Wilder Mann von Jürgen Cleffmann, 2006, Allitera

Jürgen Cleffmann

Sturzgeburt
(Leseprobe aus: Wilder Mann, Erzählungen, 2006, Allitera)

Natürlich ist meine Frau schuld. Schließlich war sie es doch, die mir
zu unserem Hochzeitstag die Gummibärchen schenkte.
Und das Buch »Du verstehst mich einfach nicht. Ein Leitfaden«.
Mit den Gummibärchen wollte sie die Wucht des Buches auffangen.
Ich habe das Buch bis heute natürlich nicht gelesen.
Und die Gummibärchen? Eines hab ich gegessen. Das war auf der UBahnfahrt
am Morgen dieses zwölften Hochzeitstages.
Und das kam so:
Ich fahre jeden Morgen mit der U-Bahn zur Arbeit. Zwanzig Minuten
dauert die Fahrt. Zwanzig Minuten, in denen ich lese.
Normalerweise.
Ich ziehe mein Buch aus der Aktentasche, halte es zugeklappt auf dem
Schoß, blicke durch den Wagen, stelle fest, dass auch heute niemand
mitfährt, den es lohnt, zu beobachten. Dann erst fange ich an zu lesen.
Normalerweise.
An diesem Tag jedoch stand neben der Tür, zwei Meter von mir entfernt,
eine schwarzhaarige Frau. Hübsch, dachte ich, sehr hübsch. Wieso
fährt sie U-Bahn? In der U-Bahn fahren doch sonst nur hässliche
Menschen, dachte ich. Ich ließ das Buch noch zu.
An der nächsten Haltestelle stieg eine Rothaarige ein und stellte sich
neben die Schwarzhaarige. Jesus! Ich war aus dem Häuschen. Ich wollte
mein Buch sofort in die Aktentasche zurückstecken, aber so, dass die
Rothaarige den Titel (»Das Rad der Liebe«) lesen könnte, wenn sie es
darauf angelegt hätte. Das Buch ließ sich aber nicht ganz so einfach wegstecken,
da diese große Gummibärchentüte im Weg war. Ich holte die
Tüte heraus.
Ich betrachtete die Rothaarige. Dann die Schwarzhaarige, die mir
aber jetzt nicht mehr ganz so schön erschien.
Die Rothaarige hatte kurzes, streng nach hinten gekämmtes Haar,
eine sehr helle Haut und knallrote Lippen. Sie war ganz in Grün gekleidet,
sie war schlank, ihr Busen fi el nicht besonders auf. Und sie hatte
grüne Augen! Die blickten offen in die Welt.
Wer offen in die Welt blickt, hat dabei einen staunenden, melancholischen
Gesichtsausdruck. Ich glaube, so schaue auch ich in dieser Welt
herum. Und so trafen sich – natürlich – unsere zwei offenen Augenpaare.
Eine Sekunde lang. Das ist viel länger, als üblicherweise erlaubt.
Huscht man bei zufälligem Blickkontakt nicht nach einer Zehntelsekunde
mit seinen Augen weiter?
Staunend sahen wir uns diese eine Sekunde lang an.
Mein Körper reagierte umgehend. Ich fühlte mich plötzlich butterweich,
in meinem Magen wühlte eine Faust, ich spürte Gesichtsröte
aufkommen, Schweiß trat aus.
Ich betrachtete Hilfe suchend meine Gummibärchentüte. Ich war der
Einzige in diesem Zug, der seine Gummibärchentüte betrachtete. Ich
war etwas Besonderes. Das ahnte die Rothaarige sicher auch. Ich sah
wieder zu ihr hin. Ich sah, wie sie nachdachte. Sie blickte ernster als zuvor.
Gott sei Dank lächelte sie nicht – das gab unserer Beziehung Tiefe.
Ja, es war eine Beziehung.
Sah ich in ihren Augen nicht Bedauern?
Mir wurde weinerlich zumute.
Ich hielt die Gummibärchentüte in der rechten Hand; sie sah sie. Und
sie sah sicherlich auch meinen Ehering. War es deswegen? Hatte sie
deswegen diesen traurigen Blick?
Ich stellte mir vor, wie wir zusammen aussteigen, die S-Bahn zum
Flughafen nehmen, von da in einem Flugzeug nach Egal wohin fliegen,
uns dort im tiefen, stillen Irgendwo ein Haus nehmen; ich werde kochen,
sie im Garten arbeiten, am Abend sitzen wir auf der Veranda, sehen
aufs Meer, trinken Wein und dann – dann erst! – wird sie mich das
erste Mal ansprechen und mit ihrer wundervollen, weichen Stimme,
lächelnd sagen: »Ich möchte ein Kind von dir.«
Aber noch stand sie da, neben der Tür.
Wie wird unser Kind wohl aussehen? Hoffentlich rothaarig, dachte
ich und lächelte bei dem Gedanken.
Es war wohl eher ein verzweifeltes Lächeln. Ich riss die Gummibärchentüte
auf, nahm mir einen Bär, steckte ihn in meinen Mund, nur um
irgendetwas zu tun.
Man muss was tun, sonst weint man die ganze Zeit.
Ich wusste, dass ich dämlich aussah, so, gummibärchenkauend. Aber ich
wollte die Weichheit in mir vertreiben, mir die Realität zurückerzwingen,
mich auf den Boden der Tatsachen stellen. Ich wusste, hätte ich in diesem
Moment diesen einen Gummibär nicht gegessen, ich hätte nie wieder
irgendetwas gegessen. Mein Leben wäre aus dem Leim gegangen.
Ich wollte der Rothaarigen helfen.
Ich musste uns retten.
Ich ging auf sie zu, meine Beine waren aus flüssigem Blei, ich glühte
im Gesicht, ich musste aufpassen, dass die Tüte nicht aus meinen
schweißnassen Händen glitt.
Ich hielt ihr die offene Tüte hin, wortlos.
Sie sah auf die vielen bunten Gummibärchen.
Dann lächelte sie.
Unser Kind wird auch so lächeln, dachte ich.
Mit so einem Lächeln wird die Welt besser, dachte ich.
Ihre schlanken, zarten, blassen Finger nahmen sich einen.
Grün, natürlich – wie die Hoffnung.
Es kam irgendeine Station, nicht meine, nicht ihre, aber ich öffnete
die Tür und trat aus dem Wagen.
Ich drehte mich nicht um.
Ein Kind der Liebe, dachte ich. Sie wird es nicht essen.

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