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In Furcht
erwachen
(Leseprobe aus: Wake in Fright/In
Furcht erwacht, Roman, Seite 46-54, 1961/2006, Beck
- Übertragung Hansjörg
Schertenleib)
Sein ganzer Körper jubilierte. Er
hatte fast zweihundert Pfund gewonnen. Seine siebzehn Pfund und zehn Schilling
waren zu zweihundert Pfund geworden!
Die Worte ‹zweihundert Pfund› tauchten wieder und wieder in seinem Bewußtsein
auf. Zweihundert Pfund. Zweihundert Pfund. Zweihundert Pfund. Unglaublich.
ZWEIHUNDERT PFUND!
Und noch dazu hatte er den nicht angerührten Lohnscheck in der Tasche.
Noch nie in seinem Leben hatte er so viel Geld gehabt! Er konnte spüren, wie es
sich in seinen Taschen blähte, wie es seine Kleider bauschte, wie es raschelte,
wenn er ging.
Er mußte irgendwohin, wo er es zählen und anschauen konnte.
An die Zeit, die er brauchte, um ins Hotelzimmer zurückzugelangen, sollte er
sich später nicht mehr erinnern, nur an den Moment, da er nach dem Schlüssel
tastete, und das nur, weil er dazu in den Geldscheinen in seinen Taschen wühlen
mußte.
In seinem Zimmer warf er das Geld auf den Boden und zählte es sorgfältig,
indem er die Scheine nach ihrem Nennwert auslegte. Dann nahm er seinen
Lohnscheck heraus und legte ihn neben das Geld.
Zweihundert Pfund in Noten, dazu einen Scheck über einhundertvierzig Pfund.
Dreihundertundvierzig Pfund! Und morgen war er in Sydney.
Er schaute in den Spiegel und betrachtete sein Gesicht: Jung, immer noch straff,
schweißgebadet, die Augen glitzernd vom Reiz des Gewinnens, das glatte Haar
zerwühlt, wo er mit seinen Fingern hindurchgefahren war.
«Grant», sagte er zu seinem Spiegelbild, «du bist ein kluger Junge.»
Er warf sich rücklings aufs Bett und starrte an die Decke, die Haut prickelnd
vor Glück.
Zum ersten Mal seit langem dachte er an Robyn und lachte über sich selbst, weil
er annahm, zweihundert Pfund könnten sie für ihn erreichbarer machen. Robyn
mit den langen blonden, zu Zöpfen geflochtenen Haaren. Robyn, selbstsicher,
souverän und unnahbar. Robyn, wie er sie das letzte Mal vor einem Jahr gesehen
hatte, eine Woche bevor er nach Tiboonda ging, wie sie am Tor vor ihrem Haus
stand, mit dem Licht im Rücken, das ihr Haar zum Leuchten brachte.
Robyn, die ausgesprochen wenig Interesse an John Grant gezeigt hatte. Aber oh
Gott, sie war ein wunderbares Mädchen!
Könnte er nicht jetzt, in diesem Augenblick, ein Ferngespräch mit ihr führen,
um ihr zu sagen, daß er nach Hause kam, daß er reich war? Andererseits war
Robyn an Geld gewöhnt, anders als er, und fand dreihundertvierzig Pfund wohl
nicht besonders beeindruckend.
Er lachte, sprang vom Bett und fing an, sich auszuziehen. Dann hielt er inne,
betäubt von der Ungeheuerlichkeit eines Gedankens.
Hätte er seine Wette stehengelassen, und wäre nur noch einmal Zahl geworfen
worden, dann hätte er nie mehr nach Tiboonda zurückkehren müssen. Er hätte
vierhundert Pfund gewonnen. Die vierhundert Pfund und sein Lohnscheck hätten
gereicht, den Vertrag mit dem Erziehungsministerium aufzulösen, und ihm genug
zum Leben gelassen, während er in Sydney Arbeit suchte.
