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Zeitlupe
(Leseprobe aus: Zeitlupe, Roman, 2005, S.
Fischer - Übertragung Reinhild Böhnke)
Der Stoß erwischt ihn rechts, heftig und
unerwartet und schmerzhaft wie ein elektrischer
Schlag, und schleudert ihn vom Fahrrad. Entspanne dich!, ermahnt er sich,
während er durch
die Luft fliegt (mit größter Leichtigkeit durch die Luft fliegt!), und
tatsächlich spürt er, wie
seine Gliedmaßen gehorsam erschlaffen. Wie eine Katze, sagt er sich: rolle ab
und spring
dann auf die Füße, bereit für das, was kommt. Das ungewöhnliche Wort
geschmeidig taucht
auch auf.
Ganz so kommt es aber nicht. Ob nun deshalb, weil seine Beine ihm nicht
gehorchen oder
weil er für einen Moment betäubt ist (er hört den Aufschlag seines Schädels
auf dem Asphalt
mehr als dass er ihn fühlt - fern, dumpf, wie ein Schlag mit dem Holzhammer),
er springt
überhaupt nicht auf die Füße, sondern gleitet im Gegenteil Meter um Meter,
immer weiter, bis
ihn das Gleiten einlullt.
Er liegt der Länge nach da, friedlich. Es ist ein wunderschöner Morgen. Er
spürt die
freundliche Sonne. Es gibt Schlimmeres als das Erschlaffen des Körpers
zuzulassen und
darauf zu warten, dass die Kraft zurückkehrt. Eigentlich könnte es auch
Schlimmeres geben
als kurz einzunicken. Er schließt die Augen; die Erde kippt unter ihm weg,
dreht sich; er
verliert das Bewusstsein.
Einmal kommt er kurz wieder zu sich. Der Körper, der so leicht durch die Luft
geflogen war,
ist schwer geworden, so ungeheuer schwer, dass er beim besten Willen keinen
Finger rühren
kann. Und nun erscheint jemand undeutlich über ihm und verdeckt den Himmel, ein
Junge
mit borstigem Haar und Pickeln am Haaransatz. "Mein Fahrrad", sagt er
zu ihm deutlich
artikulierend.
Rezension I Buchbestellung I home III05 LYRIKwelt © S.Fischer