|
|
Brumm! Tüt-tüüüt!
(Leseprobe aus: Gottes Bleistift hat keinen
Radiergummi, Roman, 2008,
litradukt - Übertragung
Peter Trier).
Der Junge ist schon eine Ewigkeit in dem
alten, beigefarbenen Peugeot 304 Kombi eingeschlossen. Mit beiden Händen auf dem
Lenkrad und unter ständigem Drehen des Kopfes hupt er bei jeder Gelegenheit und
gibt ohne ersichtlichen Grund eine Schimpfkanonade von sich, von der man nicht
behaupten kann, das sie die Passanten sonderlich kümmert: „He, können Sie nicht
aufpassen? Sie glauben wohl, Sie sind in Ihrem Garten, oder was? Wie oft muss
man Ihnen das noch sagen? Ein Unfall ist schnell passiert. Danach hängen sie als
Erster der Polizei am Rockzipfel und heulen ihr was vor…“ Er legt einen
Kavalierstart hin, stolz wie ein Soldat des Marine Corps, und schaltet die
Gänge, während er weiter auf die Fußgänger schimpft, die glauben, dass sie sich
alles erlauben können, also ehrlich.
Von Zeit zu Zeit wendet der Fahrer die Augen von dem Gewimmel auf der Straße ab
und untersucht das Innere seines 304, dessen Mängel nicht mehr zu zählen sind.
Die Scheibe der Vordertür lässt sich schon seit Jahr und Tag nicht mehr
hochkurbeln. Genauer gesagt, der linken Vordertür. Die auf der rechten Seite
tut’s noch. Aber der Lärm von außen umgeht sie tückisch und dringt in das Auto.
Ein Szenario, von dem selbst ein tibetanischer Mönch die Nerven verlieren würde.
Vor einer Woche hat der Junge geglaubt, einen unfehlbaren Plan gefunden zu
haben, der letzten Endes große Synchronisationsprobleme aufwirft. Die Idee war,
die Scheibe mit einem Holzstab, der selbst von einem Stück Draht gesichert
wurde, oben zu halten. Zunächst einmal besteht kein Kontakt zur Außenwelt mehr.
Außer, wenn der Fahrer es so beschließt. Mit anderen Worten oft, denn der Junge
hat den Tick, seinen Arm als Blinker zu benutzen, nach dem Beispiel der anderen
Fahrer, die in einigen Metern Entfernung an dem 304 vorbeibrausen. Das ist jedes
Mal eine Riesenaktion. Er muss nicht nur bremsen, wenn er sich einer Kurve
nähert, sondern auch in aller Eile den Draht abwickeln, den Holzstab entfernen,
die Scheibe mit einem dumpfen Knall ins Innere der Tür fallen lassen und den Arm
in horizontaler Richtung ausstrecken, um eine Linkskurve anzuzeigen, oder ihn
wie ein Periskop über das Dach recken, um nach rechts abzubiegen.
Und wenn das das einzige Gebrechen der alten Karre wäre! Die verrostete
Spiralfeder des Sitzes, von dessen Polsterung nur noch ein paar Fäden aus
Agavenfaser übrig sind, hat es ständig auf seinen Hintern abgesehen und zerfetzt
seine Hose. Was ihm immer eine kräftige Abreibung von seiner Großmutter
mütterlicherseits einbringt. Diese beherrscht die Kunst, ihn kräftig zu
versohlen und dabei mit gelassener Stimme zu belehren: „In dieser Kiste fliegen
Heerscharen von Mikroben herum... Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du da
nicht hingehen sollst!“ (Noch heute spürt der zum Mann gewordene Junge
gelegentlich die Schmerzen der hageldichten und gut gezielten Schläge auf sein
Hinterteil.)
