Die blaue Stunde von Alonso Cueto, 2007, Berlin Verlag

Alonso Cueto

Die blaue Stunde
(Leseprobe aus:
Die blaue Stunde, Roman, 2007, Berlin Verlag - Übertragung Elke Wehr).

Kurz bevor diese Geschichte begann, veröffentlichte die
Zeitschrift Cosas in ihren Gesellschaftsnachrichten ein Foto von
mir.
Es war ein rechteckiges Foto, das die ganze Seite einnahm. Ich
blickte lächelnd direkt in die Kamera.MeinKopfwarerhoben,mein
Sakko glänzte, und einige Finger von mir waren auf der Schulter
meiner hübschen Frau Claudia zu sehen. Ich sah gut aus mit dieser
Mischung aus Spontaneität und Eleganz, die so mancher von uns an
den Tag zu legen versteht, wenn ein Fotograf in der Nähe ist. Meine
Krawatte war fest geknüpft, das Haar sorgsam zerzaust, und
das Band einer seit fünfzehn ruhigen Jahren bestehenden Ehe
umschloss eng meinen Ringfinger. Neben mir Claudia und mein
Geschäftspartner Eduardo und seine Ehefrau Milagros; alle vier
schauten wir in die Linse, mit Whiskygläsern wie Ehrenzeichen,
eingehüllt in die wohlwollende Arroganz unseres Lächelns, als hätten
wir gerade einen Preis als glücklichste Paare des Abends erhalten.
Einige Tage darauf reichte Claudia mir beim Frühstück die
Zeitschrift mit dem Foto.Wenig später rief meine Schwägerin mich
im Büro an. »Ihr seht wunderschön aus«, bemerkte sie. Es schmeichelte
mir, aber es wunderte mich nicht, dass das Foto größer war
als die anderen auf derselben Seite.
Zu jener Zeit sah ich mich oft und immer gut getroffen, glaube
ich. Die Gegebenheiten des Lebens waren günstig für mich, um es
so zu sagen. Ich war zweiundvierzig Jahre alt. Ich verdiente neuntausend
Dollar im Monat. Ich wog achtzig Kilo, ein gutes Gewicht
für meine Körpergröße von einszweiundachtzig. Ich ging jedenTag
eine Stunde ins Fitnessstudio. Außerdem war ich Gesellschafter einer
Anwaltskanzlei, die über einen Kreis von hundert guten Klienten
verfügte. Ich hatte viel Arbeit, aber auch große Unterstützung
in der Kanzlei. Damals war es, als irgendein Freund mir einmal
in vorwurfsvollem Ton sagte, ich käme ihm jeden Tag zufriedener
vor.
Der Anwaltsberuf ist von jeher meine Berufung gewesen. In der
Schule hatte ich einmal einen Aufsatz mit dem Titel »Das Recht im
Alltag« geschrieben. Der Hauptgedanke dieses Textes war, dass
jede soziale Beziehung, einschließlich Liebe und Freundschaft,
auf einem stillschweigenden Pakt beruht. Eltern, Kinder, Eheleute,
Verliebte, Freunde, Geschwister einigen sich, ohne es ausdrücklich
festzulegen, über ihrVerhalten.Wenn jemand sich nicht an den geltenden
Vertrag hält, wenn jemand sein bisheriges Verhalten verändert,
wird er dem Versprechen untreu, das er der Beziehung gegeben
hat, das heißt, er bricht seinen Vertrag. Das Recht gründet auf
den menschlichen Beziehungen. Oder zumindest glaubte ich das
damals. Doch als Kind interessierte mich nicht nur das Recht. In
meinem Kopf spukte auch die Idee herum, zu schreiben. Einmal
versuchte ich mich an einem romantischen Abenteuerroman.
Seit einigenWochen habe ich nun an meine gescheiterte schriftstellerische
Berufung gedacht.
Ich habe daran gedacht, weil ich diese Geschichte erzählen wollte.
Ich weiß nicht, warum. Es schützt mich, dass ich nicht das Gesicht
desjenigen sehe, der dies liest (es gibt einen Autor, der beauftragt
ist, diesem Buch seinen vermaledeiten Stil und seinen Namen
zu leihen).
Ich werde mir den Namen Adrián Ormache geben. Trotzdem
werden manche erraten, wer ich bin. Sie werden mich oder meine
Frau Claudia erkennen. Meine Frau Claudia. Seltsam, sie so zu nennen.
