Palermo. Der Schmerz von Vincenzo Consolo, 2008, Folio

Vincenzo Consolo

Palermo/Der Schmerz
(Leseprobe aus: Lo spasimo di Palermo/Palermo. Der Schmerz, Roman, 1998/2008, Folio Verlag - Übertragung Maria E. Brunner)

V

... es treibt sich nachts auf den Straßen herum, die Hufe auf dem

Pflaster aus Lavagestein, unterirdische Räume die widerhallen, es

steigt die Treppen hinauf, es tritt die Tür ein, es taucht im Spalt des

Vorhangs auf.

Der Schatten, später wird er weiß, das heisere Flüstern, Schrekken

und Schmerz, die strenge Maske, die Hand, die sich hebt, die

auf etwas hindeutet, die bedroht. Sie kam seit längerem ohne

Pulsschlag, ohne Klage, aber in der kalten Feuchtigkeit, im Widerwillen,

die Schlaflosigkeit des Morgens.

Auf der Pritsche im leeren Zimmer, die Decke aus Stuck, Risse,

noch bedrohlicher das Oval des Deckengemäldes, die Allegorie

zwischen den Wolken, das Schwert in der Faust, schwebend auf dem

Gewölbe. Die unstete Figur, die Temperamalerei der Waffe, der

Schatten der Welt, all dies verursachte Ängste, und Klingen Schuppen

Doppelungen Gleise nahmen Platz weg, schränkten Bewegungen

ein, führten zu Stillstand, ihr Geist zerfiel, sie ging endgültig weg.

Auf der Antenne das übliche Rufen des Käuzchens.

An jedem Monatsersten war es Chino, der den Briefumschlag zu

den Nonnen vom Orden des Verbo Incarnato brachte. Er hoffte

jedes Mal, Lucia wiederzusehen. Aber die Buchhalterin kam in das

Besprechungszimmer, setzte sich hinter den Tisch, unter das große

Kreuz, öffnete, zählte, machte sich Notizen im Register. Sie trug

Chino auf, dem Professor, dem Herrn Onkel auszurichten, indem

sie Chino mit einem Blick über den Rand der Brillengläser hinweg

musterte, daß er dem Schulgeld jeden Monat die Ausgaben für

Bücher Hefte Uniform Schuhe Wäsche hinzufügen solle. „Ach,

wieviel diese Glücklichen verbrauchen!“, und die Spende für den

Besuch seiner Eminenz, des Kardinals ... dann schrieb sie die Summe

auf einen Zettel, den sie dem Boten überreichte. „Ich verlasse mich

auf dich!“ sagte sie.

Chino hörte am Fenster die Stimmen der Schülerinnen auf der

anderen Seite des Sichtschutzes hinter dem Gitter. Er wußte, daß

Lucia in diesem Internat wie eine Gefangene gehalten wurde, ohne

Verwandte, ohne das Recht, Besuche zu empfangen, ohne Ferien,

der Vater, der sich nur ein paarmal aufgerafft hatte zu kommen, Don

Aspano, der Angst einflößte, der von weitem über dem Versprechen

und der Verpflichtung des Onkels wachte.

Er wurde von Gewissensbissen verfolgt, von Mitleid, er, der frei

war, der hingehen konnte, wo er wollte, nach Hause, in den Garten,

ins Istituto di Sampolo, zum Spielen, der Ausflüge mit den Kameraden

unternahm.

Er sprach mit Aurelia, er sagte immer wieder, daß es schrecklich

war, ungerecht, jetzt da die Schule ihre Tore schloß, das Internat

sich leerte, daß sie, Lucia, allein hinter diesen Mauern bleiben und

mit den Nonnen auch noch den Sommer verbringen sollte.

Als sie beim Essen waren, schaute ihn der Onkel an, er musterte

ihn ein paarmal, so als ob er seinen Neffen erst jetzt entdeckt hätte,

seinen Liebling, dann schüttelte er den Kopf.

„Du hast recht, Gioacchino, du hast recht. Es ist ungerecht“, sagte

er. „Ich sehe, du wirst erwachsen ... ich werde demda schreiben, dem

Vater, ich werde fragen, ob das Mädchen ein paar Tage hier bei uns

verbringen kann ... wenn ich mit meinen Analysen fertig bin, bevor

wir nach San Martino umziehen ...“

Sie war blaß, mager, noch größer geworden, die Haare zu Zöpfen

gezähmt wie bei einem Kind, die graue Uniform, die Baskenmütze,

die schwarzen Schuhe. Aber sie lächelte, sie sagte „Danke, danke“,

nach jeder Geste von Aurelia, sie senkte den Kopf, sie wurde rot,

wenn der Onkel dabei war. Mehr als der Garten gefiel ihr das Haus

in gelbem Tuffstein aus der Gegend von Aspra, die zwei Treppen-

aufgänge, der Söller, das verrostete Wappen, die vielen Zimmer, die

Tapeten, das Gold an den Türen, die Oberlichter mit den Malereien,

die Möbel, die Vorhänge, die Teppiche, die würdevollen Porträts,

dunkel waren die Porträts der Ribba Marasà gehalten, hell und

freundlich das der gnädigen Frau, der Ehefrau des Onkels, in einem

weißen Kleid mit Stickereien, einem Hut mit Federn, mit Schmuck

am Dekolleté, auf der Brust, einen Rosenstrauß in der Hand. Lucia

bemerkte den dunklen Teint der Haut, das runde Antlitz, die Ruhe

in den Augen, die Hände mit den anmutigen Grübchen.

„Eine Mutter“, sagte sie.

„Aber sie hatte keine Kinder ...“

„Besser. So kann sie sich jeder, der will, aussuchen. Sie gehört

auch dir, ein wenig ...“

Chino wurde traurig bei diesen Gesprächen, er drehte sich weg,

er tat so, als ob er auf den Regalen ein Buch suchen würde. Er las

auf den Buchrücken Le pescaggioni, Le tonnare di Sicilia, Osservazioni

pratiche intorno la pesca, corso e cammino dei tonni. Er nahm

dieses Buch, schlug es auf: Tonnara della Lupa, di Trabia, S. Nicolò,

Solanto, S. Elia, S. Giorgio, Arinella ... Er hielt inne und las: „Dieses

Thunfischerdorf liegt auf der Westseite der Acqua Santa, an den

Ausläufern der Falde und des Strandes von Sacromonte, hundertfünfzig

Schritte weit entfernt vom Hafen, bei einer Landzunge, die

aus dem Meer aufragt, mit einem Sandstrand dahinter, mit mehreren

seichten Stellen ringsumher, zudem ein angenehmer Ort, und

im Sommer ein Ort für Badevergnügen, da er sich eine halbe Meile

lang bis zum Strand erstreckt ...“

„Gehen wir“, sagte er zu ihr, „gehen wir ans Meer. Seit Jahren

sehe ich es aus der Ferne. Der Onkel liebt es nicht, wie er sagt“, und

er machte seine Stimme nach, den Tonfall: „Es ist Haltlosigkeit in

Reinform, eine unnütze und gefährliche Gegend, Rückzugsort für

jeden armen Teufel und Abenteurer ...“

Lucia lachte, sie, die auf der Ortigia von Meer umgeben und vom

Meer gelebt hatte, in jener Via dei Cordai, die auf die Hafenmole

zuführte, mit Fischernetzen Fischreusen Fischern Altwarenhändlern,

am Hafen voller Barken Segelschiffe Kähne Dampfschiffe, die

nach Malta, Tunesien, Griechenland ausliefen.

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