Gabrielle oder Die Rückkehr von Joseph Conrad, 2006, dtv

Joseph Conrad

Gabrielle oder Die Rückkehr
(Leseprobe aus: Gabrielle oder Die Rückkehr, Erzählungen, 2006, dtv - Übertragung Sophie Zeitz)

Er erkannte die Handschrift seiner Frau und sah, daß der Umschlag an ihn adressiert war. Er murmelte: »Wie überaus sonderbar«, und verspürte einen gewissen Ärger. Abgesehen davon, daß jede sonderbare Handlung grundsätzlich ungehörig war, machte die Tatsache, daß seine Frau sich derartiges erlaubte, die Sache doppelt ärgerlich. Daß sie ihm überhaupt schrieb, wo sie wußte, daß er zum Abendessen zu Hause wäre, war vollkommen lächerlich; doch daß sie den Brief so hier liegen ließ – wo er jederzeit zufällig entdeckt werden konnte –, schien ihm so unerhört, daß ihn, als er darüber nachdachte, plötzlich ein schwindeliges Gefühl von Unsicherheit ergriff und er für einen Augenblick die absurde und bizarre Vorstellung hatte, das Haus hätte sich ein wenig unter seinen Füßen bewegt. Er riß den Umschlag auf, warf einen Blick auf den Brief und setzte sich auf den nächsten Stuhl.

Während er sich das Papier vor die Augen hielt und das halbe Dutzend Zeilen betrachtete, die über die Seite gekritzelt waren, war er wie betäubt von einem Lärm, einem sinnlosen, gewaltigen Lärm wie das Schlagen eines Gongs oder ein Trommelwirbel; ein großes, zielloses Brüllen, das ihn gewissermaßen daran hinderte, sich denken zu hören, und alles in seinem Kopf auslöschte. Es schien, als würde dieser absurde und störende Krawall aus den geschriebenen Worten hervorquellen, zwischen seinen eigenen Fingern durchsickern, die zitternd das Blatt hielten. Und plötzlich ließ er den Brief fallen wie etwas Heißes, etwas Giftiges oder Unreines; und dann rannte er mit überstürzter Hast, wie einer, der wegen Feuer oder Mord Alarm schreien will, Hals über Kopf zum Fenster, riß es hoch und streckte den Kopf hinaus.

Ein kühler Windstoß, der über der Wüste der Dächer und Schornsteine durch die feuchte, rußige Dunkelheit strich, traf sein Gesicht wie ein klammer Schlag. Vor sich sah er eine unendliche Finsternis, in der sich ein schwarzes Durcheinander von Mauern erhob und dazwischen zahllose Reihen von Gaslaternen, die sich in langen Linien in die Weite streckten wie aufgefädelte Perlen aus Feuer. Wie ein Schwelbrand glomm ein unheilvoller Schein unter dem Nebel und fiel auf die wogende, reglose See aus Ziegeln und Klinkern. Beim Knarren des geöffneten Fensters schien die Welt aus der Nacht hervorzustürzen und sich vor ihm aufzubäumen, während von unten ein gewaltiges leises Rauschen an seine Ohren drang; das tiefe Gemurmel von etwas Riesigem und Lebendigem. Es durchfuhr ihn mit einem Gefühl von Entsetzen, und er schnappte lautlos nach Luft. Vom Droschkenstand auf dem Platz waren deutlich heisere Stimmen zu hören und höhnisches Lachen, das unheimlich schroff und grausam klang. Es klang bedrohlich. Er zog den Kopf wieder ein, als duckte er sich vor einem gezielten Hieb, und riß das Fenster hastig herunter. Er machte ein paar Schritte, taumelte gegen einen Stuhl, dann nahm er sich unter großer Anstrengung zusammen, um einen bestimmten Gedanken festzuhalten, der ihm flüchtig durch den Kopf jagte.

Schließlich bekam er ihn zu fassen, mit größerer Mühe als erwartet; sein Gesicht war gerötet, und er schnaufte ein wenig, als hätte er den Gedanken mit den Händen gefangen, und doch war er zu schwach, ihn festzuhalten, so schwach, daß er die Notwendigkeit spürte, den Gedanken laut auszusprechen – ihn mit fester Stimme gesprochen zu hören –, um sich seiner in vollem Maße bemächtigen zu können. Aber es widerstrebte ihm, seine eigene Stimme zu hören – irgendein Geräusch zu hören –, aufgrund einer vagen Überzeugung, die sich langsam in ihm formte, daß Einsamkeit und Stille die größten Glückseligkeiten der Menschheit sind. Bereits im nächsten Moment ahnte er, daß beides völlig unerreichbar ist – daß Gesichter gesehen, Worte gesprochen, Gedanken gehört werden müssen. All die Worte – all die Gedanken!

Er sagte sehr deutlich, indem er auf den Teppich starrte: »Sie ist fort.«

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