Wie eine Fremde. Ihr wogender Name erinnerte mich an die
Form eines Regenbogens, oder zumindest habe ich ihr das gesagt,
als ich sie vor zwanzig Jahren auf einem Fest kennenlernte; das
Kompliment war dumm, aber ihr gefiel es.
In der Zeit, in der diese Geschichte begann, war Claudia eine
vorbildliche Gefährtin. Sie kleidete sich gut, sie begleitete mich zu
den Cocktailpartys, und sie hatte sich mit den Ehefrauen der anderen
Anwälte angefreundet.
Eine bessere Ehefrau kannst du nicht haben, sagte meine
Schwiegermutter. Sie hatte recht. Mit ihren Kostümen und ihren
Umgangsformen machte Claudia immer eine gute Figur bei Freunden
und Bekannten. Sie richtete lange, exquisite Abendessen bei uns
zu Hause aus, bei denen der Tisch reich mit Fleisch, Salaten und
Desserts gedeckt war. Die wichtigen Anwälte – Muñiz, del Prado,
Rodrigo – blieben bis spät am Abend mit ihren Frauen da und verabschiedeten
sich immer mit einer Umarmung von uns. So war
es auch bei einigen Politikern: Ferrero, Lourdes Flores, das eine
oder andere Mal Belaúnde höchstpersönlich. Alle waren sie gute
Freunde.
Es gefiel mir, dass meineTöchter sie zu Hause sahen.Wir haben
zwei ziemlich reizende Töchter (das ist das Wort, das mir einfällt,
jetzt, da ich sie erwähne).
Heute studiert Alicia, die ältere, Jura an der Katholischen Universität.
Sie ist sich ihrer Berufung erfreulich sicher. Sie wird den
Anwaltsberuf ergreifen, wie ich. Sie ist intelligent und hübsch (das
sage ich nicht, weil ich ihr Vater bin, man verstehe mich recht). Sie
ist noch in dem Alter, in dem sie alles zu wissen glaubt, aber sie ist
immer freundlich und sogar liebevoll zu den älteren Familienmitgliedern.
Sie besitzt, wie ich wohl ohne Übertreibung sagen darf,
eine überdurchschnittliche Intelligenz. Die jüngere, Lucía, ist genauso
intelligent wie ihre Schwester. Lucía ist ein empfindsames
Mädchen, vom Wesen her verträumt und mit einigen natürlichen
Ängsten behaftet, wie der Furcht vor Dunkelheit und vor Spinnen.
Sie hat eine ausgeprägte Fantasie und ein Bedürfnis nach Zuwendung,
das sie veranlasst, mir Geschichten undWitze zu erzählen, die
sie ohne Pause abspult. Mit ihren grünen Augen, ihrem seidigen
Haar und ihren langen Beinen ist sie eines der hübschesten Mädchen,
die ich je gesehen habe. Ihre Gesprächigkeit ist Ausdruck ihrer
Bemühungen, die sie immer als jüngste Tochter unternommen
hat, um sich im Kreis dreier erwachsener Gestalten bemerkbar zu
machen.
Lucía ist ein großer Fan von Gitarrenmusik und schließt sich oft
mit ihren Freundinnen in ihrem Zimmer ein, um Platten von Kurt
Cobain zu hören. Als sie dreizehn Jahre alt wurde, habe ich ihr einen
Bass gekauft. Zum Glück war das Instrument nicht besonders
laut. Zudem war unser fünfhundert Quadratmeter großes Haus in
San Isidro weitläufig genug, dass jeder von uns, einschließlich der
beiden Putzfrauen, der Köchin und des Chauffeurs von Claudia,
weit entfernt vom wunderbaren Klang dieser Saiten leben konnte.
Wenn Lucía nicht mit ihrer Musik beschäftigt war, war sie die
beste Gesellschaft. Sie erzählte mir kleine Geschichten, vertraute
mir ihre Probleme und die ihrer Freundinnen an, bat mich, mir einen
Kuss geben und mich umarmen zu dürfen. DieseUmarmungen
gehören heute zu meinen wertvollsten Erinnerungen. Ich vermisse
diese Augenblicke, denn ich glaube, dass sie im Licht des ganzen
Geschehens jetzt einer sehr fernen Zeit angehören. In jenen Tagen
umarmte meine Tochter einen anderen Mann, der für immer verschwunden
ist.

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