Damals hatte der boshafte Volksmund der Großmutter noch nicht die
Generalsklappen verliehen. Sie hat nur den Beinamen Pont-d’Avignon geerbt, er
ist in der ganzen Stadt zu ihrem einzigen Ausweis geworden. Eine ganze
Geschichte leitet sich davon ab, eine Geschichte in tausend Episoden und tausend
abweichenden Versionen, so sehr, dass der Junge den Ursprung des Beinamens und
übrigens auch den wirklichen Vornamen seiner Großmutter vergessen hat. Man muss
sagen, dass sie selbst gern hinzudichtet, als wollte sie das Kind verwirren, und
wenn es gerade so passt, sogar stolz auf den Spitznamen ist, obwohl doch in
ihrer Gegenwart niemand es wagen würde, sie so zu nennen. Kurz, damals ist
Pont-d’Avignon nur eine tapfere Frau, die sich einen täglichen Kampf mit der
Armut liefert, Krimskrams gegen Plunder eintauscht und dabei einen starken
Einfluss auf die kleinen Leute von Port-aux-Crasses ausübt. (Eines Tages werden
die Chronisten des Hafenviertels vielleicht ihre Heiligenlegende aufschreiben,
wenn das nicht bereits geschehen ist.) Seit ihre Tochter und deren Mann bei
einem Autounfall gestorben sind, zieht sie ihren Enkel allein groß. Ein
richtiger kleiner Teufel, mit dem sie alles Mögliche erleben könnte, wenn sie
nicht auf der Hut wäre!
Und in der Tat, allein schon vom Anblick des 304 verschwindet die Furcht vor der
großmütterlichen Züchtigung, Flapp!, wie ein von der Morgendämmerung
überraschter Werwolf. Den Jungen interessiert nur eins: sich ans Steuer zu
setzen, des Lenkrad so weit wie möglich nach rechts und dann nach links zu
drehen, zu spüren wie sich seine Bewegung den Vorderrädern mitteilt. Die Füße
hängen in der Luft, gute dreißig Zentimeter über dem Boden, durch dessen Löcher
man die mit wildem Portulak bewachsene schlammige Erde sehen kann, es bleibt ihm
nichts anderes übrig, als sich an die Bedienelemente in Griffweite zu halten:
das Lenkrad, den daran befestigten Hebel, die Tür. Vor allem über das Steuerrad
fällt er mit verstärkter Häufigkeit her, als ob man ein Auto nur mit solchen
brüsken Lenkbewegungen und ständigen Gangwechseln fahren könnte. Wegen jeder
Kleinigkeit öffnet er die Tür, macht die Motorhaube auf und schaut unter die
Vorder- oder Hinterachse. Brummmm! Brummm! Sein Mund ahmt das Motorengeräusch
ebenso perfekt nach wie das Hupen. Die anderen Autos, die direkt neben ihm in
der Straße vorbeidonnern, geben ihm noch mehr die Illusion zu fahren.
Beschleunigung. Schalten. Brummm! Tut-tuut!
Von dort aus, aus der Einsamkeit und aus diesem uralten Peugeot 304 heraus,
betrachtet der kleine Junge die Welt. Nicht die Welt, die sich vor dem Auto
wimmelnd durchwurschtelt. Die kann er nicht sehen. Dafür müsste er einen oder
zwei Mauersteine unterlegen, aber ihr Gewicht würde dem Sitz den Rest geben.
Ganz zu schweigen davon, wie rau sie sich unter seinem Hintern anfühlen würden.
Konnte er nicht etwas anderes probieren? Stehen zum Beispiel? So würde es ihm
sicherlich gelingen, und obendrein könnte er aufs Gas drücken, soviel er wollte,
aber wo hat man das schon gesehen, dass jemand in dieser Haltung Auto fährt?
Deshalb schaut der kleine Junge hinter sich. Dank dem zum Fahrersitz
hingeneigten Rückspiegel. Wenn er schulfrei oder Ferien hat, hält er ganze Tage
die Augen auf dieses Stück Spiegel geheftet, in dem er das Tun und Treiben der
etwas speziellen Fauna vor der Veranda seiner Großmutter beobachtet.
