Mimili
(Leseprobe aus:
Mimili, Erzählung, 1816).
Ich bog daher um die Hütte, um die Herrin meiner Alpe zu begrüßen.
Wer in der Schweiz war, wird die theatralische Tracht der Alpenmädchen kennen. Bei meinem ersten Eintritt in den Kanton Bern dachte ich anfangs immer, wenn ich die idealisch gekleideten Schweizerinnen sah, es habe ein Freund mir einen Scherz bereitet, und der holden Jungfrauen schönste, nach der Phantasie irgend einer zarten Idylle angezogen, mir entgegen gesandt, um mir einzubilden, ich habe das Schäferland meiner Jugendträume gefunden. Nach und nach hatte ich mich denn endlich an die freundliche Wirklichkeit gewöhnt; aber diesem Mädchen jetzt gegenüber, mußte ich wieder in dem süßen Wahn mich verwirren, als sey dieses liebliche Wesen, eine Erscheinung aus der Dichterwelt jener seligen Vorzeit, wo die Unschuld in Menschengestalt auf der Erde wandelte. Das schwarze Lockenköpfchen schirmte ein großer Italienischer Strohhut, an dem ein Strauß von frischen Wiesenblumen schwankte; zwei lange blaßblaue Bänder flatterten von der breiten Krempe bis zur Hüfte herab. In den großen blauen Augen spiegelte sich die sanfteste Freundlichkeit, die argloseste Kindlichkeit, die fromme Liebe selbst. Herrlich wölbten sich, über diesen stillen Sprechern der Seele und des Herzens, die schwarzen Bogen der Augenbraunen und die langen seidnen Wimpern brachen den Feuerstrahl ihres glühenden Blickes. Jugend und Gesundheit blühten im Grübchen der Wange, auf den Purpurlippen und in der Fülle ihres ganzen schönen Körpers.
Das Brüstli wie das Miederchen war von schwarzem Sammt, geschnürt mit goldenem Kettchen und reich und geschmackvoll gestickt, mit Gold und buntfarbiger Seide. Die weiten Ermel, vom allerfeinsten Battist, reichten vor bis zur kleinen Hand; und gleichfalls vom nehmlichen Battist war das Hemdchen, das den blendend weißen Hals und den Busen züchtiglich verhüllte. Das schwarzseidene, hundertfaltige Röckchen, reichte kaum bis über das Knie, so daß die Zipfel der buntgestickten Strumpfbänder, die feingeformte Wade sichtbar umspielten; die Blumen der Matten aber küßten das Blüthenweiß ihres feinen, baumwollenen Strümpfchens, das den zartesten kleinsten Fuß verrieth. Vom Hinterkopfe hingen dem Mädchen zwei geflochtene brandschwarze bandbreite Zöpfe bis in die Kniekehle hinab, und am Arm schaukelte ein Körbchen, gar zierlich gearbeitet und künstlich durchflochten mit Rosen und sammtenen Fäden. Im ganzen Wesen der himmlischen Erscheinung, die frische Kräftigkeit der unverdorbensten Alpenbewohnerin, und doch der Anstand, die Haltung der gebildeten Städterin!
Das Mädchen wollte hier übernachten!
»Du lieber Gott, warum thust du mir das!« rief ich fragend heimlich in die Wolken, und warf einen Blick auf die unter mir liegende arme Welt, daß es mir vorkam, als schmelze das Eis der Jungfrau und ihrer Nachbaren, vor seinem verzehrendem Feuer in brühende Lava über.
Ich nahte mich ihr sittig und ehrsam, und grüßte sie, als die Besitzerin der Alpe, mit feinen Worten recht manierlich.
Sie aber bot mir mit Schweizerischer Treuherzigkeit die kleine Flaumenhand, und hieß mich willkommen.
Ich eröffnete ihr nach dem ersten Hin- und Herreden, meine Freude, diesen herrlichen Abend in einer solchen, mir wie von Gott selbst hergesandten, Gesellschaft zu genießen, – von der Nacht selbst aber, und vom hier oben Schlafen, konnte ich um keinen Preis ein Wort über die Lippen bringen; denn ich schaute dem Engel von Mädchen in die Augen, die so klar, so himmelrein mir bis auf den Grund meiner Seele sahen, daß auch kein böser Gedanke in mir aufkommen konnte, den sie nicht erspäht hätte.
»Ein wahres Glück für uns,« hob sie an, »daß ich herauf gekommen. Ihr hättet gewiß auf unserer Alpe, eine böse Nacht gehabt; denn ihr hättet auf bloßem Heu schlafen müssen; so aber kann ich Euch mein Cabinet in der Hütte abtreten, wo Ihr bequemer liegen werdet.«
Sie trat mit mir in die Sennhütte, und schloß das besagte Cabinet auf.
Ich war in Trianon, Versailles, St. Cloud, und, auf dem zu meinen Füßen liegenden buntflitterigen Erdball, in manchem andern kaiserlichen Lustschlosse gewesen. Reichere Schlafgemache hatte ich wohl da gesehen, aber freundlicher, niedlicher keins. Das Hausgeräthe höchst geschmackvoll gearbeitet, von Ahorn oder schwarzem Pappelmaser; rings an den Wänden herum, die ersten Prachtgemälde von Aberli, Rieter, Biedermann, Lafont, Lory, Hackert, Wocher und mehreren andern trefflichen Künstlern, lauter Schweizer-Landschaften, viele von unschätzbarem Werthe. Aber die Königin meiner Alpe öffnete das Fenster dieses Feenkabinets, und in die weiten Räume der vor mir liegenden Felsen-Gletscherwelt flog mein entzückter Blick. Es war, als sey die ganze große Ründe, dem Himmel noch näher gerückt; als sey sie heiliger geworden, seit das Mädchen in ihrem Luftkreise stand. Ich fühlte, daß ich hier oben besser geworden war; aber ganz schlackenrein war mein sündhaftiges Wesen noch nicht! denn als meine liebreizende Wirthin, die schneeweißen feinen Vorhänge zurückschlug, die ihr jungfräuliches Bettchen mit frommer Feierstille umdämmerten, und ich auf dem Kopfkissen das eleganteste aller Nachthäubchen gewahrte, und meine Phantasie die schwarzen Ringellocken des zaubersüßen Mädchens, in dem Häubchen, und das Himmelskind selbst, unter der seidnen leichten Decke sich malte, und sie wiederholentlich versicherte, daß ich hier recht gut schlafen würde, da mußte ich die Augen heimlich zudrücken, denn mich wandelte der Schwindel an; es war mir, als kuckte ich schnurstracks in das Paradies hinein. Der Schwindel aber war nichts, als die Lotterflamme der Schlacken meines Innern, die im Ausbrennen begriffen waren.
Ich entgegnete ihr, daß ich in der ganzen Welt kein einladenderes Schlafgemach, kein süßeres Schlummerbette kenne; allein, sie werde mir hoffentlich zutrauen, daß ich es nicht annehmen könne, da sie gegen den Senner geäußert, diese Nacht hier oben zubringen zu wollen. Ich würde mich daher begnügen mit dem, was der Senner mir bereits geboten, und hoffe, da ich sie nun in der Nähe wisse, auf meinem Alpenheue sanfter zu schlafen, als mancher Fürst auf seinen Daunen. Der an sich gewiß nicht verwerfliche Vorschlag, das Kabinet mit ihr zu theilen, saß mir auf der Zunge.
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