadt angekündigt. Von morgens bis abends waren die Handsägen
fieberhaft tätig, wurden Bäume gefällt, Bretter gesägt, und es klopfte, klopfte.
Die Stadt hatte sich in eine riesige Schiffswerft verwandelt, die fast schon an
die Erde in den Tagen vor der Sintflut erinnerte. In manchen Vierteln war kein
einziger Baum mehr übrig, die Erde trocknete aus und wich zusehends der
vorrückenden Wüste. Ganze Familien hatten leichte Boote gebaut, die mit knapper
Not auf dem Wasser schwammen, und waren abgefahren, ohne Gruß an die Götter und
ohne sich umzuwenden, aus Angst, zur Salzsäule zu erstarren. In anderen Vierteln
verkauften die Bewohner alles, was sie hatten, nur um die Überfahrt bezahlen zu
können. Manche mussten sich sogar bei Verwandten und Freunden Geld leihen, um
die notwendige Summe zusammenzubringen.
Es verging keine Woche, ohne dass auf hoher See eine zum Bersten voll besetzte
Nussschale aufgebracht wurde. Die zerlumpten, von Salz und Sonne ausgetrockneten
Körper der Männer und Frauen standen im Kontrast zu den hoffnungsvoll
leuchtenden Augen. Diejenigen, denen es gelungen war, der Aufmerksamkeit der
Küstenwachen ein Schnippchen zu schlagen oder sie zu bestechen, konnten deswegen
nicht sicher sein, ans Ziel zu gelangen. Oft genug kenterten die zerbrechlichen
Boote einige Meilen weiter, umgeworfen von der ersten hohen Welle oder der
ersten Klippe. Das Meer öffnete sich, verschluckte die Passagiere, schloss sich
über ihnen und lag wieder so gleichmütig da wie vorher. Kein Überlebender. Im
günstigsten Fall strandete das Boot an anderen Ufern als dem gelobten oder
erträumten. Auf der großen Insel. Auf Felsstaub, verstreut inmitten des Ozeans.
Manchmal bestimmte der Kapitän selbst aufs Geratewohl die Männer, die über Bord
geworfen wurden, um das Boot leichter zu machen, oder als Opfer den Zorn der
Götter besänftigen sollten. Die Frauen kamen nur mit dem Leben davon, wenn sie
gewisse Skrupel zum Schweigen brachten. Es entstand so ein neuer
Unternehmerschlag, Veranstalter von Reisen, deren Passagiere, nachdem sie teures
Geld für die Überfahrt bezahlt hatten, ihrer wenigen Habseligkeiten beraubt und
den Haien überlassen wurden. Der Sohn des
Mannes-der-für-tausend-Jahre-die-Macht-ergriffenhatte hatte möglicherweise
Zweifel an der Wirksamkeit der Repression in diesem Fall und machte sich Sorgen
um sein Image im Ausland, so dass er schließlich die Leute dafür bezahlte, nicht
zu gehen. Seine Gattin zog persönlich durch die Slums, wo sie wie eine neue
Evita bejubelt wurde, und verteilte die Umschläge. So mancher schlug vor, eine
Abordnung in den Vatikan zu entsenden, um sie trotz ihrer Vergangenheit als
Stripteasetänzerin heiligsprechen zu lassen. Sie konnte auch nichts Schlimmeres
getan haben als Maria Magdalena, sagten ihre Hagiografen. Die Regierung von dort
drüben tat es dem Paar bald gleich. Ihre Gaben waren obendrein von Experten
begleitet, die die Bevölkerung lehrten, ihre Auswanderungsgelüste zu
unterdrücken. Einige hatten das so erhaltene Geld bald mit diversen Saufgelagen
durchgebracht. Für sie kündete dieser Exodus vom nahen Weltuntergang. Da konnte
man genauso gut richtig zulangen, zumal man nicht sicher war, ins Paradies zu
kommen. Die Innenstadtviertel ähnelten so mehrere Tage hindurch einem modernen
Sodom. Männer und Frauen lagen durcheinander in den Betten, es herrschte
ausschweifender Überfluss an Essen, Musik, Parfums und exotischem Alkohol.
