Apfelessen mit Swedenborg von Franz Josef Czernin, GrupelloFranz Josef Czernin

Apfelessen mit Swedenborg
(Leseprobe aus: Apfelessen mit Swedenborg, Grupello)

Lesen: absolut, relativ (und mit Wittgenstein)

Ich weiß von einer wilden Region, in der die Bibliothekare die abergläubische und eitle Jagd nach dem Sinn in Büchern verschmähen und die Lektüre mit Traumdeuterei und Handlesekunst vergleichen [...] Sie geben zwar zu, daß die Erfinder der Schrift die fünfundzwanzig Natursymbole nachgeahmt haben; sie behaupten jedoch, daß diese Anwendung zufällig sei und die Bücher an sich nichts bedeuteten.
(Jorge Luis Borges, Die Bibliothek von Babel)

Wie, wenn etwas wirklich Unerhörtes geschähe? wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach und nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte und verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach und nach in Menschen und Menschen in Bäume verwandelten. Hatte ich nun recht, als ich vor allen diesen Geschehnissen sagte: "Ich weiß, daß das ein Haus ist" etc. oder einfach "Das ist ein Haus" etc.?
(Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit)


1

In dem berühmten Paragraphen 23 seiner Philosophischen Untersuchungen schreibt Wittgenstein: "Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl? - Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir >Zeichen<, >Worte<, >Sätze< nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen."
Was Wittgenstein über Sätze, Zeichen und Worte sagt, kann man - wenn auch nicht mit gleich großer philosophischer Fruchtbarkeit - über jedes Wort sagen, also auch über das Wort Lesen (und tatsächlich wird in den Paragraphen 156 bis 173 das Lesen zum Thema und zu einem Beispiel für Wittgensteins Untersuchungen): Wie viele Arten, das Wort Lesen zu gebrauchen, und (wenn man vom Sprachgebrauch auf das schließt, was er bezeichnen soll; ein Schluß, der in Wittgensteins Philosophieren allerdings problematisch wird) wie viele Arten zu lesen gibt es! Lesen ist so vieldeutig wie jedes andere Wort, das für alle möglichen Weisen steht, es zu gebrauchen, oder auch (wenn man jenen Schluß ziehen will) für eine Reihe womöglich völlig verschiedenartiger Vorgänge.
So, wie Wittgenstein einige Arten von Sätzen aufzählt, könnte man auch eine Liste verschiedener Weisen erstellen, das Wort Lesen zu gebrauchen wie auch verschiedener Vorgänge, die durch das Wort Lesen bezeichnet werden. Eine solche Liste könnte aber weder vermitteln, welche Weisen, das Wort Lesen zu gebrauchen, angemessener sind als andere, noch, welche Weisen zu lesen dem Wesen des Lesens gerechter werden oder mehr Wert haben als andere.