Eine Drehung der Münzen. Fünf Sekunden, und ihm wäre ein ganzes Jahr Tiboonda
erspart geblieben. Wäre? Könnte immer noch!
Er setzte sich aufs Bett und betrachtete das Geld. Es war wunderbar, aber was
ermöglichte es ihm, abgesehen von ein paar herrlichen Wochen in Sydney? Die
konnte er sich mit seinem Lohn sowieso leisten. Und wenn er die zweihundert
Pfund verlor, wäre er nicht schlechter dran, als wenn er die ursprünglichen
zweiundzwanzig Pfund und zehn Schilling verloren hätte.
Wenn er aber gewann, könnte er morgen in Sydney sein, um für immer
dortzubleiben.
Er überlegte mehrere Minuten hin und her, legte sich in genauen Sätzen dar,
warum sich das Risiko lohnte, und hatte sich nach gebührender Zeit schließlich
überzeugt.
Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Das Glitzern in seinen Augen war
verschwunden, dafür war seine Haut straffer. Er stand langsam auf, zog seine
Jacke an, steckte den Scheck in die Brieftasche zurück, blickte noch einmal in
den Spiegel, grinste seinem gedankenverlorenen Gesicht zu und machte sich auf
den Weg zum Two-up-Club.
Am Tor ließ man ihn ohne Fragen ein, und er ging direkt in den Wettraum. Die
Menge schien die gleiche zu sein; wenn sich etwas verändert hatte, dann die
Temperatur: Der Raum war heißer als vorher, der Rauch dicker.
Grant war einigermaßen ruhig. Der Gedanke zu spielen hatte jetzt nichts
Erheiterndes mehr an sich. Er wußte, daß er eine reelle Chance hatte zu
bekommen, was er wollte, und er würde diese Chance ergreifen.
Er brauchte etwa fünf Minuten, um sich den Weg an den Ring zu bahnen, und während
er behutsam nach vorne drängte, beschloß er, diesmal auf Kopf zu setzen.
Auf der Bank machte ein Mann einen Platz frei, der offenbar ein Vermögen
gewonnen hatte, und Grant setzte sich hin.
Der Spielleiter trat zum Spieler, der neben Grant saß, und bot ihm das Holzstück
an. In Bundanyabba war es üblich, daß die Münzen der Reihe nach von den
Spielern auf der Seitenbank des Ringes geworfen wurden.
Der Spieler schüttelte den Kopf, und der Spielleiter bot Grant den Kip an.
An den Impuls, der ihn dazu bewegte, das Holzstück zu nehmen und dem
Spielleiter in die Mitte des Ringes zu folgen, sollte sich Grant für den Rest
seines Lebens erinnern. Normalerweise hätte es ihn peinlich berührt, im
Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, aber er wußte, daß die Aufmerksamkeit
der Spieler den Münzen galt und nicht dem Werfer.
«Wieviel?» wollte der Spielleiter wissen. Grant hatte nicht die Absicht, seine
Qual zu verlängern: Die Chancen standen nun mal fünfzig zu fünfzig, und das
galt für einen Wurf genauso wie für mehrere.
«Zweihundert», sagte er und zog das Geld aus seiner Tasche.
Der Spielleiter zählte es flüchtig. «Zweihundert», rief er, und Scheine
wurden in den Ring geworfen.
Grant stand lässig da, das Holzstück in der Hand.
«Die Mitte ist gesetzt», rief der Spielleiter, und die Seitenwetten begannen.
Grant hatte das Gefühl, von Geld umgeben zu sein, das aber noch in weiter Ferne
lag, abgesehen vom Stapel der vierhundert Pfund, den er mit der Schuhspitze berühren
konnte.
«Haben alle gesetzt?» rief der Spielleiter.
Die Stimmen verstummten.
«Gut! Wirf!»
Ungeschickt ließ Grant die Münzen in die Luft schnellen.
