Pinocchios Abenteuer von Carlo Collodi, 2005, dtv

Carlo Collodi

Pinocchios Abenteuer
(Leseprobe aus: Abenteuer des Pinocchio/Pinocchios Abenteuer, Geschichten, 881-83/dtv - Übertragung Heinz Riedt)

Zu Hause geht Geppetto gleich daran, seinen Hampelmann zu schnitzen und gibt ihm
den Namen »Pinocchio«. Pinocchios erste Streiche


Geppettos Heim war nur ein kleines Zimmer zu ebener Erde, dessen einziges Fenster unter einem Treppenaufgang lag. Die Einrichtung konnte nicht bescheidener sein: ein wackliger Stuhl, ein schlechtes Bett und ein alter, beschädigter Tisch. An der hinteren Zimmerwand konnte man einen kleinen Kamin erkennen, in dem Feuer brannte; aber es war nur gemaltes Feuer und über ihm hing ein gemalter Kessel, der lustig kochte und eine Wolke von Dampf ausstieß, die ganz wie echter Dampf aussah.

Kaum war Geppetto zu Hause angekommen, da nahm er gleich sein Werkzeug zur Hand und fing an, den Hampelmann zu schnitzen.

»Welchen Namen soll ich ihm nur geben?« überlegte er sich. »Ich will ihn Pinocchio heißen. Dieser Name wird ihm Glück bringen. Ich kannte einmal eine ganze Familie von Pinocchi: Pinocchio hieß der Vater; Pinocchia hieß die Mutter und Pinocchi hießen die Kinder, und alle haben sich gut gehalten. Der reichste lebte von Almosen.«

Als er so den Namen für seinen Hampelmann gefunden hatte, ging er mit großem Eifer an die Arbeit, machte ihm zuerst die Haare, dann die Stirn und dann die Augen.

Und als die Augen fertig waren, merkte er - stellt euch sein Erstaunen vor -, daß sie sich bewegen konnten und ihn unentwegt anstarrten. Wie sich Geppetto von diesen Holzaugen so angestarrt sah, nahm er es beinahe krumm und sagte voller Verdruß:
»Ihr blöden Holzaugen, was glotzt ihr mich so an?« Doch niemand antwortete.

Nach den Augen machte er die Nase. Kaum war die fertig, fing sie auch schon an zu wachsen - und wuchs und wuchs, bis sie in wenigen Minuten zu einer Riesennase geworden war, die gar kein Ende nehmen wollte.

Der arme Geppetto gab sich alle Mühe, sie zu stutzen; aber je mehr er an ihr herumschnitt und abschnitt, desto länger wurde diese freche Nase.
Nach der Nase machte er ihm den Mund.

Der war noch nicht ganz fertig, als er schon anfing zu lachen und sich über ihn lustig zu machen.

»Hör auf zu lachen«, sagte Geppetto gereizt. Mit dem gleichen Erfolg hätte er zu einer Mauer sprechen können.

»Ich sag's dir noch einmal: Hör auf zu lachen!« schrie er jetzt mit drohender Stimme.

Da hörte der Mund wirklich zu lachen auf, streckte aber dafür ganz weit die Zunge heraus.

Geppetto wollte sich seine Laune nicht ganz verderben, tat so, als ob er nichts merkte, und arbeitete weiter. Nach dem Mund machte er das Kinn, dann den Hals, die Schultern, den Leib, die Arme und die Hände.

Die Hände waren gerade fertig geworden, da merkte er, wie ihm die Perücke vom Kopf gezogen wurde. Er schaute auf - und was mußte er da sehen? Der Hampelmann hielt seine gelbe Perücke in der Hand!

»Pinocchio! - gibst du mir gleich meine Perücke wieder . . .!«

Aber statt sie zurückzugeben, stülpte sie sich Pinocchio über seinen eigenen Kopf und bekam: darunter fast keine Luft mehr.

Geppetto machte dieses unverschämte und höhnische Verhalten so traurig und schwermütig, wie er es sein Lebtag noch nicht gewesen war; und er sagte zu Pinocchio:

»Du Lausebengel von einem Pinocchio, du bist noch gar nicht ganz fertig und schon läßt du es deinem Vater gegenüber an Achtung fehlen! Schlimm, mein Junge, sehr schlimm!«

Und er wischte sich eine Träne weg. Jetzt mußten noch die Beine und Füße geschnitzt werden.