Bewohner der vornehmen Stadtviertel mischten sich ohne die geringste Rücksicht
auf ihren Rang unter die Kanaille. Während die anderen sich in unerhörten
Spielen ergingen, sahnten einige kleine Schlauköpfe ab, um den Kauf neuer Boote
zu finanzieren.
Zur Abschreckung der Hartnäckigsten zeigte das Fernsehen Bilder, die gelinde
gesagt unerträglich waren. Ein Hai verschlang eine schwangere Frau wie nichts,
der Fötus, der noch an der Nabelschnur hing, wurde in einem Haps gleich
mitverschluckt. Die, die bis nach drüben gelangten, wurden von bis an die Zähne
bewaffneten Soldaten empfangen und rücksichtslos zusammengeschlagen, sobald sie
das Ufer auch nur mit einem Zeh berührt hatten. Die Überlebenden landeten in
Internierungslagern, wo Ärzte mit weitherzigem Berufsethos sich über die
Versuchskaninchen freuten, die ihnen da zur Verfügung gestellt wurden. Die
Männer kamen als Frauen mit zwei riesigen Zitzen mitten auf der Brust wieder
heraus. Jenen wiederum wuchs nach einer Behandlung mit drei
Androsteroninjektionen pro Tag ein scheußlicher Bart am Kinn und ihre Brüste
schmolzen dahin wie Butter in der Sonne. Auch diese Ungeheuer, vormals
menschliche Wesen, wurden im Fernsehen zur Schau gestellt. Aber nichts half. Die
Leute gingen weiter außer Landes, überzeugt, dass die andere Seite nicht
schlimmer sein konnte als die Stadt. Kein Ort konnte schlimmer sein als die
Stadt.
Grannie saß in ihrem Schaukelstuhl auf der Galerie, während das Viertel sich
leerte wie eine Garnrolle, und grummelte unaufhörlich vor sich hin. Es schmerzte
sie noch mehr, als sie erfuhr, dass Leute aus unserem Bekanntenkreis zu dem
Strandgut gehörten. „Warum?“, murmelte sie immer wieder in einer endlosen
Litanei, als wüchsen die Ereignisse ihr über den Kopf. „Warum sagt ihnen
niemand, dass sie dort drüben nichts finden werden, nicht einmal das Echo ihrer
Träume?“ Sie wurde trauriger als der Deckel des Grabes, dem jeder Tag sie näher
brachte. Ich hatte noch nie zuvor bemerkt, dass sie so viele Falten im Gesicht
hatte, ebenso wenig wie die weißen Haare auf ihrem Kopf, unter denen hier und da
ein graues zu sehen war. Der Rest schien über Nacht gewachsen zu sein. Sie
schrumpelte zusammen und war wie in der Mitte zusammengefaltet: Sie hatte die
schlanke und stolze Statur eingebüßt, mit der sie mich früher an die
Peulh-Frauen aus dem fernen Afrika erinnert hatte. Und ihr durch die fehlenden
Zähne hohlwangiger Mund – sie trug ihr Gebiss nur ungern – wiederholte wie zu
ihr selbst: „Warum?“
Dieselbe Frage stellte sie mir, wann immer ich eine Stunde später als vorgesehen
nach Hause kam. Kaum, dass sie die Eingangstür aufschließen hörte: „Bist du’s?“
„Wer denn sonst, Grannie? Schläfst du nicht?“ „Wie soll ich schlafen bei all
dem, was hier vorgeht?“ Ein unabänderliches Ritual. Manchmal setzte ich mich zu
ihr auf den Bettrand und plauderte ein wenig mit ihr, verfolgte durch die
Furchen ihres Gesichtes die Jahre zurück. Sie konnte, wenn ich nicht achtgab,
die ganze Nacht in ihrem Gedächtnis kramen. Mir von der Zeit erzählen, als die
Stadt war. „All das ist jetzt schon lange her, mein lieber Jonas. Aber du
brauchst keine Angst zu haben: Das ist die Erfüllung der Prophezeiung. Die
Herrschaft der Menschen wird zu Ende gehen, die Rückkehr Christi steht nahe
bevor …“
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