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Palermo/Der Schmerz
(Leseprobe aus:
Lo spasimo di
Palermo/Palermo.
Der Schmerz, Roman, 1998/2008,
Folio Verlag - Übertragung Maria
E. Brunner)
V
... es treibt sich nachts auf den Straßen herum, die Hufe auf dem
Pflaster aus Lavagestein, unterirdische Räume die widerhallen, es
steigt die Treppen hinauf, es tritt die Tür ein, es taucht im Spalt des
Vorhangs auf.
Der Schatten, später wird er weiß, das heisere Flüstern, Schrekken
und Schmerz, die strenge Maske, die Hand, die sich hebt, die
auf etwas hindeutet, die bedroht. Sie kam seit längerem ohne
Pulsschlag, ohne Klage, aber in der kalten Feuchtigkeit, im Widerwillen,
die Schlaflosigkeit des Morgens.
Auf der Pritsche im leeren Zimmer, die Decke aus Stuck, Risse,
noch bedrohlicher das Oval des Deckengemäldes, die Allegorie
zwischen den Wolken, das Schwert in der Faust, schwebend auf dem
Gewölbe. Die unstete Figur, die Temperamalerei der Waffe, der
Schatten der Welt, all dies verursachte Ängste, und Klingen Schuppen
Doppelungen Gleise nahmen Platz weg, schränkten Bewegungen
ein, führten zu Stillstand, ihr Geist zerfiel, sie ging endgültig weg.
Auf der Antenne das übliche Rufen des Käuzchens.
An jedem Monatsersten war es Chino, der den Briefumschlag zu
den Nonnen vom Orden des Verbo Incarnato brachte. Er hoffte
jedes Mal, Lucia wiederzusehen. Aber die Buchhalterin kam in das
Besprechungszimmer, setzte sich hinter den Tisch, unter das große
Kreuz, öffnete, zählte, machte sich Notizen im Register. Sie trug
Chino auf, dem Professor, dem Herrn Onkel auszurichten, indem
sie Chino mit einem Blick über den Rand der Brillengläser hinweg
musterte, daß er dem Schulgeld jeden Monat die Ausgaben für
Bücher Hefte Uniform Schuhe Wäsche hinzufügen solle. „Ach,
wieviel diese Glücklichen verbrauchen!“, und die Spende für den
Besuch seiner Eminenz, des Kardinals ... dann schrieb sie die Summe
auf einen Zettel, den sie dem Boten überreichte. „Ich verlasse mich
auf dich!“ sagte sie.
Chino hörte am Fenster die Stimmen der Schülerinnen auf der
anderen Seite des Sichtschutzes hinter dem Gitter. Er wußte, daß
Lucia in diesem Internat wie eine Gefangene gehalten wurde, ohne
Verwandte, ohne das Recht, Besuche zu empfangen, ohne Ferien,
der Vater, der sich nur ein paarmal aufgerafft hatte zu kommen, Don
Aspano, der Angst einflößte, der von weitem über dem Versprechen
und der Verpflichtung des Onkels wachte.
Er wurde von Gewissensbissen verfolgt, von Mitleid, er, der frei
war, der hingehen konnte, wo er wollte, nach Hause, in den Garten,
ins Istituto di Sampolo, zum Spielen, der Ausflüge mit den Kameraden
unternahm.
Er sprach mit Aurelia, er sagte immer wieder, daß es schrecklich
war, ungerecht, jetzt da die Schule ihre Tore schloß, das Internat
sich leerte, daß sie, Lucia, allein hinter diesen Mauern bleiben und
mit den Nonnen auch noch den Sommer verbringen sollte.
Als sie beim Essen waren, schaute ihn der Onkel an, er musterte
ihn ein paarmal, so als ob er seinen Neffen erst jetzt entdeckt hätte,
seinen Liebling, dann schüttelte er den Kopf.
„Du hast recht, Gioacchino, du hast recht. Es ist ungerecht“, sagte
er. „Ich sehe, du wirst erwachsen ... ich werde demda schreiben, dem
Vater, ich werde fragen, ob das Mädchen ein paar Tage hier bei uns
verbringen kann ... wenn ich mit meinen Analysen fertig bin, bevor
wir nach San Martino umziehen ...“
Sie war blaß, mager, noch größer geworden, die Haare zu Zöpfen
gezähmt wie bei einem Kind, die graue Uniform, die Baskenmütze,
die schwarzen Schuhe. Aber sie lächelte, sie sagte „Danke, danke“,
nach jeder Geste von Aurelia, sie senkte den Kopf, sie wurde rot,
wenn der Onkel dabei war. Mehr als der Garten gefiel ihr das Haus
in gelbem Tuffstein aus der Gegend von Aspra, die zwei Treppen-
aufgänge, der Söller, das verrostete Wappen, die vielen Zimmer, die
Tapeten, das Gold an den Türen, die Oberlichter mit den Malereien,
die Möbel, die Vorhänge, die Teppiche, die würdevollen Porträts,
dunkel waren die Porträts der Ribba Marasà gehalten, hell und
freundlich das der gnädigen Frau, der Ehefrau des Onkels, in einem
weißen Kleid mit Stickereien, einem Hut mit Federn, mit Schmuck
am Dekolleté, auf der Brust, einen Rosenstrauß in der Hand. Lucia
bemerkte den dunklen Teint der Haut, das runde Antlitz, die Ruhe
in den Augen, die Hände mit den anmutigen Grübchen.
„Eine Mutter“, sagte sie.
„Aber sie hatte keine Kinder ...“
„Besser. So kann sie sich jeder, der will, aussuchen. Sie gehört
auch dir, ein wenig ...“
Chino wurde traurig bei diesen Gesprächen, er drehte sich weg,
er tat so, als ob er auf den Regalen ein Buch suchen würde. Er las
auf den Buchrücken
Le pescaggioni, Le tonnare di Sicilia, Osservazionipratiche intorno la pesca, corso e cammino dei tonni.
Er nahmdieses Buch, schlug es auf:
Tonnara della Lupa, di Trabia, S. Nicolò,Solanto, S. Elia, S. Giorgio, Arinella ...
Er hielt inne und las: „DiesesThunfischerdorf liegt auf der Westseite der Acqua Santa, an den
Ausläufern der Falde und des Strandes von Sacromonte, hundertfünfzig
Schritte weit entfernt vom Hafen, bei einer Landzunge, die
aus dem Meer aufragt, mit einem Sandstrand dahinter, mit mehreren
seichten Stellen ringsumher, zudem ein angenehmer Ort, und
im Sommer ein Ort für Badevergnügen, da er sich eine halbe Meile
lang bis zum Strand erstreckt ...“
„Gehen wir“, sagte er zu ihr, „gehen wir ans Meer. Seit Jahren
sehe ich es aus der Ferne. Der Onkel liebt es nicht, wie er sagt“, und
er machte seine Stimme nach, den Tonfall: „Es ist Haltlosigkeit in
Reinform, eine unnütze und gefährliche Gegend, Rückzugsort für
jeden armen Teufel und Abenteurer ...“
Lucia lachte, sie, die auf der Ortigia von Meer umgeben und vom
Meer gelebt hatte, in jener Via dei Cordai, die auf die Hafenmole
zuführte, mit Fischernetzen Fischreusen Fischern Altwarenhändlern,
am Hafen voller Barken Segelschiffe Kähne Dampfschiffe, die
nach Malta, Tunesien, Griechenland ausliefen.
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