Felix Dahn

Ein Kampf um Rom
(Leseprobe aus: Ein Kampf um Rom, Siebentes Buch, Erstes Kapitel, Roman, 1876)

Teja
«Nun hab' ich die denkwürdigste Schlacht zu
schildern und das hohe Heldentum des Mannes
der keinem der Heroen nachsieht: - des Teja.»  
Prokop, Gotenkrieg IV. 35
  

Erstes Kapitel
Und rasch vollendeten sich nun des Gotenvolkes Geschicke. Der rollende Stein rollte dem Abgrund zu. - 

Als Narses die Besinnung wiedergefunden und das inzwischen Beschlossene und Geschehene erfahren, befahl er sofort, Liberius zu verhaften und zur Verantwortung nach Byzanz zu schicken. 

«Ich will nicht sagen», sprach er zu seinem Vertrauten, Basiliskos, «dass er die falsche Entscheidung getroffen. 

Ich selbst hätte sie nicht anders getroffen. Aber aus andern Gründen. Er hat vor allem seinen Freund und dann auch jene Zehntausend retten wollen. Das war ein Fehler: man musste sie opfern, wenn man Liberius war. Denn Liberius übersah nicht die Lage des Kriegs. 

Liberius wusste nicht, wie Narses es weiss, dass, nach dieser Schlacht, das Gotenreich verloren ist - ob es schon hier bei Taginä oder etwa erst bei Neapolis vollends vernichtet wird, ist gleich: und nur deshalb konnte, musste man jene Zehntausend retten.» 

«Bei Neapolis? Aber warum nicht bei Rom? Gedenkst du der furchtbaren Wälle des Präfekten nicht? Warum werden sich die Goten nicht nach Rom werfen zu mondenlangem Widerstand?» 

«Warum? Weil... weil es mit Rom eine eigene Bewandtnis hat - aber das wissen sowenig die Goten wie Liberius. 

Und das darf noch lange nicht wissen - Cethegus. Also schweige. Wo ist der Stadtpräfekt von Rom?» 

«Vorausgeeilt, um sofort, nach Ablauf des Waffenstillstandes, als der erste, die Verfolgung zu leiten.» 

«Du hast doch gesorgt -?» 

«Zweifle nicht! Er wollte mit seinen Isauriern allein aufbrechen: ich - d. h. Liberius auf meinen Rat - hab' ihm Alboin und die Langobarden beigegeben, und du weisst...» 

«Ja», lächelte Narses, «meine Wölfe lassen ihn nicht aus den Augen.» 

«Aber wie lange noch soll er -?» 

«Solang ich ihn brauche. Nicht eine Stunde länger. 

Also der junge königliche Wundertäter liegt auf seinem Schild? Nun mag Justinianus sich mit Recht ‹Goticus› nennen und wieder ruhig schlafen. Aber freilich, der schläft wohl nie mehr ruhig - der enttäuschte Witwer Theodoras.» 

Die beiden Führer Teja und Narses hatten also das gleiche Urteil über das Gotenreich. 

Es war verloren. 

Bei Caprä und Taginä war die Blüte des Fussvolks gefallen, fünfundzwanzig Tausendschaften hatte Totila hier aufgestellt: nicht eine volle derselben ward gerettet, auch die beiden Flügel hatten Verluste gehabt, so waren es kaum zwanzig Tausendschaften, mit welchen König Teja eilig, zunächst auf der flaminischen Strasse, nach Süden abzog. 

Ihn mahnte zum Aufbruch auch der Hilferuf des kleinen Heeres von Herzog Guntharis und Graf Grippa, das von der zwiefachen Übermacht der zwischen Rom und Neapolis unter Armatus und Dorotheos gelandeten Byzantiner bedrängt war. 

Und ihn zwang zur Eile die furchtbare Verfolgung, mit welcher Narses, nach Ablauf des Waffenstillstandes, gemäss seinem schrecklichen System der «wandelnden Mauer» drängte. Während die Langobarden und Cethegus rastlos nachsetzten, langsam gefolgt von Narses, breitete dieser nach links und rechts zwei furchtbare Flügel aus, die im Südwesten über das suburbicarische Tuscien hinaus bis an das tyrrhenische Meer, im Nordosten durch das Picenum bis an den jonischen Meerbusen langten und, wie sie von Norden nach Süden und von Westen nach Osten vordrangen, alles gotische Leben hinter sich ausgelöscht zurückliessen. 

Wesentlich erleichtert wurde dies Verfahren durch den nun ganz allgemeinen Abfall der Italier von der verlorenen gotischen Sache: der milde König, der sie dereinst gewonnen, war ersetzt worden durch einen düsteren Helden gefürchteten Namens; nicht Neigung zu dem Regiment von Byzanz, aber Furcht vor des Narses und des Kaisers Strenge, die jeden Italier, der es noch mit den Barbaren hielt, mit dem Tode bedrohten, zog rasch die Schwankenden herüber. Die Italier, die noch in König Tejas Heere dienten, verliessen ihn und eilten zu Narses. 

Noch viel häufiger als vor der Schlacht von Taginä wurden jetzt die Fälle, in welchen gotische Siedlungen von ihren italischen Nachbarn, oft von dem Hospes, der ein Drittel seines Gutes dem Goten hatte abtreten müssen, den «Romäern» verraten oder, wo die Italier in grosser Überzahl waren, von diesen selbst ausgemordet, gefangen an die beiden Flotten des Narses, die «tyrrhenische» und die «jonische», abgeliefert wurden, die langsam im tyrrhenischen und im jonischen Meer an der Küste hinfuhren, den Vormarsch der Landheere begleitend und alle gefangenen Goten, Männer, Weiber und Kinder, mit sich schleppend. 

Die Burgen und Städte, schwach besetzt, denn Totila hatte sein kleines Heer durch deren herangezogene Mannschaften verstärken müssen, fielen meist durch die Bevölkerung, die, wie nach Totilas Erhebung die kaiserlichen, so nun die gotischen Besatzungen überwältigten; so im späteren Verlauf des Krieges Naria, Spoletium, Perusium; - die wenigen, die widerstanden, wurden eingeschlossen. 

So glich Narses einem gewaltigen Manne, der mit ausgebreiteten Armen durch einen engen Gang schreitet und alles, was sich hier bergen wollte, vor sich her schiebt; oder einem Fischer, der mit dem sperrenden Sacknetz bachaufwärts watet, hinter ihm bleibt kein Leben mehr. 

Geängstet flüchteten alle Goten, die sich noch retten konnten, mit Weib und Kind vor der «eisernen Walze» des Narses, wenn sie heranrollte, von allen Seiten nach dem Heere des Königs, das bald eine grössere Zahl von Unwehrfähigen als von Kriegern in seinem wandernden Lager barg. 

Wieder waren die Ostgoten auf der «Völkerwanderung» begriffen, wie vor hundert Jahren; aber hinter ihnen nahte jetzt das eherne Netz des Narses, vor ihnen und der immer schmaler zulaufenden Halbinsel lag das Meer - und keine Schiffe zu rettender Flucht. 

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