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1. Über den Ursprung des Staates
(Leseprobe aus:
Tagebuch eines
schlimmen Jahres, Roman, 2008,
S. Fischer -
Übertragung Reinhild
Böhnke).
Jede Betrachtung über den Ursprung des Staates geht von der Prämisse aus,
dass »wir« – nicht wir, die Leser, sondern ein weit gefasstes Gattungs-Wir,
das niemand ausschließt – an seiner Entstehung teilhaben. Tatsache ist jedoch,
dass wir selbst und die uns nahestehenden Menschen – das einzige
»Wir«, das uns vertraut ist – in den Staat hineingeboren werden; und auch
unsere Vorfahren, soweit wir sie zurückverfolgen können, wurden in den
Staat hineingeboren. Der Staat ist immer schon vor uns da.
(Wie weit können wir unsere Ahnen zurückverfolgen? In Afrika glaubt
man allgemein, dass nach der siebenten Generation nicht mehr zwischen
Geschichte und Mythos unterschieden werden kann.)
Wenn wir trotz dessen, was wir mit unseren Sinnen erfassen können,
von der Prämisse ausgehen, dass unsere Vorfahren den Staat geschaffen haben,
dann müssen wir auch akzeptieren, was daraus folgt: dass es nämlich
uns oder unseren Vorfahren möglich gewesen wäre, dem Staat eine andere
Form zu geben, wenn wir das gewollt hätten; und vielleicht auch, dass wir
ihn ändern könnten, wenn wir das gemeinsam beschließen würden. Tatsache
ist aber, dass es denen, die »unter« dem Staat leben, die zum Staat »gehören
«, selbst gemeinsam sehr schwerfallen würde, die Staatsform zu ändern;
sie – wir – haben gewiss keine Macht, ihn abzuschaffen.
Es ist kaum in unserer Macht, die Form des Staates zu ändern, und unmöglich,
ihn abzuschaffen, weil wir dem Staat gegenüber genau genommen
machtlos sind.
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © S.Fischer