Die Tapferen von Albert Cohen, 2006, Weidle-Verlag

Albert Cohen

Die Tapferen
(Leseprobe aus: Die Tapferen, Roman, 2006, Weidle-Verlag - Übertragung Andrea Spingler)

Um sechs Uhr morgens entstieg Pinhas Solal, genannt Eisenbeißer, in dem ihm als Schlafzimmer dienenden Keller gänzlich angekleidet der Hängematte, die sein Bett darstellte.
Wie um von sich selbst Abschied zu nehmen, betrachtete er sich in der gesprungenen Glasscheibe, die an der Wand lehnte und ihm als Spiegel diente. Mit tiefen Seufzern bewunderte er all das an seiner Erscheinung, was er bald nie mehr sehen würde, bewunderte sein hageres Gestell eines Schwindsüchtigen, seinen sardonisch gegabelten Bart, seine dreckigen großen Füße, die er so geliebt hatte, seine gewaltigen Hände, ganz aus Knochen, Haaren und vortretenden Adern, seinen geflickten Gehrock, seinen Zylinder. Ein ernüchtertes Lächeln entblößte seine langen gelben Zähne, die ebensoweit auseinanderstanden wie seine Zehen. Ja, dieser Tag, der achtundzwanzigste März, würde der unselige Tag seines Ablebens sein.
»Leb wohl, teurer Anblick meiner Person!« sagte er zu seinem Bild in der Scheibe.
So endeten leider alle Genies: im Elend und durch Selbstmord!
Ach, die Gesellschaft war schlecht eingerichtet, und es war ungerecht, daß Überlegenheit unter den Menschen auf anderem beruhen konnte als auf Verdiensten, rascher Auffassungsgabe und Tugend!

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