Der Regen, bevor er fällt von Jonathan Coe, 2009, DVA

Jonathan Coe

Der Regen, bevor er fällt
(Leseprobe aus: Der Regen, bevor er fällt, Roman, 2009, DVA - Übertragung Andreas Gressmann).

Als das Telefon klingelte, war Gill draußen und harkte die Blätter zu kupferfarbenen Haufen zusammen, während ihr Mann sie mit der Schaufel auf das Feuer warf. Es war ein Sonntagnachmittag im Spätherbst. Sie lief in die Küche, als sie das schrille Klingeln hörte, und spürte, wie die Wärme des Hauses sie mit einem Mal einhüllte. Sie hatte nicht bemerkt, wie kalt es draußen geworden war. Höchstwahrscheinlich würde es in der Nacht Frost geben.

Kurze Zeit später kam sie wieder den Pfad entlang auf das kleine Feuer zu, von dem blaugrauer Rauch kräuselnd in die beginnende Abenddämmerung aufstieg. Stephen wandte sich um, als er sie näherkommen hörte. Er las in ihrem Blick, dass es schlechte Nachrichten gab, und sofort musste er an ihre Töchter denken, an die Gefahren, die im Zentrum von London lauerten, an Bomben, an Bus- und U-Bahn-Fahrten, die einst zur täglichen Routine gehörten, inzwischen aber mit einem gewissen Risiko für Leib und Leben verbunden waren.

»Was gibt’s?«

Und als Gill ihm berichtete, dass Rosamond gestorben war, im Alter von dreiundsiebzig Jahren, konnte er ein beschämendes Gefühl der Erleichterung nicht unterdrücken.

Er schloss Gill in die Arme, und sie hielten einander schweigend umfangen. Eine Minute oder länger wurde die Stille nur vom Knistern des brennenden Laubes durchbrochen, vom Ruf einer Ringeltaube, dem entfernten Brummen vorbeifahrender Autos.

»Die Ärztin hat sie gefunden«, sagte Gill und löste sich sanft aus der Umarmung.

»Sie saß aufrecht in ihrem Sessel, steif wie ein Brett.« Gill seufzte. »Ich werde wohl morgen nach Shropshire fahren müssen, um alles mit dem Anwalt zu besprechen. Und mich um die Beerdigung kümmern.«

»Morgen? Da kann ich nicht mitkommen«, sagte Stephen rasch.

»Ich weiß.«

»Wir haben unser Vorstandstreffen. Alle werden da sein. Ich soll die Sitzung leiten.«

»Ich weiß. Mach dir keine Gedanken.«

Sie lächelte und wandte sich ab. Nur ihr auf- und abwippendes aschblondes Haar war deutlich zu erkennen, als sie auf dem Gartenweg zurücklief und ihn, wie so oft, mit dem Gefühl zurückließ, ihre Erwartungen auf irgendeine Weise enttäuscht zu haben.