Als Geppetto die Füße fertig hatte, bekam er einen Fußtritt auf die Nasenspitze.

»Das ist meine eigene Schuld!« dachte er sich. »Ich hätte eben eher daran denken sollen, jetzt ist es zu spät.« Dann ergriff er den Hampelinann unter den Achseln und stellte ihn auf die Erde, auf den Zimmerboden, damit er gehen sollte.

Aber Pinocchio hatte noch ganz ungelenke Beine und konnte sich nicht recht bewegen. Also nahm ihn Geppetto an der Hand und lehrte ihn, wie man einen Fuß vor den andern setzt.

Als sich die Beine gelockert hatten, ging Pinocchio schon ganz frei und lief allein durchs Zimmer. Schließlich überschritt er die Türschwelle, hüpfte mitten auf die Straße und nahm Reißaus.

Und der arme Geppetto hinter ihm her und konnte ihn nicht einholen, denn dieser Pinocchio machte Sätze wie ein Hase und klapperte dabei mit seinen hölzernen Füßen über das Straßenpffaster, daß es lärmte wie zwanzig Paar Bauernholzschuhe.

»Haltet ihn, haltet ihn!« schrie Geppetto. Aber als die Leute auf der Straße das hölzerne Hampelmännchen wie einen Windhund rennen sahen, blieben sie vor Entzücken stehen, schauten ihm zu und lachten, lachten so, daß man es sich überhaupt nicht vorstellen kann.

Schließlich kam zum Glück ein Polizist daher. Der meinte, ein Fohlen sei seinem Herrn durchgegangen, und er stellte sich, um Schlimmeres zu verhüten, mutig und breitbeinig mitten auf die Straße, fest entschlossen, das Tier abzufangen.

Pinocchio hatte schon von weitem bemerkt, daß der Polizist die ganze Straße versperrte, und er wollte ihm unversehens zwischen den Beinen durch. Doch das wurde ein kläglicher Mißerfolg.

Mit einem einzigen Griff packte ihn der Polizist schön säuberlich an der Nase (und es war ja auch eine ungewöhnlich lange Nase, die eigens dazu geschaffen schien, von Polizisten gepackt zu werden) und gab ihn in die Hände Geppettos zurück. Der wollte ihm zur Strafe gleich tüchtig die Ohren langziehen. Aber stellt euch seine Verblüffung vor, als er die Ohren suchte und keine finden konnte! Könnt ihr euch denken, weshalb? Weil er im Eifer des Schnitzens ganz vergessen hatte, ihm welche zu machen.

So faßte er ihn am Genick und führte ihn denselben Weg wieder zurück. Und dabei sprach er mit drohendem Kopfschütteln:

»Wir gehen jetzt sofort nach Hause. Und wenn wir
erst zu Hause sind, wirst du schon erleben, wie wir miteinander abrechnen!«

Bei dieser Drohung ließ sich Pinocchio zu Boden fallen und wollte nicht von der Stelle. Gleich kamen Neugierige und Müßiggänger hinzu, und es gab einen richtigen kleinen Menschenauflauf.

Der eine hatte dies, der andere das zu sagen.
»Armer Hampelmann«, meinten ein paar Leute, »er hat ganz recht, wenn er nicht mehr nach Hause will. Wer weiß, wie ihn dieser Unmensch Geppetto verprügeln wird.«

Und die andern voller Bosheit: »Dieser Geppetto sieht zwar wie ein ganz anständiger Mensch aus, in Wahrheit ist er aber roh und herrschsüchtig zu den Kindern. Lassen wir ihm den armen Hampelmann, dann ist er noch imstande und schlägt ihn in Stücke.«

Und sie redeten so lange und machten so viel Aufhebens, daß der Polizist den Pinocchio wieder in Freiheit setzte und den armen Geppetto dafür ins Gefängnis brachte. Der fand im Augenblick gar keine Worte zu seiner Verteidigung, weinte wie ein Schloßhund und sprach, noch schluchzend, auf dem Weg zum Gefängnis:

»Du unglückseliger Junge. Und dazu habe ich mich so abgemüht, einen anständigen Hampelmann aus dir zu machen! Aber mir geschieht's ganz recht: ich hätte eben eher daran denken sollen!«

Was sich dann später alles ereignete, das ist eine ganz unglaubliche Geschichte, die ich euch in den nächsten Kapiteln erzählen werde.

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