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Literatur kann nun - pars pro toto - als das betrachtet werden, was sowohl zeigen kann, welche Weisen, das Wort Lesen zu gebrauchen, angemessener sind als andere, als auch, welche Weisen zu lesen dem Wesen des Lesens gerechter werden oder mehr Wert haben als andere. Im Lesen von Poesie kann sich zeigen, wofür das Wort Lesen besser oder weniger gut verwendet wird, aber auch, was ein Lesen in einem stärkeren von einem Lesen in einem schwächeren Sinn unterscheidet. Es kann sich also zeigen, wie die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Lesen und die verschiedenen Weisen des Lesens zu ordnen wären.
Es bedarf nicht des Lesens von Literatur, um die Behauptung plausibel zu machen, daß ein mit den Augen Abtasten oder das Aussprechen von Schriftzeichen einer unverständlichen Sprache nur in einem untergeordneten oder abliegenden Sinn des Wortes ein Lesen und ein solches Lesen keines in einem zentralen oder wesentlichen Sinn dieses Wortes sei. Im Lesen von Dichtungen kann sich jedoch zeigen, daß das, was wir normalerweise Lesen nennen - etwa, wenn wir eine Zeitung lesen, eine Gebrauchsanweisung, etwa wissenschaftliche Prosa -, in der Ordnung der Lese-Arten nur eine vergleichsweise untergeordnete Stelle einnimmt; eine Stelle, deren Untergeordnetes auch in unserem Welt- und Sprachgebrauch - jedenfalls wenn es sich um Literatur handelt - berücksichtigt werden sollte: Ein literarischer Text, der sich darin erschöpft, die Formen des Zeitung- oder des wissenschaftlichen Lesens zu bedienen, sollte angesichts anderer Dichtungen für vergleichsweise unlesbar gehalten werden oder nur in einem untergeordneten, unwesentlichen Sinn als lesbar gelten. (Daß zumeist das Gegenteil geschieht, zeigt nur, wie schlecht Literatur zumeist gelesen wird, zeigt, daß wir zumeist tatsächlich nur in einem sehr schwachen Sinn des Wortes lesen.)
Es kann sich also in dem Lesen von Dichtung eine Ordnung der Lese-Arten, aber auch der Weisen, das Wort Lesen zu gebrauchen, zeigen, die sich von dem üblichen Sprach- und Weltgebrauch wesentlich unterscheidet.
An diesem Punkt ist aber einem naheliegenden Mißverständnis vorzubeugen: Jene Ordnung der Lese-Arten und der Weisen, das Wort Lesen zu gebrauchen, ist, wenn Literatur gelesen wird, nicht ein Gegenstand, der einfach einer Beschreibung oder Klassifikation zur Verfügung steht. Diese Ordnung ist so wenig etwas Festes oder ein für allemal Gegebenes wie Wittgensteins Mannigfaltigkeit von Sätzen.
Aus einer Dichtung läßt sich deshalb nicht einfach eine Lehre des Lesens ablesen, keine metaphysische Theorie darüber, was Lesen im vollen Sinn des Wortes ist, oder eine Theorie des Lesens, die behauptet, die wesentlichen oder wertvolleren Eigenschaften des Lesens herauszuarbeiten, sie von den unwesentlichen oder weniger wertvollen Eigenschaften zu unterscheiden und aus dieser Ontologie oder Wert-Lehre Vorschläge hinsichtlich des Gebrauchs des Wortes Lesen abzuleiten. (Eine solche Metaphysik des Lesens würde einen Sprachgebrauch verlangen, vor dem Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen gerade warnt. - Dagegen, das Wesen von irgendetwas, also auch das des Lesens, in einer philosophischen Theorie festzuschreiben, richtet sich bekanntlich ein guter Teil der Wittgensteinschen Beispiele und Argumente. Das ist ein Punkt, der entscheidend mit dem in vieler Hinsicht literarischen Sprachgebrauch in Wittgensteins Spätwerk zu tun hat.)
