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Vertrauen
gegen Vertrauen
(Leseprobe aus: Vertrauen gegen Vertrauen, 1998, FVA)
Es war halb neun, Zeit, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Lola Dhol bekam mit, daß sich unten etwas tat, sie konnte Gespräche hören. Sie mußten in der Küche sitzen und die Ereignisse des vergangenen Abends kommentieren oder eine Bilanz des Kolloquiums ziehen. Sie würde ihnen allen zusammen gegenübertreten müssen und die entsetzliche gute Laune ertragen, die Pflicht ist, sobald mehr als drei Frauen zusammen sind: Zu zweit machen sie einander Geständnisse und sind bedrückt; zu dritt machen sie einander Mut; zu viert hacken drei auf die vierte ein, bis sie in Depressionen verfällt. Das ist wie bei den Tieren, bei den Vögeln vor allem. Setzt man zwei Unzertrennliche in einen Käfig, passiert gar nichts, fügt man ein weiteres Pärchen hinzu, fängt der Ärger an, sind sie zu sechst, zerfleischen sie sich.
Diese Frauenkolloquien voller Frauen, die nur über Frauen sprechen, und wo sie als Frau Frauentexte vorlas, waren ein Alptraum für sie. Kein einziger Mann am Horizont. Kein einziger aufrecht stehender Mann mehr, keiner, der nicht in Stücke gerissen, entmannt und exekutiert worden wäre. Sie fragte sich, warum auch die jungen Frauen auf diesen Karren aufsprangen und anfingen, Gift und Galle gegen die Männer zu spucken. Sie prangerten Männer an, die nicht in den Vortragssälen waren und nicht in ihrem Leben. Sie waren wie Archäologen, die das, wonach sie suchten, haßten, und die, entdeckten sie eine Tonscherbe oder ein Knochenfragment, sie ins Feuer werfen würden. Und das war um so seltsamer, als sie sich von jungen Männern assistieren ließen, die ihnen ihre Kolloquien organisierten, ihre Statements niederschrieben und wahre Ammendienste an ihren Computern versahen, die sie mit größter Vorsicht flach hinten in die Autos legten.
Gloria hatte ihr für die Dauer ihres Aufenthalts ihren Babilou ausgeliehen. Er fuhr sie in seinem himbeerfarbenen Cadillac umher und brachte sie heimlich an Orte, wo sie ein Glas oder zwei trinken konnte. Er benahm sich so kavaliershaft, schob ihr den Stuhl hin, verneigte sich leicht, konversierte auf französisch, daß in seiner Gegenwart zu trinken nicht mehr diese häßliche und heimliche Sache war, die sie zwang, die Flasche durch die braune Tüte hindurch zu betasten, die sie verbarg, oder alle Phiolen aus der Minibar in ihr Zahnputzglas gießen zu müssen. Er kontrollierte die Temperatur des Glases, die Anzahl der Eiswürfel, den kleinen Set unter dem Glas und bestellte nach, bevor ihr noch die Lust kam, ein weiteres Glas zu verlangen, denn sie hatte nie genug, sie brauchte immer NOCH EINS. Und der Typ, Babilou, hielt es ihr hin, als sei es das normalste auf der Welt, hintereinander drei Whisky zu trinken, drei doppelte Scotch. Seinen eigenen rührte er nicht an und ließ ihn ihr vor dem Aufbrechen, wenn sie, um aufrecht stehen zu können, sich schon an seinem Arm festhalten mußte.
Am Tag ihrer Ankunft hatte er sie gefragt, ob sie nichts bemerke. Sie sah einen jungen Typen von fünfundzwanzig im dunklen Anzug. Und dabei, insistierte er, bin ich Ihretwegen beim Friseur gewesen! Und tatsächlich, jetzt sah sie, daß er seine langen, blonden und weichen Haare im Nacken mit einer schwarzen Samtschleife zusammengesteckt hatte wie ein Sänger, den man für eine Rolle als Kammerdiener zurechtgemacht hat und der seinen Bühnenlook nach der Vorstellung beibehält. Die ganze Woche über hatte er den Kopf so steif gehalten, als sei er auf eine Lanze gespießt, aus lauter Angst, seine Fönfrisur durcheinanderzubringen, und es war komisch gewesen, diesen Verurteilten-Schädel inmitten der struppigen Frisuren der Kongreßteilnehmerinnen umherschweben zu sehen, die alle damit aufgehört hatten, durch künstliche Hilfsmittel verführerisch wirken zu wollen.
Er hatte Gloria so sehr bei ihr angeschwärzt, wie er nur konnte, ein streng kanalisiertes Wildwasser zurückgehaltenen Hasses: Sie terrorisiere ihn, drohe ihm, halte ihn wie einen Sklaven. Die gesamte praktische Organisation eines solchen Kolloquiums ruhe auf seinen Schultern, und kein einziges Mal würde sein Name auch nur genannt, und er verdiene keinen Pfennig daran. Er bot ihr ganz offen seine Dienste an. Er wußte offenbar nicht, wie weit sie runtergekommen war, um überhaupt nach Middleway zu reisen. Sie rechnete nach, was Babilou wohl an Fahrtkosten, Hotelzimmern, gutem Essen, Nachtclubs, Skiferien und Friseurbesuchen kosten mochte. Babilou aus Middleway war ganz einfach unerschwinglich. Als es ans Bezahlen ging, bat er sie um ihre Kreditkarte und steckte sie mit der Geste des geborenen Gentlemans in die Spieldose, die die Rechnung verbarg.
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