Mit gespielter Unschuldsmiene lässt Asefi, die junge Frau, die geröstete
Erdnüsse verkauft, ein paar auf das Tablett fallen, wenn sie das kleine Glas
füllt, das ihr als Maß dient; die Mangohändlerin verbirgt die verfaulte Seite
der Früchte und zeigt dem Kunden immer die bessere, Leretour serviert mit
flinker Hand seine Frescos, eine Mischung aus zerstoßenem Eis und Fruchtsirup,
wobei er jedes Mal versucht, den Kunden zu betrügen : Seine Taschenspielertricks
sind zu einem Ritual geworden, dessen Ablauf der Junge mit Interesse verfolgt.
Boss Mano wiederum ist überall an den Kais für seine Dummheit bekannt: Wer sonst
hätte sich am helllichten Tag ein Streichholz so nah an die Nase gehalten, dass
der Schnurrbart in Brand geriet? Wenn die Abenddämmerung beginnt, taucht Nérélia
auf, getragen von dem Kaffeeduft, der die Luft erfüllt, und dem Geklapper der
Tassen, die eine ihrer Töchter in einem Eimer wäscht. Tikita-fou-doux, der
sanftmütige Verrückte, dagegen kehrt periodisch wieder wie die Zyklone, die mit
der Regelmäßigkeit von Ebbe und Flut über das Land kommen.
Dann kommt der clairin-beschwerte Schwarm der Schuhputzer: Lord Harris, dessen
vom tafia brennende Lippen alle drei Minuten zusammenkommen, um einen dicken
Speichelstrahl einige Meter weit zu katapultieren, Ti-Blanc, der noch bevor die
Straßenlaternen angezündet werden, zu schwanken beginnt, aber noch ausreichend
bei Sinnen ist, um mit strengem Gesicht und schwerem Rausch ein paar Schuhe zu
säubern. Merlet überschreitet nie eine bestimmte Ration, um Ti-Lèlè, seinem
Sohn, seines Zeichens ebenfalls Schuhputzer, kein schlechtes Beispiel zu geben.
Und dann sind da noch all die anderen, die ebenfalls von Berufs wegen die Schuhe
der anderen reinigen, deren Namen der Junge sich nicht gemerkt hat und die oft
jene billigen Ledersandalen an den Füßen tragen, die man dort Jesus Christus
nennt, da sie denen ähneln, die der Nazaräer auf den heiligen Bildern trägt.
Diese Christusse machen ein so zerknittertes Gesicht, dass ihre Besitzer es
erfindungsreich zu glätten versuchen, indem sie es mit Bindfäden festzurren.
Diese ganze Gesellschaft tummelt sich auf der Fläche aus festgetretener Erde,
die um das Haus herum liegt, und der Junge hat nach und nach gelernt, ihr
Schauspiel mit dem Abstand der Gewohnheit zu betrachten. Für einen der
Schuhputzer hat er allerdings einen besonderen Blick. In seiner Achtung liegt er
mit Pont-d’Avignon gleichauf oder kommt noch vor ihr. Hier kommt also, abgehoben
vom gewöhnlichen Fußvolk, der Mann aus Yaguana, der auf den Namen Faustin hört,
solange die Sonne am Horizont noch nicht gekentert und wie ein Stein im
unbeweglichen Leib des Meeres versunken ist. Wie alt ist er wohl? Abgesehen von
seiner frühzeitig ergrauten linken Schläfe ist er eher eine stolze Erscheinung.
Er ist immer mit einem Jeanshemd und einer an Knien und Hintern geflickten Hose
bekleidet, die er mit fast schon zwanghafter Sorgfalt sauber hält. Seit drei
Jahren bringt er den kleinen Jungen zur Schule und holt ihn am Nachmittag wieder
ab. Einen Termin, den er um nichts auf der Welt versäumen würde. Und wehe, wenn
jemand ihn aufhalten wollte, sei es auch unabsichtlich. Barmherziger Gott!