Wenn somit im Lesen einer Dichtung eine Ordnung verschiedener Bedeutungen des Wortes Lesen evoziert wird und dadurch zugleich eine Ordnung verschiedener Leseweisen, die hinsichtlich ihrer Wirklichkeit oder ihres Wertes unterschieden werden, dann wird damit nicht behauptet, begrifflich festzulegen, wie das Wort Lesen zu gebrauchen sei oder welche Eigenschaften das Lesen habe.
Im Lesen einer Dichtung wird das Wort Lesen nicht definiert, sondern in ihm kann sich zeigen, daß bestimmte Bedeutungen dieses Wortes in bestimmten Beziehungen zu anderen seiner Bedeutungen stehen; und insofern können die verschiedenen Weisen des Lesens einander wechselseitig gewichten und bewerten. Sowohl die Bedeutungen des Wortes Lesen wie die verschiedenen Weisen zu lesen, können dann aneinander erkennbar werden.
Im Paragraphen 128 der Philosophischen Untersuchungen schreibt Wittgenstein: "Wollte man Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären." Sofern man es über diese - Wittgensteins Meta-These zur Philosophie - selbst nicht zur Diskussion kommen lassen will, kann man den Unterschied zwischen einem Sprachgebrauch, der sich in seiner theoretischen Funktion erschöpft, und jenem der Literatur (aber auch jenem von Wittgensteins spätem Philosophieren) damit charakterisieren, daß in der Literatur (aber auch in Wittgensteins spätem Philosophieren) Thesen etwas Umfassenderem und sie Bedingendem ausgesetzt werden, sagen wir: ihrer eigenen Entstehung aus einem Sprach- und Weltgebrauch. Ihre Bedeutung oder ihr Wert wird deshalb nicht ausschließlich und nicht notwendig in einer theoretischen Diskussion erfahrbar oder erkennbar, ja wird unter Umständen durch eine auf den theoretischen Sprachgebrauch fixierte Diskussion gerade unerfahrbar oder unerkennbar.
Erschöpft sich eine Dichtung selbst nicht in einer Theorie des Lesens im Sinne einer Ontologie oder Wert-Lehre, so können doch auch verschiedene solcher Theorien, also Metaphysiken des Lesens, durch bestimmte Dichtungen oder auch literarische Traditionen nahegelegt werden; eine solche Theorie, sofern sie es unternimmt, eigentliches Lesen oder Lesen im vollen Sinn des Wortes von seinen ihm untergeordneten Varianten begrifflich zu unterscheiden (hinsichtlich ihres Seins oder ihres Werts), könnte aus bestimmten Dichtungen herausgelesen werden. (Ließe sich nicht etwa aus Prousts Suche nach der verlorenen Zeit eine solche Theorie des Lesens herauslesen, die verschiedene Formen und verschiedene Grade des Lesens zu klassifizieren erlaubt, wenn auch nur als ein Moment einer Deutung dieses Romans?)
So läßt sich unter Umständen eine Dichtung auch als Ausdruck oder Verkörperung einer oder mehrerer Metaphysiken des Lesens deuten, so wie man ja literarische Texte überhaupt als Ausdruck oder Verkörperung von Theorien deuten kann. Eine gewiß einseitige Form des Umgangs mit Literatur, aber eine, die - in bestimmten literarischen Perioden oder für bestimmte Werke - sehr wohl fruchtbar sein kann. (So wie auch manche nicht im strengen Sinn theoretische philosophische Texte - beispielsweise diejenigen Wittgensteins, aber auch Nietzsches - als Ausdruck oder Verkörperung bestimmter philosophischer Theorien lesbar sind, ohne daß eine solche Lesart unfruchtbar sein muß, auch wenn der späte Wittgenstein wahrscheinlich eben das behauptet hätte.)

