Louis-Philippe
Dalembert
Die Insel am Ende der Träume
(Leseprobe aus: Die Insel am Ende der Träume, Roman, 2007,
litradukt - Übertragung
Peter Trier).Der Morgen brach gerade
neblig frisch an, und der Himmel war noch befleckt von den Farben der Nacht, als
wir Santiago de Cuba verließen. Keine Menschenseele zu sehen, die engen Gassen
versunken in Stille und Mysterien. Ein leichtes, magisches Helldunkel lag um das
Antlitz der Dinge: um die Gebäude mit ihren verstümmelten Fassaden, die alten
Autos, die entlang den Bürgersteigen wie in einem menschenleeren Museum standen,
die mangels Luft stummen Bäume… Die letzten Nachtwandler hatten sich schon in
ihre Betten verkrochen. Die streunenden Hunde unter irgendeinem Vordach oder
einer Bank ließen ihr klägliches, ausgehungertes Gebell ruhen. Selbst unsere
Schritte waren mit der Stille der Stadt verschmolzen. Schließlich drang hinter
den geschlossenen Fenstern ein kräftiger Kaffeeduft und das Geklapper von Tassen
hervor. Dann kam uns Stimmengesäusel entgegen, das zu einem langen Gemurmel
wurde und wie eine Woge anschwoll, je näher wir dem Hafen kamen und je heller es
wurde.
Die Ablegemanöver vollzogen sich in einem Durcheinander von
ohne Vorwarnung losgeworfenen Leinen, denen man nur durch ein Wunder gerade noch
ausweichen konnte, während von überall her Befehle und Gegenbefehle ertönten.
Ein Hin und Her zwischen dem geradebrechten Englisch von jemand, der uns der
Sprache Guilléns für nicht mächtig hielt, und ordentlich gepfefferten Flüchen in
einem unter karibischem Himmel gebräunten Kastilisch. Einige hatten in der
Hoffnung auf ein Trinkgeld das, womit sie gerade beschäftigt waren, im Stich
gelassen und unaufgefordert mitangefasst, ohne dass wir ihre Hilfe wirklich
gebraucht hätten. Kurzum, ein echt tropisches Tohuwabohu. Zu guter Letzt wurde
das Boot mit Händen und Füßen vom Kai abgestoßen. Wir hissten die Segel in
fröhlicher, aufgeräumter Atmosphäre. Die Stimmen, kristalline Fluten in der
Morgendämmerung, schlängelten sich die Takelage hoch und hefteten sich an das
Gekreische der Möwen, bevor sie als gut gelauntes Echo wieder aufs Deck fielen.
Der Segler, zehn Meter lang und in recht gutem Zustand, rechtfertigte bisher den
Preis, zu dem er von einem spanischen Unternehmer, einem wahren Torquemada von
Geschäftsmann, gemietet worden war. Im Vertrauen auf sein de-facto-Monopol, eine
Partnerschaft mit dem kubanischen Staat und den Touristenansturm auf die Insel
hatte der Mann sämtliche Verhandlungsversuche ignoriert. Nichts zu machen. Und
das, obwohl ich, nebenbei bemerkt, vom Feilschen eine ganze Menge verstehe. Als
unentwegter Weltenbummler war ich bewandert in der Kunst, den Preis
entzweizubrechen, einige Dinare oder Pesos hinzuzufügen, sich zum Schein
zurückzuziehen und dann kehrtzumachen, nur weil dir der Typ wirklich sympathisch
ist und du ihn ein paar Kröten verdienen lassen willst, damit der Tag für ihn
nicht umsonst war, denn der Gegenstand an sich interessiert dich nur wenig, um
nicht zu sagen gar nicht, dann, angesichts seiner Weigerung, zwei oder drei
Schekel vom Anfangsangebot abzuziehen, gibst du ihm zu verstehen, dass dies dein
letztes Angebot ist, dass du im Übrigen, selbst wenn du wolltest, nicht mehr
bieten könntest, denn du hast keinen roten Heller mehr in den Taschen – du
kehrst deine Taschen extra um -, und zwischen zwei Angeboten lässt du eine
Anekdote vom Stapel, die absolut nichts mit dem Gegenstand zu tun hat, um den
ihr feilscht, wenn möglich eine Geschichte von Weibern oder Fußball, von
Kindern, so zahlreich wie der Wüstensand, Synonym für Männlichkeit, das
funktioniert immer, bis der Typ in die Enge getrieben ist und dir lächelnd die
Hand hinstreckt, sowohl um das Geld einzukassieren, als auch, um dir zu
gratulieren: Du hast gut verhandelt. Aber bei dem da hätte ich mir besser nicht
den Mund fusselig geredet, denn dem Kerl ging das alles am Arsch vorbei. „Ich
verkaufe keine Teppiche, meine Herren“, sagte er mit schlecht verhohlener
Verachtung für so knauserige Kunden. Zum ausgehängten Preis oder gar nicht.