Kunden wurden ohne ein Wort der Entschuldigung mit einem geputzten und einem
ungeputzten Schuh stehen gelassen. Unterwegs weiß er tausendundeine komische
Geschichte, versteht es, voll Talent und Sehnsucht von Yaguana, der fernen Stadt
der Prinzessin Anacaona, zu erzählen, einzugreifen, wenn der Junge leichtsinnig
mitten auf der Straße Lust bekommt, auf einem Bein zu hüpfen, und direkt vor dem
Schultor ihm ein paar Centime in die hintere Hosentasche zu schieben.
Tagsüber geht Faustin wie alle anderen seinen Geschäften als Schuhputzer nach
und fasst hin und wieder mit an, wenn ein Haus gebaut wird. Nachts schläft er
direkt auf dem Boden in Pont-d’Avignons Hof in der turbulenten Gesellschaft
anderer Falter, die sich am Licht der Großstadt die Flügel verbrannt haben.
Abends aber, zwischen den Aktivitäten des Tages und dem Schlafengehen, kommt die
wahre Dimension des Yaguaners zum Tragen. Dann schlüpft er in die Haut jenes
Kaisers aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der das salboundische Land
in einer Blut-, Prunk- und Musselinorgie mit dem Bajonett regierte und auf den
wahrscheinlich die Redensart „Bajonette sind aus Eisen, Verfassungen aus Papier“
zurückgeht. Sie werden sagen – zu Recht -, dass dies seit jeher das Los von
Salbounda ist, wo Operettengeneräle auf Popanze folgen und umgekehrt. Aber das
ist eine andere Geschichte, und es ist hier nicht der Ort, sie zu erzählen.
Ein paar Tropfen trempé, eine Art mit Wurzeln verstärkter clairin, reichen aus,
damit Faustin die Identität wechselt. Dann geht er sternhagelvoll an den Kais
entlang, redet mit sich selbst und bietet dem Gelächter der Kinder aus dem
Viertel die Flanke dar. Selbst Tikita-fou-doux verspottet ihn in seinen seltenen
lichten Momenten erbarmungslos: „Geh gerade, du caca-clairin. Warum schwankst du
so? Du bist doch nicht auf dem Meer, oder? Hähä!“ Und Tikita lacht sein
bekanntes Lachen, das so klingt, als wollte er sich räuspern. In diesen Momenten
schlägt sich der Yaguaner mit der flachen Hand kräftig auf die Brust, um glauben
zu machen, dass der tafia ihm Stärkung bringt, und der Geist Faustins I
verkörpert sich in ihm. Dabei würde ein Windhauch oder ein Schnipser von einem
Kind ausreichen, um ihn zu Boden zu strecken. Was freilich nicht oft vorkommt.
Aber wenn, dann geschieht es in einem solchen Höllenlärm aus Geschrei,
umgestürzten oder gar zerbrochenen Stühlen und Selbstbeschimpfungen, von
Pont-d’Avignons Schelte – ein großer Kerl wie du, Faustin! – ganz zu schweigen,
dass die Bengel an der Landungsbrücke eine Woche lang genug Stoff für ihre
Sticheleien haben. Damals weiß niemand, nicht einmal die Chronisten des
Hafenviertels, deren Beruf es doch ist, alles über jeden zu wissen, dass Faustin
bereits mehrere Leben gelebt hat. Und ebenso wenig, wie oder warum seine
Schritte an den Kais entlanggedriftet sind, wo er, in aller Ruhe sozusagen,
tagsüber Schuhputzer und nachts blutrünstiger Monarch sein kann. Eine Art
tropischer Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
Rezension I Buchbestellung I home 0110 LYRIKwelt © litradukt-Verlag