Die Beerdigung fand am Freitagmorgen statt. Das Dorf, das Gill aus ihrer Kindheit wie ein Bild aus einem Malheft in kräftigen Grundfarben im Gedächtnis hatte, war wie grau gewaschen. Der in diesen Erinnerungen tiefblaue Himmel, der sich auf wundersame Weise irgendwo auf Hunderten von Diapositiven erhalten hatte, war nunmehr auf ein absolut nichtssagendes weißes Blatt Papier reduziert. Vor dieser gestaltlosen Kulisse wiegten sich dunkel und blassgrüne Grüppchen von Bergahorn und Nadelbäumen im Wind. Das Rauschen der Blätter war das Einzige, was sich von dem unablässigen Hintergrundgeräusch des in der Ferne brausenden Verkehrs abhob. Der Kirchhof selbst war mit verblichen grünem Rasen bewachsen, nur stellenweise durchbrochen von moos- und flechtenüberwucherten Felsnasen. Grabsteine, um die sich niemand kümmerte, wuchsen daraus hervor, zum Teil in merkwürdigen Winkeln aufragend. Dahinter, im schwachen herbstlichen Licht, erhob sich der Turm der Church of All Saints: rötlich-braun, breit, alterslos. Die viel zu strahlend goldglänzenden Zeiger auf dem Zifferblatt zeigten beinahe elf Uhr. Das Mauerwerk, zusammengestückt und unregelmäßig, sah aus wie ein planlos durcheinandergeworfenes Muster eines Kirchenfußbodens. Saatkrähen nisteten auf dem mit Türmchen bewehrten Dachfirst. Gill stand unter dem kleinen hölzernen Portal am Eingang des Kirchhofs, Arm in Arm mit ihrem Vater Thomas, und sah zu, wie die Trauergäste nach und nach hinter der Ecke des Fox and Hounds auftauchten. Ihr Bruder David stand neben ihr. Mehr als zwanzig Jahre waren vergangen, seit Bruder und Schwester zuletzt auf diesem Friedhof gewesen waren. Damals waren sie gekommen, um die Gräber ihrer Großeltern mütterlicherseits, James und Gwendoline, zu pfl egen. Es war ein beunruhigender Besuch gewesen: Gill neigte in jenen Jahren zu hellseherischen Ausbrüchen, Eingebungen aus dem Bereich des Übernatürlichen, und hinterher hatte sie David gegenüber beteuert, die Geister ihrer Großeltern gesehen zu haben, eine Vision, die ihr nur kurz, dafür aber mit absoluter Deutlichkeit erschienen sei, wie sie behauptete. Die beiden hatten einträchtig auf einer Bank gesessen, Tee aus einer Thermosflasche getrunken und sich nur wenig unterhalten. David war sich damals nicht sicher gewesen, ob er ihr Glauben schenken durfte, und am heutigen Tag schien es irgendwie unpassend zu sein, auf diesen Vorfall zu sprechen zu kommen. Stattdessen standen sie in schweigender Verbundenheit neben ihrem Vater und nickten jedem neu Eintreffenden einen Gruß zu. Die meisten davon waren ihnen unbekannt: ältere Freunde der Verstorbenen und entfernte Verwandte, die man längst vergessen oder für tot gehalten hatte. Nur wenige der Versammelten schienen sich untereinander zu kennen. Es war ein merkwürdig ungeselliges Zusammentreffen.

Der Gottesdienst wurde von Reverend Tawn gehalten, den Gill erst in dieser Woche kennengelernt hatte.

Bei ihren kurzen Gesprächen hatte er auf Anhieb ihr Vertrauen gewonnen, und obwohl er kein enger Freund ihrer Tante gewesen war, sprachen Hochachtung und Wertschätzung aus seinen Worten. Als die Begräbniszeremonie vorüber war, ließ sich eine Handvoll Trauergäste auf die einladenden Türen des Pubs zutreiben. Gill betrachtete ihren Vater und Bruder, die vor ihr herliefen:

Aus irgendeinem Grund war sie zutiefst berührt vom Anblick des betagten Vaters und des nicht mehr jungen Sohnes, wie sie so einträchtig Seite an Seite einhergingen und die Ähnlichkeit zwischen ihnen so überaus deutlich aus ihrer Haltung sprach, aus der Gestalt ihres Körpers und überhaupt aus ihrer ganzen Art, auf der Welt zu sein.

Wäre es für einen Außenstehenden genauso offensichtlich gewesen, fragte sie sich, dass die beiden schlanken, dunkelhaarigen jungen Frauen, die ein paar Schritte hinter ihr herliefen, ihre Töchter waren? Sie drehte sich um und betrachtete sie. Beide hatten sie das Aussehen vom Vater geerbt. Catharine jedoch – launisch, verschlossen, kreativ – hatte in ihrem Auftreten etwas von der Mutter, ihre Zögerlichkeit und Schüchternheit, während Elizabeth immer viel bodenständiger und selbstsicherer gewirkt hatte, mit ihrem beißenden, unerschütterlichen Humor, der ihr durch jede Krise hindurchhalf. Manchmal geschah es, dass Gill sie ansah und es ihr vorkam, als wären die beiden Wesen von einem anderen Stern, als könnte sie sich plötzlich nicht mehr erklären, wie sie auf diesen Planeten geraten waren, geschweige denn in ihre Familie. Diese gelegentlichen Momente der Distanz beunruhigten sie – sie fühlten sich an wie Panikattacken –, doch waren sie flüchtig und halluzinatorisch. Es genügte eine vertrauliche Geste von einer ihrer Töchter, und das Gefühl glitt wieder von ihr ab. So wie jetzt, als Elizabeth mit einem Mal ihre Schritte beschleunigte, um ihre Mutter einzuholen, und sich bei ihr unterhakte.