2

Im Paragraphen 23 der Philosophischen Untersuchungen erstellt Wittgenstein eine Liste, bestehend aus einer Reihe von Sprachspielen wie Befehlen, Beschreiben eines Gegenstands, eine Geschichte erfinden, Rätsel raten, einen Witz machen usw. Es ist eine Liste, die sich am üblichen Sprach- und Weltgebrauch orientiert, an den Sprachspielen, die es - doch wer weiß in welchem Sinn dieses, wenigstens in der Literatur, rätselhaften Wortes? - gibt. Hätte Wittgenstein auch eine Liste erstellt, um anzudeuten, was alles Satz genannt werden kann, dann hätte er wohl auch vor allem Formen des Sprachgebrauchs angegeben, die häufig Sätze genannt werden. Doch sagt er selbst, daß es unzählige Arten von Sätzen gibt, und entwirft Sprachspielszenen, die besondere Umstände skizzieren sollen, unter denen selbst die für ihn besonders seltsamen Sätze, die manche Philosophen äußern (wie Ich weiß, daß ich ein Mensch bin.), alltäglichen (und also gerade nicht philosophischen) Sinn beziehungsweise Gebrauchs-Wert bekommen.
Das Sprachspiel Literatur nun, so kann man festlegen, ist eines, in dem die üblichen oder häufigen Weisen, ein Wort zu gebrauchen, nicht allein bestimmend sind, so daß Momenten literarischen Sprachgebrauchs, die im Alltag als seltsam oder abliegend gelten würden, nicht durch eine vorgestellte alltägliche Situation alltäglicher Sinn oder Gebrauchswert zugeordnet werden kann. Würde jemand, ein Gedicht oder einen Roman lesend, behaupten, er wisse, daß er ein Mensch sei, oder auch, er wisse nicht sicher, ob er ein Mensch sei, so könnte diese Behauptung ganz plausibel wörtlich verstanden werden. In einer Dichtung lesend könnte jemand mit Recht und allen Ernstes darüber nachdenken, was dafür und was dagegen spricht, daß er ein Mensch sei, ohne daß er sich damit selbstverständlich als Irrer oder als grammatikalisch verhexter Philosoph qualifizierte. Und würde man nun im Sinne Wittgensteins einwenden, es sei hier eben der Umstand, daß es sich um Literatur handle - die dann gleichsam als intendierte Kreuzung von Irresein und fehlgeleitetem Philosophieren erschiene -, der die Seltsamkeit des Sprachgebrauchs hinlänglich erkläre, dann könnte man Wittgenstein mit dem Hinweis widersprechen, jegliche nähere Bestimmung des Sprachgebrauchs von Literatur durch die Umstände dieses Sprachgebrauchs bedeute nur, daß man die Literatur im Rahmen einer bestimmten Grammatik begreift, die von der Leseerfahrung beziehungsweise der Interpretation einer Dichtung selbst nicht hinlänglich unterscheidbar sei. Und man könnte hinzufügen, daß es zum Spiel Literatur gehöre, mögliche Grammatiken der Literatur (und also auch den Umstand Gedicht oder Roman) beziehungsweise die jeweilige Leseerfahrung ihrerseits auf ihr Spiel zu setzen. Würde deshalb jemand mit Wittgenstein den seltsamen Sprachgebrauch von Literatur durch dessen besondere Umstände erklären - so ähnlich, wie Wittgenstein selbst die Äußerung Ich weiß, daß ich zwei Hände habe, auf den Boden eines Alltags durch die Vorstellung zurückholt, jener Satz werde von jemandem in einem Krankenbett geäußert, der versichern will, ihm sei keine Hand amputiert worden -, so ließe sich ihm entgegnen, daß diese Analogie insofern nicht überzeuge, als - immer wenn bestimmte Umstände des literarischen Sprachgebrauchs aufgeboten werden, um diesen Sprachgebrauch zu erklären -, Dichtung nur auf bestimmte Weise gedeutet beziehungsweise ein möglicher Begriff (= eine mögliche Grammatik) von Literatur angewendet werde.
(Für Wittgenstein treiben übrigens die Philosophen, die die klassischen philosophischen Fragen stellen und Theorien errichten, um sie zu beantworten, ohne es wahrhaben zu wollen auch eine Art Literatur, nämlich science fiction im wörtlichen Sinn, also wissenschaftliche Fiktion, indem sie so tun, als könne der theoretische Sprachgebrauch, der keine bestimmten, besonderen Umstände kennt, den anderen Formen des Sprach- beziehungsweise Weltgebrauchs den Grund legen. Philosophen, die philosophische Theorien errichten, verhalten sich, so gesehen, wie Leute, die zugleich Außerirdische und Irdische sein wollen, um sich als Außerirdische ihr Irdisches von Grund auf und ein für alle Male zu erklären. Nimmt man nun an, daß für Wittgenstein das, was in der theoretischen Philosophie zu Unsinn führt, in der Literatur erlaubt ist, zeigt dann diese Trennung der theoretischen und der literarischen Sphäre nicht etwas von dem historischen Ort des wittgensteinschen Philosophierens, der auch die Hinfälligkeit des Erkenntnisanspruchs von Literatur enthält?)

Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Grupello