Denken Sie sich noch eine sündteure Versicherung und den Lohn für den Skipper,
der das Boot nach Santiago zurückbringen sollte, hinzu, und sie werden
verstehen, dass ich ausfällig wurde:
„Das ist Betrug!“
Ich hatte all mein Pulver verschossen. Den Beleidigten spielen war alles, was
ich noch tun konnte, um das Gesicht zu wahren. Aber der Mann war schlagfertig
und konnte je nach Laune seines Gesprächspartners die Tonart wechseln.
„Wissen Sie, die karibische See ist nichts für Süßwassermatrosen.“
„Selber Süßwassermatrose!“
„Ich wollte Sie nicht beleidigen“, sagte er konziliant.
„In meinem Alter hält mich so eine Badewanne wie deine karibische See nicht
auf.“
„Ich will keineswegs Ihre Erfahrung in Zweifel ziehen, mein Herr. Aber man muss
sich in Acht nehmen, Sie haben hier eines der launischsten Meere der Welt.“
Dieses Gefeilsche lag nun hinter uns. Mit einem Nordnordwestwind im Rücken
machte der Segler gute Fahrt. Der Himmel funkelte wie oft in der Karibik, hier
und da durchzogen von dichten, unregelmäßigen Wolkenfeldern. Die anfangs
zärtliche Sonne schärfte schon ihre Krallen an unseren Nacken. Bald mussten wir
nach Backbord wenden und ein kleines Stück nach Norden fahren, bevor wir Kurs
auf die Ile de la Tortue, das Ziel der Reise, nahmen. Der lange Umweg war
notwendig, um uns von Guantanamo zu entfernen und die für Boote aus Kuba
gesperrten US-Hoheitsgewässer zu umfahren. Ohne sein Manöver zu unterbrechen,
ließ unser Begleiter eine Breitseite von Beschimpfungen in Richtung der
Militärbasis los und hörte dann wieder zerstreut der Suada von JMF zu. Ein
Wortschwall, der unablässig anbrandete wie Meereswogen. Abwechselnd brillant und
widersprüchlich. Unmöglich, ihn zu stoppen, wenn er einmal in Fahrt war. Er
hielt mit unerschöpflicher Beredsamkeit einen Vortrag nach dem anderen, ging
nahtlos von einem zum anderen über, so wie man mit einer Kippe schon die nächste
Zigarette anzündet. Was er ebenfalls tat, ohne Rücksicht auf seine
Zuhörerschaft, von deren Aufmerksamkeit er sich von Zeit zu Zeit mit einem „Ich
weiß nicht, ob ihr mich versteht“ vergewisserte. Im Grunde genommen kümmerte es
ihn wenig, ob seine Gesprächspartner seiner Meinung waren oder auch nur
zuhörten. Er beglückwünschte sich zu seinen eigenen originellen Einfällen,
lachte aus vollem Halse über Witze, die nur er komisch fand, und erfüllte die
Luft mit seinem unerschöpflichen Redefluss. Kurz, wie man in den Gassen von
Neapel sagt, se la cantava et se la suonava. Etwas, was man auf der Ile de la
Tortue, wie ich später erfahren sollte, mit dem schönen Ausdruck „die Trommel
schlagen und selber dazu tanzen“ übersetzte.
Daran, dass der Mann Spanier war, bestand kein Zweifel. Ich stand mit dieser
Sprache auf ausreichend vertrautem Fuß, um die meisten Akzente identifizieren zu
können, die entlang ihrer Ausbreitungsroute ausgeschwärmt waren. Dagegen hatte
ich keinen greifbaren Beweis für seinen Schriftstellerstatus, die Visitenkarte,
mit der er gegenüber seinen Gesprächspartnern fast schon herausfordernd
herumfuchtelte. Um die vierzig und bei guter Gesundheit, das Gesicht verborgen
hinter einem graumelierten Bart und seine kleinen lustigen Augen hinter einer
Intellektuellenbrille, die nur mit Mühe ein abenteurerhaftes Gehabe kaschierte.
Er hatte die prahlerische Art der Sprücheklopfer und der Typen, die bereit sind,
sich in das erstbeste Projekt zu stürzen, wenn es nur Saufereien,
Weibergeschichten und Leben auf Messers Schneide versprach. Kurz, Erzählstoff,
den er ständig hier und dort aufsammelte, gelegentlich auf das Risiko, dabei
draufzugehen. Diesen Preis war die Literatur ihm wert. So hätte er direkt nach
Haiti oder notfalls in die Dominikanische Republik fliegen und sich von dort aus
über die schmale Meerenge auf die Ile de la Tortue begeben können, aber nein, er
hatte es vorgezogen, in Santiago Station zu machen, um seine Leidenschaft für
die Santiagueras zu befriedigen. „Das liegt auf dem Weg“, sagte er und
unterstrich seine Worte mit einem schelmischen Zwinkern. Und so hatten sich
unsere Wege gekreuzt: in einem billigen Hotel von Santiago, wo eine verrückte
Marotte, so alt wie der Garten Eden, dabei war, mich völlig aufzureiben.
