Ein Haus in Spanien von J.M.Coetzee, 2017, S. Fischer

J.M. Coetzee

Ein Haus in Spanien
(Leseprobe aus:
Ein Haus in Spanien, Drei Geschichten, 2017, S. Fischer - Übertragung Reinhild Böhnke).

Mit zunehmendem Alter wird er, wie er feststellen

muss, immer unduldsamer, was die Sprache betriff t,

ihren schludrigen Gebrauch, das sinkende Niveau.

Zum Beispiel: sich verlieben. »Wir haben uns in das

Haus verliebt«, sagen Freunde. Wie kann man sich

in ein Haus verlieben, wenn das Haus die Liebe nicht

erwidern kann?, möchte er entgegnen. Wenn man

anfängt, sich in Dinge zu verlieben, was bleibt dann

übrig von der wahren Liebe, der Liebe, wie sie einmal

war? Aber keinen scheint das zu kümmern. Die

Leute verlieben sich in Gobelins, in Oldtimer.

Gern würde er diesen Neologismus, diesen Modeausdruck,

leichthin abtun, aber er kann es nicht.

Wenn sich nun darin etwas off enbart, ein Wandel im

Fühlen der Menschen? Wenn nun die Seele, von der

er geglaubt hatte, sie sei ihrer Substanz nach zeitlos,

schließlich doch nicht zeitlos ist, sondern allmählich

leichter wird, weniger ernsthaft, sich den Zeiten anpasst?

Wenn es nun für die Seele gar nicht mehr seltsam

ist, sich in Dinge zu verlieben – vielmehr ein

Kinderspiel? Wenn nun die Menschen um ihn mit

Hilfe ihrer neuen, modernisierten Seelen Immobi-

lien gegenüber wirklich das Herzweh empfi nden,

das er mit dem Sichverlieben verbindet? Wenn darüber

hinaus seine Krittelei nicht das bedeutet, was

er sich selbst einredet – eine altmodische Pedanterie

in sprachlichen Dingen – , sondern im Gegenteil (er

fasst den Gedanken fest ins Auge) Neid, den Neid

eines Mannes, der zu alt, zu unbeweglich geworden

ist, um sich noch einmal zu verlieben?

(...)

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