Doch noch bevor sie den Eingang der Kneipe erreichten, löste Gill die Umklammerung wieder. Sie hatte jemanden auf der anderen Seite des Parkplatzes entdeckt, den sie sprechen wollte. Es war Philippa May, die Ärztin ihrer verstorbenen Tante, mit der Gill in den vergangenen Wochen regelmäßig telefoniert hatte. Dr. May war es gewesen, die Rosamonds Herzerkrankung diagnostiziert hatte, die – ohne Erfolg – versucht hatte, sie zu überzeugen, sich einer Bypassoperation zu unterziehen, die es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, sie alle paar Tage in ihrem Haus zu besuchen, zunehmend besorgt über die Möglichkeit einer plötzlichen Verschlechterung ihres Zustands, und die schließlich am vergangenen Sonntagmorgen an ihrem Haus angelangt war und festgestellt hatte, dass der Hintereingang nicht verschlossen war und Rosamonds Leiche in dem Sessel vorgefunden hatte, in dem sie – so wie es aussah – mindestens zwölf Stunden zuvor gestorben war.

»Philippa!«, rief Gill und eilte auf sie zu.

Dr. May, die gerade in ihr Auto einsteigen wollte, richtete sich auf und wandte sich um. Sie war eine kleine, tüchtige Frau mit widerspenstigen grauen Haaren und Vertrauen einflößenden blauen Augen, die hinter einer altmodischen Brille mit Stahlgestell hervorlugten.

»Oh, guten Tag, Gill. Es tut mir sehr leid, aber ich muss schon wieder fahren. Die elenden Pflichten.«

»Können Sie nicht noch einen Augenblick bleiben?«

»Ich würde gerne bleiben, aber …«

»Natürlich, ich verstehe. Ich wollte Ihnen nur noch einmal für alles danken, was Sie getan haben. Es war wirklich ein Glück für sie, dass Sie da waren – als Freundin und als Ärztin.«

Dr. May lächelte etwas ungläubig, als sei sie es nicht gewohnt, Komplimente zu erhalten. »Ich fürchte, dass noch eine Menge Arbeit auf Sie zukommt«, sagte sie.

»Das ganze Haus ist vollgestopft mit Gerümpel.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Gill. »Ich bin noch gar nicht dort gewesen. Ich habe das bisher vor mir hergeschoben.«

»Ich habe mich bemüht, nichts zu verändern. Nur ein oder zwei Sachen habe ich mir erlaubt, in Ordnung zu bringen. Zum Beispiel habe ich den Plattenspieler ausgeschaltet.«

»Plattenspieler?«

»Ja. Sie hat anscheinend Musik gehört, als es passiert ist. Eigentlich ein tröstlicher Gedanke, finde ich. Der Plattenteller drehte sich noch, als ich sie gefunden habe. Die Nadel hing in den letzten Rillen fest.«

Sie hielt kurz inne, und obwohl ihre Gedanken in diesem Augenblick eine erkennbar düstere Tendenz hatten, musste sie fast lächeln. »Ich habe mich sogar zuerst gefragt, ob sie vielleicht mitgesungen hat, als ich das Mikrofon in ihrer Hand gesehen habe.«

Gill starrte sie an. Das war nun wirklich das Überraschendste, was sie in der gesamten Woche gehört hatte.

Für einen kurzen Moment quälte sie die Vorstellung, Tante Rosamond habe in ihren letzten Minuten ein bisschen Zerstreuung mit einer improvisierten Karaoke- Show gesucht.

»Es war an einen alten Kassettenrekorder angeschlossen«, erläuterte Dr. May. »Ein sehr alter Kassettenrekorder, würde ich sagen. Eine echte Antiquität aus den Sieb zigern. Die Aufnahmetaste war noch gedrückt.«

Gill runzelte die Stirn. »Merkwürdig. Was mag sie wohl aufgenommen haben?«

Die Ärztin schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Aber es gibt da einen ganzen Stapel von Kassetten. Außerdem noch Fotoalben. Na ja, Sie werden es ja bald selbst sehen. Alles müsste noch so sein, wie ich es zurückgelassen habe.«

Die Rückfahrt nach Oxfordshire dauerte über zwei Stunden. Gill hatte befürchtet, ihre Töchter würden gleich nach London weiterfahren, doch sie überraschten und erfreuten sie mit der Frage, ob sie über das Wochenende bleiben könnten. An dem Abend fand, verglichen damit, was in diesem Haushalt normalerweise üblich war, ein lebhaftes Abendessen im Kreise der Familie statt, und später, als Thomas bereits zu Bett gegangen war, kamen sie auf die unerwarteten Verfügungen in Rosamonds Testament zu sprechen.