„Und, immer noch entschlossen, mein Freund?“
Der plötzliche Anruf hatte erst in der Luft geschwebt, bevor er feucht vom
Passat zum Bug gelangte, wohin ich mich kurz nach der Abfahrt allein
zurückgezogen hatte. JMF konnte es immer noch nicht fassen, dass ich ihm in ein
so verrücktes Unternehmen gefolgt war. Daher die Frage, eine unaufhörliche
Litanei, die er mir alle fünf Minuten an den Kopf schmiss: „Immer noch
entschlossen, mein Freund?“ Vermutlich, um sich zu vergewissern, dass ich ihn
nicht auf hoher See im Stich ließ. Dennoch gab es eine Erklärung für diese
Entscheidung. Als der Mann an die Hotelbar getreten war, mir ein Glas spendiert
und dabei ironisch gesagt hatte: „Du machst ein Gesicht wie eine Katze, die sich
gerade mit Ratten vollgeschlagen hat“, war ich bereit, mich auf jede Schimäre
einzulassen. Seine abgedroschene Geschichte von einem Krug voller Louis d’or in
einer Grotte der Ile de la Tortue war genauso gut wie irgendeine andere. Einzige
Variante: Der Krug sollte von Pauline Bonaparte vergraben worden sein, der
jüngeren Schwester von Napoleon höchstpersönlich. Und die hatte sich zu Beginn
des neunzehnten Jahrhunderts tatsächlich häufig auf der Insel aufgehalten, unter
Umständen, die die Hypothese bestätigen könnten. Aber im Moment kümmerte mich
der Wahrheitsgehalt dieser neuen Version der Schatzinsel herzlich wenig. Ich
brauchte nur einen Vorwand, um die Stadt zu verlassen. Abreisen. Weggehen!
Everywhere out of Santiago. Kurz, obwohl ich aus Prinzip Widerstand geleistet
hatte, hatte der Spanier mich ohne große Mühe überzeugt.
Das Unwetter brach dort auf dem Segler los. Der Mann flößte mir nur mäßiges
Vertrauen ein. Und für einen Instinktmenschen wie mich ist allein das
unmittelbare, spontane Vertrauen entscheidend. Es erhob sich also ein wahrer
Zyklon, der ruckweise vorrückte. Den soeben gewonnenen Boden wieder verlor.
Einen Augenblick später wieder doppelt so viel gewann. So lange unermüdlich
wieder angriff und ein paar Zoll Gehirn erkämpfte, bis ich mit dem Rücken zur
Wand stand… Sein Verbündeter? Der alte Traum vom Reichtum, der auf jeden
Menschen lauert. Meiner kauerte irgendwo in meinem Kopf unter schichtenweise
Frustration und wartete nur auf den geeigneten Moment, um Revanche zu nehmen.
Keine Überführungsfahrten für andere mehr! Keine kleinen Gelegenheitsjobs mehr!
Kein Leben aufs Geratewohl mehr! Endlich mein eigener Chef. Natürlich war das
ein verrücktes Unternehmen. Aber auch nicht verrückter, so sagte ich mir, um
mich zu beruhigen, als einen Jahreslohn oder gar die Ersparnisse eines ganzen
Lebens auf eine Nummer im Lotto oder die vier Hufeisen eines Pferdes zu setzen.
Es war Mitte Oktober. Der weite, frische Wind fing sich in den Segeln und blähte
sie auf wie den Bauch eines schwangeren Wals. Ich sah ohne das geringste
Bedauern zu, wie die frühere kubanische Hauptstadt sich entfernte. Erleichtert
sah ich sie zu einem Sandkorn werden und schließlich meinem Blick entschwinden.
In meinem Kopf verbündeten sich Zweifel und Hoffnung zu einem gemeinsamen
Rückzug und gönnten mir eine glückliche Atempause, indem sie das Feld den
tausend Legenden überließen, die seit Jahrhunderten über den ehemaligen
Piratenschlupfwinkel kolportiert wurden. Herbeigeweht aus den weitesten Fernen
der Kindheit von dem Wind, der mir über das Gesicht peitschte. Aus alten
Schwarzweißfilmen. Aus fiebernder Lektüre in der Krone eines Obstbaums,
geschützt vor dem Lärm des Hauses und der Nachbarn… Mit der Leichtfertigkeit des
Gehörnten, der seine zweite Heiratsurkunde unterschreibt, ließ ich mich
fortreißen.Rezension I Buchbestellung
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