Ein Augenblick geistiger Umnachtung.
«Sie sind geteilt!» rief der Spielleiter im nächsten Augenblick und hob die Münzen
auf.
Grant wußte nicht, was das bedeutete, und erst als der Spielleiter die Münzen
wieder auf den Kip legte, begriff er, daß er einen Kopf und eine Zahl geworfen
hatte, was nicht zählte.
Er hatte plötzlich die Eingebung, daß seine Entscheidung, auf Kopf zu setzen,
falsch war. Als Werfer mußte er auf Zahl wetten. Aber er hatte keine Zeit, darüber
nachzudenken, weil der Spielleiter ihn aufforderte zu werfen. Wieder ließ er
die Münzen in die Luft schnellen.
Am Boden zeigte zweimal Kopf nach oben. Zweimal Kopf! Vierhundert Pfund! Aber
so, wie ein grelles Geräusch einen erfreulichen Traum stört, sagte der
Spielleiter: «Kein Wurf! Wetten abgebrochen. Kein Wurf! Behaltet euer Geld!»
Der Spielleiter hob die Münzen auf und legte sie auf den Kip in Grants
zitternder Hand zurück.
«Wirf sie über deinen Kopf, Kumpel.»
Genervt warf Grant die Münzen noch einmal in die Luft. Er versuchte, ihrem Flug
zu folgen, verlor sie gegen das blendende Licht der elektrischen Lampe aber aus
dem Blick.
Wo waren sie?
Zu seinen Füßen wurde gebalgt, und die Geldscheine, die vierhundert Pfund,
waren weg, der Spielleiter hatte Zahl gerufen, und Grant ging aus dem Ring und
hatte nicht einmal mitbekommen, wie die Münzen fielen.
Summende Taubheit ergriff seinen Körper, und er fürchtete, die anderen Spieler
könnten ihm seinen inneren Zusammenbruch ansehen. Seine Gesichtsmuskeln waren
so angespannt, daß er das Gefühl hatte, Grimassen zu schneiden; bestimmt
zuckten seine Wangen. Er lehnte sich an eine Wand, rauchte hastig, versuchte, über
sich selbst zu lachen, verfluchte sich und wünschte, er wäre nie in die Nähe
dieses Orts gekommen. Er mußte von hier weg, die Gefahr war ja noch nicht
vorbei. Der Teil seines Bewußtseins, dem die körperliche Verwirrung nichts
anhaben konnte, wiederholte: Es spielt keine Rolle. Du hast nur zweiundzwanzig
Pfund und zehn Schilling verloren. Du hast es riskiert, und es ist nicht geglückt.
Du hast es begriffen, bevor du das Risiko eingegangen bist. Du bist nicht
schlechter dran, als wenn du die zweiundzwanzig Pfund gleich am Anfang verloren
hättest.
Aber er war nicht überzeugt. Noch vor einer Minute hatte er zweihundert Pfund
besessen. Sinnlos zu sagen, daß er sie so schnell gewonnen wie verloren hatte.
Er fühlte sich ernüchtert, zittrig und angewidert vom Gefühl der Leere.
Die absolute Gleichgültigkeit der anderen um ihn herum kam ihm mutwillig vor,
aber der letzte Rest Humor, der ihm geblieben war, zerstreute den Anflug von
Selbstmitleid. Als er an seine fehlende Sorge um den Verlierer dachte, als er
selbst gewonnen hatte, mußte er grinsen.
Also gut, Grant, sagte er sich, du hast deinen Lauf gehabt. Leg dich wieder ins Bett und vergiß, was passiert ist.
Aber er blieb an die Wand gelehnt stehen, immer
noch durchdrungen von der geldgeladenen Atmosphäre. Zu gewinnen war so einfach
gewesen. Ein Wirbeln zweier Münzen, und das Geld verdoppelte sich und
verdoppelte sich und verdoppelte sich. Gütiger Gott! Der Hunger nach Geld war
eine nagende, an den Nerven zehrende Sache.