Rosamond hinterließ keine Kinder. Ihre langjährige Freundin – eine Frau namens Ruth – war vor einiger Zeit gestorben, noch in den Neunzigerjahren. Ihre Schwester Sylvia war ebenfalls bereits tot, und ihrem Schwager Thomas hatte sie nichts vermacht. Stattdessen hatte Rosamond ihr Erbe in drei Teile geteilt: jeweils ein Drittel ging an ihre Nichte und ihren Neffen, Gill und David, und das verbleibende Drittel an eine Unbekannte, zumindest war sie den beiden anderen Erben so gut wie unbekannt. Ihr Name lautete Imogen, und Gill hatte keine Ahnung, wo sie gegenwärtig lebte. Sie war nur ein einziges Mal mit ihr zusammengetroffen, vor mehr als zwanzig Jahren.

»Ich schätze, Imogen müsste auf die dreißig zugehen«,

sagte Gill, während Catharine ihr Wein nachschenkte und

Stephen das Feuer schürte. Alle vier hatten sich um den

Kamin versammelt. Stephen und Gill saßen in Sesseln,

ihre Töchter hockten im Schneidersitz zwischen ihnen

auf dem Fußboden. »Ich bin ihr nur ein einziges Mal

begegnet, das war bei Rosamonds Geburtstagsfest – es

war wohl ihr Fünfzigster –, und damals kann sie nicht

älter als sieben oder acht gewesen sein. Sie war ganz allein

da. Ich habe mich länger mit ihr unterhalten …«

»Sie war ganz allein gekommen?«, fragte Catharine

nach, doch ihre Mutter schien sie nicht zu hören. Sie

war in Erinnerungen an diese seltsame Feier versunken.

Sie hatte nicht in Shropshire stattgefunden. Nein, das war

noch in der Zeit gewesen, bevor sich Rosamond ein für

alle Mal in die von ihr so geliebte Grafschaft zurückgezogen

hatte, das Land, in dem sie während des Krieges

ihre Kindheit verbracht hatte. Damals lebte sie mit Ruth

in London, in einer stattlichen Doppelhaushälfte, in der

Gegend von Belsize Park. Für Gill und ihre Familie war

das eine fremde Welt gewesen. Zum ersten Mal in ihrem

Leben hatte sie das peinliche Gefühl gehabt, provinziell

zu sein, und ihre Eltern waren ihr genauso vorgekommen.

Sie hatte zugesehen, wie ihre Mutter und Rosamond

einander auf unsichere und befangene Art in der

Souter rainküche begrüßten (»Eine Küche im Souterrain,

so was!«, hatte sich Sylvia hinterher gewundert), und sich

gefragt, wie sich zwei Schwestern so fern sein konnten,

selbst mit zehn Jahren Altersunterschied. Und obwohl es

gewöhnlich kaum eine Situation gab, die ihren Vater aus

der Ruhe brachte, und er außerdem das Familienmitglied

war, das am weitesten in der Welt herumgekommen war,

so schien bei dieser Feier selbst er sich nicht ganz wohl

in seiner Haut zu fühlen. Auf die sechzig zugehend, aber

immer noch blendend aussehend, mit dichtem, silbergrauem

Haar und einer Gesichtsfarbe, die noch nicht

sehr stark zu Rötungen neigte, hatte er einen Großteil

des Nachmittags damit verbracht, die Bücherregale zu

inspizieren, bevor er sich mit einem Glas Whisky und

einer kürzlich erschienenen Geschichte der baltischen

Staaten in einen Sessel zurückzog.

