Die Vogelklasse von Bora Ćosić, 2008, folio

Bora Ćosić

Die Vogelklasse
(Leseprobe aus: Die Vogelklasse, Prosa, 2008, Folio-Verlag - Übertragung Katharina Wolf-Grießhaber).

Als wäre diese Klasse das Ergebnis irgendeiner Razzia. Bei

der meine Generation auf der Straße aufgegriffen und in

diesen einer Polizeiwache ähnlichen Raumgebracht worden

wäre. Dort dauert die Befragung über unsere persönlichen

Daten und unser vorheriges Leben an, als stünden wir unter dem

Verdacht, in einer terroristischen Vereinigung mitzumischen.

Das tun wir natürlich, wie alle anderen Leute, die möglicherweise

beschuldigt werden müssen, die Zersetzung des Lebens, vor

allem des eigenen, vorzubereiten. Dann sehen wir einander an

den ersten Tagen dieses Ereignisses sehr vorsichtig an, geradeso

wie sich Leute, zusammengedrängt in einem Polizeiauto, zusammen

aufgelesen aufgrund des Zufalls, daß sie an derselben Straßenecke

gewesen sind, betrachten. Das verläßt mich auch später

nicht, weil ich meine „Kollegen“ in jenem Raum nicht als mir

nahestehende Menschen ansehe, in nichts. Darin bin ich bis ans

Ende hart geblieben und habe mich gegen jede Nähe zu mir

unsympathischen und in jeder Frage widerwärtigen Personen

gewehrt, deren widerwärtiges und unsympathisches Wesen der

Umstand, daß wir unsere Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander

verbracht haben, nicht beseitigt hat. Ich habe diese kleinen Leute

nicht als meine Leute akzeptiert, sondern sie sind mir fremd

vorgekommen. Hätte ich die Rolle eines düsteren Russen übernommen,

der einem Mädchen aus der Provinz schreibt, hätte ich

wie er geschrieben, daß ich unter fremden Menschen bin, die

mich nicht interessieren und die mir auf die Nerven gehen.

Denen gegenüber ich nicht einmal das Mitgefühl habe, das die

Leute für ihren Leidensgenossen bei dieser Polizeirazzia oder in

irgendeinem unglücklichen Verbanntenschiff empfinden.Und so

habe ich sie abwesend und dumpf beobachtet, aber das hat ein

unangenehmes Gefühl bei diesen Zwergen hervorgerufen, was

mich jahrelang begleitet hat. Deshalb habe ich ein klein wenig

Nähe eher zu unseren „Wiederholern“ empfunden, wie der

Mensch, der sich mit anderen in einer Zelle befindet, doch

Respekt hat vor Personen, vor dort angetroffenen mit einer

gewissen Erfahrung in diesem Zellenunglück, während diejenigen,

die mit mir gekommen waren, genausowenig wie ich selbst

wußten, was sie mit sich anfangen sollten und wie sie ihren

Körper und ihre Seele dort unterbringen sollten. Ich empfinde

von jeher Abscheu vorNeulingen, obwohl ich mich selbst manchmal

unter ihnen befunden habe. Diese Neulingsungeschicklichkeit,

was sie anfangen sollen und weshalb, geht mir auf die

Nerven, obwohl ich weiß, daß das die fast unvermeidliche Position

jedes lebenden Subjekts ist, das auf diesem Planeten erscheint.

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