Als Crawford vor ihm auftauchte und fragte: «Wie geht’s, John, immer noch
hier?», erkannte er ihn kaum.
Grant hatte keine Kraft mehr, um sich an gesellschaftliche Konventionen zu
halten.
«Wechseln die hier einen Scheck?» fragte er. Nein, er würde nicht darüber
nachdenken, er würde es tun. Er würde es tun. Handle jetzt, und spar dir das
Nachdenken für später, aber handle jetzt.
«Ja», sagte Crawford, nicht überrascht, «wie hoch?»
«Einhundertvierzig.» Grant nahm den Scheck heraus und zeigte ihn Crawford.
«Das geht in Ordnung, ich kümmere mich drum. Aber Sie unterschreiben ihn
besser.»
Mit einem Kugelschreiber, den Crawford ihm gab, unterschrieb Grant den Scheck
auf der Rückseite, dann ging der Polizist zu den Spielleitern hinüber, die den
Scheck, ohne nachzufragen, einlösten und nachlässig Geldscheine aus ihren
Taschen zogen.
Grant bedankte sich kaum bei Crawford, als der ihm das Geld brachte.
«Wetten Sie mit?» fragte Crawford, aber Grant hatte ihn bereits vergessen. Er
war auf dem Weg an den Ring.
Seine Lippen arbeiteten verzweifelt. Irgendwo in seinem Hirn war ihm die
Unvernunft seines Verhaltens klar, aber er funktionierte wie ein Roboter,
beherrscht von einer Idee, die ihm fast wie ein Auftrag erschien. Er wurde von
einer Entscheidung vorwärtsgedrängt, die, so schien es jetzt, bereits vor
einer Ewigkeit getroffen worden war.
Mit kleinen Wetten langsam ein Vermögen aufzubauen – nein, das war nichts für
Grant. Er beugte sich über die Reihe von Spielern, die auf der Bank saßen, ließ
seine einhundertvierzig Pfund fallen und rief: «Eins vierzig auf Zahl.»
Seine Stimme klang fremd und entrückt, die Verzweiflung, die schwer auf seinen
Schultern lag, rumorte in seinem Magen. Er hatte keine Hoffnung zu gewinnen,
aber er hätte seine Wette niemals zurückgezogen, auch wenn er die Zeit dafür
gehabt hätte, bevor sein Einsatz von einem Geldscheinregen aus einem halben
Dutzend Richtungen zugedeckt wurde.
Keine drei Minuten nachdem er das Geld für seinen Lohnscheck bekommen hatte,
war es verloren.
Der Ruf «Kopf» hatte zuerst keine Wirkung auf ihn, doch ein oder zwei
Augenblicke später traf ihn der dumpfe Schock der Erkenntnis. Er schaute
ausdruckslos zu, wie fremde Hände das Geld wegrafften, das er hingelegt hatte.
Starrte den leeren Teppich an, dort, wo es gelegen hatte, bis an der Stelle mit
einemmal ein weiterer Berg von Geldscheinen wuchs und das Spiel weiterging.
Er drehte sich um und ging mit leerem Blick aus dem Gebäude, hinaus in die
Nacht, steif, wie versteinert vom Ausmaß seines Verlusts. Was der Verlust für
ihn bedeutete, war derart tragisch, daß er nicht darüber nachdenken konnte. In
seinem Bewußtsein saß ein kleiner straffer Knoten, um den die vernichtende
Erkenntnis dessen herumwirbelte, was er getan hatte. Bis sich dieser Knoten
entwirrte, brauchte er wohl nicht allzu gründlich darüber nachzudenken, was
als nächstes passieren würde.
Er ging zum Hotel zurück, zog die Kleider aus, fiel nackt auf das Bett und
starrte mit brennenden Augen an die Decke, bis er auf einen Schlag bei
eingeschaltetem Licht einschlief.
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