Und was Gill selbst betraf, so hatte sie eine halbe

Ewigkeit allein (warum war Stephen eigentlich nicht

mitgekommen?) auf den Treppenstufen gestanden, die

zum winzigen Garten hinunterführten (»Du hast wirklich

Glück«, hatte sie jemanden zu Tante Rosamond sagen

hören, »in diesem Teil der Stadt einen so großen Garten

zu besitzen«), an das schmiedeeiserne Geländer gelehnt,

und hatte dem an- und abschwellenden Strom von exotischen

Gästen zugesehen, die aus dem Haus kamen oder

wieder hineingingen. (Warum waren nur so wenige von

ihnen auf der Beerdigung erschienen?) Sie erinnerte sich,

dass sie eine große Wut auf sich selbst gespürt hatte, Wut

darüber, dass sie mittlerweile Mitte zwanzig war, ihr Studium

absolviert hatte, bereits verheiratet war (und nicht

nur verheiratet, sondern im dritten Monat schwanger

mit Catharine) und dennoch dastand und sich linkisch

und schüchtern vorkam wie ein junges Mädchen, vollkommen

unfähig, mit irgendjemandem ein Gespräch

anzufangen. Das Weinglas war in ihrer Hand warm und

klebrig geworden, und sie wollte gerade hineingehen

und es wieder auffüllen, als Imogen durch die offene

Glastür hinter ihr herauskam. Sie wurde von Tante Rosamond

geführt, die sie sanft, aber bestimmt am Oberarm

hielt.

»Hier entlang, hier entlang«, sagte Rosamond. »Hier

draußen gibt es eine Menge Leute, mit denen du dich

unterhalten kannst.«

Sie blieben auf der obersten Stufe neben Gill stehen,

und Imogen streckte zögernd eine Hand aus. Instinktiv,

ohne recht zu wissen, warum sie ihr half, ergriff Gill die

Hand und führte sie zum Geländer. Imogen umklammerte

die Stange mit festem Griff.

»Dies hier«, sagte Rosamond zu dem kleinen Mädchen,

»ist Gill, meine Nichte. Wahrscheinlich weißt du

nichts davon, aber Gill ist mit dir verwandt. Ihr seid Cousinen.

Cousinen zweiten Grades, falls dir das etwas sagt.

Und sie hat eine weite Reise gemacht, um mich heute

zu besuchen, genau wie du. Ach, ist das schön, dass heute

so viele Leute gekommen sind, um mit mir Geburtstag

zu feiern! Gill, amüsierst du dich? Würdest du vielleicht

mit Imogen ein bisschen hinunter in den Garten gehen?

Ich glaube, dass sie sich ein wenig verloren fühlt unter so

vielen Menschen.«

Imogen hatte auffallend helle Haare, und sie war sehr

still. Sie besaß ein ausgeprägtes, vorstehendes Kinn, drei

ausgefallene Milchzähne hatten Lücken hinterlassen, in

die noch keine neuen Zähne vorgestoßen waren, und die

blonden Haare fi elen ihr wirr über die Augen. Gill wäre

nicht darauf gekommen, dass Imogen blind war, wenn

Rosamond sie nicht im Flüsterton darauf aufmerksam

gemacht hätte, bevor sie sich umdrehte und wieder in

das Haus zurückging. Als ihre Tante gegangen war, blickte

Gill auf das kleine Mädchen hinunter und strich ihr über

das Haar.

»Komm mit«, sagte sie.

Alle waren an jenem Nachmittag in Imogen vernarrt

gewesen. Sie war fast zwanzig Jahre jünger als der jüngste

unter den übrigen Anwesenden, und dies allein rief bereits

die verzückte Zuwendung aller hervor. Doch darüber

hinaus zog sie mit ihrer Blindheit die Aufmerksamkeit

der Gäste auf sich. Es war zunächst wohl Mitgefühl, was

sie anzog, dann aber auch die merkwürdige Aura eines

stillen In-sich-Ruhens, die das kleine hellblonde Kind

umgab. Sie strahlte eine große Ruhe aus, und ein kaum

merkliches Lächeln zeigte sich fortwährend auf ihrem

Gesicht. Wenn sie etwas sagte, was selten geschah, klang

ihre Stimme fast unhörbar sanft.

»Das ist doch kaum zu glauben«, hatte Gill gesagt,

»dass wir miteinander verwandt sind und uns noch nie

gesehen haben.«

»Ich lebe nicht bei meiner Mutter«, antwortete Imogen.

»Ich habe eine andere Familie.«

»Sind sie denn nicht mitgekommen?«, fragte Gill und

blickte sich um.

»Wir sind alle zusammen nach London gefahren. Aber

sie wollten nicht auf das Fest gehen.«

»Nicht schlimm, ich werde mich schon ein bisschen

um dich kümmern.«

Später am Nachmittag ging Gill mit Imogen die

Treppe hinauf zur Toilette und wartete auf dem Treppenabsatz

auf sie. Bald fand Imogen wieder zu ihr, ergriff

ihre Hand und fragte: »Wo guckst du hin?«

»Ach, ich habe nur zum Fenster hinausgeschaut. Von

hier oben hat man einen guten Blick.«

»Was kann man da sehen?«

»Man sieht …« Doch im ersten Augenblick wusste Gill

nicht, wo sie anfangen sollte. Denn tatsächlich war alles,

was sie ausmachen konnte, eine gestaltlose Ansammlung

von Gebäuden und Bäumen vor der Horizontlinie. Ihr

ging plötzlich auf, dass sie meistens nicht mehr als das

sah. Doch auf diese Weise konnte sie Imogen den Ausblick

nicht beschreiben. Sie musste ihn auf ganz neue Art

betrachten, Stück für Stück, Gegenstand für Gegenstand.

Und anfangen … womit? Mit dem Dunst, der die Grenzlinie

zwischen Dächern und Himmel verschwimmen

ließ? Mit den kaum wahrnehmbaren Farbabstufungen

des Himmels, vom tiefsten bis zu ganz blassem Blau? Mit

dem vertrackten Gewirr von Umrissen an jener Stelle,

wo zwei Turmklötze zu beiden Seiten von etwas aufragten,

was sie für die St Paul’s Cathedral hielt?

»Nun ja«, begann sie, »der Himmel ist blau, und die

Sonne scheint …«

»Das weiß ich doch, du Dumme«, sagte Imogen und

drückte Gills Hand.

Und selbst in der Erinnerung konnte Gill ihn noch

deutlich spüren, den Druck dieser kleinen Finger. Eine

erste Ahnung, wie es sein würde, selbst eine kleine Tochter

zu haben. Damals, in jenem Augenblick, hatte sie die

Gewissheit um das Kind, das in ihrem Innern heranwuchs,

fest in sich verankert und gespürt, dass sie die Angst und

die Freude kaum ertragen konnte.

Thomas war wie gewöhnlich der Erste, der am nächsten

Morgen aufwachte. Gill setzte Tee für ihn auf und

pochierte ein paar Eier. Dann überließ sie ihren Vater sei18

ner Zeitungslektüre und ging ins Arbeitszimmer, um etwa

zwanzig Schachteln mit Diapositiven aus der untersten

Schublade des alten Mahagonisekretärs hervorzu holen

und sie ins Esszimmer zu tragen, wo es mehr Tageslicht

gab. Sie breitete sie vor sich auf dem Tisch aus und schüttelte

missbilligend den Kopf, als sie bemerkte, dass die

meisten Schachteln keine Aufkleber trugen. Es dauerte

fast eine halbe Stunde, um sie mehr oder weniger systematisch

zu durchstöbern, und als Elizabeth, noch im

Bademantel und mit zerzausten Haaren, herunterkam

und sich zu ihr gesellte, hatte Gill gerade erst gefunden,

wonach sie gesucht hatte.

»Was machst du da?«, fragte ihre Tochter.

»Ich habe nach einem Foto gesucht. Von Imogen. Hier,

sieh mal.«

Sie reichte Elizabeth eines der Dias. Elizabeth hielt es

gegen das Fenster und kniff die Augen zusammen.

»Das darf nicht wahr sein«, sagte sie. »Wann ist denn

das gemacht worden?«

»1983. Wieso?«

»Na, die Klamotten! Die Frisuren! Was habt ihr euch

denn dabei gedacht?«

»Wart’s ab. In zwanzig Jahren werden deine Kinder

dasselbe über dich sagen. Das hier ist auf dem Fest,

von dem ich euch erzählt habe. Rosamonds fünfzigster

Geburtstag. Erkennst du sie und Ruth und mich und

Grandma?«

»Ja. Wo ist Grandpa?«

»Er muss das Foto gemacht haben. Wir werden nachher

zu ihm gehen und ihn fragen, mal sehen, ob er sich

noch erinnern kann. Aber – siehst du das kleine Mädchen,

das vor Tante Rosamond steht?«

Elizabeth hielt das Bild vor eine Stelle oben am Fenster,

die mehr Tageslicht hereinließ. Ihre Aufmerksamkeit

galt in diesem Moment nicht so sehr Imogen, sondern

der unendlich fremden, unendlich vertrauten Figur, die

am linken Rand der Gruppe stand: dieser gespenstischen

Erscheinung ihrer Mutter in Gestalt einer jungen Frau.

Es war, was man landläufig ein »gutes Foto« nennt, in

dem Sinne, dass Gill darauf attraktiv, ja, sogar schön wirkte.

(Noch nie zuvor hatte sie ihre Mutter als schön empfunden.)

Doch Elizabeth hätte sich gewünscht, dass ihr das

Bild mehr gesagt hätte: gewünscht, dass es ihr eine Ahnung

davon vermittelt hätte, was ihre Mutter dachte oder fühlte

auf diesem bedeutsamen Familienfest, so kurz nach ihrer

Hochzeit, so kurz, nachdem sie schwanger geworden war.

Warum schienen alle Menschen auf Fotos – auf Familienfotos

– so unergründlich zu sein? Was für Hoffnungen,

was für geheime Ängste schlummerten hinter diesem dem

Anschein nach zuversichtlich blickenden Gesicht ihrer

Mutter, hinter diesen Lippen, die sich zu dem charakteristischen,

leicht schiefen Lächeln auseinandergezogen hatten?

»Ja, ich sehe sie«, bestätigte Elizabeth schließlich, als

sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das kleine hellblonde

Mädchen richtete. »Sie sieht hübsch aus.«

»Nun, das ist Imogen. Das ist die, die wir fi nden müssen.«

»Dürfte nicht allzu schwer sein. Heutzutage lässt sich

jeder fi nden.«

In Gills Ohren klang das etwas zu optimistisch, doch

Catharine, die sich kurze Zeit später zu ihnen an den

Frühstückstisch gesellte, stimmte ihrer Schwester zu.

Beide waren nicht sehr überzeugt von dem Vorschlag des

Anwalts, eine Anzeige in der Times aufzugeben. Catharine

fand das geradezu lächerlich. »Schließlich leben wir

nicht mehr in den Fünfzigern, und außerdem liest doch

heute kein Mensch mehr die Times.«

»Erst recht nicht, wenn er blind ist«, fügte Elizabeth

hinzu.

Catharine bot an, sofort im Internet mit der Suche zu

beginnen. Gegen zehn Uhr überreichte sie ihrer Mutter

eine Liste mit fünf möglichen Kandidatinnen.

Gill setzte noch am selben Nachmittag einen Brief

auf, warf am Montagmorgen fünf Exemplare davon in

den Briefkasten und bereitete sich auf eine unsichere

Zeit des Wartens vor.

In der Zwischenzeit sah sie ein, dass es keinen Sinn hatte,

die anstehende Aufgabe, zu Rosamonds Haus zu fahren,

ihre Hinterlassenschaft zu sichten und sich um den Verkauf

zu kümmern, noch länger vor sich herzuschieben.

Zweifellos würde die ganze Sache anstrengend werden

und sich eine Weile hinziehen. Aus Stephens Schweigen

hatte sie geschlossen, dass er nichts damit zu tun haben

wollte, und so machte sie sich darauf gefasst, drei bis vier

Tage allein in Shropshire zu verbringen, packte einen

kleinen Koffer und begab sich an einem hellen, windigen

und eiskalten Dienstagmorgen wieder auf den Weg

dorthin.

Das Haus ihrer verstorbenen Tante lag abseits eines der

vielen schlammverkrusteten Sträßchen zwischen Much

Wenlock und Shrewsbury. Jedes Mal, wenn sie sich dem

Anwesen näherte, wurde Gill aufs Neue überrascht. Dichtes

Rhododendrongebüsch kündigte an, dass das Ziel fast

erreicht war, denn dahinter erstreckte sich, wie sie wusste,

Rosamonds schattiger, nach allen Seiten abgeschotteter

Garten. Doch die Einfahrt weiter unten hielt sich geradezu

hinterhältig verborgen, sie schlich sich heimlich in

einem grotesk spitzen Winkel an die Straße heran, den

höchstens ein sehr kleines Auto ohne unbequemes Kurbeln

und Manövrieren bewältigen konnte. Wenn man

diese Einfahrt glücklich passiert hatte, dann verengte sich

die Auffahrt bald zu einem steinigen Weg, die Bäume links

und rechts rückten näher und ihre gewundenen Zweige

verschränkten sich, sodass man das Gefühl hatte, durch

einen Pfl anzentunnel zu fahren. Wenn man am anderen

Ende wieder ins Freie gelangte und in das herbstliche

Sonnenlicht blinzelte, erwartete man nichts Geringeres,

als auf ein halb verfallenes feudales Herrenhaus zu stoßen.

Stattdessen bekam man einen bescheidenen grauen Bungalow

zu Gesicht, irgendwann in den Zwanziger- oder

Dreißigerjahren gebaut, mit einem Gewächshaus, das

sich an eine Seite schmiegte. Über dem Ganzen lag eine

Stimmung von absoluter Stille, die geradezu zermürbend

wirken konnte. Von außen betrachtet, schien dies schon

immer das Hauptmerkmal des Hauses gewesen zu sein,

selbst als Rosamond noch lebte, und nun, im Bewusstsein

ihrer endgültigen Abwesenheit, wurde Gill, als sie an diesem

eisigen Morgen aus dem Wagen stieg, sogleich von

einer solch absoluten Einsamkeit umfangen, wie sie sie

noch nie erlebt hatte.

War die Stille, die über Haus und Garten lag, schon

fast gespenstisch, so war die Kälte im Inneren des Hauses

noch schlimmer. Gill wusste, dass sie keiner krankhaften

Einbildung unterlag und dass dies mehr als nur eine

Frage der Zimmertemperatur war. Dies war das Haus

einer Toten. Nichts würde diese Kälte vertreiben können,

auch wenn sie noch so viele Heizkörper aufdrehen,

Boiler anwerfen oder Heizlüfter aus irgendwelchen

Schränken hervorziehen würde. Sie fand sich mit dem

Gedanken ab, im Mantel arbeiten zu müssen.

Gill betrat die Küche und blickte sich um. Im Spülbecken

stand kaltes Abwaschwasser, auf dem Abtropfgitter

lagen ein Messer und eine Gabel, ein einzelner Teller,

zwei Töpfe und ein Kochlöffel zum Trocknen. Diese an

Rosamonds letzte Stunden erinnernde Hinterlassenschaft

drückte nur noch mehr auf ihre Stimmung. Daher munterte

es sie etwas auf, als sie eine Kaffeemaschine und

gleich daneben, noch ungeöffnet in der Vakuumpackung,

kolumbianischen Kaffee entdeckte. Sofort brach sie das

Päckchen an und setzte eine ordentliche Portion auf, und

noch bevor sie den ersten Schluck auf der Zunge spürte,

ließen das anheimelnde Brodelgeräusch und der würzige,

nach Walnüssen duftende Geruch, der die Küche erfüllte,

ihre Lebensgeister wieder erwachen.

Sie nahm ihren Becher mit in das Wohnzimmer. Dort

war es heller, und die Luft war besser als in der Küche.

Bis zum Boden reichende Fenster gaben den Blick auf

ein Stück Rasen frei, das schon lange nicht mehr gemäht

worden war, und Rosamonds Sessel war so ausgerichtet,

dass man von ihm aus diesen Ausblick genießen konnte.

Um den Sessel herum waren, genau wie Dr. May ihr

berichtet hatte, Fotoalben aufgestapelt – einige noch wie

neu, andere fast antik wirkend –, daneben drei oder vier

Kunststoffkästen mit Diapositiven und einem kleinen

batteriebetriebenen Gerät, um sie zu betrachten. Dann

war da noch etwas, an den Sessel gelehnt, das Gill zusammenzucken

ließ, als sie es bemerkte und wiedererkannte:

ein ungerahmtes Ölbild, ein Porträt von Imogen als Kind,

das sie mit Sicherheit schon einmal irgendwo gesehen

hatte. (Vielleicht – doch sie war sich nicht sicher – in

Rosamonds Haus in London, auf dem Fest zu ihrem fünfzigsten

Geburtstag?) Auf dem kleinen Tisch neben dem

Sessel stand ein Kassettenrekorder, ein kleines Mikrofon –

das Anschlusskabel war sorgfältig aufgewickelt und verknotet

worden – und vier Tonbandkassetten, zu einem

ordentlichen Stapel aufeinandergelegt. Gill untersuchte

sie neugierig. Die für die Beschriftung vorgesehenen

Zettel fehlten, und auch auf den Kassetten selbst stand

nichts. Nur die Ziffern eins bis vier waren zu sehen, die

Rosamond offenbar aus Karton ausgeschnitten und

anschließend der Reihenfolge nach auf die Kunststoffhüllen

aufgeklebt hatte. Außerdem war eine der Hüllen leer,

oder besser gesagt: Statt einer Tonbandkassette enthielt

sie nur ein DIN-A5-Blatt Luftpostpapier, fest zusammen -

gefaltet, auf das Rosamond die Worte gekritzelt hatte:

Gill, diese Bänder sind für Imogen.

Falls du sie nicht ausfindig machen kannst, höre du sie dir an.

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